Angola: Vorsicht bei der Gleichsetzung von Dos Santos und Savimbi?

Quelle: Rundbrief "Kriegsdienstverweigerung im Krieg", Ausgabe 5, September 2001


Die von uns [Connection e. V. Offenbach; d. Red.]  im Mai im Zusammenhang mit der gleichnamigen Veranstaltungsreihe herausgegebene Broschüre "Angola: Öl, Diamanten, .. Krieg" wurde in Auszügen von der War Resisters' International (WRI) auch in englischer Sprache als Ausgabe von Broken Rifle veröffentlicht (...). Kurz darauf gab es über Email einige Stellungnahmen, die sich im Kern gegen die von Emanuel Matondo vorgenommene Gleichsetzung des angolanischen Präsidenten Dos Santos und des UNITA-Führers Savimbi als Kriegsverbrecher aussprachen. Wir veröffentlichen sie hier gemeinsam mit der Erwiderung von Emanuel Matondo.


Matt Meyer

Vorsicht bei der Gleichsetzung von Dos Santos und Savimbi

Ich habe gerade alle Artikel der letzten Ausgabe von Broken Rifle zum 15 Mai gelesen. Während ich allgemein sehr beeindruckt und erfreut bin, glaube ich dennoch, dass die historische Sichtweise, wie auch die Grundlage einer euro-amerikanischen Solidarität vorsichtig mit der Gleichsetzung von Dos Santos und Savimbi sein muss. Sicher ist Dos Santos für eine ganze Menge verantwortlich, und ich stehe auf keine Art und Weise seinem Regime wohlwollend gegenüber, aber es ist nicht gerechtfertigt, beide Figuren einfach "gleichzusetzen", als "zwei konkurrierende Kriegsherren". Das ist eine zu starke Vereinfachung, die unseren differenzierteren Antirnilitarismus auseinanderreißt.

Ich stimme völlig damit überein, dass Dos Santos und Savimbi für die gegenwärtigen Ereignisse verantwortlich sind, mit Gräueltaten, die von beiden Seiten begangen wurden. Dos Santos kann nicht länger als "fortschrittlicher" Interessenvertreter seines Volkes bezeichnet werden.

Ich denke nur, dass die Gleichsetzung zwar verständlich ist und wirklich von den Menschen gefühlt wird, die die Wucht des Krieges erfahren. Es ist aber eine Sichtweise, die wir feststellen und kommentieren, aber nicht eine, die wir zu unserer eigenen machen können. Die hehren Ziele (und Aktivitäten) von Dos Santos und der MPLA vor 25 Jahren (an verschiedenen Punkten auch in den letzten 25 Jahren) machen sie potentiell zu einem Mitwirkenden bei fortschrittlichen Reformen - und dies muss klar gesehen werden (...). Wenn eine Befreiungsbewegung zuerst durch eine gut finanzierte, zuerst einmal von außen gelenkte Kraft, wie die der UNITA zerstört wird, und nicht durch eigene interne Schwächen, Korruption, Vertrauen auf Militarismus (Abhängigkeit von Gewaltstrukturen) und schließlich Diktatur, ist es eine tragische Angelegenheit, die vorsichtig, vielleicht sogar mit Trauer analysiert werden muss. Ich bin wesentlich gefühlloser der UNITA und ihren "hehren Zielen und Aktionen" gegen über.

Dennoch können in der letzten Zeit nur wenig Unterschiede zwischen den Beiden festgestellt werden. Dass die angolanische Bevölkerung auf diese Weise fühlt, ist eine Perspektive, die wir offensichtlich nicht ignorieren dürfen - sie sind unsere Genossen, Kollegen und Verbindungen.

Aber es gibt zwei ergänzende Tatsachen: die MPLA war eine Befreiungsbewegung und alle Akteure, die in Afrika Gewalt benutzen, werden sogar von fortschrittlichen Nicht-Afrikanisten als Stammeskriegsherren angesehen. Diese Vorstellungen müssen in unseren Veröffentlichungen auf sensible Art Eingang finden, die sich an andere Nichtinformierte, die leicht rassistische (oder zumindest nicht den Rassismus in Frage stellende) europäische und US-amerikanische Öffentlichkeiten richtet.

