Auf zum erstbesten
Gefecht!
Deutsche
Antiimperialisten erlösen das irakische Volk
(Kalaschnikov
vom 15.12.2004)
Das
„Deutsche Solidaritätskomitee Freier Irak“ teilt in einer E-Mail vom 25.
November 2004 folgendes mit:
„Liebe Freundinnen
und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, das Deutsche Solidaritätskomitee
Freier Irak unterstützt den aus Anlass der Massaker gegen die Bevölkerung von
Falluja von der Zeitschrift ‚Offensiv‘ am 23. November 2004 per E-Mail
verbreiteten Aufruf:
SOLIDARITÄT
MIT DEM IRAKISCHEN VOLK UND SEINEM LEGITIMEN WIDERSTAND!“
Auch
eine Nachricht. Aber dagegen ist zunächst nichts zu sagen: die Zeitschrift
Offensiv geht mit einem Aufruf gegen eine Offensive der US-Streitkräfte vor,
dafür sind Zeitschriften schließlich da, das ist nicht besonders wirkungsvoll,
aber legitim. Und es könnte nützlich sein, wenn in dem Aufruf sinnvolle Dinge
stünden, eine zwingende Analyse oder durchdachte Forderungen. Immerhin ist es
rücksichtsvoll von den Autoren, schon mit dem Titel des Aufrufs zu
signalisieren, daß man nichts dergleichen zu erwarten hat – erstens: „Solidarität
mit dem irakischen Volk ...“
Das ist
eine Aussage vom gleichen Kaliber wie die immer noch beliebte Phrase: „Ich
liebe mein Land!“ Man fragt sich, wie das praktisch gehen soll: das ist ja mit
Mann und/oder Frau gelegentlich schwer genug, aber wie kriegt man ein Land ins
Bett? Und wie wird verhütet, wie schützt man sich vor den Folgen dieser allzu
umfassenden Liebe: Intoleranz, Nationalismus, Militarismus?
Ein
Land lieben oder mit einem Volk solidarisch sein kann nur, wer von konkreten
Dingen absieht und in einer allgemeinen und sentimentalen Abstraktion lebt, die
von Land und Volk nichts anderes mehr übrig läßt, als eine bloße Idee. Die
Solidarität mit einem Volk kennt keine Individuen – die schon gar nicht, weder
lebendig noch tot –, keine Parteien, Interessen, gesellschaftlichen Konflikte
oder Widersprüche, sondern einzig eine anonyme Masse; eine so allgemeine und
undifferenzierte Form, daß sie gar nicht existieren könnte, wenn ihr nicht
derjenige, der zur Solidarität mit diesem Hirngespinst entschlossen ist, einen
Inhalt beilegen würde: sein politisches Programm, als dessen Vollstrecker das
so erschaffene Volk nun fungiert.
Nachdem
die USA den Irak überfallen hatten und natürlich nicht imstande gewesen sind,
danach für halbwegs friedliche Zustände zu sorgen (man hat sich das an fünf
Fingern abzählen können, wenn man nicht gerade Hermann L. Gremliza heißt), war
es unvermeidbar, daß sich leninistisch geschulte Antiimperialisten das
irakische Volk erfinden würden; als Objekt der Identifikation und Solidarität,
und als Katalysator ihrer Politik. Die Sache ist gerecht, deshalb geht es nicht
nur ums Volk, sondern auch, zweitens: „... seinen legitimen Widerstand!“
Antiimperialistische
Volkstümler sind keine Spinner, sie legen Wert darauf, sich auszukennen in der
Realität, und diese Realität besteht in Aktenordnern, in Verträgen, Paragraphen
und Definitionen; sie jonglieren ebenso leicht mit juristischen Fiktionen wie
nur je ein Staatsmann, und daher finden sie flugs das richtige Zitat, um die
„Legitimität des Widerstands“ zu begründen – in diesem Fall ist es Artikel 51
der UN-Charta:
„Die
Bestimmungen der vorliegenden Charta beeinträchtigen in keiner Weise das
unveräußerliche Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung im
Falle eines bewaffneten Angriffs gegen ein Mitglied der Vereinten Nationen, bis
der Sicherheitsrat die zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen ergriffen hat. Maßnahmen,
die von Mitgliedern in Ausübung dieses Selbstverteidigungsrechts ergriffen
worden sind, sind dem Sicherheitsrat sofort zu melden und berühren in keiner
