Kommisskopp-Rapport


(Kalaschnikov vom 3.3.2004)


 

„Und tschüss“, hieß es vor gut zwei Wochen für die letzten Bundeswehrsoldaten des Landkreises Marburg-Biedenkopf: Die „Frankfurter Rundschau“ vermeldete am 18. Februar die freudige Neuigkeit: Die beiden nach dem vor drei Jahren grassierenden großen Kasernensterben übriggebliebenen Militärlager in Stadtallendorf und Neustadt waren geschlossen worden. Was war passiert? Hatten oberhessische Pazifisten sich mit ihrem Ziel eines bundeswehrfreien Landkreises durchsetzen können? Vorzeitig sogar, denn die Entscheidung über das Dichtmachen einer ganzen Latte von Armeestandorten will der Kriegsminister erst im Herbst verkünden. Hatten die vierzehntäglichen Schmähreden gegen das Soldatenhandwerk auf dieser Radiowelle so zugesetzt, dass sich Schütze Arsch und Kameraden nur noch mit einer Massendesertion zu behelfen wussten?

Nein, keineswegs. In den Soldatenbaracken zwischen Ohm und Schwalm kann und will man sicherlich nicht Radio Unerhört Marburg empfangen. Und so ist leider der bundeswehrfreie Landkreis Marburg-Biedenkopf nur ein temporäres Phänomen, vermutlich verursacht durch die miesen hygienischen Verhältnisse bei der Truppe. Denn unter den Soldaten im östlichen Kreisgebiet verbreitet sich  – ebenso wie zuerst in der Schwalmstädter Nachbarkaserne  – rasend schnell ein Bindehautentzündung und rote Augen verursachendes Virus.  So erklärte es jedenfalls Mitte Februar die Bundeswehr: An den drei Standorten seien  insgesamt rund 160 Frauen und Männer an dem hoch ansteckenden Erreger erkrankt; um in der Zwischenzeit die Gebäude desinfizieren zu können, seien (fast) alle Soldaten nach Hause geschickt worden.

Mittlerweile sind Krankheitsfälle auch an anderen Standorten aufgetreten: Frankenberg, Schwarzenborn, Augustdorf, auf dem Truppenübungsplatz Baumholder und in Gifhorn/Niedersachen. Ende Februar hatte die Bundeswehr rund 4000 Soldaten in den Krankenstand versetzt, von denen allerdings nur knapp 250 über Beschwerden klagten.

Das Merkwürdige an dieser Augenkrankheit ist allerdings, dass sie bisher ausschließlich Militärs befällt. Denn entgegen erster Meldungen steckten sich Angehörige oder Verwandte der Soldaten in keinem einzigen Fall an. Ein antimilitaristisches Virus offenbar. Oberst Hartwig Stork aus Neustadt fällt die Erklärung dafür leicht: Die Soldaten lebten mit vier bis acht Mann auf einer Stube, besuchten mit 400 Leuten den Mannschaftsspeisesaal und teilten sich schließlich auch Duschen und Toiletten. Richtig. Unter solchen Bedingungen hat es eine krankmachende Mikrobe wahrscheinlich einfacher. Nur: Zu Hause dürfte sich der Soldat ebenfalls Dusche, Toilette, die Stube zwar nicht unbedingt, aber sicherlich schon einmal das Bett mit anderen teilen. Und die Neustädter Soldaten fahren bestimmt nicht nach Schwalmstadt, weil ihnen dort die Latrinen besser gefallen. Seltsam bleibt das Ganze also. Und es wirft ein nicht sehr günstiges Licht auf das Verhältnis der ‚Starken Truppe’ zur Hygiene und auf die medizinische Versorgung der Soldaten. Letzteres sei mit den Erfahrungen eines ehemaligen Bundeswehrangehörigen illustriert, bei dem die Truppenärzte ebenfalls eine Bindehautentzündung diagnostizierten: „..bei der Bundeswehr gibt es nur Mobilat für ‚oben’, Kohletabletten für ‚unten’ und einfache Augentropfen für ‚alles’“

