Dönhoff post mortem

(Kalschnikov vom 7. August 2002)


Über Tote soll man nicht schlecht sprechen. Dieser Grundsatz wird Pietät genannt. Andererseits soll man aber nicht jeden Unsinn unwidersprochen hinnehmen. Denn Gleichgültigkeit und Vernunft vertragen sich nicht. Was nun aber tun, wenn es eine Person nach ihrem Ableben nicht unterläßt, weiterhin Unfug zu machen? Wenn die Toten einfach nicht den Mund halten wollen? Das gibt es nicht, antworten Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Das sei Okkultismus und Geisterglaube?

Das dachten wir auch bis uns die Ausgabe Nr. 32/2002 der Wochenzeitung "die Zeit" zufällig in die Hände fiel. Dort überrascht ein Gespräch mit der ehemaligen Herausgeberin des Hamburger Wochenblattes, Marion Gräfin Dönhoff. Es überrascht deshalb, weil Gräfin Dönhoff bereits vor einigen Monaten über 90-jährig verstorben ist. Unter der denkwürdigen Überschrift "Was mir wichtig war" plaudern die nach unserer Kenntnis noch unter den Lebenden weilenden Lohnschreiber Theo Sommer und Haug von Kuenheim mit der großen alten Dame – oder muß es jetzt heißen: mit der großen toten Dame? Oder: der großen alten Leiche? – egal, sei's drum, denn wir sind dran gewöhnt: sie plaudern also mit der großen alten Dame des mahnend erhobenen Zeigefingers über Ethik im Kapitalismus, Prominente und Gemeinschaftsdienstpflichten. "Was mir wichtig war" – natürlich, der Titel darf nicht lauten: was mir wichtig ist. Denn sie ist ja tot, und die weltlichen Dinge verlieren somit zweifellos ihre Bedeutung. Ein Schnack also, wie weiland jener zwischen Dante und Beatrice. Vielleicht steht's aber auch schlimmer – für die Gräfin und für uns. Dann nämlich, wenn es der nun nicht mehr blaublütigen Journalistin geht wie dem Gespenst, das dem Hamlet klagt:

"Ich bin deines Vaters Geist,
Verdammt auf eine Zeit, nachts umzugehen
Und tags gebannt zu fasten in den Flammen,
Bis Feuer die Verbrechen meiner Zeit
Auf Erden fortfegt..."
Als Verbrechen ihrer Zeit analysiert Frau Gräfin den "ausgearteten" Kapitalismus, das "Geflecht von Selbstsucht, Raffgier und Korruption", so hieß es vor fünf Jahren in einem ihrer Aufrufe zur "Zivilisierung des Kapitalismus". Solches Verbrechen fortzufegen, kann freilich dauern. Denn in unseren Tagen, von einer, wie wir vermuten wollen, höheren Warte aus betrachtet, ist die Lage noch unverändert: "Marktwirtschaft heißt heute: jeder so viel er kann für sich selber. Unser Prinzip war früher das preußische: Alles was du nur für dich tust, ist ganz unwichtig." Jaja, die guten alten preußischen Tugenden! Gemeinsinn statt Egoismus, Einsatz für's Ganze statt Selbstsucht. Aus dem Blickwinkel der preußischen Untertanen ist dieser Hinweis noch nicht einmal ganz falsch. So durften Soldaten des Potsdamer Regenten, die im Feld verletzt worden waren, durchaus ihren gemeinsinnigen Beitrag zur Senkung der Kranken- und Rehabilitationskosten leisten. Ein zeitgenössischer Beobachter berichtete 1788 anläßlich des bayerischen Erbfolgekrieges über die Situation in den königlichen Militärkrankenhäusern: "Die meisten sterben durch Kälte. Das ist für die preußische Armee nichts Ungewöhnliches, denn die Lazarette sind so schlecht eingerichtet und stinken so erbärmlich, daß der Soldat, der sich dort hinbegibt, schon bei seiner Ankunft denkt, er sei tot. Es kann nicht überraschen, daß nach einem so grausamen Krieg in den Staaten des preußischen Königs so wenige Invaliden zu sehen sind. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, daß die Lazarettleiter und Sanitätsoffiziere den Befehl hatten, alle Soldaten sterben zu lassen, die so stark verwundet worden waren, daß sie nach ihrer Genesung nicht mehr würden dienen können." Wenn sie für Gemeinschaftswerte und gegen "Ichsucht" argumentiert, denkt Frau Dönhoff nicht nur an einen Bewußtseinswandel, der beim einzelnen sich einstellen muß, um die Gesellschaft verändern zu können, sondern auch – hier kann sie sich tatsächlich auf preußische "Staatstugenden" beziehen – an gesetzliche Normierungen, die den Bürgern Dienste und Pflichten für die Allgemeinheit abverlangen. Und so antwortet die tote Altpreußin auf die Frage, was sie von einer nationalen Dienstpflicht für Männer und Frauen halte, die nach "Auslauf" der allgemeinen Wehrpflicht vielleicht ins Leben gerufen werde: "Das finde ich vorzüglich." Die Entgegnung, eine solche Dienstpflicht erinnere an das Pflichtjahr der Nazis, kontert Dönhoff mit einem schwer zu verstehenden Satz, der wohl aber sagen will, daß eine solche Parallelisierung falsch sei, da die mit der Wahrheit hadernden Nationalsozialisten heute nicht mehr die Macht in Händen hielten: "Das war ja damals alles sehr verlogen. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben, hat durchaus einen Anspruch darauf, dass jeder von uns sich für diese Gemeinschaft einsetzt." Anschlußfrage des Duos Sommer/von Kuenheim: Entweder als Soldat oder als Feuerwehrmann, als Zivildienstler oder als Friedenshelfer in Angola? Antwort Dönhoff: "Unbedingt. Ich würde mir kein Gewissen daraus machen. Im Gegenteil: Das schüfe eine Gesellschaft, die in gewisser Weise vorbildlich wäre. Für die würden die Jungen sich auch mit Passion einsetzen." Hoppla! Hier ist darauf hinzuweisen, daß in der Bundesrepublik seit geraumer Zeit eine Dienstpflicht besteht, die als Soldat in der Bundeswehr, als Kamerad in der freiwilligen Feuerwehr, als "Zivildienstler" oder als Mitarbeiter etwa von "Aktion Sühnezeichen" im Ausland erfüllt (oder umgangen) werden kann. Diese Dienstpflicht heißt zwar formell "Wehrpflicht", aber die Minderheit der von ihr betroffenen Personen leistet den Wehrdienst heutzutage auch tatsächlich ab. Insofern ist der Begriff irreführend, und die Frage der Gesprächspartner beschreibt die heute vorzufindende Realität. Weshalb wir aber dann doch noch keine, so ja die Folgerung der Ex-Herausgeberin, "in gewisser Weise vorbildliche" Gesellschaft haben, bleibt im dunkeln.

