Kampf der Kulturen ?
Über dieses Thema diskutierten aufgrund unserer Einladung am
26.9.2001 Gunnar Schedel (Aschaffenburg) und Gernot Lennert (Mainz) in
Marburg. Im folgenden dokumentieren wir Gunnars Input-Referat. DFG-VK Marburg.
Islam und Islamismus – der neue Feind ?
Input-Referat, überarbeitete Zusammenfassung
Ich werde im folgenden Thesen zu zwei Fragen aufstellen:
1. welchen Anteil hatte der Islam an den Anschlägen von New York?
[einerseits ist von „radikal-islamischen Terroristen“ die Rede, andererseits
wird von Politikern betont, die Anschläge hätten mit den religiösen
Auffassungen des Islam nichts zu tun]
2. wird der Islam das neue Feindbild des Westens?
[die Frage stellte sich bereits nach dem zweiten Golfkrieg; US-Präsident
Bush hat jetzt zunächst von einem „Kreuzzug“ gesprochen, wenn von
den vielzitierten „Schurkenstaaten“ die Rede ist, werden in erster Linie
Staaten aus dem islamischen Raum genannt]
Islam und Islamismus
Relativ schnell nach dem Anschlag war von „islamischen“ Tätern
die Rede, der als Drahtzieher verdächtigte Osama bin Laden wird als
„islamischer Fundamentalist“ bezeichnet. Dadurch entsteht der Eindruck,
als gäbe es eine aus dem Islam entstehende Motivation für diese
Anschläge.
Die Überprüfung dieser Annahme gestaltet sich schwierig,
da über die Attentäter noch keine wirklich gesicherten Informationen
an die Öffentlichkeit gelangt sind. Klar ist aber, daß die Anschläge
(wie zuvor z.B. auch die Anschläge auf US-Botschaften in Afrika) von
einer anderen Qualität sind als die Terrorakte z. B. der Palästinenser
in den 1970ern. Herausragendes Merkmal ist, daß es kein eindeutig
erkennbares, konkretes politisches Ziel gibt.
Auch die Tatsache, daß die Tatbeteiligten und weitere Verdächtige
aus verschiedenen Ländern (wenn auch alle aus dem arabischen Raum)
kamen, deutet darauf hin, daß kein konkreter politischer Konflikt
(Irak) oder aktuelles Geschehen (Palästina) allein als Motivation
für die Attentate angenommen werden kann. Also könnte der Islam
als die Täter verbindendes Element angenommen werden.
Hinzu kommnt, daß Religion und Politik im Islam wesentlich enger
verknüpft sind als in anderen Religionen (was damit zusammenhängt,
daß der Islam sich von Beginn an gewaltsam ausbreitete und der Prophet
zugleich Staatsführer war); eine Trennung von Staat und Kirche, wie
in der europäischen Aufklärung als Forderung entstanden, gibt
es nicht [Ausnahme: Ansätze im Iran]; die Vorstellung, daß das
gesamte gesellschaftliche Leben von der Religion durchdrungen sein soll,
ist im islamischen Raum weit verbreitet.
Als daran anknüpfendes politisches Konzept existiert die Vorstellung
des „Gottesstaates“ (der bislang in der „Islamischen Republik Iran“ und
in Afghanistan verwirklicht sein soll). Osama bin Laden, der als hauptverdächtiger
Drahtzieher präsentiert wird, hat in Afghanistan, also auch für
die Idee vom „Gottesstaat“ gekämpft und verwendet in seinen Interviews
desöfteren islamische Rhetorik (Jihad, USA & Israel werden als
„Teufel“ bezeichnet usw.). Andererseits haben die Angriffe auf das WTC
und das Pentagon den „Gottesstaat in Afghanistan eher gefährdet (und
daß sie als Fanal für die Errichtung eines „Gottesstaates“ in
den USA gedacht waren, ist eher unwahrscheinlich).
Exkurs: Jihad/Heiliger Krieg
Der Begriff „Jihad“ wird im Westen in der Regel übersetzt mit
"Heiliger Krieg" (wobei "heilig" im Sinne von "religiös verdienstvoll"
gemeint ist; "Krieg" ist hingegen falsch, da ein individuelles Bemühen
bezeichnet wird) und fordert vom Muslim als religiöse Pflicht die
Verbreitung des Islam unter den Ungläubigen. Der Begriff kommt im
Koran vor (Sure 9) und ist als Gegenstand der Offenbarung ständiger
Auftrag für alle Muslime.
