Politischer Gefangener
(März 2000)
Putins Versprechen, in Tschetschenien „die Banditen im Scheißhaus zu schlagen" wurde in der russischen Stadt Kaluga erfüllt - in der Form, dass ein Opponent des Tschetschenienkrieges in einer Gefängniszelle kaltgestellt wird.
Dmitrij Neverovskij, 26 Jahre alt, wurde der „Entziehung vom Militärdienst" als Protest gegen den Krieg in Tschetschenien für schuldig erklärt. Er ist seit dem 18. Januar 2000 in einer Strafzelle im Gefängnis Kaluga inhaftiert, am 26. Januar 2000 erklärte er einen Hungerstreik, ohne Aufnahme von Wasser oder Essen. Er protestiert gegen die vollkommen grundlose Bestrafung durch die Inhaftierung in einer ungeheizten Zelle, die in dem Moment begann, als in Kaluga Frost einsetzte. Die Lufttemperatur in Kaluga erreicht gegenwärtig 20 Grad minus.
Wir betrachten diese Behandlung von Dmitrij Neverovskij als einen Versuch,
seine Gesundheit in maximaler Weise zu schädigen, während
er auf die Berufungsverhandlung wartet. Mehr noch, es ist wichtig, dass
die russische Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft, die
sich aktiv für ihn einsetzt, weiß, dass diese Aktion von oben
gutgeheißen wird. So wird die harte Linie der Regierung sowohl von
den Strafverfolgungsbehörden wie auch der Justiz interpretiert
und umgesetzt.
Hintergrund des Falles Neverovskij
Kriegsdienstverweigerer in Kaluga, Russland, inhaftiert
Am 25. November 1999 wurde Dmitri AnatolevièNeverovskij wegen „Entziehung vom Militärdienst" vom Stadtgericht Obninsk schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach Artikel 59 Absatz 3 der Verfassung der Russischen Föderation und Artikel 1 Punkt 5 des Bundesgetzes über „Militärische Pflichten und Militärdienst", haben junge Männer das Recht, einen alternativen zivilen Dienst abzuleisten, wenn der Militärdienst ihren Überzeugungen und Glaubensauffassungen widerspricht.
Als Student verließ Neverovskij 1995 die militärische Fakultät seines Instituts wegen des Krieges in Tschetschenien. Er sagte vor Gericht, dass er kein Pazifist sei, aber Antimilitarist. Seine tiefe Überzeugung ist, dass die Kriege in Tschetschenien (sowohl 1994-96 als auch gegenwärtig) Verbrechen darstellen, die von der russischen Armee ausgeführt werden.
Neverovskij, 26, ist seit 1996 aktives Mitglied der Radikalen Antimilitaristischen Assoziation und der regionalen Obninsker Menschenrechtsgruppe. Als er im Mai 1997 einberufen wurde, legte er Widerspruch gegen die Einberufung ein und beantragte die Ableistung des alternativen zivilen Dienstes. Neverovskijs zweimalige Anträge auf Anwendung seines verfassungsmäßigen Rechtes, wurden im Januar und im Juli 1999 abgewiesen. Als sich Neverovskij im Oktober 1999 nicht zur Ableistung des Dienstes meldete, wurde er angeklagt und musste im November vor Gericht erscheinen, wo er - in einem Verfahren voller Verfahrensverstößen - zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde.
Neverovskij ist der erste verurteilte Kriegsdienstverweigerer in seiner Region, und erst der zweite seit 1993 in ganz Russland, der wegen seiner Weigerung, Militärdienst abzuleisten, zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Darüber hinaus sind zwei Jahre die höchstmögliche Strafe. Warum wurde Neverovskij zu so einer langen Gefängnisstrafe verurteilt? Er und die Antimilitaristische Radikale Assoziation sind der Überzeugung, dass es dafür zwei Gründe gibt:
1. Andere einzuschüchtern, die im Bezirk Kaluskij der Wehrpflicht unterliegen, wo es derzeit etwa 100 Kriegsdienstverweigerer gibt.
2. Druck auf die Mutter von Neverovskij, Tatjana Kotljar, auszuüben, die die Vorsitzende der regionalen Menschenrechtsgruppe und Abgeordnete im Stadtparlament in Obninsk ist. Einige Jahre lang hat sie auch junge Männer unterstützt, die zum Militärdienst einberufen wurden, um deren Rechte zu verteidigen, inklusive des verfassungsmäßigen Rechts, den Militärdienst aus Glaubens- und Gewissensgründen zu verweigern.
Neverovskijs Inhaftierung stellt einen klaren Bruch des Verfassungsrechtes auf alternativen zivilen Dienst dar, und kann als Reaktion auf die politische Situation in Russland angesehen werden, wo der Krieg in Tschetschenien wütet und die Präsidentschaftswahl bevorsteht.
