Eliten – Männerbünde – Vaterland
Studentenverbindungen in der Kritik
(Quelle: Email von tagung-marburg@gmx.de vom 16.5.2003)
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Samstag, 5. Juli 2003 10 bis 19 Uhr Uni-Hörsaalgebäude, Biegenstraße |
Studentenverbindungen erscheinen eigentlich als anachronistische Vereine: Band und Mütze, Mensur, Comment, Füxe und Alte Herren muten an, wie Erscheinungen aus vergangenen Tagen. Der "Untertan" aus Heinrich Manns gleichnamigen Roman will so gar nicht in das Bild der heutigen Zeit passen. Doch studentische Verbindungen (Korporationen) sind bis heute in fast jeder deutschen Universitätsstadt verbreitet und schaffen es weiterhin, Nachwuchs anzuwerben. Billiges Wohnen, Karrierechancen, "Kameradschaft", Tradition und oftmals das rechte Weltbild locken bis heute Studenten in die Verbindungshäuser. Derzeit sind etwa 20.000 Studenten (und wenige Studentinnen) in ungefähr 1000 Verbindungen zusammengeschlossen. Dazu kommen 150.000 Alte Herren, die das organisatorische und vor allem finanzielle Rückgrat der Verbindungen stellen.
Negative Schlagzeilen machen die Korporationen meist nur, wenn wieder einmal eine Verbindung als rechtsextrem auffällt. Bekanntestes Beispiel der letzten Zeit war die Münchener Burschenschaft Danubia, die 2001 die Spalten der überregionalen Presse füllte. Ein Mitglied der Verbindung hatte einen Neonazi im Haus der Verbindung versteckt, nachdem dieser einen Mann aus rassistischen Gründen fast tot geprügelt hatte. Doch das ist nur die Spitze eines braunen Eisberges im Verbindungssumpf. Denn rechtsextremes Gedankengut findet sich bei einer ganzen Reihe von Verbindungen. Meist äußert sich dies allerdings weit weniger spektakulär als im Münchener Fall: Vorträge von bekannten Neofaschisten oder eigene Publikationen der Verbindungen machen das Weltbild oftmals mehr als deutlich.
Allerdings trifft die Beschreibung als rechtsextrem nur auf einen Teil des Verbindungsspektrum zu. Eine Kritik, die sich vorrangig auf neofaschistische Tendenzen bei einigen Verbindungen stützt, greift erheblich zu kurz. Denn kritikwürdige Elemente finden sich als konstituierende Bestandteile bei allen studentischen Verbindungen: Hierarchische Strukturen, das Lebensbundprinzip, männerbündische Strukturen, Elitenbildung, die Rolle im Nationalsozialismus und eine mindestens konservative und oftmals nationalistische Grundhaltung. Zwar sind solche Elemente auch in anderen gesellschaftlichen Gruppen zu finden; sie treten jedoch bei Korporationen besonders deutlich hervor und entfalten eine besondere politische und gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, da die Korporationen mit dem Anspruch auftreten, zukünftige Eliten heranzubilden und die Verbandsbrüder durch Protektionsmechanismen in führende Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu bringen. Der ehemalige Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU), Mitglied einer Marburger Verbindung, brachte diesen Grundsatz auf den Punkt, als er die Aufgabe seiner Verbindung damit beschrieb, "auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft zu entsenden".
Die Tagung am 5. Juli 2003 in Marburg will jenen kritischen WissenschaftlerInnen
ein Forum bieten, die sich mit dem Thema Korporationen beschäftigen.
Dort sollen sie die Möglichkeit erhalten, ihre Forschungsergebnisse
zu präsentieren und sie gemeinsam zu diskutieren. Der Kongress richtet
sich dabei jedoch auch explizit an alle Interessierte.
Programm
Samstag, 5. Juli 2003 – Beginn 10 Uhr bis ca. 19 Uhr – Hörsaalgebäude der Uni, Biegenstraße, Marburg
Themen u.a.: Konservative Eliten allgemein / Überblick über studentische Verbindungen / Innere Strukturen / Männerbünde / Mensur / Deutsche Burschenschaft und Neue Deutsche Burschenschaft / Deutschlandpolitik und Europastrategien in der DB und NDB / Wingolf / Corps / Studentenverbindungen in der Schweiz / Männliche Elite / ...
ReferentInnen u.a.: Lynn Blattmann, Robert Erlinghagen, Eva Gottschaldt, Dietrich Heither, Jörg Kronauer, Alexandra Kurth, Stephan Peters, Gerd Wiegel, Susanne Stöver...
Angefragt: Michael Hartmann, Hajo Jürgens, Birgit Sauer, Gerhard Schäfer.
VeranstalterInnen: Projekt "Konservatismus du Wissenschaft" e. V., Gruppe dissident, AStA der Universität Marburg, Bündnis gegen Rechts Marburg
Kontakt und Informationen: tagung-marburg@gmx.de und www.p-kw.de
Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Für Verpflegung muss
selber aufgekommen werden. Wer eine Unterkunft benötigt, kann sich
für weitere Hinweise bei der e.mail-Adresse melden