KDV in Ecuador - Gespräch mit Gualdemar Jiménez, Serpaj Ecuador
[Kalaschnikow, Sendung vom 25. August 1999]
Kalaschnikov: Bitte erzähle uns etwas über
Deine Person!
Gualdemar: Ich bin Gualdemar Jiménez von der Kriegsdienstverweigerungsbewegung
in Ecuador. Ich komme zu dem Ratstreffen der war resisters‘ international,
das in Deutschland stattfindet, als Repräsentant der latein- und mittelamerikanischen
Kriegsdienstverweigerungsbewegung.
Kalaschnikov: Wie lange hast Du in dieser Bewegung gearbeitet?
Wie sehen Deine Erfahrungen aus?
Gualdemar: Seit ungefähr vier Jahren engagiere ich mich dort.
Zur Zeit arbeiten wir in Ecuador an einer öffentlichen Veranstaltung
mit dem ersten Kriegsdienstverweigerer des Landes. Wir arbeiten vor allem
mit jungen Leuten, die noch in der Schule sind und die alt genug sind,
um in die Armee zu gehen.
Kalaschnikov:: Kannst Du etwas über Deine Organisation,
den Serpaj, den Servicio paz y Justicia de Ecuador berichten?
Gualdemar: Serpaj bedeutet Verein für Frieden und Gerechtigkeit
in Ecuador. Wir beschäftgen uns mit den Themen Gewaltlosigkeit, Kriegsdienstverweigerung,
Friedenserziehung und Menschenrechte.
Kalaschnikov: Wie sieht Eure politische Zielsetzung
und Strategie aus, insbesondere in Bezug auf das Problem der Kriegsdienstverweigerung?
Gualdemar: Unsere beiden inhaltlichen Schwerpunkte Kriegsdienstverweigerung
und Gewaltlosigkeit gehören eigentlich zusammen. Zur Zeit versuchen
wir mit dem Kongreß ins Gespräch zu kommen, um ein Kriegsdienstverweigerungsgesetz
zu schaffen. Denn im Moment ist die Kriegsdienstverweigerung bei uns rechtlich
nicht geregelt. Hinsichtlich des Punktes Gewaltlosigkeit arbeiten wir mit
Frauen, in einem Teil des Landes auch mit Müttern zusammen.
Kalaschnikov: Wie sieht zur Zeit die rechtliche
Situation für Kriegsdienstverweigerer aus? Akzeptiert die Gesellschaft
die Kriegsdienstverweigerung? Hat sich die Akzeptanz vergrößert?
Gualdemar: Die Kriegsdienstverweigerung ist in der Verfassung anerkannt;
dort ist auch die Möglichkeit der Ableistung eines Sozialdienstes
vorgesehen. Das Problem ist aber, daß der Sozialdienst überhaupt
nicht geregelt ist. Weil dies nicht der Fall ist, kann eine Kriegsdienstverweigerung
nicht rechtsgültig sein. Wenn wir mit unserer Kampagne den ersten
Kriegsdienstverweigerer der Öffentlichkeit präsentieren, dann
versuchen wir damit auch politischen Druck auszuüben, um diese Situation
zu ändern und eine Regelung des Kriegsdienstverweigerungsrechtes zu
erreichen.
Nach dem Friedensabkommen mit Peru hat sich die Rolle der Armee im
Land geändert. Jetzt versucht das Militär sich stärker in
der Gesellschaft zu verankern, aber es gibt etliche Leute, die die Notwendigkeit
der Armee nach dem Friedensschluß nicht mehr sehen. Unsere Arbeit
ist kompliziert, denn die Armee geht intelligent vor und versucht zunehmend
die Gesellschaft zu beeinflußen. Aber auch wir finden langsam mehr
Gehör, insbesondere in der Jugendbewegung, um über den Kriegsdienst
zu reden.
Kalaschnikov: Sind die Kriegsdienstverweigerer irgendwelchen
Repressionen ausgesetzt?
Gualdemar: Für Kriegsdienstverweigerer besteht die Gefahr von
Vergeltungsmaßnahmen. Sie können ins Gefängnis gesteckt
oder sozialem Druck ausgesetzt werden, indem man ihnen zum Beispiel keine
Arbeit gibt. Ja, das ist eine Gefahr. Die ersten Kriegsdienstverweigerer,
die wir jetzt haben, können nichts erlernen oder studieren, denn sie
brauchen dafür die Militärpapiere. Ohne diese Papiere können
sie auch nicht arbeiten oder das Land verlassen. Diese jungen Leute haben
dadurch keine Möglichkeit, etwas zu machen.