Matt Meyer, Emails vom 8.  und 9. Juni 2001. Übersetzung aus
dem Englischen: Connection e. V. Matt Meyer, Co-Autor von
"Guns and Gandhi in Africa" ist auch Koordinator der
Arbeitsgruppe Afrika der War Resisters' International (WRI)

Al Kagan

Es gibt keine moralische Gleichwertigkeit zwischen der angolanischen Regierung und der UNITA

(...) Die Befreiungsbewegung, aus der die angolanische Regierung (MPLA) hervorgegangen ist, hatte bei der Machtübernahme 1975 eine fortschrittliche politische Ideologie. Die beiden anderen sogenannten Befreiungsbewegungen hatten wenig politische Vorstellungen, und sie waren durch die USA, das Apartheidregime von Südafrika, den Westen und sogar China finanziert. Die UNITA ist als eine der brutalsten Armeen überhaupt bekannt. Sie ist bekannt dafür, dass sie ihren Abtrünnigen Ohren, Nase, Arme usw. abschneiden und sie auf diese Weise entstellen. Die angolanische Regierung ist sicher nicht sauber davon und hat versäumt, auf ihrer fortschrittlichen Vergangenheit im Krieg aufzubauen. Als sich die UN um Angola gekümmert hat, machte sie der UNITA Vorwürfe, dass sie den Krieg fortführt. Es war die UNITA, die das Friedensabkommen unterzeichnete und dann ihr Wort brach.

Im ersten Teil (der Veröffentlichung) gibt es eine Botschaft von Holden Roberto, der einer der führenden Kräfte war, die für die Kämpfe in den 70er und 80er Jahren verantwortlich zu machen sind. Auch ist zu beachten, dass die südafrikanische Apartheidsarmee gegen die Regierung der MPLA kämpfte. Glücklicherweise bat die Regierung die kubanische Armee um Hilfe und das Apartheidregime wurde bei einer großen Schlacht geschlagen, die die Apartheidarmee aus dem Land katapultierte.

Es gibt keine moralische Gleichwertigkeit zwischen Menschen, denen es Spaß macht, Gesichter und Gliedei abzuhacken und der Regierung von Angola.

AJ Kagan, Email vom Mai 2001. Übersetzung aus
dem Englischen: Connection e. V. Der SüdafrikanerAl Kagar ist
Bibliograph für Afrikanische Studien und Pmfessor
der Bibliotheksverwaltung der Universität von lllinois, USA.

Horace Campbell

Gleichsetzung ignoriert den historischen Beitrag der MPLA

Ich stimme völlig mit Ihrer Einschätzung der relativen Unterschiede zwischen MPLA und UNITA überein, gerade weil diejenigen, die in der Ära des Kalten Krieges Savimbi unterstützt haben, die gegenwärtige Korruption der politischen Führer in Luanda auf alle erdenkliche Arten nutzen, um Jonas Savimbi und den militärischen Arm der UNITA zu rehabilitieren.

Ich weiß nicht, wer diese Gleichsetzung angeführt hat, aber es sollte daran erinnert werden, dass Jonas Savimbi zum Kriegsverbrecher erklärt wurde.

Wenn wir Savimbi mit Agostino Pinochet gleichsetzen, dann ist es Sache von fortschrittlichen Kräften, sicherzustellen, dass der Diskurs über den militärischen Arm der UNITA (im Gegensatz zu der politischen Organisation, die sich selbst als UNITA Renovado bezeichnet) weiterhin Jonas Savimbi als Kriegsverbrecher darstellt.

Die Hartnäckigkeit der Juristen in Chile stellte sicher, dass trotz der Versuche von Margaret Thatcher, Pinochet zu rehabilitieren, der Kampf für Gerechtigkeit fortgeführt wurde.