Weise die mit der vorliegenden Charta dem Sicherheitsrat gegebene Befugnis und
Pflicht, jederzeit die Maßnahmen zu ergreifen, die er zur Aufrechterhaltung
oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit für
notwendig hält.“
Jede
Zeit hat die Phrasen, die sie verdient, und bekommt die Floskeln, mit denen sie
sich abspeisen läßt. Das Recht auf individuelle oder kollektive
Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs – der Geschmack von
Freiheit und Abenteuer. Und tatsächlich, ein Vorteil von Phrasen ist ihre
Hohlheit: man könnte dieses Selbstverteidigungsrecht ja der Abwechslung halber
auf eine Weise interpretieren, die es dem einzelnen ermöglichte, sich im Falle
eines militärischen Angriffs davonzumachen, den Kriegsdienst zu verweigern, zu
desertieren; mit dem Anspruch auf Schutz und Asyl in den Mitgliedsstaaten der
Vereinten Nationen ... Aber wir wollen hier nicht ins Träumen geraten. Wenn das
möglich wäre, würden ja nicht nur einzelne von diesem Recht Gebrauch machen,
sondern gar Kollektive, und dann wäre es Essig mit einer effektiven
Kriegführung. Also geht es darum gerade nicht. Dieses von der UN gewährte Recht
verwirklicht sich in Form von Selbstmordattentaten; es verwirklicht sich in der
Verfügungsgewalt von militärischen Formationen, staatlichen oder
quasistaatlichen, über das Menschenmaterial in ihrem Herrschaftsbereich. Genau
so ist dieser Artikel der UN-Charta auch gemeint.
Die
Charta ist ein Versuch, den Umgang souveräner Staaten miteinander zu regeln.
Dazu gehört auch die Aufstellung von Regeln für die Kriegführung, denn die ist
ein normaler Bestandteil staatlichen Handelns. Es mag Leute geben, die die
proklamierte Absicht der UNO, den Krieg zu ächten, für bare Münze nehmen; die
kriegen allerdings regelmäßig Schwierigkeiten, wenn sie erklären müssen, wieso
das denn nicht klappen will. Und wieso nicht? „... der Sicherheitsrat die
zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit
erforderlichen Maßnahmen ergriffen hat ...“ Und noch einmal: „...
berühren in keiner Weise die mit der vorliegenden Charta dem Sicherheitsrat
gegebene Befugnis und Pflicht, jederzeit die Maßnahmen zu ergreifen, die er zur
Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit für notwendig hält.“ Bei so vielen Maßnahmen
wäre es erstaunlich, wenn sich nicht die eine oder andere militärische darunter
befinden sollte. Überhaupt: der Artikel 51 handelt von der Lage nach
einem militärischen Angriff, spricht jedoch von der „Aufrechterhaltung des
Weltfriedens“, aber Völkerrechtler und Antiimperialisten sind sich wohl einig
darin, daß auf derart filigrane Widersprüche gepfiffen ist. Staaten kommen ohne
Gewalt nach innen und nach außen, ihre Androhung und ihre Anwendung, nicht aus;
und die Vereinten Nationen als ein Zusammenschluß von Staaten kommen nicht
darum herum, dieser Tatsache Rechnung zu tragen. Sie haben, in der Absicht,
kriegerische Gewalt einzudämmen und zumindest berechenbar zu machen, Regeln für
einen ordnungsgemäßen Krieg aufgestellt; ihn damit allerdings im Grundsatz
legitimiert.
Militärische
Aktionen mit der UN-Charta zu rechtfertigen, bereitet also nicht die geringsten
Probleme, auch im Fall der irakischen Guerilla nicht. Es ist bloß einigermaßen
witzlos. Was wäre denn, wenn die Aktionen der irakischen Guerilla nicht von der
UN-Charta gedeckt würden – wären sie dann unterblieben? Würde das Deutsche
Solidaritätskomitee Freier Irak sie dann verurteilen? Oder würde es sich
wenigstens dann einmal die Frage stellen, was der Preis dieses Vorgehens ist
und wohin es führen soll; wie seine unmittelbaren Wirkungen aussehen? Was
dieser Krieg eigentlich für das, verzeihen Sie den Ausdruck, irakische Volk
bedeutet?
