Dönhoff-Tag diesmal ohne Dönhoff

Kein Gedenken der "Zeit"-Mitherausgeberin an die "Männer und Frauen" vom 20. Juli 1944

(Kalaschnikov, Sendung vom 26. Juli 2000)


Alle Jahre wieder versorgte uns über Jahrzehnte hinweg die Herausgeberin der Wochenzeitung "die Zeit", Marion Gräfin Dönhoff, pünktlich im Hochsommer mit einem Loblied auf die "Männer und Frauen des 20. Juli", mithin auf jene preußischen Wehrmachtsoffiziere um Graf Stauffenberg, die im Juli 1944 versucht hatten, Hitler in die Luft zu sprengen. Immer wieder wies die Gräfin gerne darauf hin, daß sie es gewesen sei, die als erste im Nachkriegsdeutschland den Widerstand der Offiziere gewürdigt habe. Zum ersten Mal bereits im Juli 1945 - am ersten Jahrestag des Anschlags.

Sicherlich war das Erinnern an den - wie Dönhoff 1948 formulierte - "Geist des 'geheimen Deutschlands'" bis zum Ende der fünfziger Jahre eine ehrenwerte Angelegenheit, denn die Stauffenberg-Verschwörer galten lange Zeit noch den bundesdeutschen Eliten als Vaterlandsverräter und Kameradenschweine - gerade auch bei den ehemaligen Wehrmachtsoffizieren, die just begonnen hatten, die neue deutsche Armee aus der Taufe zu heben. Schließlich erließ dann 1959 Adolf Heusinger als erster Generalinspekteur der Bundeswehr einen die Attentäter ehrenden Tagesbefehl an die Truppe. Jener Heusinger - und das ist ein wahrhaft schillerndes Licht auf die Kontinuitätslinien deutschen Offizierstums - jener Heusinger, der als Chef der Operationsabteilung am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier gerade das Wort führte als die Sprengladung explodierte. Heusinger, der damals von den "vornehmsten Zeugen gegen die Kollektivschuld Deutschlands" schwadronierte, hatte damit den alten Kameraden Stauffenberg fürs deutsche Soldatentum rehabilitiert. Fortan gehörte das Gedenken an den 20. Juli zum festen Bestandteil bundesdeutscher Geschichtspolitik.

Wir haben an dieser Stelle in den vergangenen Jahren regelmäßig das hohe Lied der mittlerweile 90 Jahre zählenden Gräfin Dönhoff auf die Offiziersverschwörung kritisch kommentiert. Der 20. Juli, der "Dönhoff-Tag" war ein stets ausgesuchter Leckerbissen im publizistischen Jahreslauf. Beim letzten Mal stellte "Kalaschnikov" gespannt die Frage - wir zitieren uns ausnahmsweise mal selbst -,

"ob sich bis zum nächsten Jahr ein Mutiger in der Redaktion der Zeit findet, der die Traute hat, dem 54 Jahre währenden und schließlich verflachenden Stauffenberg-Abfeiern ein Ende zu setzen." Wir wissen heute nicht wann, wer und wie - jedenfalls wurde ein Ende gesetzt. Der Dönhoff-Tag 2000 fand ohne Dönhoff statt. Warum? Auch die Redaktion des Hamburger Wochenblattes dürfte bemerkt haben, daß mittlerweile die lobhudelnde Position der Gräfin zum preußischen Offizierswiderstand nicht mehr haltbar ist. Schon 1948 klang ihr Gerede von den "Revolutionären", deren gemeinsame Grundlage "...die geistige Wandlung des Menschen, die Absage an den Materialismus und die Überwindung des Nihilismus als Lebensform..." gewesen sei, ein wenig zu euphorisch und durchgeknallt. Goerdeler, Stauffenberg, Tresckow und Co. als Kulturrevolutionäre - das war mehr Dönhoffsches Phantasiegespinst als sonst was, wenn auch kurze Zeit nach Kriegsende vielleicht noch entschuldbar.

Fast 50 Jahre später, 1997 versuchte sie die Grandiosität der Verschwörung quantitativ-empirisch zu untermauern:

"Es gibt kein anderes Land, in dem führende Vertreter der Nation um der Moral, des Rechts und der Freiheit willen so große Opfer gebracht haben." Begründung: "Nach dem 20. Juli 1944 wurden hingerichtet: 19 Generäle, 26 Obersten, 2 Botschafter, 7 Diplomaten, 1 Minister, 3 Staatssekretäre sowie der Chef der Reichskriminalpolizei; ferner mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten, Regierungspräsidenten." So ganz nach dem Geschmack also der großen alten Dame des gehobenen Zeigefingers. Eliten waren elitär, aber moralisch und brachten um der Freiheit und des Rechtes willen große Opfer. Schlichtweg vorbildhaft: "Wie viele Opfer haben sie gebracht und wie wenig dabei geklagt - wie wenig Opfer bringen wir, aber wieviel wird gejammert", jammerte zum Schluß noch einmal die Gräfin, wohl schon spürend, daß sie mit ihrer Einschätzung hinsichtlich der guten Menschen aus der Heeresgruppe Ost zunehmend in die Defensive geriet. Die Aufzählung der Opferstatistik klingt hölzern, verkrampft. Die reine Zahl, die Masse soll das Herausragende der Verschwörung belegen.. Quantität trat an die Stelle der Qualität.