Wir brauchen die selbe Art von Hartnäckigkeit, um die Netzwerke des militärischen Kapitalismus zu isolieren und aufzudecken und für die Arbeit, um Savimbi auf gesetzlicher Grundlage zu inhaftieren. Es geht darum, die gleiche politische Grundlage zu schaffen, um Savimbi, wie auch Taylor, Sankoh und andere zu isolieren.

Eine eindeutige Art und Weise, gegen die Korruption der gegenwärtigen Militaristen in Luanda vorzugehen, ist es, eine klare und widerspruchsfreie Position zum Militarismus zu haben. Ich denke, dass man die Frage des Befreiungskampfes nicht vergessen darf. Der beste Vergleich, den ich ziehen kann, ist zu sagen, dass die gegenwärtige Ablehnung von Robert Mugabe nicht heißt, dass man im gleichen Atemzug den Befreiungskampf der Menschen in Zimbabwe abtun kann.

Aus meiner Sicht ignoriert die Gleichsetzung der MPLA-Regierung und der UNITA im Moment den historischen Beitrag der MPLA im Kampf für die Unabhängigkeit, einschließlich des Sieges über die südafrikanische Vernichtungsarmee bei Cuito Cuanavale.

Horace Campbell, Email vom 17. Mai 2001.
Übersetzung aus dem Englischen: Connection e. V.
Horace CampbeIl ist Professor der Syracuse Universität, USA.

Emanuel Matondo

Eine Erwiderung

Ich kenne die Rhetorik dieser Leute (insbesondere aus dem Westen), die seit dem Erwachen der angolanischen Friedensbewegung und deren Darstellung der Wahrheit über die MPLA protestieren oder sogar die negative Rolle von Kuba, der MPLA oder der Sowjetunion abstreiten. AngolanerInnen verurteilen die Rolle der CIA, wie dem KGB und anderen in Angola und stimmen darin überein, dass alle sogenannten Befreiungsbewegungen Angolas (MPLA, FNLA und UNITA) eigentlich Vertreter beider Supermächte sind, an die Front gestellt aufgrund des Interesses der westlichen Imperialisten (USA) auf der einen Seite und der Sozialimperialisten (UdSSR) auf der anderen. Nach vielen Dokumenten waren die Sowjets dazu entschlossen, ein marxistisch-leninistisches Reich in der zentralafrikanischen Region von Angola zu installieren, so dass sie alles taten, um eine Versöhnung zwischen allen Parteien während des "Befreiungskrieges" zu verhindern, was mit der Sabotage der Unabhängigkeit der "Vereinbarung von Alvor" vor allen Dingen durch die MPLA endete. Die Sowjetunion, die auch auf das ehemalige Zaire zielte, war stark daran interessiert, der MPLA zur Macht zu verhelfen und diese halten zu lassen, um ihre Ziele eines kommunistischen Reiches zu erfüllen und Zugang zu den natürlichen Ressourcen der Region zu erhalten.

Ich werde nicht über den Weg sprechen, auf dem kubanische Truppen während der Übergangsregierung, die nach der Vereinbarung von Alvor eingesetzt wurde, nach Angola gebracht wurden. Auch Savimbi, der in dieser Zeit dafür kämpfte, angolanischer Präsident zu werden, brachte, unterstützt durch die an der Einsetzung eines kapitalistischen Systems in Angola interessierte USA, Apartheidtruppen ins Land.

Haben all diese Supermächte und ihre Vertreter (Kuba, UNITA, MPLA usw.) die AngolanerInnen gefragt, was sie nach den Portugiesen wirklich wollten? Nein!

Soll ich darüber sprechen, was kubanische Einheiten in all dieser Zeit, in der sie dort waren, gemacht haben? Wahllose Bombardierung von Dörfern, Ermordungen, Massaker usw.

Soll ich sagen, was die MPLA tat oder immer noch tut? Ich erinnere an den 27. Mai 1977, als in ein paar Tagen nach einem Protestmarsch und einem vorläufigen Putsch (Nito Alves usw.) 60.000 Menschen getötet wurden.