Es sei denn, Gnä' Frau möchte darauf hinaus zu meinen, daß die Frauen an der beklagten Misere schuld sind. Die unterliegen nämlich nicht der heute bestehenden Wehrpflicht, wohl aber der vorhin skizzierten hypothetischen allgemeinen Dienstpflicht. Sozialpolitische Vorstellungen allerdings, die als Strukturmerkmal einer "vorbildlichen" Gesellschaftsordnung die erzwungene und für wenig Geld verrichtet soziale Arbeit von Frauen ins Auge fassen, dürfen wir getrost als patriarchal und arg antiquiert bezeichnen.

Die von Dönhoff beschworene Gemeinschaft bleibt naturgemäß ein schwer faßbares Gebilde, zumal sich der eingeforderte Gemeinsinn auf ein sehr großes Kollektiv bezieht, wohl auf die nationale Gemeinschaft – was das dann auch immer sein soll. Sicherlich lassen sich ihre Appelle der letzten zehn Jahre gegen einen überbordenden Egoismus in der Marktgesellschaft im Kontext mit politologischen Positionen verstehen, die mit dem Begriff "Kommunitarismus" zu beschreiben sind. Dönhoff'sche Eigenart ist jedoch in diesem Zusammenhang der irritierende und penetrante Rückgriff auf sogenannte preußische Werte und Vorbilder; Tugenden des "alten", also vorwilhelminischen Preußens. Werte und ethische Vorstellungen, die – und das war seit über fünf Jahrzehnten der Stoff von Dönhoffs alljährlicher Sommererzählung – durch den Putschversuch der preußischen Wehrmachtsoffiziere vom 20. Juli 1944 gegen Hitler in unsere Zeit gerettet worden seien.

Richtig lustig wird es, wenn die Gräfin darüber sinniert, wie eine ideologische Offensive für mehr Gemeinsinn vor allem bei jungen Leuten aussehen könnte:

"Ich habe mich eine Weile mit dem Gedanken beschäftigt, Filmregisseure – und ich war deswegen auch bei Volker Schlöndorff – zu begeistern, dass sie Filme machen, in denen junge Leute zeigen, dass sie etwas leisten wollen, dass sie zeigen dürfen, was sie können. Wenn es gelänge, einen wirklich aufregenden Film zu machen, der nicht bloß das Gute predigt, sondern abenteuerlich daherkommt, aber so, dass am Ende dann das Gute dabei herausschaut – wahrscheinlich könnte man mit einem solchen Film sehr viel bewirken. Ich habe das doch bei "Schindlers Liste" im Kino erlebt. Alle Zuschauer waren ergriffen, während sie sonst mit Schokoladenpapier knistern, streiten und reden." Nachfrage der Gesprächspartner: "Ihnen schwebt ein zeitgenössischer Karl May vor, der das Abenteuer mit Idealen verbindet und diese damit eingängig und einleuchtend macht?" Gräfliche Antwort: "Genau das." Entschuldigung, Frau Gräfin, da hat Sie wohl der Volker Schlöndorff nicht ausreichend aufgeklärt. Ihr zeitgenössisches Filmabenteuer gab es doch schon längst und die Helden, die bei Karl May Winnetou, Old Shatterhand und Sam Hawkins hießen, hörten auf die Namen James T. Kirk, Mr. Spock und Pille.

"Was mir wichtig war" hat der Siedler-Verlag in diesen Tagen auch als Buch*  publiziert (der "Zeit"-Artikel ist ein Vorabdruck einiger Passagen). Der Untertitel lautet "Letzte Gespräche und Aufzeichnungen". Wir möchten hoffen, daß es sich bei dieser Ankündigung nicht um eine Lüge handelt. Auf daß der gräfliche Geist seine Ruhe finden möge, lange bevor die Verbrechen unserer Zeit von der Erde getilgt sein werden.

* Marion Gräfin Dönhoff:
Was mir wichtig war
Siedler-Verlag 2002
18 Euro