Bundestreffen der Totalen Kriegsdienstverweigerer in Dresden – ein Bericht

(Email der TKDV-Initiative Dresden vom 3.9.2003; das Treffen fand Mitte Mai 03 statt; DFG-VK Marburg)


Das Bundestreffen zur Totalverweigerung fand in Dresden statt und war mit zeitweise über 30 TeilnehmerInnen relativ gut besucht. Das jährlich stattfindende Treffen soll vor allem der Vernetzung, dem Erfahrungs- und Gedankenaustausch von Totalverweigerern, solchen, die es werden wollen, oder einfach an TKDV Interessierten, sowie der Diskussion von aktuellen politischen Ereignissen und der Weiterentwicklung von Strategien dienen. Wie jedes Jahr fand eine Reihe von Arbeitsgruppen statt, in denen über verschiedene Themenbereiche rund um die TKDV informiert wurde. Als einer der wichtigsten Fragen stand – wie schon im vergangenen Jahr – eine Entscheidung an, wie es mit der nunmehr seit etwa zwei Jahren nicht mehr erschienenen OHNE UNS weitergehen soll, die diesmal aber einer recht befriedigenden Lösung zugeführt werden konnte. Und weil’s so schön war, wird das nächste BuTre gleich noch mal in Dresden stattfinden.

Das Treffen fand im AZ Conni, einer Herberge für diverse politische Projekte und einen Kinderladen, statt. Da die Leute von der TKDV-Initiative Dresden als Ausrichter des BuTre’s die Organisatoren des Conni (an dieser Stelle noch einmal schönen Dank an Euch!) recht gut kennen und leiden können und umgekehrt, hatte dies u.a. den Vorteil, daß wir für die Veranstaltungs- und Übernachtungsräume nicht ganz soviel bezahlen mußten wie die Berliner im letzten Jahr für das Haus am Wannsee (zugegeben: der See fehlte etwas), genaugenommen eigentlich gar nichts. Das Haus verfügte über einen großen Saal, der sonst als Konzert- und Partyraum genutzt wird, mehrere kleinere Räume für die AGen und als Schlafräume sowie eine recht große Außenanlage. Dankenswerterweise hatten sich einige Menschen einer VoKü-Gruppe aus Dresden dazu bereiterklärt, den zeitraubenden Job des Kochens zu übernehmen (auch an Euch noch mal ein großes Dankeschön!), was den Teilnehmenden nicht nur etwas mehr Zeit für die inhaltliche Arbeit in den Arbeitsgemeinschaften, sondern auch wahre Menüs bescherte. Schließlich gab es noch eine von drei Leuten (Danke!) übernommene Kinderbetreuung, die einigen von uns die Teilnahme deutlich erleichterte und ganz nebenbei mit teilweise neun Kindern zwischen null und acht Jahren eine recht stattliche Nachwuchsgruppe anwesend war, die eine Menge Leben ins Spiel brachte...

