Wehrmachtdeserteure als Straftäter? Österreichische
und deutsche Nachhaltigkeiten
Veranstaltung zum 65. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1.
September 2004
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Antikriegstag 2004 |
Am
1. September 2004 jährt sich der Einmarsch deutscher Truppen in Polen zum 65. Mal.
Dieser Überfall war der Beginn des Zweiten Weltkriegs, der Millionen von
Menschenleben forderte. Gerade in den letzten Jahren wurde wieder öffentlich
deutlich gemacht, dass Wehrmachteinheiten am Genozid an Jüdinnen und Juden,
Sinti und Roma u. a. in vielfältiger Weise beteiligt waren. Auch war die
Wehrmacht in Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen
bewaffnete Widerstandsgruppen und Partisaneneinheiten auf allen europäischen
Kriegsschauplätzen verstrickt, ja sie war teilweise selbst der initiative Teil
der Aktionen. Diese Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
blieben der übergroßen Mehrheit der Wehrmachtsoldaten nicht verborgen. Aber nur
ein kleiner Teil von ihnen brachte den Mut auf, diesen Wahnsinn nicht bis zum
bitteren Ende mitzumachen: Sie desertierten, äußerten ihren Unmut oder
beteiligten sich an Widerstandsaktionen bzw. zeigten Zivilcourage.
Wohl jedem von ihnen war bewusst, dass sie mit ihren Handlungen oder Unterlassungen gegen geltendes NS-Recht verstießen, das drakonische Strafen für abweichendes Verhalten androhte. Die Kriegsgerichtsbarkeit der NS-Wehrmacht fällte Tausende von Todesurteilen und schwere Zuchthaus- und Gefängnisstrafen. So die Opfer nicht hingerichtet wurden, drohte ihnen u. a. die Versetzung zu militärischen Straf- bzw. Bewährungseinheit oder die Verlegung in die berüchtigten Emslandlager.
Nach
der Befreiung durch Niederlage wurden die Urteile der Opfer der
NS-Militärjustiz nicht aufgehoben, die Verurteilten galten lange als vorbestraft.
Nach
zehnjähriger Auseinandersetzung wurde die große Zahl der Marburger
Kriegsdenkmäler am 1. September 1999 durch die offizielle Enthüllung des
Marburger Deserteure-Denkmals „ergänzt“. Die Kritik am Mut der Deserteure
verstummte auch in Marburg trotzdem nicht. Es dauerte noch einige Jahre, bis
sich die politisch entscheidenden Kreise in der Bundesrepublik Deutschland
entschließen konnten, fast alle Opfer der NS-Militärjustiz zu rehabilitieren.
Die
Arbeit um Wiedergutmachung und Verhinderung von Wiederholung endet
selbstverständlich nicht an den Stadt- oder Landkreisgrenzen – und auch nicht
an Staatsgrenzen. Im Jahre 2003 erschien in Österreich eine am Institut für
Staatswissenschaften der Universität Wien erarbeitete grundlegende Studie zu
österreichischen Opfern der NS-Militärjustiz. Sie gibt einen fundierten
Überblick über viele Gebiete der NS-Militärjustiz und muss in Breite und Tiefe
als Maßstäbe setzend bewertet werden. U.a. wurde darauf verweisen, dass in
Österreich Verurteilungen durch Wehrmachtgerichte immer noch als Vorstrafen
gelten. Eine Rehabilitierung und Entschädigung konnte immer noch nicht
durchgesetzt werden.
Zwei
der Autoren der österreichischen Studie konnten als Referenten gewonnen werden.
Thomas Geldmacher und David Forster werden die hauptsächlichen Ergebnisse der
Studie vorstellen, sowie den Stand der Rehabilitations- und
Entschädigungsdebatte in Österreich referieren. Roland Müller, der für seine
Bemühungen um die Deserteure in Marburg bekannt wurde, wird über die
Diskussionen, Wege und Ergebnisse zur Rehabilitation und Entschädigung der
Opfer der NS-Militärjustiz in Deutschland sprechen.
VeranstalterInnen
und UnterstützerInnen:
Geschichtswerkstatt
Marburg e.V., AStA Marburg – Referat für Antifaschismus und Antirassismus; Deutsche
Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner/-innen (DFG-VK) Marburg;
DFG-VK-Bildungswerk Hessen; Café Trauma; Ver.di FB Medien OV Marburg; DGB
Kreisverband Marburg-Biedenkopf; Radio Unerhört Marburg; Projekt „NS-Justiz in
Deutschland und Österreich“ an der Philipps-Universität Marburg