Aber wir berufen uns auf den Artikel 188 der Verfassung und die dort
verankerte Möglichkeit, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden.
Denn es ist natürlich nicht die Schuld der jungen Kriegsdienstverweigerer,
wenn es keinen Sozialdienst für sie gibt. Zur Zeit arbeiten wir mit
einer Gruppe von Rechtsanwälten aus Menschenrechtsorganisationen zusammen,
um die Verteidigung dieser Leute zu organisieren, die die Probleme mit
den Militärpapieren haben. Die Gefahr, ins Gefängnis zu kommen,
ist gering. Aber Arbeitslosigkeit, das Verbot ein Studium aufzunehmen oder
das Land zu verlassen - das sind große Probleme für die Betroffenen.
Wir denken, daß wir diesen Repressionen mit politischem Gegendruck
begegnen können. Gemeinsam mit anderen Organisationen, die unsere
Forderungen solidarisch aufnehmen., mit politischen Demonstrationen und
mit anderen gewaltfreien Aktivitäten, die die Kriegsdienstverweigerung
unterstützen.
Kalaschnikov: Das heißt, Ihr handelt auf
der Basis einer politischen Kooperation, die man in Lateinamerika eine
“soziale Matratze” nennt. Also in enger Zusammenarbeit mit Organisationen
aus unterschiedlichen Bereichen, die wechselseitig ihre sozialen und politichen
Forderungen solidarisch übernehmen?
Gualdemar: Ja, genau. Es gab vorher schon eine “soziale Matratze”
bei der Aufnahme des Artikels zur Kriegsdienstsverweigerung in die Verfassung.
Jetzt sind wir einen Schritt weiter. Jetzt haben wir Kriegsdienstverweigerer.
Das ist neu in unserem Land. Deshalb brauchen wir jetzt viel Unterstützung
von anderen gesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen, das sind
vor allem im Bereich der Ökologie tätigen Gruppen, Menschenrechts-
und Jugendorganisationen.
Kalaschnikov: Habt Ihr Kontakte zu Gruppen in
anderen lateinamerikanischen Ländern oder arbeitet Ihr mit diesen
zusammen? Zum Beispiel mit antimilitaristischen Initiativen in Paraguay,
von wo aus uns Orlando vor einigen Monaten in Deutschland besuchte, oder
in Peru oder Kolumbien?
Gualdemar: Bis zum laufenden Jahr vertreten wir in Ecuador die lateinamerikanische
Kriegsdienstverweigererbewegung. Ab dem nächsten Jahr wird dies Kolumbien
tun, wo dann ein Treffen der lateinamerikanischen KDV-Gruppen in Medellin
und Bogota stattfinden wird. Wir haben Kontakte zu den Leuten in Kolumbien.
Die sind jetzt sehr beschäftigt mit der Vorbereitung und Planung dieses
Treffens. Sie haben uns über die Themen, die diskutiert werden sollen,
Informationen geschickt.
In Peru ist es das Problem, daß sich dort niemand mit Kriegsdienstverweigerung
inhaltlich beschäftigt. Sie sind dort sehr wenig Leute in der Friedensbewegung,
und die peruanische Gesellschaft ist sehr militaristisch.
Aber wir haben auch andere Kontakte in Lateinamerika, zum Beispiel
durch die Kampagne gegen die nordamerikanische Militärbasis, die wir
hier in der Serpac Ecuador angefangen haben. In diesem Zusammenhang haben
wir bei allen entsprechenden Bewegungen in Lateinamerika nach Informationen
angefragt. Dabei entstanden Kontakte zu vielen Organisationen, und wir
wissen jetzt besser, was jetzt wo mit den Friedensbewegungen passiert.
Kalaschnikov: Kannst Du uns sagen, was bei dem
letzten Treffen der lateinamerikanischen Kriegsdienstverweigererbewegung
in Ecuador auf der Tagesordnung gestanden hat?
Gualdemar: Bei dem letzten Treffen in Ecuador, das 1997 stattfand,
haben wir über Kriegsdienstverweigerung und die Konsequenzen eines
Sozialdienstes diskutiert. Darüber hinaus war Gewaltlosigkeit ein
Thema. Wir haben daneben einen Plan für ein Internetmagazin mit dem
Titel “objetando” erstellt. Ein solches Magazin wäre eine gute Möglichkeit,
uns miteinander auszutauschen und immer zu wissen, was die anderen machen.
Kalaschnikov: Wie sehen die Diskussionspunkte beim geplanten
Treffen in Kolumbien aus?
