Die Tyrannei, die Freiheit und der
Krieg
Wie George die Welt retten will
und Gerhard ihm ein bißchen dabei hilft
(Kalaschnikov vom 2.2.2005)
Der Präsident und der Bundeskanzler sind Partner
und Rivalen zugleich, und deshalb sieht es so aus, als wäre die deutsche
Militärpolitik ein bißchen friedlicher.
Die Prahlereien in der Antrittsrede des
US-Präsidenten, man werde die Freiheit in die Welt tragen und die Tyrannei
bekämpfen, zeugen beunruhigend deutlich von Größenwahn. Aber nicht die
psychischen Probleme des George W. Bush geben Anlaß zur Sorge, sondern der
Umstand, daß er mit diesen Problemen und gerade ihretwegen der richtige Mann
für den Job ist, den er nun weitere vier Jahre tun darf.
Der Bush-Regierung geht es darum, die hegemoniale
Position der USA, die alleinige Entscheidungsgewalt über Krieg und Frieden, zu
wahren. Das ist übrigens nur konsequent: nachdem die NATO in den
Jugoslawienkriegen der 90er Jahre eine sogenannte „internationale Gemeinschaft“
erfunden hatte, die vor allem aus den NATO-Mitgliedern bestand, um auch ohne
UN-Mandat Krieg führen zu können, was hätte die USA daran hindern sollen, einen
Schritt weiter zu gehen und auf diese „internationale Gemeinschaft“ zu pfeifen?
Schließlich sind die USA als stärkste Militärmacht auch allein handlungsfähig.
Kein Wunder, daß die alten europäischen
Verbündeten sich mit diesem Verweis auf die Plätze nicht zufriedengeben wollen.
Sie verfolgen eigene Ziele und wollen das auch militärisch tun können. Daraus
ist bereits Streit entstanden, und derartigen Streit wird es häufiger geben.
Die NATO wird immer mehr zu einem Bündnis, in dem die Partner von Fall zu Fall
kooperieren oder konkurrieren, zu einem Rahmen nicht nur für gemeinsame Aktion,
sondern auch zum Austragungsort von Interessengegensätzen.
Das bisher schlagendste Beispiel für diese
Konkurrenz in der Kooperation ist der Irak-Krieg.
Tatsächlich hat die deutsche Regierung dieses
Krieg unterstützt: sie gewährte Überflugrechte und eine umfassende Nutzung der
militärischen Infrastruktur in der Bundesrepublik, setzte Bundeswehrsoldaten in
Kuwait und in den AWACS-Aufklärungsflugzeugen über der irakischen Grenze ein –
sie tat alles, was von ihr erwartet wurde. Zur gleichen Zeit jedoch trat sie
öffentlich gegen den Krieg auf. Eine geschickte Doppelstrategie, die für
diplomatischen Ärger sorgte, aber gerade deswegen erfolgreich war: Die
SPD-Grüne-Koalition konnte Deutschland als angebliche Friedensmacht
präsentieren, ohne tatsächlich etwas gegen den Krieg zu unternehmen. Damit
wurde die eigene Position im Konkurrenzbündnis mit den USA gestärkt und der
Anspruch bekräftigt, auch selbständig Welt- und Militärpolitik zu betreiben und
eigene Interessen zu vertreten.
Das aber – die Wahrung „nationaler Interessen“ –
ist das Gegenteil von Friedenspolitik, das geht nur, wenn man zur Kriegführung
bereit und fähig ist. Darüber sind sich die Leute, die Deutschland am
Hindukusch verteidigen wollen, im klaren: die Umrüstung der Bundeswehr zu einer
weltweit kriegsbereiten Armee und die Militarisierung der Europäischen Union
lassen da keinen Zweifel.
Die Führungsposition der USA wird in Frage
gestellt; nicht, um friedliche Politik zu machen, sondern um sich selbst als
weltweit handlungsfähige Militärmacht zu etablieren. Manchmal nennt Gerhard
Schröder das „die Emanzipation Europas von den USA“.
Wie sieht die Emanzipation der „Friedensmacht
Europa“ aus? Deutschland will mit 18.000 Soldaten das größte Kontingent für die
EU-Interventionstruppe von insgesamt 60.000 Mann stellen; europäische Battle
Groups zu je 1.500 Mann sollen innerhalb von 15 Tagen für Militäreinsätze auf
der ganzen Welt mobilisiert werden können; die EU gründet ein „Amt für Rüstung,
Forschung und militärische Fähigkeiten“; sie schreibt sich ein weltweit
einmalige Verpflichtung zu permanenter Aufrüstung in die Verfassung! Das
multilaterale Weltsystem, zu dem die EU beitragen will, kann man sich leicht
übersetzen: Westeuropa will zu einem Machtzentrum werden, daß sich von den USA
nicht in seine militärischen Optionen reinreden läßt.