Heute existieren zwei Jihad-Definitionen. Ursprünglich meint Jihad
wirklich die Durchsetzung des Islam gegen Un- und Andersgläubige mit
gewalttätigen Mitteln (daran lassen auch alle frühen Kommentatoren
des Koran keinen Zweifel). Historisch konkret sollten Muslime eindringlich
zur Teilnahme an den Kriegszüge gegen die heidnischen (mekkanischen)
Stämme veranlaßt werden. (Dabei erinnern die Forderung der Opferbereitschaft
für Gott, die Versprechungen des Heils usw. durchaus an die mittelalterliche
Kreuzzug-Rhetorik.). Zu den religiösen Grundpflichten gehört
der Jihad nach Auffassung der Mehrheit der Rechtsgelehrten allerdings nicht.
Die zweite Bedeutung als individueller Kampf gegen die Sünde,
den Zweifel (oder was auch immer) kommt später hinzu und wird heute
von Islam-Apologeten als die eigentliche behauptet.
Nachdem die USA vom Taliban-Regime die Auslieferung Osama bin Ladens
gefordert hatten und die Versammlung der islamischen Rechtsgelehrten entschieden
hatte, diesen nur zum Verlassen des Landes aufzufordern, ließ das
Regime zugleich verlautbaren, daß die „Juden und Christen“ ihren
Gottesstaat zerstören wollten und für einen Angriff auf Afghanistan
alle Muslime zum Jihad aufgerufen seien.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß sich, auch
wenn wir aus dem Islam abgeleitete Motive unterstellen, keine konkreten
politischen Ziele mit den Taten verknüpfen lassen. Deshalb werfe ich
nun einen kurzen Blick auf die ideologischen Rahmenbedingungen und die
symbolische Bedeutung von Zielen und Anschlag.
Seit Mitte der 1960er Jahre (ausgehend von der wahabitischen Dynastie
in Saudi-Arabien) und verstärkt seit den 1970ern spielt der Islam
als einendes Band für die Staaten (und Völker) der arabischen
Welt eine wichtige Rolle. Er löste sozialistisches und panarabisches
Gedankengut ab, weil die Menschen diesen Ideen nicht mehr zutrauten, ihnen
Befreiung, Wohlstand usw. zu bringen. Es entstand das als „Fundamentalismus“
bezeichnete Phänomen, als eine Ideologie, die auf die Verunsicherung
durch die moderne, pluralistische Gesellschaft und die Folgen des weltweiten
Kapitalismus mit einer radikalen Ablehnung der Moderne und all ihrer Werte
reagierte. Zentral war die Vorstellung, daß das gesamte gesellschaftliche
Leben wieder am Islam ausgerichtet werden müsse (ähnliche Tendenzen
lassen sich seit Mitte der 1980er auch im Christentum und im Judentum feststellen).
Dies hatte konkrete politische Folgen. Die herrschenden Gruppen vollzogen
einen schleichenden Wechsel, indem sie ihre Politik ganz allmählich
immer weniger säkular (sozialistisch, nationalistisch) begründeten
und immer stärker religiöse Versatzstücke einbauten (z.B.
Baath-Parteien). In der Auseinandersetzung mit Israel tritt die religiöse
Komponente zu einem Zeitpunkt immer stärker hervor, als sich realistische
Friedensperspektiven auftun; die PLO verliert gegen Hisbollah & Hamas
an Boden.
Die Einbeziehung der religiösen Ebene ermöglicht es den arabischen
Muslimen auch, ihr Unterlegenheitsgefühl dem Westen gegenüber
durch Gefühl moralischer Überlegenheit zu kompensieren, da die
westliche Kultur als dekadent und schwach angesehen wird. So erhält
der Widerstand gegen die imperialistische Politik der USA und die wirtschaftliche
Ausbeutung der Region eine religiöse Rückbindung. Auch wenn der
„Gottesstaat“ zwar kaum als realistisches politisches Konzept anzusehen
ist, stellt er ein „positives“ Ziel, einen vermeintlich durch die Religion
gestifteten positiven Bezugspunkt dar.
These 1
Wenn Terror als Form von Kommunikation verstanden wird, sind die Anschläge
vom 11. September eine Antwort auf die Außenpolitik der USA (Neue
Weltordnung). Sie tragen eine politische Aussage in sich (die Demütigung
der „hochmütigen“ Weltmacht USA; zugleich sollen sie unverhältnismäßige
Gegenschläge provozieren, die die USA als den „größeren
Terroristen“ ausweisen und die Terrorakte nachträglich rechtfertigen).