Gualdemar: Die Zusammenkunft in Kolumbien wird das fünfte Treffen
der lateinamerikanischen KDV-Bewegung sein. Das heißt, daß
die Gruppen und Organisationen, die dort zusammenkommen werden, ein bißchen
stärker geworden sind. Der wichtigste Punkt wird meiner Meinung nach
sein, eine regionale Agenda über die bessere Zusammenarbeit der verschiedenen
Bewegungen zu schaffen. Denn eine Bewegung oder Organisation, die alleine
agiert, kann nicht die gleiche Kraft aufbringen wie mehrere, die kooperieren.
Wir leben in einer Zeit, in der viel über Globalisierung gesprochen
wird, deshalb sollten auch die verschiedenen Bewegungen zusammenarbeiten.
Wichtig dabei sind ein verbesserter Informationsfluß und der Austausch
von Menschen, von Genossen, die in verschiedenen Arbeitssektoren diverse
Erfahrungen sammeln sollten.
Thema in Kolumbien wird auch die Notwendigkeit einer neuen Strategie
der Friedesbewegungen sein, denn der nationalistische Diskurs der verschiedenen
Armeen hat nicht zuletzt aufgrund der Globalisierung an Bedeutung verloren.
Deshalb müssen wir überlegen, wie die neuen Strategien der Militärs
zu bekämpfen sind.
Kalaschnikov: Das klingt so, als ob Ihr in Ecuador
einen für die Bewegungen in ganz Lateinamerika verallgemeinerbaren
politischen Ansatz verfolgt und für richtig haltet. Aber sind die
politischen Realitäten in den einzelnen Ländern dafür nicht
zu unterschiedlich? Als Orlando hier in Deutschland über die Situationen
in Paraguay berichtete, wurde klar, daß es dort ein anderes Maß
an politischem Druck gibt, eines das Ihr nicht habt. Ihr steht - sozusagen
- mit der Regierung in Verhandlungen!
Gualdemar: Die Bewegung in Paraguay ist in ihrer Strategie zur Kriegsdienstverweigerung
ein wenig weiter gegangen als wir. Sie kann uns weiter helfen und ist auch
hilfreich für die Bewegungen in den anderen lateinamerikanischen Ländern.
Aber es gibt eben auch andere Zielsetzungen: zum Beispiel Gewaltlosigkeit
in den sozialen Bewegungen und in der Gesellschaft. Denn die lateinamerikanische
Gesellschaft ist eine sehr gewalttätige Gesellschaft. Das liegt an
der herrschenden Armut und der wirtschaftlichen Situation.
Kalaschnikov: Das bedeutet also, daß ein Element
einer gemeinsamen lateinamerikanischen Friedenspolitik die Friedenserziehung
sein sollte?
Gualdemar: Ja, das ist ein wichtiger Teil unserer Zusammenarbeit.
Kalaschnikov: Kannst Du uns darlegen, wie zur
Zeit die allgemeinpolitische Lage in Ecuador ist? Die Wirtschaftssituation
ist katastrophal, wie sieht momentan die soziale Situation aus?
Gualdemar: Der letzte Präsident von Ecuador hat eine radikal
neoliberale Wirtschaftspolitik betrieben. Eine Politik, die in dieser Form
in anderen Ländern nicht mehr angewandt wird, weil sie aus der Mode
gekommen ist. Die wirtschaftspolitischen Auswirkungen waren so heftig,
daß sich zum Beispiel der Preis für das Benzin verdoppelt hat.
Auch der Gaspreis. Die Bevölkerung konnte diese Situation nicht mehr
ertragen. So kam es im März zu einem großen Generalstreik. In
dem einen Jahr, in dem die neue Regierung ungefähr im Amt ist, gab
es schon sechs Generalstreiks, davon war der im März der größte.
Das Land war damals für fast eine Woche blockiert. Aufgrund dieses
Streiks hat die Regierung einige soziale Verbesserungen versprochen, die
aber nicht umgesetzt wurden. Nur der Benzinpreis wurde wieder heruntergesetzt.
So kam es im Juni wieder zu Protestaktionen der Bevölkerung, zum Teil
mit größerer Intensität als vorher, vor allem seitens der
indigenen Bevölkerung. Die Indianer hatten die Hauptstadt zwei Tage
lang besetzt; sie kamen von ihren Dörfern mit ungefähr 10.000
Leuten und blockierten erneut das Land. Die Regierung geriet abermals unter
Handlungsdruck.
