(16.10.2003)
Zum ersten Mal seit langem auf einem Bundeskongreß, aber wir wissen bald wieder, warum wir so lange nicht da waren: daß etwas gleichzeitig so anstrengend und so langweilig sein kann! Es war ständig zu hören, daß die DFG-VK in der Krise sei, daß sie sich ändern müsse (wegen "Zukunftsfähigkeit" und so); und was passiert? Stundenlange Debatten über – Satzungsänderungen!
Genau darin besteht die Krise der DFG-VK: statt zu versuchen, die Probleme dort zu lösen, wo sie sind, ändert man die Satzung... Papier und Leerlauf, und die Zeit vergeht auch.
Wo liegen unsere Probleme? Die Basis ist zu großen Teilen weggebrochen, und als Abhilfe wird immer wieder ein Mittel vorgeschlagen, das seit 20 Jahren nichts genutzt hat: die Stärkung der Bundesebene. So auch diesmal; allerdings in noch nicht dagewesener Rücksichtslosigkeit. Die bestehenden Gruppen und Landesverbände sollten aufgelöst werden, was sich danach auf örtlicher oder Landesebene wieder zusammengefunden hätte, hätte am Tropf der Bundesgremien gehangen. Zum Glück erwiesen sich diese Pläne als nicht durchsetzbar. Dennoch haben sie dazu beigetragen, dem Bundeskongreß die Zeit zu stehlen, die für einen produktiven Streit nötig gewesen wäre: Wie können die aktiven Teile der DFG-VK besser koordiniert, die inaktiven wiederbelebt werden? Was für eine Ausstattung braucht die Bundesebene für diese Aufgabe, und wo können die Mittel dafür beschafft werden?
Leider fand diese Auseinandersetzung nicht statt. Die Verantwortung dafür trägt der alte Bundessprecherkreis, der den Kongreß – man kann es nicht anders sagen – völlig unzureichend vorbereitet hatte. Statt eine offene Diskussion über die Probleme der DFG-VK zu ermöglichen, wurde auf die sogenannte Strukturreform gesetzt, obwohl seit Monaten klar war, daß dies den aktiven Landesverbänden keine andere Wahl lassen würde, als um ihr Bestehen und ihre Arbeitsmöglichkeiten zu kämpfen. Im Verlauf der Debatte wurde immer klarer, daß es dem BSK vor allem um die Durchsetzung einer hauptamtlichen politischen Geschäftsführung auf Bundesebene geht – gut, warum sagen sie das nicht gleich? Warum wurde kein konkreter Vorschlag vorgelegt: mit den Gründen, die für so eine Stelle sprechen könnten, einer klaren Aufgabenbeschreibung und einem Finanzierungsplan? Darüber hätten wir in einer Weise streiten können, die zu etwas geführt hätte. Und wir hätten schließlich ein klares Votum des Bundeskongresses bekommen; nun wurde erreicht, daß der Bundesausschuß das letzte Wort in Sachen hauptamtlicher Geschäftsführung hat. War das Absicht? Auf dem BA läuft erfahrungsgemäß nicht so viel Basis rum, und die stört bei so was ja nur...
Immerhin, ein deutliches Ergebnis hatte der Kongreß: die Mehrheit der Delegierten hat erkannt, daß die DFG-VK als stromlinienförmig und mediengerecht gestylte Hauptamtlichenorganisation im Sinne der "Reformvorschläge" keine Zukunft hat. Sie ist kein Förderkreis, der einige Experten sponsert und ihnen Medienauftritte ermöglicht; ihre Chance liegt gerade in dem, was Zentralisten als Manko sehen wollen: hier kann jeder Interessierte auf jeder Ebene – örtlich, überregional, bundesweit – einsteigen und mitarbeiten, und zwar auf jedem Niveau von der gelegentlichen Spende bis zu anspruchsvollster inhaltlicher Arbeit. Und dies in Strukturen, die einen langfristigen Zusammenhalt gewährleisten. Diese Kombination aus Offenheit und fester Organisation hat das Überleben der DFG-VK ermöglicht, in Zeiten, die viele andere Gruppen nicht überstanden haben! (Außerdem, das sollten wir nicht übersehen: wir haben unsere Unabhängigkeit bewahrt. Bei allen Finanzproblemen, die wir haben, es sind unsere Probleme! Wir hängen an keinem halbstaatlichen Tropf und müssen nicht über jedes realpolitische Stöckchen springen.)
Also: alles wird gut? Nein. Die Lage ist mies, für jede oppositionelle Politik in der Bundesrepublik, und auch für uns. Aber die DFG-VK hat eine Chance, sich zu behaupten und Einfluß in der Friedensbewegung zu gewinnen, wenn sie sich nicht allzu dumm anstellt. Organisatorisch sollte die Bundesebene versuchen, die Arbeit von Gruppen und Landesverbänden aufzunehmen, zu koordinieren und ihre Wirkung möglichst weit zu verbreiten; inhaltlich kann die DFG-VK sich auch bundesweit als die Organisation profilieren, in der radikale pazifistische Positionen ihren Platz haben.
(Ach, und noch etwas – etwas, was wir allerdings als mittelprächtigen Skandal empfinden: Ein Kandidat zum BSK wurde nicht gewählt, obwohl der BSK doch arg überlastet sei; und ausschlaggebend dafür können politische Gründe nicht gewesen sein, denn inhaltlich hat er nichts anderes vertreten, als eine andere Kandidatin, die allerdings gewählt wurde. Hier ging es wohl um eine Ablehnung der Person gehandelt haben, um ein Ressentiment, das viele Delegierte gegen ihrer Meinung nach allzu schrille Persönlichkeiten hegen. Erstens wird das so ja nie was mit "Zukunftsfähigkeit" und Modernität und so Kram, und zweitens würden wir schon gern wissen, was unsere seriösen Friedensfreunde da wieder für Sorgen gehabt haben mögen...)
DFG-VK Marburg