Oh König von Preußen, du großer Potentat

Gräfin Dönhoff blickt entzückt auf 300 Jahre preußisches Königtum zurück

(Kalschnikov, Sendung vom 24.01.2001)


In der vergangenen Woche konnte einem das mal wieder ziemlich auf den Keks gehen. Ging es medial nicht um BSE und DU-Munition, dann kam mit Sicherheit etwas nicht weniger ekelhaftes zur Sprache. Denn Preußen feierte runden Geburtstag, und so unausweichlich wie das Sabbern des Pawlowschen Hundes beim Klingelton, spitzten anläßlich dieses Events die Repräsentanten der vierten Staatsgewalt ihre Stifte, um über preußische Tugenden damals, heute und morgen weitschweifig daher zu palavern.

Da durfte die Obertugendtante des bundesdeutschen Etepetete-Journalismus natürlich nicht fehlen, die aus Ostpreußen stammende Marion Gräfin Dönhoff nämlich, die in der Nummer 4 der Wochenzeitung "die Zeit" sich zu Wort meldete. Einerseits überraschend, da die mittlerweile doch arg in die Jahre gekommene Zeit-Herausgeberin zuletzt nur noch wenige solcher langen Riemen zu Papier brachte. Andererseits konnte sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen: um einen preußischen Doppel-Null-Geburtstag abfeiern zu können, mußte gnä' Frau über 90 Jahre alt werden. Daß sie das noch erleben durfte! Das halten auch wir für ganz vortrefflich.

Die Urteilskraft der Gräfin ließ in der jüngeren Vergangenheit zu wünschen übrig, weshalb die Redaktion ihren Artikel über "den frühen Tod des alten Preußens" vorsichtshalber als "Essay" einstuft. In einem solchen kann man fast jeden Stuß verbraten - das tut die Autorin auch ausgiebig. So sehr, daß sich das Hamburger Wochenblatt veranlaßt sieht, nochmals deutlich auf die Kompetenz der Frau Dönhoff in Sachen Preußentum hinzuweisen. Das klingt dann so:

"Marion Gräfin Dönhoff entstammt einem alten preußischen Geschlecht. Die Herausgeberin der ZEIT wurde 1909 auf Gut Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Das Geburtsjahr ihres Vaters ist 1845; ihr Großvater, Jahrgang 1797, war ein Zeitgenosse Humboldts und Goethes." Oha, altes preußisches Geschlecht! Das bürgt für adlige Objektivität! Und, zapperlot!, einer Ihrer Vorfahren war Zeitgenosse von Humboldt und Goethe! Das können Sie, liebe Leserin und lieber Leser, zwar mit Sicherheit auch von sich selbst behaupten, aber hier ging es um den altgeschlechtlichen Großpapa. Und wie es scheint darum, daß die Dönhoffs in ihrem Leben etliches viel später machen als normales Volk. Der Opa bekam mit 48 Jahren Nachwuchs, die Enkelin arbeitet mit über 90 noch als Herausgeberin eines Gymnasiallehrerblattes und ihr Vater zählte stolze 64 Lenze als sie geboren wurde. Das erklärt nebenbei auch, warum Philip Graf Dönhoff, Sohn, Enkel, Neffe oder was auch immer, mit seinen schätzungsweise 40 bis 50 Jahren Sprecher einer, ja wirklich, "Jugendinitiative für Toleranz und Verantwortung" ist, die sich im Internet mit fluffigen Sprüchen gegen uncoolen Rechtsextremismus stark macht. Aber verlassen wir vorerst die biographische Ebene.

Was sind denn nun aber, Gräfin Dönhoff, die Grundbegriffe des preußischen Wesens? Wie lassen sich diese in etwa formulieren?

