Der Soldat Vasilij Zajcev – ein Schlachtengemälde von Steven Annaud

(Kalaschnikov, Sendung vom 21. März 2001)


Wenn der Betreiber der Marburger Steinweg-Kinos seiner Stanley-Kubrick-Obsession nicht dadurch Ausdruck verliehe, daß er uns noch ein paar Jahre mit "Eyes wide shut" ennuyierte, sondern originellerweise eine Kubrick-Retrospektive veranstalten würde, dann hätten wir die Chance, dort auch "Wege zum Ruhm" zu sehen, und damit einen der wirklich sehenswerten Kriegsfilme; einen nämlich, in dem von krepierenden Granaten, Sturmangriffen und der ganzen Kriegsfilmaction erstaunlich wenig zu sehen ist, und dem es gerade deshalb gelingt, uns ein Bild vom Krieg zu vermitteln; als einem Ereignis, in dem lebendige und vernunftbegabte Menschen in einem sadistischen Irrsinnssystem zappeln und es durch ihre Fähigkeit, die widersinnigsten Taten zu begehen, am Laufen halten.

Aber Stanley Kubrick war eben doch einsame Spitze, und deswegen sieht der neueste Stalingradfilm aus wie von Jean-Jacques Annaud gedreht: krepierende Granaten, Sturmangriffe, die ganze Kriegsfilmaction vor und zurück, und dann noch einmal, und zwischendrin immer mal wieder ein paar extreme Großaufnahmen: das Auge des Scharfschützen hinterm Zielfernrohr, die zärtlichen Blicke der Liebenden, der stechende, leicht vom Wahnsinn umflackerte Blick des Politkommissars: prima Schlachtengemälde mit human touch. Das Krieg ist, erkennt man an den Uniformen des handelnden Personals und der zerbombten Ruinenlandschaft, in der die action statfindet. Stalingrad 1943? Ach was, andere Kostüme, die Kulissen einmal durch den Computer gedreht und Laserwaffen statt der Karabiner: schon haben wir eine neue Star-Wars-Folge: Duell – Aliens von Proxima Centaury.

Da gibt es im Film einen Presseempfang, auf dem der scharfschütze Vasilij Zaicev, der zum Helden der sowjetischen Armee in Stalingrad aufgebaut werden soll, den Kriegsberichterstattern vorgeführt wird. Wie ist das inszeniert? Die Horde der Reporter fällt über Zaicev her, Blitzlichtgewitter, die Reporter brüllen aus der Menge Fragen in den Raum, beantwortet wird keine, als der Held mit dem Oberkommanierenden an der Seite sich den Weg durch den Saal bahnt. Offensichtlich benehmen Journalisten sich immer und überall so, wie Hollywood uns die Sensationsreporter auf heißer Spur bei der Regierungspressekonferenz zeigt; hier sind es halt mal Kriegsberichter in der Uniform der Roten Armee, na und? Die Szene hat man schon tausend Mal gesehen, da wird sie auch in diesem Milieu funktionieren. Die Uniformen sehen ja auch echt genug aus.

Dieser mit naturalistischen Versatzstücken zu einer Realismusvortäuschung aufgeblasene Film ist eine Art Fortsetzung von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan". Spielbergs Erfolg spielte im Zweiten Weltkrieg an der Westfront – da haben wir ja noch die ganze Ostfront übrig... Spielberg konzentrierte sich auf ein herausragendes Ereignis, den D-Day, die Landung alliierter Truppen in der Normandie. Was war der actionmäßige Klopfer der Ostfront? Stalingrad, na klar. Die Eingangsszene zitiert dann sogar Spielberg: die russischen Truppen werden bei der Überquerung der Volga von deutschen Stukas beschossen, und weil Annaud ja mit bildlichen Effekten über die Phantasielosigkeit, also den Realitätsmangel seines Streifens hinwegtäuschen muß, wird auch hier die Wirkung von Maschinenwaffen auf menschliche Körper schön naturalistisch dargestellt. Daß die neuere Masken- und Tricktechnik es erlaubt, alles in extremer Detailtreue sehen zu lassen, könnte sich in nicht allzu ferner Zukunft als Ruin des Kinos erweisen; jedenfalls wenn Kino mehr sein sollte, als high-tech-Farbgeflimmer mit Dolby-Sound.

Wo man "Menschlichkeit in der Hölle des Krieges" finde, das sei angeblich die Frage gewesen die er mit "Der Soldat James Ryan" habe stellen wollen, so Spielberg; und auch in Annauds Melodram menschelt es aufs erheblichste. Nur gelingt es ihm nicht, auch nur einen Menschen darzustellen. Freundschaft, Liebe, Eifersucht im Krieg – alles wird zum Klischee, untermalt von einer durch und durch ruchlosen Musik. Lassen Sie Ihre Figuren eine Entwicklung durchmachen; den Ratschlag aus dem ersten Semester Filmhochschule befolgt Annaud treulich: der Politkommissar schwört kurz vor seinem Opfertod den kommunistischen Idealen ab – nicht etwa wegen der höllischen Idiotien, die er beobachten, ertragen und begehen muß, sondern weil der andere das Mädchen kriegt ...

Es gibt eine Szene, die erahnen läßt, wie ein Film ausgesehen hätte, der seine Figuren ernst nimmt und das Verhalten oder auch Schicksal von Menschen im Krieg zeigt: Die Mutter, die nicht weiß, was der Politkommissar und der Zuschauer wissen, daß ihr kleiner Sohn tot ist, heftet vor ihrer Evakuierung aus der Stadt einen Zettel mit einer Nachricht für ihn an eine Wand. An der Wand ist kein Platz mehr, da hängen Dutzende Zettel. Was in einem anderen Film zu einer Aussage über den Krieg hätte werden können, bleibt in Annauds Actionschinken bloßer Effekt.

Läuft im Marburger Cineplex. Auch kein Grund, dahin zu gehen.