In diesem Zusammenhang - und das begrüßen wir natürlich
- wurde auch eine Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Aufgabe darin besteht,
die Vertragsverlängerung über den nordamerikanischen Militärstützpunkt
zu untersuchen. In dieser Arbeitsgruppe arbeiten auch wir mit, und wir
haben es geschafft, daß soziale Bewegungen und Gewerkschaften sich
dieses Themas angenommen haben.
Auch hat die Regierung die Preise für Benzin, Gas und Strom eingefroren,
Preise, die jeden Monat anstiegen. Aber wir wissen noch nicht, ob sich
die wirtschaftliche Situation bessern wird. Denn der Internationale Währungsfonds
wird mit der Regierung wohl kein neues Abkommen schließen, bis sich
nicht in der Wirtschaftspolitik verschiedenes in seinem Sinne ändern
wird. Solche Veränderungen bedeuten aber für die Bevölkerung
mehr Armut und in der Folge mehr Proteste.
Nach den Streiks herrscht jetzt relative Ruhe. Die Preise sind zwar
noch hoch, aber sie steigen nicht mehr weiter. Die Leute warten jetzt ab,
wie es mit dem IWF-Abkommen weitergeht. Die sozialen Bewegungen sollten
jedenfalls wach bleiben.
Kalaschnikov:: Wird der neue Vertrag mit den USA
über die Militärbasis zu verhindern sein? Lehnt die ecuadorianische
Gesellschaft die Präsenz US-amerikanischer Truppen im Land ab?
Gualdemar: Im Moment läuft es gut. Wir haben es erreicht, daß
die Regierung immerhin zugibt, daß es diese Militärbasis überhaupt
gibt. Früher sprach man nur davon, daß es sich lediglich um
einen Flughafen für nordamerikanische Maschinen handele. Aber jetzt
haben sie zugegeben, daß es eine richtige Militärbasis ist.
Mittlerweile gibt es eine öffentliche Debatte über diese Basis.
Viele Organisationen reden über dieses Thema. Viele halten die Präsenz
einer fremden Armee in Ecuador für inakzeptabel, denn das verstößt
gegen das Selbstbestimmungsrecht, das durch Einrichtungen wie den Internationalen
Währungsfonds oder die Weltbank teilweise bereits ausgehebelt ist.
Die sozialen Bewegungen, die zu diesem Thema arbeiten, insbesondere indigene
Gruppen, argumentieren, es handele sich hierbei um eine Frage der Hoheitsrechte.
Das klingt ein bißchen nationalistisch, aber ich glaube, es gibt
Argumentationen, die muß man akzeptieren, wenn man diese nordamerikanische
Basis bekämpfen will. Für Ende August/Anfang September sind viele
Demonstrationen und Diskussionsforen in Vorbereitung. Die Leute schreiben
Flugblätter, machen Plakate und bemalen die Wände. Die Kampagne
wird stärker und stärker. Es gibt Demonstrationen vor der nordamerikanischen
Botschaft. Diese politischen Aktionen dienen auch zum Ausbau unserer “sozialen
Matratze”, die wir vorher zitiert hatten. Es entwickelt sich ein Gemeinschaftssinn
in der Bevölkerung. Alle wissen, was es jedesmal bedeutete, wenn die
USA in einem lateinamerikanischen Land präsent waren: nämlich
Blut und Feuer.
Kalaschnikov: Letzte Frage: Was bedeutet das Ratstreffen
der war resisters’ international, das Du hier in Deutschland aufsuchen
wirst, für Eure Arbeit?
Gualdemar: Ich bin als Vertreter der Serpaj zu diesem Treffen eingeladen
worden. Es ist für uns sehr wichtig, bei der Versammlung dabei zu
sein. Ein thematischer Schwerpunkt behandelt die neue Rolle der Armeen
in der Gesellschaft. Ich möchte auch Leute treffen, die zur Kriegsdienstverweigerung
arbeiten, um zu sehen, wie die Situation in anderen Ländern ist. Die
Situationen sind meiner Meinung nach sehr ähnlich.....
Kalaschnikov:....doch mit rechtlichen und soziologischen
Unterschieden!
Gualdemar: Aber allgemein ist doch der nationalistische Diskurs
der Armeen beendet. Er funktioniert nicht mehr. Die Armeen suchen eine
neue Rolle und Legitimation. Deswegen ist es wichtig, daß alle Menschen,
die in den Friedensbewegungen arbeiten, eine neue Strategie suchen und
finden. Deshalb ist das Treffen der war resisters’ international bedeutsam.
Es soll klären, in welcher Situation die Friedensbewegung ist, wie
neue Ziele und Strategien aussehen können.
Fragen und Übersetzung: Miguel Angel