"Die Grundbegriffe preußischen Wesens lassen sich in etwa so formulieren: Toleranz aus Vernunft, Verantwortung für das Ganze und strikte Staatsräson, Loyalität ohne Willfährigkeit, Gerechtigkeit und Freiheit für das Individuum." Dönhoff, um sich nicht vollkommen lächerlich zu machen, blickt, wenn sie diesen Quatsch erzählt, vor allem auf das "alte" Preußen, auf das vorwilhelminische. Mit der Kaiserkrönung Wilhelms I. 1871 endet so die preußische Geschichte oder vielleicht mit der Amtsnachfolge seines Enkels im 1888er "Dreikaiserjahr". Der Griff nach der Weltmacht 1914, die Kolonialpolitik und der Kampf um den Platz an der Sonne, schließlich der kaiserliche Antisemitismus - all dies läßt sich kaum mit den preußischen Tugenden vereinbaren, wie die Autorin sie verstanden wissen will. Deshalb der "frühe Tod des alten Preußens". Nicht der alliierte Kontrollrat hat 1947 Preußen als Hort des "Militarismus und der Reaktion in Deutschland" zu Grabe getragen. Nein, seine kaiserliche Majestät höchstpersönlich: "Mit der Thronbesteigung von Wilhelm II. begann die Epoche, die als Wilhelminismus bezeichnet wird. Sie war gekennzeichnet durch die Überbetonung des Militärischen und das Vertrauen auf Befehl und Gehorsam. Das Instrument einer autoritätsgläubigen und darum kritiklosen Beamtenschaft sowie des an integre Führung gewöhnten und damit gedankenlos gehorchenden Offizierskorps wurde im Zeichen wilhelminischer Großmannssucht pervertiert, ohne dass die Betreffenden es auch nur bemerkten.

Es gab kein Konzept, es gab nur wirtschaftlichen und militärischen Ehrgeiz: Macht um der Macht willen, das war die Devise des pseudopreußischen Wilhelminismus. Deutschland hatte keine geistige Zielsetzung mehr, es war ein Staat ohne überwölbende Idee geworden."

Schau, schau: Nicht die autoritätsgläubige und kritiklose Beamtenschaft, nicht das gedankenlos gehorchende Offizierskorps wird hier kritisiert. Offenbar gehören Offizierstum und Gedankenlosigkeit auch für Frau Gräfin zusammen wie Arsch und Eimer. Kritik erntet erst die "Pervertierung" dieser "Instrumente" im Zeichen eines großmannsüchtigen Wilhelminismus, in dem es nur noch um Macht und wirtschaftlichen Erfolg ging. Die sittliche Idee, die Toleranz aus Vernunft, die Verantwortung für das Ganze, die Freiheit des Individuums - all das Tralala und Hoppsasa war unter Wilhelm II. dahin... Das bemerkten damals bereits die feinfühligen Dönhoffschen Ahnen: "Im Archiv meines Vaterhauses in Ostpreußen befand sich eine umfangreiche politische Korrespondenz meines Großvaters mit seiner Schwester. Er war preußischer Gesandter beim Deutschen Bundestag in Frankfurt, sie war Hofdame in Potsdam. Beide klagten über das entartete Preußen: er über den "Fortschrittsschwindel" und die Grundeigentümer, die sich nicht mehr als Treuhänder empfänden, sondern ihren Besitz als Handelsware auffassen; sie über die schlimmen sozialen Zustände unter den Arbeitern in Berlin. "Fortschrittsschwindel" und Grundeigentum ohne soziale Verantwortung. Nur noch der Handel zählt, die florierende Wirtschaft und nicht die aus ihr resultierenden schlimmen sozialen Zustände! - so die Kassandrarufe der Altvorderen.

Das aber gleicht wie ein Ei dem anderen exakt dem seit Jahren vorgebrachten Hauptgejammer und -gegreine unserer heutigen Frau Dönhoff, die immer wieder angesichts neoliberaler Grausamkeiten zur Kapitalismus-Bändigung aufruft und gegen das allgegenwärtige "Geflecht von Selbstsucht, Raffgier und Korruption" ("Die Zeit", Nr. 1 v. 26.12.97) predigt. Uns aber lehrt das, daß im Hause Dönhoff nicht nur alles sehr spät gemacht wird, sondern auch, daß dort seit über 100 Jahren dasselbe dumme Zeug geschwätzt wird.

Was dürfen wir aber nun von den altpreußischen, den vorwilhelminischen Werten und Tugenden halten, von der sittlichen Idee des Königtums?

"Fast könnte man meinen, bei diesem Preußen, das durch Maßhalten und geistige Konzentration charakterisiert ist, sei es in erster Linie um die Verwirklichung einer Idee gegangen und nicht so sehr um das Gemeinwesen.

Unter Friedrich dem Großen sind diese Aspekte besonders stark entwickelt worden. Er war noch nicht 30, als er die Regierung übernahm. Erfüllt von Ungeduld und Energie, machte er sich sofort ans Werk. Sein Ziel: Die Rechte des Individuums zu stärken und die Macht des Königs einzugrenzen, denn Friedrich war ein überzeugter Anhänger der Aufklärung - seine Priorität hieß Vernunft."