Gegen das Urteil gegen Neverovskij wurde Klage eingereicht, die im Februar 2000 verhandelt wird (siehe Seite 25), obwohl sie nach dem russischen Gesetz im Januar stattfinden müsste. Neverovskij wurde nicht erlaubt, an den russischen Parlamentswahlen teilzunehmen, und als er sich beschwerte, wurde ihm als Beweis eine Unterschrift mit seinem Namen auf dem Wahlregister gezeigt, dass er gewählt habe. Am 18. Januar wurde er mit einem Knüppel geschlagen und zu zwei Wochen Haft in einer kalten Strafzelle verurteilt, offensichtlich, weil er beim Verlassen der Zelle „die Hände nicht hinter seinem Rücken gehalten hatte".
Sergej Sorokin, Centre for Peacemaking and
Community Development: Dmitri Neverovskij - Politischer
Gefangener. 27. Januar 2000.
Übersetzung aus dem Englischen: rfr
Urteil wurde aufgehoben
Angeklagter bleibt aber weiter in Haft
Kaluga, Moskau, 9. Februar 2000. Gestern, am 8. Februar 2000, hat das Bezirksgericht von Kaluga über den Widerspruch von Dmitrij Neverovskij verhandelt. Er wurde am 25. November 1999 nach Artikel 328 Absatz 1 des russischen Strafgesetzbuches (Entziehung vom Militärdienst) zu zwei Jahren Haft verurteilt.
Die Verteidigung, vertreten durch den bekannten Kalugaer Rechtsanwalt David Slitinskij, die Mutter von Neverovskij, Tatjana Kotljar und den Sekretär von ARA, Nikolai Chramov, betonten nachdrücklich, dass das Urteil aufgrund des Fehlens einer Straftat aufzuheben und die Strafverfolgung zu beenden sei. Der Staatsanwalt beantragte, den Fall für eine weitere Untersuchung zurückzuverweisen und Neverovskij in Haft zu behalten. Das Gericht entschied, das Urteil des Obninsker Stadtgerichtes unter einem seltsamen Vorwand aufzuheben: Das Recht des Angeklagten auf Verteidigung sei nicht angemessen gewährleistet worden, da weder Tatjana Kotljar noch Nikolai Chramov eine universitäre Juristenausbildung haben - obwohl Artikel 47 der Strafprozessordnung diesbezüglich keine Einschränkung vorsieht. Zugleich stellte das Gericht die Untersuchungshaft nicht in Frage: Neverovskij wurde mit Handschellen vom Gericht aus ins Gefängnis abgeführt.
Tatsächlich haben während der Verhandlung des Bezirksgerichts in Kaluga ernsthafte Einschränkungen der Transparenz und Öffentlichkeit des Verfahrens stattgefunden: vielen Journalisten und Vertretern von Organisationen wurde die Anwesenheit während des Prozesses verwehrt. Sie hatten bei sehr kaltem Wetter mehr als sechs Stunden auf der Straße auf das Gerichtsurteil zu warten. Vor Beginn des Verfahrens, von 9 bis 10 Uhr, hatten Aktive der Radikalen Partei und von ARA aus Kaluga und Moskau eine Mahnwache abgehalten, um ihre Solidarität mit Dmitrij Neverovskij und anderen russischen Kriegsdienstverweigerern auszudrücken.
Dmitrij Neverovskij wurde am 25. November in das Bezirksuntersuchungsgefängnis (IZ-37/1) von Kaluga gebracht. In seiner Zelle, die für 8 Personen vorgesehen ist, befanden sich 25 Gefangene, so dass sie im Turnus schlafen mussten. Während dieser Zeit wurde Neverovskij zwei Mal in die Strafzelle gebracht - das ist ein Steinloch ohne Heizung - einmal für 10 Tage und einmal für zwei Tage. Das ist der Grund, warum wir von Folterung des Gefangenen sprechen. Neverovskij und seine Mutter, Tatjana Kotljar, denken, dass die Gefängnisleitung ihn deswegen so schlecht behandelt, um sich an ihm zu rächen, weil Neverovskij die Gefängnisleitung angeklagt hatte, ihn an der Ausübung seines Wahlrechts zu den Parlamentswahlen am 19. Dezember 1999 gehindert zu haben.
Am 18. Januar 2000 hat das Europäische Parlament in seiner Resolution
zu Tschetschenien seine Besorgnis über das Schicksal von Dmitrij
Neverovskij ausgedrückt, der den Kriegsdienst verweigerte, um gegen
den Tschetschenienkrieg zu protestieren.
Antimilitaristische Radikale Assoziation:
Russia - Conscientious Objection - Case of Neverovskij:
The Verdict Repealed, but the Accused Remains in Prison.
Kaluga und Moskau, 9.
Februar 2000. Übersetzung aus dem Englischen:
rfr
Quelle: www.dfg-vk.de)