Freitag

Der Freitag nachmittag war zunächst noch geprägt von Aufbau und anderen organisatorischen Notwendigkeiten. Erfreulicherweise waren bis zum abend schon die meisten der angemeldeten TeilnehmerInnen gekommen, so daß wir bereits am Freitag – nachdem die gesamte Kinderrasselbande in die Betten verfrachtet worden war – relativ zahlreich mit der Vorstellungsrunde beginnen konnten. Besonders von den Dresdnern mit großen Hallo begrüßt wurden die an diesem Abend ebenfalls anwesenden "antimilitaristischen Alteisen" und DDR-TKDVer des früheren "Freundeskreises Wehrdiensttotalverweigerer Dresden", die quasi als beobachtende Gäste gekommen waren, um zu erfahren, was Totalverweigerer heute so machen und auf der – so die Selbstbezeichnung – "Rentnerbank" Platz nahmen. Die Berichte aus den Regionen fielen leider auch diesmal recht karg aus. Hauptursache dafür dürfte wohl – neben der Tatsache, daß das OHNE UNS seit nunmehr knapp zwei Jahren nicht mehr erschienen ist, was selbstverständlich negative Auswirkungen auf die Struktur der Bewegung hat – vor allem sein, daß mittlerweile kaum noch tatsächlich aktive Regionalgruppen existieren, die kontinuierlich zum Thema Totalverweigerung arbeiten. Die Planung des Wochenendes und vor allem die spannende Frage, welche AGen zeitgleich nebeneinander stattfinden können, ohne daß größere Teilnahmekonflikte entstehen, ging diesmal – dank exzellenter Vorbereitung, aber auch der Tatsache, daß das Abendessen auf nach dem Plenum verschoben worden war, so daß der Hunger zur Eile antrieb – zwar etwas rascher als üblich über die Bühne, aber auch dies kann als durchaus noch ausbaufähig bezeichnet werden. Nach dem Abendessen hatte mensch die Wahl, an einem der beiden folgenden Highlights teilzunehmen: während sich die bewegungsfreudigen Berliner von mindestens ebenso sportbegeisterten Ortsansässigen zu einer sich als recht abenteuerlich gestaltenden Nachtwanderung zur offenbar doch nicht ganz so nahe gelegenen Offiziershochschule hinreißen ließen, hatte es sich der Rest je nach Belieben bei Wein oder Limonade und deutlich weniger anstrengenden Gesprächen gut gehen lassen. Schließlich klang der Abend – jedoch erst, nachdem die Freunde der Technik das anfänglich nicht kleiner werden wollende Problem "wie schließe ich einen Laptop an einen Videobeamer an und bekomme inliegende CD zum laufen" doch noch einer intelligenten Lösung zuführen konnten – zu später Stunde mit der Filmvorführung von "Memento" aus, wonach jeglicher Kommunikationsbedarf bis auf weiteres gestillt war...

Samstag

Manch einer hatte schon am Abend zuvor über dieses Vorhaben amüsiert, und leider sollten die Pessimisten Recht behalten: das für 9:00 Uhr geplante Frühstück fiel mangels Teilnahme aus bzw. wurde großzügig um etwa eine Stunde verschoben. Danach konnte es dann aber gegen 11:00 mit dem ersten AG-Block losgehen.

AG EinsteigerInnen