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Die Bundeswehr hat zur Zeit Imageprobleme. Nicht nur, weil ganze Kasernen, zu gefährlichen Infektionsherden verkommen und ausgeräuchert werden müssen. Auch den Auslandseinsätzen ist kein durchschlagender Erfolg beschieden. Zum Beispiel jenem in Afghanistan. Zwar hat man sich Ende 2003 aus den engen Stadtgrenzen des nach wie vor unsicheren Kabul heraus- und mit 200 Mann ins nordafghanische Kunduz hineingewagt. – „Und mittendrin nun Soldaten der Bundeswehr“, so kommentierte Frank Bötl in der ‚Bundeswehr aktuell’ die Situation in Kunduz, ganz so, als stecke man mittendrin im Schlamassel, was zu schreiben, sich für einen Militärjournalisten naturgemäß strengstens verbietet. – Zwar mag die Truppe in Kunduz  ein „relativ sicheres Umfeld“ ausmachen, in dem „Aufbauarbeit möglich“ ist. Nur, was nützen diese vermeintlichen Erfolge, wenn die Presse dieser Tage melden muss: „In Afghanistan ist die Opium-Produktion im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit 1999 gestiegen – und dies unter den Augen der internationalen Schutztruppe. (...) Afghanische Bauern produzierten im vergangenen Jahr rund ... drei Viertel der gesamten Weltproduktion an Opium.“ („FR“ v. 3.3.04). Und mittendrin in den rot blühenden Mohnfeldern nun die feldgrauen Soldaten der Bundeswehr.

Eine bessere PR-Arbeit der Militärs ist dringend angeraten. Unter anderem versucht es die Hardthöhe mit sogenannten „Informationswehrübungen für Führungskräfte“. Meist werden Journalisten dazu eingeladen, manchmal aber auch Menschen aus anderen Berufszweigen. Dann ist eine Woche lang Pfadfinden und Häuserkampf üben in der Infanterieschule Hammelburg angesagt. Y.-Punkt, das Jugendmagazin der Bundeswehr, war dabei und beschwört die Berufsgemeinschaft im Schützengraben:

„Der Manager schultert die Milan, der Rabbi schlägt sich mit dem Kompass durchs Gebüsch, und die Anwältin schießt mit der Panzerfaust.“

Diese besondere Form der Öffentlichkeitsarbeit richtet sich, so das Verständnis der Armeewerber gerade an „ungediente Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik, Bildungswesen und Medien“. Oberstleutnant Herbert Ender dazu: „Wir betrachten die Leute als Multiplikatoren“. Multiplikator Wolfgang Wagner, so der Bericht von Y.Punkt, arbeitet im zivilen Leben als Sachverständiger für die Handwerkskammer Düsseldorf. Bei ihm hat die Woche Rumballern und im Unterstand hocken positiv angeschlagen. „Jetzt sehe ich das anders“, lautet sein Resümee.  Früher hätte er seinen Sohn nicht mit der Bundeswehr ins Kosovo oder nach Afghanistan gehen lassen. Das Auslandsengagement betrachtet er jetzt positiv: „Sogar wirtschaftlich machen die Einsätze Sinn.“ Verständlich einerseits, schließlich ist der Sohn, wie Y.Punkt weiß, mittlerweile ausgemustert. Unverständlich andererseits: Wieso machen die Einsätze wirtschaftlich Sinn? Gibt es etwa im Bereich der Handwerkskammer Düsseldorf aufstrebende Manufakturen, die sich auf die Produktion von Opiumpfeifen verlegt haben?