Die Priorität des preußischen Staates war jedenfalls nicht die Vernunft, sondern das Militär. Ein beispielloses Aufrüstungsprogramm kennzeichnete die 100 Jahre zwischen dem "Großen Kurfürsten" und dem Regierungsantritt Friedrich II. 1740. Bestand die Armee der Hohenzollern 1640 noch aus 3000 Mann, waren es ein Jahrhundert später bereits 80.000 Soldaten. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl war damit die preußische zweieinhalbmal stärker als die österreichische Armee, über dreieinhalbmal stärker als die russische und über viermal umfangreicher als die französische Armee. 1786 - der "überzeugte Anhänger der Aufklärung" war soeben verdientermaßen in die Grube gefahren - standen in Preußen fast 200.000 Mann unter Waffen. Bei der Aushebung von derart vielen Soldaten mußte das Militär mit brutalsten Mitteln vorgehen. Friedrich Wilhelm I., der "Soldatenkönig", machte Anfang des 18. Jahrhunderts die Offiziere für den notwendigen Nachschub an Militärpersonen verantwortlich. Damit war der Jagd auf Rekruten Tür und Tor geöffnet. Nicht nur im Inland begannen die Werber mit List und Gewalt vor allem großgewachsene, sogenannte "lange Kerls" einzufangen. Potentielle Kandidaten wurden im Wirtshaus betrunken gemacht und Werber überfielen Postkutschen, um geeignete Personen zu entführen. Letzteres verbot zwar 1713 der "Soldatenkönig", er ließ aber Ausnahmen zu für den Fall, daß der Postillion groß genug sei, "daß er bei Dero Bataillon Grenadier stehen könne." In der Grafschaft Mark ereignete sich 1720 folgendes: "Am 8. September, einem Sonntag, erschien ohne vorherige Ansage ein Kommando von 240 Mann des Regiments von Auer unter zwei Hauptleuten in Hagen, drang während des Gottesdienstes in die lutherische Kirche ein, wo die Gemeinde versammelt war, und begann mit Gewalt Rekruten aufzugreifen. Es entstand ein wilder Tumult, ein Teil der Leute flüchtete auf den Kirchturm und läutete die Sturmglocke. Es entstand ein wilder Tumult. Alsbald war aus der ganzen Nachbarschaft eine tobende Volksmenge herbeigeströmt, führte aufrührerische Reden gegen den König und das Militär, warf mit Steinen, von beiden Seiten wurde geschossen, und es gab mehrere Tote und viele Verwundete. Schließlich zog das Kommando ab." Soviel vielleicht zu den von Gräfin Dönhoff phantasierten Grundbegriffen des preußischen Wesens, Abtl. Gerechtigkeit und Freiheit für das Individuum. Das Beispiel zeigt aber auch, daß der preußische Militärstaat kein totalitärer war. Er durchdrang die Gesellschaft nicht gänzlich, Gegenwehr gegen die Zumutungen des Militärs war nicht unüblich. Später ersetzte dann das "Kantonsystem" die wilden Rekrutierungen. Der Zwang des Gesetzes war für die betroffene, meist bäuerliche Bevölkerung zwar kalkulierbarer, aber es verbesserte auch die Zugriffsmöglichkeiten des Staates. Letztlich blieb ein Hauptproblem die Desertion von Soldaten; das sah auch Friedrich II. so: "Der grösseste Theil einer Armee bestehet aus indolenten Leuten; wenn ein General selbigen nicht beständig auf den Hacken ist, so wird diese gantze so künstliche und vollkommene Maschine sich sehr geschwinde detraquieren, und der General eine wohl disciplinirte Armee als denn nur allein in der Idee haben." Sicherlich schwadronierte Friedrich II. gerne über Freiheit, über Recht und Gesetz, darüber, daß es verbrecherische Raubgier sei, etwas zu erobern, worauf man keinen rechtlichen Anspruch besitze. Aber die Realität des regierenden Fürsten sah vollkommen anders aus. Im Dezember 1740 marschierten seine Truppen in Schlesien ein und erpreßten Österreichs Maria Theresia, ihm Schlesien zu überlassen. Zu Beginn des Siebenjährigen Krieges, den Preußen als sogenannten "Präventivkrieg" gegen Österreich legitimierte, fielen Friedrichs Truppen als erstes ins neutrale Sachsen ein, und natürlich bediente man sich auch umfangreich und skrupellos bei den drei Teilungen Polens, deren erste 1772 noch in die Regierungszeit des "aufgeklärten Monarchen" fiel. Daß sein menschenfreundliches Geblubber in eklatantem Widerspruch zu seinen Regierungstaten stand, versuchte er 1743 so zu erklären: "Ich hoffe, die Nachwelt ... wird bei mir den Philosophen vom Fürsten und den Ehrenmann vom Politiker zu scheiden wissen. Ich muß gestehen: Wer in das Getriebe der großen europäischen Politik hineingerissen wird, für den ist es sehr schwer, seinen Charakter lauter und ehrlich zu bewahren... Diese Kunst [der Politik] erscheint, wie ich gestehe, vielfach als das Gegenteil der Privatmoral. Sie ist aber die Moral der Fürsten, die ... immer nur das tun, was ihr Vorteil erheischt." Da hätten wir nun in der Tat ein Beispiel für eine preußische Tugend, die zweifelsohne auch heute noch gültig ist: die innerliche Zerrissenheit, die auftritt, wenn es aus Gründen der Staatsräson einen Krieg zu führen gilt, den man als Gewaltgegner eigentlich ablehnt. Diese Tugend grassierte im Frühjahr 1999 als es mal wieder gegen Serbien ging vor allem bei Funktionären der grünen Partei und der SPD.