Aber
dazu finden sich ja ein paar Worte in dem Aufruf:
„Für
das irakische Volk bedeutet dies: brutalste Besatzung nach einem völkerrechtswidrigen
Angriffskrieg, Zerstörung des Landes und Ausplünderung seiner Ressourcen,
Folter, Mord und Terror durch die Besatzer.“
Soweit
richtig, damit sieht sich tatsächlich nicht allein die platonische Idee des
Volkes, sondern die konkrete irakische Bevölkerung konfrontiert. Im
übernächsten Absatz heißt es dann:
„Um den
wachsenden Widerstand des irakischen Volkes zu brechen, setzen die von den USA
geführten Besatzer immer brutalere Methoden ein ...“
Eine
Besatzung, die ohnehin keine nur brutale, sondern von Anfang an eine brutalste
war, wird immer noch brutaler. Auch hier geht es den Aufrufern nicht um eine
zutreffende Beschreibung des Zustandes, sondern um die Anhäufung vieler
imponierender Wörter; Wörter, die das Bedenken nicht aufkommen lassen sollen,
die militärische Reaktion auf eine Besatzung könnte die Besatzungsmacht zu
immer brutaleren Maßnahmen führen, die Lage der Bevölkerung ins vollends
unerträgliche steigern und alle anderen Möglichkeiten gesellschaftlichen
Widerstands erschlagen. Kann sich denn unter solchen Bedingungen ein Widerstand
überhaupt dynamisch entwickeln, und zwar auf allen Ebenen?
Aber
sicher, sagen die Aufrufer, das irakische Volk habe sich nicht nur von Beginn
an gegen die Besatzung erhoben, sondern: „Sein Widerstand entwickelt sich dynamisch
und auf allen Ebenen.“ Und das ist immerhin so erhebend, daß man auf einen
Beleg für diese Behauptung gerne verzichtet. Wie insgesamt die größte Leistung
des Aufrufes darin liegt, eine Sprache, die Diplomaten erfreut, und folglich
auch alle, die gerne Diplomaten wären oder Staatsmänner, jedenfalls Personen,
mit denen zu rechnen ist – diese Sprache zu verbinden mit einem Pathos, so
leer, daß es wirklich nur von Antiimperialisten stammen kann, die von den
Interessen und der tatsächlichen Politik des gegenwärtigen Imperialismus keinen
Begriff mehr haben:
„Die
Konkurrenz der imperialistischen Hauptmächte verschärft sich, sie ringen immer
aggressiver um eine Neuaufteilung der Welt, ihrer Absatzmärkte und Rohstoffe
...“ Wenn die Imperialisten ringen, was bleibt den Habenichtsen
übrig? „Inzwischen schmachten Tausende politischer Gefangener in den
Folterkammern der Besatzer.“ Genau, das Schmachten.
Das
Ringen der Imperialisten und das Schmachten der Völker sind Phrasen, die auch
aus der Solidarität eine Phrase machen. Wer Fahnen schwenken und Parolen rufen
möchte, ist damit bestens bedient. Manchmal ist das ja vielleicht gar nicht
falsch, und niemand erwartet, daß Parolen den Zustand der Welt mit
wissenschaftlicher Genauigkeit wiedergeben: sie sollten nur nicht vollends in
die Irre führen.
Das
Ringen der imperialistischen Hauptmächte ist eben nicht der Kampf bis aufs
Messer, den diese Parole zu suggerieren versucht. Der Imperialismus des 21.
Jahrhunderts muß die Welt nicht erobern und aufteilen: das ist bereits
geschehen; heute geht es vor allem darum, den Besitzstand zu verteidigen. Die
Aufrechterhaltung des status quo ist aber eine Aufgabe, an der selbst eine
Militärmacht wie die USA scheitern müßte, wenn sie sie ganz allein zu erledigen
hätte - denn dieses „ganz allein“ bedeutet: auch gegen die bisherigen
Verbündeten. Davon kann nicht die Rede sein.
Die
europäischen Nato-Staaten versuchen, eigenständig militärisch handlungsfähig zu
werden, aber es ist klar, daß das auf absehbare Zeit nur in begrenztem Rahmen
möglich sein wird. Die Nato ist die gemeinsame Struktur, in der die westlichen
Staaten auf kooperativer Grundlage punktuelle Interessengegensätze austragen.
Derartige Konflikte werden in Zukunft nicht weniger werden; die Art, wie die
deutsche Regierung vor Beginn des Irakkrieges die diplomatischen Reibereien mit
den USA provoziert hat, um das eigene Profil als Friedensmacht zu schärfen,
liefert ein Beispiel für die Konkurrenz innerhalb dieses Militärpakts. Und
unter der Bush-Administration werden die USA in den nächsten Jahren ihre
Vormachtstellung eher rabiater verteidigen. Aber der Vorteil der Nato besteht
in gerade dieser Flexibilität, die ebenso die gemeinsame Kriegführung
ermöglicht, wie sie eine Basis für die Austragung von Konflikten unter den Verbündeten
selbst darstellt. Diese Basis durch allzu heftiges Ringen zu zerstören, liegt
nicht im Interesse der imperialistischen Hauptmächte; ihre grundsätzliche
Solidarität miteinander äußert sich unspektakulär, aber effektiv.