Da im Unterschied zu den vergangenen Jahren diesmal erfreulicherweise auch einige "Neue" gekommen waren, gab es auch ein Einsteigerinnenseminar. Sebastian Kraska und Markus Stapf aus Dresden erzählten den BuTre-ErstbesucherInnen, teils in zusammenhängendem Vortrag, teils auf Fragen reagierend, alles, was das werdende TKDV-Herz begehrt: Motivation, mögliche Verläufe einer Totalverweigerung, Arrest, Gang einer Hauptverhandlung, Prozeßstrategien, Öffentlichkeitsarbeit. Desweiteren wurde die Frage diskutiert, welche Konsequenzen in Bezug auf die Aktionsform der Totalverweigerung sich möglicherweise aus den neuen Einberufungskriterien ergeben könnten, nach denen die Altergrenze auf 23 Jahre herabgesetzt wurde und eine Einberufung nur noch von mit Tauglichkeitsstufen 1 und 2 gemusterten Wehrpflichtigen vorgesehen ist. Unter Verweis auf diese Regelung haben nun (auch) eine Reihe von (noch nicht einberufenen) Totalverweigerern Nichtheranziehungszusagen erhalten, darunter aber auch einige, die merkwürdigerweise diese überhaupt Kriterien nicht erfüllten und daher eigentlich nicht unter diese Regelung fallen dürften. Dies wurde von einigen so interpretiert, daß möglicherweise zukünftig ein anderer Umgang mit "angekündigten" Totalverweigerern im Sinne einer Politik des Totschweigens vorgesehen sein könnte, indem in diesen Fällen via Musterungsergebnis bzw. Altersgrenze von einer Einberufung abgesehen und so Totalverweigerer unauffällig "entsorgt" werden. Eine ähnliche Praxis im Umgang mit Totalverweigerern hatte es seit Mitte der 80er Jahre in der DDR gegeben – Wehrpflichtige, die ankündigten, totalverweigern zu wollen, wurden zwar massiv unter Druck gesetzt, aber nicht mehr einberufen, womit die strafrechtliche Sanktionierung unterblieb –, um Aufsehen zu vermeiden. Letztlich muß diese Frage unbeantwortet bleiben; derartige Überlegungen sind derzeit nichts anderes als reine Spekulation, und die Zeichen sind beileibe nicht eindeutig. In anderen Fällen ist alles andere als "Kulanz", sondern vielmehr fortwährend hartnäckige Verfolgung zu beobachten. Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß ein derartiger Umgang eigentlich auch überhaupt nicht ins Bild der politischen Großwetterlage passen würde, denn in Bezug auf das Ansehen in der Gesellschaft stehen Militär und Wehrpflicht nun nicht gerade mit dem Rücken zur Wand, als daß derartige Maßnahmen zur Schadensbegrenzung notwendig wären – und dies unterscheidet sich eben auch von der Situation der DDR der letzten Jahre. Von einer Tendenz hin zu einem "nachsichtigen" Umgang mit Totalverweigerern kann also nicht gesprochen werden. Sollte sich derartiges dennoch bestätigen, wäre darüber zu sprechen, wie eine TKDV-Bewegung hierauf reagiert, wobei anzumerken bleibt, daß uns die Anflüge von leiser Hoffnung, die teilweise mit der Diskussion hierüber verbunden waren, uns nicht ganz verständlich erscheinen; schließlich steckt hinter der Idee von Totalverweigerung als antimilitaristischer Aktionsform – im Unterschied zur Wehrpflichtumgehung – doch gerade mehr als nur der persönlich-individuelle Konflikt mit Wehrpflicht und Militär, der sich von selbst erledigte, wenn die betreffenden nicht mehr einberufen würden.