Auch die Fachanwältin für Familienrecht, Vera Krug von Einem, will in den sieben Tagen was gelernt haben. Sie betreut in ihrer Kanzlei Fälle von Soldaten, deren Ehe unter dem Auslandseinsatz leidet. „Jetzt kann ich mich noch besser in die angespannte Familiensituation hineinversetzen“, lässt sie protokollieren. Immerhin etwas: Wenn die Familiensituation der Frau Vera Krug von Einem schon nach einer Woche Hammelburg angespannt ist, wird sie künftig hoffentlich sofort zur Scheidung der Soldatenehe raten. Führungskraft Holznagel, ihres Zeichens Vizepräsidentin des Landtages in Schwerin, gibt folgendes zu bedenken: „Gerade wer überlegt, die Wehrpflicht abzuschaffen, sollte sich anschauen, was die Soldaten hier leisten.“ Was wohl heißen soll, dass es denjenigen, die für eine Beibehaltung der Wehrpflicht eintreten, am Arsch vorbeigehen kann, was die Militärs mit den Zwangsverpflichteten so treiben. Oder nicht? So sind sie halt, die Führungskräfte und Multiplikatoren, man weiß nie genau, was da angeleitet und multipliziert wird...

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Bundeswehrfreundliche Öffentlichkeitsarbeit für die breite Masse kann allerdings nicht darin bestehen, Hinz und Kunz Milanraketen abfeuern oder auch nur schultern zu lassen. Hier kommt  ins Spiel, was die Militär-PR für einen Sympathieträger erster Güte hält: der Sport, genauer gesagt die Sportsoldaten. Schließlich haben wir ein olympisches Jahr vor uns, und die Bundeswehr hat seit der Wiedervereinigung die imageträchtige Sportförderung gezielt ausgebaut. Zum Teil, vor allem in den Wintersportarten, recht erfolgreich. Die Armeemedien versäumen keine Gelegenheit die Sportkameraden ins richtige Licht zu rücken. Die Internetpräsenz der Bundeswehr rüstete jüngst diesbezüglich auf: Der „Sport“ erhielt auf der ersten Seite eine eigene Rubrik, gleichberechtigt neben „Streitkräfte“ und „Verwaltung“. Daran, dass 71% der Medaillengewinne in Salt Lake City 2002 auf das Konto der Bundeswehr gingen, erinnerte kürzlich die „Bundeswehr aktuell“. Angesichts der armeesportiven Begeisterung kommt auch schon mal eine Überschrift etwas gewagt daher.  „Die Schöne und der Bob“, betitelte die „Aktuell“-Redaktion eine Lobhudelei auf die Bobfahrerin und Soldatin Susi Erdmann. Wir werden uns gelegentlich des Themas „Frauen und Bundeswehr“ mit „Der Tod und das Mädchen“ revanchieren müssen.

Ein Problem hat die Bundeswehr mit ihren Sportsoldaten allerdings. Die Zuschauer am Fernsehgerät wissen in der Regel nicht, dass die, die auf dem Treppchen stehen, zur Bundeswehr gehören. Zum ersten Mal bei den letzten olympischen Winterspielen trugen die Athleten deshalb Bundeswehrlogos auf ihren Trainingsanzügen. Die seien aber zu klein, bemängelte Kriegsminister Struck auf einer Pressekonferenz in Oberhof anlässlich der Biathlon-Weltmeisterschaft im Februar. Die Sponsorenlogos seien mehr als deutlich, die Bundeswehrkennzeichnung gehe hingegen völlig unter. „Ich erwarte, dass damit aufgetreten wird, und die Verbände das auch akzeptieren“, polterte Struck vor der Presse. Allein schon aus „Dankbarkeit“ sollten die Sportverbände mitziehen. Ehrlich gesagt wissen wir nicht, warum Struck sich so aufregt. Die deutliche Kennzeichnung der deutschen Sportsoldaten wird doch in Athen überhaupt kein Problem mehr sein. Ganz einfach: Blicken wir beim Sieger in zwar freudig erstrahlte, jedoch knallrote Augen, dann können wir die Medaille aufs Konto der heimischen Militärsportförderung buchen! Virus sei Dank.

F.-J. Murau