Die
Solidarität, die die antiimperialistischen Volksbefreier dagegen anzubieten
haben, ist, wie gesagt, eine bloße Phrase und insofern bestenfalls ein Hebel
für eine Politik der Unterschriftensammlungen, pathetischen Aufrufe und
Spendensammlungen wie der „10 Euro für den irakischen Widerstand“-Kampagne, die
den Teilnehmern vielleicht Anlaß bot, sich zu fühlen wie Humphrey Bogart in
Casablanca: Weißt du noch damals, als wir Waffen für die Rebellen geschmuggelt
haben -? Stattdessen käme es darauf an, Ansatzpunkte für eine reale Zusammenarbeit
mit emanzipatorischen Gruppen zu suchen. Dabei reicht es natürlich nicht, sich
auf das Schmachten des Volkes zu berufen; es müßten sich schon inhaltliche
Übereinstimmungen finden und benennen lassen. Wie die Erfahrungen der
transnationalen Zusammenarbeit von Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren
zeigen, ist das eine äußerst mühsame Aufgabe, die bislang in den meisten Fällen
nur punktuell zu erfüllen war. Unter den Bedingungen des imperialistischen wie
des Volkskrieges, oder wie immer man das Massaker nennen möchte, wird dieses
eigene Handeln so gut wie unmöglich.
Das
betrifft vor allem die Bevölkerung im Kriegsgebiet. Was sich fernab der
Schlachtfelder, in den pamphletistischen Auseinandersetzungen der Anhänger des langandauernden
Volkskrieges, relativ harmlos äußert und wo schlimmstenfalls Verluste an Tinte
und Druckerschwärze zu beklagen sind, das stellt für das Menschenmaterial am
Ort des Geschehens eine weitere Bedrohung dar. Abweichende Meinungen werden zum
Verrat, und zur Abschreckung oder Bestrafung von Verweigerern greifen die
Volksarmeen zu denselben Mitteln wie die regulären Truppen. Wer immer noch der
Vorstellung anhängt, Revolution sei etwas, das sich in der Form einer
militärischen Entscheidungsschlacht abspielt und damit notwendig die These
unterstützt, die Macht komme aus den Läufen der Gewehre und nur dorther, der
sieht sich mit der traurigen Realität konfrontiert, daß die Gewehre
zwangsläufig von Reaktionären kommandiert werden. In einer Zeit, in welcher ein
allgemeiner Gegenentwurf gegen den globalen Kapitalismus abhanden gekommen ist
(wofür wir uns vor allem bei der repressiven Praxis der realsozialistischen
Staaten bedanken dürfen), müssen sich die Guerilleros nicht einmal mehr durch
die Militarisierung der Kampfformen zu diesen Reaktionären entwickeln: sie
können gleich so anfangen.
Aber in
der Vorstellung des Deutschen Solidaritätskomitees Freier Irak malt sich die
Welt sehr viel romantischer: es wird gerungen und geschmachtet, jedoch die
Völker leisten Widerstand, solchen natürlich, der juristisch allen
Anforderungen der UN-Charta entspricht; es gibt Dinge, die sind nicht, was sie
scheinen, sondern werden nur „so genannt“ - etwa die Neue Weltordnung oder die
Irakische Kommunistische Partei, die gleich mal die Verräterrolle übernehmen
darf; dafür werden die Schuldigen genannt: „Die USA und ihre Verbündeten...“;
und ein paar Sachen werden leider gar nicht genannt: wen man sich unter diesen
Verbündeten vorstellen darf – die Koalition der Willigen? Die Nato? Ist
Deutschland mit im Boot, oder nicht, oder halb, oder was?
Egal,
es kommt nicht so genau drauf an. Wichtig sind Pathos und Stimmung; und
nebenbei die Möglichkeit, mit dem Elend der Bevölkerung des Irak große Politik
zu machen. Da unterscheiden sich die Staatsmänner erstaunlich wenig, ob sie nun
in den USA sitzen, im Irak oder im „Deutschen Solidaritätskomitee Freier Irak“
- Moment mal .... klingt das nicht beinahe wie „Nationalkomitee Freies
Deutschland“ -?
Soll es ja wohl auch.
cha