AG JUT

Parallel dazu fand die Arbeitsgemeinschaft zur Verteidigungsstrategie JUT statt, die mittlerweile seit etwa fünf Jahren zum "Standartprogramm" gehört. Dennoch auch an dieser Stelle eine kurze Erklärung: JUT (Juristische Unterstützung für Totalverweigerer) ist ein juristisches Selbsthilfe-Konzept, in dem es darum geht, daß die Verteidigung im TKDV-Prozeß nicht notwendigerweise bedeutet, sich von einer/m RechtsanwältIn verteidigen zu lassen, sondern sich befreundete Totalverweigerer auch gegenseitig verteidigen können. Die technische Möglichkeit hierzu bietet die Vorschrift des § 138 Abs. 2 StPO, nach der eben nicht nur zugelassene RechtsanwältInnen als VerteidigerIn auftreten können, sondern auch "andere Personen" als Wahlverteidiger zugelassen werden können. Zu Beginn wurde kurz die grundsätzliche Frage "mit oder ohne VerteidigerIn?" angesprochen und klargestellt, was nach dem reichhaltigen Erfahrungsschatz von Negativbeispielen eigentlich Selbstverständlichkeit sein sollte: auf eine Verteidigung, ob durch eine/n RechtsanwältIn oder nicht, sollte unter keinen Umständen verzichtet werden, und zwar nicht nur, weil der ‚durchschnittliche Totalverweigerer’ über zu wenig Kenntnisse juristischer Natur verfügt, um eine Hauptverhandlung allein zu meistern, sondern auch aufgrund des nicht zu unterschätzenden Drucks, dem mensch in der Rolle des Angeklagten sehr viel leichter zu widerstehen in der Lage ist, wenn er noch (mind.) eine Person seines Vertrauens an seiner Seite weiß. Hierüber waren sich die Anwesenden der AG aber auch ohne größere Diskussion einig. Nun erläuterten Detlev Beutner (Frankfurt/M.) und Jörg Eichler (Dresden) zunächst die "historischen Wurzeln" des JUT-Konzeptes, die auf einige Fälle des gegenseitigen Sich-Verteidigens von Totalverweigerern Anfang der 90er Jahre in Wiesbaden zurückgehen, dort aber noch vereinzelt und ohne Ambitionen, dies zur Strategie der TKDV-Bewegung ausbauen zu wollen, blieben. Anschließend gaben sie einen Überblick über die Vorteile, die JUT gegenüber einer Verteidigung durch RechtsanwältInnen haben kann. Maßgebend ist hierbei vor allem die Bestrebung, dem durch die Konstellation ‚einzelner Totalverweigerer mit seiner/m RechtsanwältIn’ häufig nach außen hin entstehenden Eindruck, es handele sich hier um einen vereinzelten Konflikt primär juristischer Natur, wirkungsvoll engegenwirken zu können und somit sehr viel mehr ‚politisches Kapital’ zu schlagen, da bei einer Verteidigung a lá JUT (mit normalerweise zwei Verteidigern) eben als Gruppe von Totalverweigerern agiert werden kann, die gemeinsam für ihre politische Einstellung streitet, von denen einer eigentlich mehr zufällig die Rolle des Angeklagten bekleidet. Besprochen wurde weiterhin der Ablauf des hierfür notwendigen Zulassungsverfahrens, geschmückt mit einer Vielzahl von Anekdoten aus dem Gerichtssaal und geradezu aberwitzigen Ablehnungsgründen, die sich im Laufe der Jahre so angesammelt hatten. Schließlich wurde noch kurz auf den berühmten Haken an der Sache eingegangen: die mögliche Kriminalisierung der Verteidiger mittels des von 1935 stammenden Rechtsberatungsgesetzes, das die "geschäftsmäßige Besorgung fremder Rechtsangelegenheiten" als Ordnungswidrigkeit mit Geldbußen von bis zu 5.000 EUR belegt. Damals als Instrument, um die jüdischen RechtsanwältInnen aus der Rechtsberatung zu entfernen, ist es heute – nachdem die "ausgesprochen antisemitischen Passagen" aus dem Gesetzestext gestrichen wurden, vor allem probates Mittel, um sich politisch mißliebige Elemente aus diesem Bereich fernzuhalten. Um nun die seit einigen Jahren bestehenden Bemühungen, das JUT-Konzept innerhalb der TKDV-Bewegung auf eine breitere Basis zu stellen, waren in den Jahren 1998 und 2000 zwei JUT-Seminare in Dresden veranstaltet worden, die dazu dienen sollten, die potentiell am Verteidigerjob Interessierten einmal ein gesamtes Wochenende in geballter Form mit den hierfür eben auch notwendigen juristischen Kenntnissen zu versorgen, wohlwissend, daß dies allein freilich nicht ausreichend, sondern vielmehr nur Beginn und Anlaß weiterer Beschäftigung mit diesem Thema sein kann. Zu den beiden Seminaren hatte es immer sehr positives Feedback gegeben und in der darauffolgenden Zeit hatte es auch durchaus einige positive Entwicklungen in dieser Richtung gegeben. Leider konnten die Dresdner ihr Vorhaben, die Seminare nunmehr jährlich stattfinden zu lassen, nicht in die Tat umsetzen. Sicher nicht zuletzt deshalb waren die Aktivitäten "neuer Verteidiger" in dieser Richtung wieder rückläufig. In diesem Jahr sollte nun ein weiterer Anlauf gewagt werden: im frühen Herbst diesen Jahres, diesmal in Berlin. Der angepeilte Zeitpunkt Anfang September wird nun aufgrund der bislang noch nicht besonders weit vorangeschrittenen Vorbereitung nicht mehr zu halten sein, aber es bleibt zu hoffen, daß die Hauptstädter die Sache im Auge behalten.

Nach dem – wiederum überaus köstlichen – Mittagessen und einer kleinen Pause ging es mit den AGen Ohne Uns und Knast/Arrest weiter, welche auf den nahegelegenen Parkwiesen begannen, später jedoch vor dem heraufziehenden Gewitter fliehen und sich in die überdachten Räumlichkeiten begeben mußten.

OHNE UNS – wer macht’s?!