All dies und vieles mehr ist passiert, so dass Angolaner sagen, dass sowohl die UNITA wie auch die MPLA oder ihre Führer Kriegsverbrecher sind!

Holden Roberto war von diesem "Wettlauf der Macht" enttäuscht und ging ins Exil, schwor dem Kampf ab und weigerte sich, Millionen von Angolanem zu töten, wie Savimbi (bzw. die UNITA) und Dos Santos (bzw. die MPLA) es in den letzten 23 Jahren taten. Viele seiner Kämpfer gingen freiwillig zur MPLA oder zur UNITA. Einige seriöse westliche Historiker stimmen darin überein, dass die FNLA (insbesondere der militärische Arm) eine große Wirkung im sogenannten Befreiungskampf von 1961-1974 entfaltete. Heute verweigert Holden Roberto den Gebrauch von Gewalt und verurteilt beide Kriegsparteien als "Herren des Krieges", macht sie für die Fortsetzung des Krieges in Angola verantwortlich, für Kriegsverbrechen und für das Verlegen von 20 Millionen Landminen usw. Holden Roberto trat den antimilitaristischen Kräften in Angola bei, spricht sich gegen den Krieg und für die Beendigung des Blutbades und der Barbarei von MPLA und UNITA aus. Er wird vom Führer der MPLA diskriminiert und hat wegen seiner Überzeugung Repressionen zu erleiden. Alle, die die MPLA von außen unterstützen, mögen die Art nicht, wie AngolanerInnen die Diskriminierungen gegen Friedensaktivisten, ernsthafte Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen von UNITA wie MPLA anprangern.

Soll ich über den Gebrauch von chemischen Waffen durch die MPLA sprechen? Oder dem Gebrauch, der Einstellung und Finanzierung von Söldnern durch die MPLA? Ist es nicht ein Kriegsverbrechen, Söldner zu benutzen, sie einzustellen und zu zahlen oder sogar zwangsweise minderjährige Kinder zu rekrutieren? Die MPLA macht dies und es wird von AngolanerInnen auch als Kriegsverbrechen angesehen. Aber Anhänger der MPLA protestieren zunehmend dagegen, weil sie wissen, dass für sie ihre Zeit zu Ende geht.

Kuba oder seine Führer ließen oder lassen keine Möglichkeit aus, US-Amerikaner als "Kapitalisten oder Reich des Teufels" zu beleidigen, aber kubanische Truppen insbesondere die Sondereinheiten, haben die amerikanische Ölförderung in Cabinda geschützt und wurden für diese Dienste auch bezahlt bzw. erhielten Geld von den "Kapitalisten", während US-Amerika die Rebellen finanzierte, gegen die sie die ganze Zeit kämpften.

Sie alle logen in der Öffentlichkeit, aber auch AngolanerInnen mit ideologischer Ausrichtung. Wer trug zur Korruption in Angola bei, wenn nicht die MPLA und die am Krieg Beteiligten? Ich weise auf den Kamangistaprozess in Angola Mitte der 80er Jahre hin, als sich herausstellte dass viele Verantwortliche der MPLA am Diamantenschmuggel beteiligt waren, aber nur ,,kleine Fische" wurden verurteilt oder verschwanden in den Gefängnissen im Süden. Oder was ist mit dem hochdekorierten kubanischen General, der in Angola der große Boss des Drogenhandes war?

Während meiner Rundreise, die von Connection e.V. organisiert war, traf ich auch solche Positionen an und Leute mit kommunistischer Vergangenheit, die mich versuchten anzugreifen, bzw. das, was wir sagen. Aber sie konnten das Gegenteil unserer Veröffentlichungen, Recherchen und Ergebnisse nicht beweisen.

Dabei erkennen viele andere aufrichtige WissenschaftlerInnen, dass sowohl die USA wie auch die Sowjetunion Interesse daran haben, ihren Zugang zu den Ressourcen in diesem Teil der Welt sicherzustellen.

Emanuel Matondo: Email vom Mai 2001.
Übersetzung aus dem Englischen: Connection e. V.