Man muß die Gegebenheiten der Kriegsführung schon weit beiseite schieben, um dem preußischen Militärstaat etwas tugendhaftes abgewinnen zu können.

Nach dem Siebenjährigen Krieg, den die Hohenzollern nur durch einen Glücksfall - die antipreußische Zarin starb unverhofft - nicht verloren, beklagte Preußen über 180.000 Kriegstote und 62.000 Kriegsgefangene. Alleine ein Regiment hatte fast 4.500 Mann verloren, das heißt, es war mehr als dreimal vollständig vernichtet worden. Während der Schlacht von Liegnitz 1760 befahl Friedrich in einer panischen Reaktion 10 Grenadierbataillonen einen ungeschützten Frontalangriff. Die gegnerischen, österreichischen Truppen mähten daraufhin 5.000 Soldaten in einer halben Stunde nieder - ein Gemetzel, das die Größenordnung der Westfront-Massaker über 150 Jahre später nicht zu scheuen braucht. Von wegen "aufgeklärter Monarch" und "Philosoph auf dem Thron"! Der "große Potentat" war ein Massenmörder.

Die Schlächtermoral des Hauses Hohenzollern im 18. Jahrhundert belegt auch die Art und Weise, wie das Militär mit den eigenen verwundeten Soldaten umging. Die Verletzten waren für die Kriegführung nichts mehr wert. Deshalb transportierte man sie nicht ab. Sie mußten sich selbständig ins Feldlazarett durchschlagen, darüber hinaus erhielten sie keine Lebensmittelrationen, so daß sie in den auf dem Weg liegenden Dörfern zum Betteln gezwungen waren. Die Sterblichkeit in den preußischen Lazaretten lag extrem hoch, zum Beispiel überlebte 1788 während des bayrischen Erbfolgekrieges nur jeder 5. Patient. Ein zeitgenössischer Beobachter notierte:

"Die meisten sterben durch Kälte. Das ist für die preußische Armee nichts Ungewöhnliches, denn die Lazarette sind so schlecht eingerichtet und stinken so erbärmlich, daß der Soldat, der sich dort hinbegibt, schon bei seiner Ankunft denkt, er sei tot. Es kann nicht überraschen, daß nach einem so grausamen Krieg in den Staaten des preußischen Königs so wenige Invaliden zu sehen sind. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, daß die Lazarettleiter und Sanitätsoffiziere den Befehl hatten, alle Soldaten sterben zu lassen, die so stark verwundet worden waren, daß sie nach ihrer Genesung nicht mehr würden dienen können." Wie noch formulierte die Gräfin Dönhoff mit spitzer Feder? "Toleranz aus Vernunft, Verantwortung für das Ganze und strikte Staatsräson, Loyalität ohne Willfährigkeit, Gerechtigkeit und Freiheit für das Individuum". Gnä' Frau, Sie alte Idealistin, irren mal wieder. Halten Sie sich an die Fakten, und die belegen: Preußen war, ist und bleibt scheiße.