Es war schon im Vorfeld in der Einladung zum Bundestreffen angekündigt worden: das OHNE UNS sucht(e!) wieder einmal eine neue Heimat. Nachdem während des letzten BuTre’s in Berlin die Abgabe des Projektes von Dresden nach Frankfurt/M. an Torsten Froese erfolgte, war leider auch seitdem keine Ausgabe erschienen, was hauptsächlich daran lag, daß die Bewerkstelligung der anfallenden redaktionellen Aufgaben von einem alleine eben eigentlich nicht zu machen ist. Nach einer kurzen Auswertung der Gründe des Nichterscheinens im vergangenen Jahr und der klaren Aussage von Torsten, das Projekt in jedem Falle abgeben zu wollen, erklärte die Gruppe aus Bremen, daß sie sich grundsätzlich vorstellen könnten, die Redaktion zu übernehmen, sich aber noch etwas unsicher seien, wie hoch der Arbeitsaufwand einzuschätzen sei. Daraufhin wurde den Bremern von den früheren OU-Redakteuren skizziert, womit und wie lange mensch beschäftigt ist, bis ein gedrucktes Heft auf dem Tisch liegt, aber auch, wieviel Spaß das machen kann. Anschließend zogen sich die Bremer zurück, diskutierten, wer von ihnen was leisten könne und ob dies zu schaffen sei. Gegen Abend stand die Entscheidung fest: das OHNE UNS zieht nach Bremen! Da nun die Bremer bereits mit einigem Enthusiasmus ans Werk gegangen sind, gibt dies Anlaß zu der begründeten Hoffnung, daß damit das Überleben und ein regelmäßiges Erscheinen des OHNE UNS gesichert ist.

AG Knast/Arrest

Die Inhaftierung war das Thema dieser AG. Für Totalverweigerer kommt dies potentiell gleich in zweifacher Hinsicht in Frage. Diejenigen, die zuvor keinen KDV-Antrag stellen und die Einberufung zum Wehrdienst bei der Bundeswehr totalverweigern, müssen sich mit Feldjägersuche und der nahezu sicheren Arrestierung auseinandersetzen. Abzuwenden wäre dies nur dadurch, daß mensch sich über die gesamte Zeit der Einberufung erfolgreich dem Feldjägerzugriff entzieht. Das dies gelingt, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber zumindest sehr schwierig, denn notwendig damit verbunden, sich über zehn Monate nicht an seinem Wohnort aufhalten oder auf seiner Arbeitsstelle erscheinen zu können. Es sollte also genauestens überlegt werden, ob mensch der damit verbundenen psychischen Belastung gewachsen ist. Von Malik Sharif (Berlin), der Ende 2001 selbst 77 Tage lang in der Arrestzelle in Breitenburg verbracht hatte, wurden zunächst die näheren Umstände und Haftbedingungen näher beschrieben: eine 6-9 qm "große" Zelle ausgestattet ist mit Pritsche, die tagsüber hochgeklappt wird, Tisch, Stuhl, Waschbecken und Toilette; 23 Stunden Einschluß, eine Stunde Hofgang am Tag, eine Stunde Besuch pro Woche, das Fenster meist in unerreichbarer Höhe, oft mit Milchglas versehen, das Licht wird von außen geschaltet. Die Länge eines Arrestes ist auf 21 Tage begrenzt, allerdings wird gegen Totalverweigerer Arrest in der Regel mehrfach hintereinander vollstreckt. Dabei hat sich in der "Recht"sprechung der TDGe zwar eine Obergrenze von bis zu 63 Tagen herausgebildet, die jedoch in einzelnen Fällen immer wieder zu durchbrechen versucht wird. Das Arrestverfahren muß bei näherem Hinsehen als alles andere als rechtsstaatlich ausgestaltet bezeichnet werden. Nach der Befehlsverweigerung erfolgen zunächst eine vorläufige Festnahme und die Verhängung des Arrestes. Damit dieser jedoch auch vollstreckt werden darf, bedarf es zuvor der Zustimmung des zuständigen Truppendienstrichters, die in der Regel auch erfolgt. Da diese Zustimmung fast ausnahmslos mit Sofortvollzug versehen wird, hat eine Beschwerde gegen die Entscheidung keine aufschiebende Wirkung. Über die Beschwerde wiederum entscheidet die Kammer des TDG, die besetzt ist mit dem gleichen Richter, der der Maßnahme zuvor bereits zugestimmt hat als Vorsitzenden sowie zwei Soldaten. Gegen die Entscheidung der Kammer im Beschwerdeverfahren, das in der Regel ohne Hauptverhandlung auskommt, in dem es weder Akteneinsicht noch Verteidiger und schon gar keine Öffentlichkeit gibt, gibt es kein weiteres Rechtsmittel. Um so mehr sind v.a. zwei Dinge dringend erforderlich: zum einen eine gute Vorbereitung des Totalverweigerers sowohl in juristischer als auch in "mentaler" Hinsicht, zum anderen eine gut funktionierende UnterstützerInnengruppe, die für eine breite Öffentlichkeit und gute Haftbetreuung sorgt. Auch, wenn die letzte rechtskräftig gewordene Haftstrafe gegen einen Totalverweigerer schon etwas zurückliegt, müssen sich Totalverweigerer darüber im Klaren sein, daß es letztlich dennoch jeden betreffen kann und daher eine Auseinandersetzung mit diesem Thema notwendig ist, die nicht mit der Hoffnung, so hart werde es schon nicht werden, vom Tisch gewischt werden sollte. Maria Ulrich (Dresden), die seit längerem in der AntiKnast-Gruppe innerhalb der Roten Hilfe tätig ist, berichtete von ihren Erfahrungen, die sie durch die Betreuung von Gefangenen gesammelt hat. Gesprochen wurde neben der infrage kommenden Strafhaft, also der Vollstreckung einer rechtskräftig gewordenen Freiheitsstrafe, auch über die Gefahr der – bei Totalverweigerern recht selten vorkommenden – U-Haft. Für die Ausstellung eines Haftbefehls ist die Bejahung von "Fluchtgefahr" Voraussetzung, also der Gefahr, der Beschuldigte werde sich dem Strafverfahren entziehen, die bei Totalverweigerern regelmäßig gerade nicht gegeben ist. Dabei ist v.a. zu beachten, daß die Fluchtgefahr nicht aus der bloßen Fahnenflucht geschlossen werden darf, da letztere lediglich das sich-Entziehen vor dem Zugriff der Feldjäger bzw. dem Wehrdienstverhältnis meint.