Auf eine beabsichtigte politische Aussage deutet auch die Auswahl der Ziele
hin: die Symbole für die wirtschaftliche und militärische Macht
der letzten Supermacht USA. Insofern liegen hier auch die langfristigen
politischen Handlungsnotwendigkeiten, um dem Terror ein Ende zu bereiten.
Dies kann nach meiner Überzeugung nur dadurch gelingen kann, dem militanten
Islamismus das Umfeld abzugraben. Militärschläge jedweder Art
werden dazu wenig beitragen. Sie dürften das Problem eher verschärfen,
da sie nicht nur die Täter, sondern auch alle Sympathisanten in ihrer
Gegnerschaft zur westlichen Welt bestärken werden. Solange die Menschen
im islamischen Kulturkreis täglich erfahren, daß das westliche
Gesellschaftsmodell bzw. westlicher Einfluß ihnen eben nicht Freiheit
und materielle Sicherheit bringen, wird sich eine genügend große
Anzahl für gewalttätige Aktionen bis hin zu Selbstmordanschlägen
begeistern lassen.
Der Antisemitismus, der aus islamistischen Kreisen immer wieder zu
vernehmen ist, ist zwar zentraler Bestandteil islamistischen Denkens, nach
meiner Einschätzung aber eher politisch motiviert (also in der Politik
Israels begründet und damit langfristig abbaubar), auch wenn der Islam
Juden (wie alle Anhänger anderer „Buchreligionen“) als Menschen zweiter
Klasse ansieht.
Aber obwohl ich die politischen Aspekte (gerade bezogen auf die Symbolkraft
der Taten) für wichtiger halte, ist die Qualität der Anschläge
ohne den religiösen Hintergrund kaum zu erklären und wesentliche
Teile der Motivation der Täter scheinen mir islamischem Gedankengut
entnommen.
Insofern ist die rhetorische Figur, mit der westliche Politiker das
Phänomen beschreiben: es gibt den „guten“ Islam und den „bösen“
Islamismus wenig hilfreich; denn hier wird sowohl verschleiert, daß
der Islamismus eine Ausprägung des Islam ist, die durch Koran und
Sunna abgedeckt ist (Religionskritik ist im Verhältnis zum Islam unabdingbar);
als auch davon abgelenkt, unter welchen gesellschaftlichen und politischen
Rahmenbedingungen eine Radikalisierung religiöser Ideologien stattfindet
(was bereits ahnen läßt, daß der Westen wenig geneigt
scheint, seine diesbezügliche Politik zu ändern).
Feindbild Islam
Das bekannte Buch Kampf der Kulturen von Samuel P. Huntington geht
von einer Auseinandersetzung Westen/Islam aus (und unterstellt dabei homogene
Kulturkreise); direkt nach dem Anschlag bewegten sich einige Stellungnahmen
auf diesem Niveau (u.a. George Bushs Wort vom „Kreuzzug“). Dies könnte
darauf hindeuten, daß der Islam als Feindbild den Kommunismus ersetzen
soll. Insgesamt allerdings hat der Westen im islamischen Raum zu viele
Verbündete, darunter explizit fundamentalistische Regimes wie Saudi-Arabien,
als daß auf einem Feindbild Islam eine funktionierende Außenpolitik
begründet werden könnte (so hat Bush den Begriff „Kreuzzug“ nach
einigen Tagen auch zurückgezogen).
Das schließt aber nicht aus, daß die anti-islamische Karte
gezogen wird, wenn ein konkreter Militärschlag bevorsteht und die
Zustimmung der Bevölkerung durch Propaganda hergestellt werden muß.
Dies erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, bewegt sich aber
im Rahmen der Argumentation „guter Islam – böser Islamismus“ und funktioniert
als rhetorische Strategie (wer es nicht glaubt, sehe sich die Stellungnahmen
der CDU/CSU einerseits zum Islamunterricht, andererseits – z.B. in Kassel
oder Schlüchtern – zum Bau von Moscheen an).
These 2
Auf der Ebene der politischen Entscheidungsträger wird der Islam
nicht zum Feindbild werden; es wird zu keiner Auseinandersetzung zwischen
islamischer und westlicher Welt kommen.
Aber im politischen Diskurs wird das Bild des aggressiven Fundamentalismus
immer wieder auftauchen und so zu einer Verstärkung rassistischer
Vorurteile in der Bevölkerung beitragen. Zudem wird es im Zuge einer
sehr stark dramatisierten Gefahr durch islamistisch motivierte Attentäter
zu einem massiven Abbau von Freiheitsrechten und rechtsstaatlichen Standards
kommen.
Das Feindbild Islam wird nach meiner Einschätzung also keine außenpolitische,
aber innenpolitische Wirkung entfalten.