Doch die weiße Weste des militärischen Widerstandes bekam partiell in der öffentlichen Wahrnehmung wie in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zunehmend dunkle Flecke. Warum kam es erst im Juli 1944, als der Großteil des europäischen Judentums in den Vernichtungslagern bereits ermordet worden war, zum Attentat? Weil sich bis dahin keine oder nur schlechte Gelegenheiten boten? Das, was der Hitlerattentäter und Möbelschreiner Georg Elser schon 1939 im Münchner Bürgerbräukeller im Alleingang zu Wege brachte, sollte dem gesamten adligen Widerstand in der Wehrmacht, den Generalen, Obersten und sonstigen Offizieren bis Sommer 1944 nicht gelungen sein, weil hier und dort ein Zünder versagte oder weil man in London sich eine diplomatische Abfuhr einhandelte? Warum schickte man überhaupt Denkschriften nach London, wenn es darum ging, die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden zu verhindern? Antwort: die Leute des 20. Juli hatten vor allem im Sinn, Deutschland zu retten, dessen totale Niederlage sich abzeichnete. Die Unterbindung der Vernichtung des Judentums mag als Motiv an zweiter Stelle gestanden haben. Bei etlichen spielte sie allenfalls eine geringe Rolle.

Etwa bei Henning von Tresckow, dem - so Dönhoff - "Kopf und Herz des militärischen Widerstandes". Im August 1942 übernahm Tresckow die Leitung der "Partisanenbekämpfung" im Bereich der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront. Der Zeitraum bis zu seiner Versetzung im Sommer 1943 nach Berlin war durch eine erhebliche Verschärfung der sogenannten "Bandenbekämpfung" gekennzeichnet. Banden- und Partisanenbekämpfung standen damals für einen erbarmungslosen Krieg gegen Zivilisten und für die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Insgesamt verloren bei Antipartisanenoperationen der Heeresgruppe Mitte etwa 250.000 Menschen ihr Leben.

Was den Attentätern im Berliner Bendlerblock bei ihren Plänen im Weg stand, was sie von einem frühzeitigen und entschiedenen Vorgehen gegen Hitler abhielt, war die teilweise Interessensidentität mit der faschistischen Regierung des deutschen Reiches. Geradezu dunkelbraune Flecken auf der Weste.

Vor diesem Hintergrund geriet auch Frau Gräfin im vergangenen Jahr in Erklärungsnöte und watschte zunächst mal den Professor Wippermann ab:

"Professor Wippermann von der Freien Universität Berlin, der sich selbst als Historiker bezeichnet, tadelt, daß die Männer des 20. Juli keine demokratische Zielsetzung gehabt hätten - er kann sich offenbar nicht vorstellen, daß man nur darüber nachdachte, wie die zentrale Figur der Verbrechen ausgeschaltet werden könnte." Die Männer und Frauen des 20. Juli, so fährt Dönhoff, die sich gerne Journalistin nennt, fort "... hatten jahrelang zwischen Tod und Leben gearbeitet - Demokratie war unter solchen Umständen nicht das wichtigste." Wenn es dem konservativ-militärischem Widerstand aber nicht um Demokratie ging, wenn alles andere ansonsten beim Gleichen bleiben sollte, da man nur darüber nachdachte, die zentrale Figur der Verbrechen auszuschalten und nicht die Verbrechen selbst zu unterbinden (die auch zum größten Teil, sofern sie sich auf die Judenvernichtung bezogen, ja auch schon begangen worden waren), dann ging es bei der Stauffenberg-Bombe tatsächlich nur um die Frage, wer die Macht im Staate hat. Nationalsozialistische Partei oder faschistische Militärs. Damit ist die Gräfin nicht mehr allzu weit von der von ihr immer frontal attackierten Position Churchills entfernt, der im August 1944 erklärte, bei dem Attentat handle es sich um "Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches."

Solche widersprüchlichen Konklusionen waren dann doch allen Beteiligten zuviel. Heuer schwieg sich Frau Gräfin in der "Zeit" zu ihrem Lieblingsthema aus. Das ist zwar einerseits schade, war aber andererseits abzusehen.

Die Redaktion der Zeit selbst gab zum Thema einen neuen Kurs aus. Etwas versteckt wurde schon im Januar die neue Sicht der Dinge durch den Feuilleton-Chef Jens Jessen formuliert. Im Hamburger Blatt bisher unerhörte Töne:

"Die Abwertung des einen Widerstands zieht unweigerlich die Abwertung des anderen nach sich. Wer den Kommunisten die Würde ihres Widerstands bestreiten will, weil sie nicht nach der parlamentarischen Demokratie gestrebt hatten, muss dasselbe für die Männer des 20. Juli tun, deren Verfassungsentwürfe unterschiedlichen Zuschnitts waren, in jedem Fall aber auf einen autoritären Staat mit Zügen einer Umerziehungsdiktatur hinausliefen. Eine ähnliche Symetrie gilt aber auch für die Umstände , unter denen sich der Widerstand, und zwar unabhängig von seinen politischen Zielen, in einem Polizeistaat überhaupt ins Werk setzen lässt. (Wenn gegen Georg Elser eingewendet wird,) er habe unverantwortlicherweise in Kauf genommen, nicht nur Hitler, sondern auch andere zu töten, so ließe sich dasselbe gegen das Attentat Stauffenbergs einwenden. Selbst die engelsgleiche Unschuld der Geschwister Scholl ließe sich beschädigen mit dem Verweis auf die Leichtfertigkeit, mit der sie ihr soziales Umfeld dem Zugriff der Gestapo ausgesetzt haben." Soweit ist es mit Stauffenberg und Co. gekommen. Jetzt müssen zu deren Legitimierung schon Rote Kapelle, Georg Elser und Geschwister Scholl herhalten. Vielleicht hatte Gräfin Dönhoff unter solch schwierigen Umständen auch freiwillig ihre diesjährige Teilnahme abgesagt.