Nach einer halbstündigen Pause ging es dann in die letzte Runde mit den beiden AGen Prozeß-Prozedere und Vernetzung/Öffentlichkeitsarbeit.

AG Prozeß-Prozedere

Zunächst wurde von Detlev und Jörg noch einmal in groben Zügen der Ablauf des Strafverfahrens vom Stadium des Ermittlungsverfahrens bis zum rechtskräftigen Abschluß sowie der Gang einer Hauptverhandlung erläutert. Betont wurde, daß TKDV-Prozesse wieder besser vorbereitet werden müssen. Für den Angeklagten bedeutet dies nicht nur, mit einer guten Prozeßerklärung aufwarten zu können, sondern auch, sich im Gerichtssaal halbwegs souverän bewegen zu können, was eben auch die wenigstens ansatzweise Beschäftigung mit Juristischem zur Voraussetzung hat. Die beste Möglichkeit, sich für den eigenen Prozeß fit zu machen, besteht aber immer noch darin, möglichst vielen anderen TKDV-Prozessen als Zuschauer beizuwohnen. Das allerdings ist aber in den letzten Jahren zu einem großen Problem geworden, da die Anzahl der uns bekannt gewordenen TKDV-Prozesse stetig abgenommen hat. Bleibt zu hoffen, daß sich dieser Trend mit einem funktionierenden OHNE UNS wieder umkehren läßt. Die immer noch bzw. wieder geäußerte Hoffnung, durch eine überzeugende Argumentation im Prozeß die Entscheidung des Gerichts maßgeblich beeinflussen zu können, mußten Detlev und Jörg den Anwesenden allerdings nehmen: die Erfahrung zeigt, daß dies nur in Ausnahmefällen und in sehr begrenztem Umfang stattfindet; zu sehr ist die Entscheidung von den persönlichen Voreinstellungen der RichterInnen abhängig, die sich von den Ausführungen des Angeklagten und seines/r VerteidigerIn in der Verhandlung kaum beeindrucken lassen. Die sich logisch daran anschließende, auch nicht neue, Frage, für wen der Prozeß dann vorbereitet wird, kann daher auch nur so beantwortet werden, daß Prozesse im wesentlichen der Öffentlichkeitsarbeit dienen und der "Erfolg" eines Prozesses nicht am Strafmaß, sondern am Urteil des Publikums gemessen werden sollte.