Und nun wird ein Typ wie George W. Bush wiederum
zum Präsidenten der USA gewählt. Das ist praktisch. Sein Größenwahn erweist
sich für unterschiedliche Ziele als nützlich, er verdeckt politische und
militärische Strategien, indem er die Aufmerksamkeit auf die Revolverheldallüren
dieser öffentlichen Figur lenkt. Die europäischen Militärpolitiker können ihre
Rüstungsvorhaben recht unbehelligt verfolgen, solange die Öffentlichkeit nur
diesen einen Militaristen kennt. Sozialdemokraten und Grüne verbitten sich
jeden Zweifel am sorgfältig gebastelten Friedensimage: der bad guy sitzt doch
in Washington! Gleichzeitig fungiert Bush als idealer Repräsentant einer
US-Strategie, die auf europäische Machtambitionen mit aggressiver
Zurschaustellung und Ausübung militärischer Macht reagiert. Stillstand wäre
auch hier Rückschritt, käme dem Aufgeben von Positionen gleich – auch das ist
ein Grund für das rücksichtslose Vorgehen im Irak.
Die bedingte Konkurrenz der NATO-Staaten bei der
Neuaufteilung oder Stabilisierung von Einflußbereichen wird nicht zu
friedlicheren Zuständen in der Welt führen. In Zukunft werden Kriege in der
Dritten Welt auch Ausdruck der Rivalität zwischen den westlichen Machtzentren
sein. Wer dagegen Frieden schaffen will, muß eine grundsätzlich andere Politik
machen; und wer die Kriegstreiberei der US-Regierung anprangert, sollte das
nicht aus der Perspektive des Juniorpartners tun, der sich lediglich
Mitspracherechte und günstigere Bedingungen für die Verwirklichung seiner
eigenen Ambitionen verschaffen will.
Es gibt sinnvolle Kriterien, an denen man
Friedenspolitik messen kann. Dazu gehört die Bereitschaft zur Abrüstung – aber
die Bundeswehr wird nicht abgerüstet, sondern ihrem neuen Auftrag entsprechend
umstrukturiert und ausgestattet: sie wird kleiner, aber gemeiner. (Auch die
Mißhandlungen von Rekruten standen im Zusammenhang mit der Einführung neuer
Ausbildungsrichtlinien für die „Armee im Einsatz“.) Das parteipolitische Gezänk
um die Wehrpflicht dient ebenfalls keinem antimilitaristischen Zweck: es geht
um die angemessene Rekrutierungsform für eine Interventionstruppe. Die
sofortige und bedingungslose Abschaffung der Wehrpoflicht und der Einsatzkräfte
wären dagegen ein Schritt in die richtige Richtung.
Deutschland ist maßgeblich daran beteiligt, die
Grenzen Europas für Flüchtlinge unüberwindlich zu machen. Das Gegenteil wäre
nötig. Kriegsflüchtlinge brauchen Schutz, und gerade ein Asylrecht für
Kriegsdienstverweigerer und Deserteure würde real zur Eindämmung von Kriegen
beitragen. Hier zeigt sich, ob man tatsächlich Verantwortung für Frieden in der
Welt übernehmen will, oder ob das Gerede davon bloß Vorwand für die Entsendung
von Militär ist, das wirtschaftliche und politische Interessen sichern soll.
Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied
zwischen der Militärpolitik der USA und derjenigen der EU. Die USA treten so
rücksichtslos auf, wie sie es sich als führende Macht erlauben können; die EU,
die noch Rücksichten nehmen muß, versucht mit allen Mitteln, es ihr nachzutun.
Deutschland ist eine treibende Kraft in diesem Rattenrennen.
Auch der beispiellose Sozialabbau, den die SPD-Grüne-Regierung betreibt, kommt
letztlich dem Militär zugute. Zum Beispiel erlauben die Hartz-IV-Gesetze so
viel Druck auf Erwerbslose unter 25 Jahren, daß die sich gezwungen sehen
können, zur Armee zu gehen, um überhaupt einen Job zu kriegen: eine Art soziale
Wehrpflicht. So funktioniert das auch in den USA … Wer gegen George W. Bush
protestiert, hat allen Grund, auch Gerhard Schröder in seine Gebete
einzuschließen.