AG Vernetzung/Öffentlichkeitsarbeit

Hauptsächlich wurde hier über die Pflege und eine neue Konzeption der website des OHNE UNS gesprochen, da Bremer geäußert hatten, daß sie diese Aufgabe nicht mit übernehmen möchten. Um den Aufwand für die Pflege der Homepage zu senken, wurde beschlossen, Seite so zu gestalten, daß Inhalte von verschiedenen Leuten selbst hineingestellt werden können, ohne daß es hierfür eines webmasters bedarf. Außerdem soll die Seite, v.a. das Layout, komplett neu konzipiert werden.

BuTre 2004

Nach kurzer Pause trafen sich alle zu einem kurzen Abschlußplenum, in dem jeweils für alle ein kurzer Überblick gegeben wurde, was in den einzelnen AGen besprochen worden war. Bei der Frage, wer sich um die Ausrichtung des Bundestreffens im kommenden Jahr bewerben möchte, gab es erst einmal ein langes Schweigen. Ursprünglich hatten zwar die Bremer daran gedacht, nun aber, nachdem sie schon das OU mit nach Hause nahmen, davon Abstand genommen. Schließlich machten die Dresdner für den Fall, daß sich kein anderer Ort fände, das Angebot, es erneut in Dresden stattfinden zu lassen. Dabei blieb es dann auch. Sicher ist das keine optimale Lösung, weil es schöner ist, wenn der Veranstaltungsort wechselt, aber ein zweites BuTre in Dresden ist freilich besser als gar keines. Und im nächsten Jahr wird alles natürlich noch besser werden... Nach einem langen und arbeitsreichen Tag gab es und wunderbar schmeckenden veganen Bratlingen begann der feucht-fröhliche Abend, der mit der Vorführung des mit der goldenen Tüte prämierten Films "Lammbock" ausklang.

Sonntag

Das Aufstehen fiel den meisten von uns noch schwerer als am Tag zuvor und so zog sich das Frühstück bis in den späten Vormittag. Inhaltlich standen noch zwei Dinge auf dem Programm. Die geplante AG für eine Resolution des Bundestreffens zum Irak-Krieg fiel mangels Teilnahme aus, was wohl vor allem daran lag, daß das ursprünglich geäußerte Interesse angesichts der nun nicht mehr gegebenen Aktualität verständlicherweise gering ausfiel. Mehr Zuspruch dagegen erfuhr die AG information warefare, in der Sandro Merbd (Dresden) über die Erfahrungen mit diesem in jüngster Zeit immer bedeutsamer werdenden Aspekt der Kriegsführung berichtete.

Nach dem Mittagessen fanden sich alle, die bis dahin noch nicht abgereist waren, zur Abschlußrunde ein, die allerdings etwas merkwürdig verlief, die Äußerungen blieben sehr spärlich und wenig differenziert und gingen kaum über ein "ja, war schön" hinaus. Gelobt wurde der Veranstaltungsort, dessen Ausstattung mit u.a. komplett eingerichteter Kneipe und Küche einigen Komfort bot, positiv hervorgehoben wurden auch die Existenz der Kinderbetreuung und daß die Zubereitung des Essens diesmal "extern" bewerkstelligt wurde. Da beides für diejenigen, die das realisiert hatten, jedoch sehr anstrengend war, können wir nicht dafür garantieren, daß das im nächsten Jahr wieder so gehandhabt werden kann. Einige Neueinsteigenden äußerten, daß es für sie eine sehr hohe Dichte an Informationen war, die nun erst einmal verarbeitet werden müßten. Schön war natürlich auch, "die alten Leute mal wieder zu treffen". Die Dresdner freuen sich jedenfalls, auch zum nächsten BuTre den kürzesten Anfahrtsweg zu haben und versprechen, die Einladungen diesmal rechtzeitig zu versenden...

(Jörg Eichler & Sebastian Kraska, TKDV-Initiative Dresden)

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