Lob dem Müßiggang

Eine Veranstaltungsreihe des AK Erwerbslose im DGB Marburg im Frühjahr 2002.


19.2.2002: Produktiver Müßiggang statt Erziehung zu Arbeit
28.2.2002: Arbeit als Krankheit - Über Arbeitssucht in der Arbeitsgesellschaft
7.3.2002: Gleichberechtigung durch Unterwerfung unter den Arbeitsfetisch?
25.4.2002: Faulheit – Widerstand gegen Armutslöhne


Zum Konzept der Veranstaltungsreihe

Daß das Problem der hohen Erwerbslosenzahlen deshalb existiert, weil die Erwerbslosen zu faul sind, wissen wir spätestens seit Gerhard Schröder ihnen ein Recht auf Faulheit abgesprochen hat. Zwar gab es auch Kritik an seiner Äußerung. Doch die ging meistens in die Richtung, zu behaupten, daß die Erwerbslosen gar nicht faul sind. Dadurch wurde aber so getan, daß es schlimm wäre, wenn er recht hätte. Damit ging aber die ganze Diskussion schon in die falsche Richtung. In unserer Veranstaltungsreihe wollen wir das Problem auf andere Weise angehen.

Das Problem ist falscher Fleiß

Als Problem sehen wir nicht zu viel Faulheit, sondern zuviel Bereitschaft zu unüberlegtem Fleiß. Dieser äußert sich darin, daß Arbeit völlig unkritisch in falschen Bereichen, unter eigentlich nicht hinnehmbaren Bedingungen und mit höchst problematischen Resultaten verrichtet wird. Das Problem ist also, daß viele Menschen zu viel arbeiten. Diese Behauptung ist nun keineswegs neu. Neben der inzwischen ziemlich alten Schrift "Das Recht auf Faulheit" des Marx Schwiegersohns Paul Lafargue ist z. B. 1991 ein Buch des Sozialwissenschaftlers Reinhard Klopfleisch mit dem Titel "Die Pflicht zur Faulheit" erschienen. In diesem Buch weist er nach, daß das durch falsche Arbeit ein Wachstum erzeugt wird, dessen Schaden den Nutzen bei weitem übersteigt. Das führt dann dazu, daß immer mehr Ressourcen verwendet werden müssen, um die Schäden auszugleichen. Das Problem verschärft sich dadurch , daß in der Krise der Arbeitsgesellschaft zunehmend mehr Menschen von diesen Ressourcen ausgeschlossen werden. Um überhaupt noch überleben zu können, müssen sie (bildlich gesprochen) den Müll der besonders fleißigen wegräumen. Den selben Sachverhalt hat jüngst ein anderer Gelehrter wie folgt formuliert:

Man könnte das Problem auch einmal von einer ganz anderen Seite her betrachten. Zum Beispiel daran denken, welches Zerstörungspotential der herrschende Modus gesellschaftlicher Produktivität und Leistung beinhaltet. Die Anhäufung von Zweit- und Drittwagen, von überflüssigen Haushaltsgeräten, von Wegwerfpackungen und Statusmarkenkrempel, von röhrenden und stinkenden Motorrädern, die Kurztrips in die Karibik, die Mehrfachausstattung mit Handys und überflüssiger Software macht bekanntlich mehr kaputt als nur die natürlichen Lebensbedingungen. Sie erzeugt auch Stress, raubt Freizeit und läßt das Leben verkümmern. Wenn Leben nicht darin besteht, Maschinen - im wahrsten Sinne des Wortes - zu bedienen und eben dadurch in der Form von workaholics und Microsoftmarionetten zu deren Anhängsel zu werden. Ganz abgesehen davon, dass dies notwendigerweise zu Lasten anderer und materiell weniger bevorzugter Regionen der Welt geht, weil schließlich bekannt ist, dass eine globale Verallgemeinerung der hiesigen Lebensweise in kurzer Frist den gesamten Globus kollabieren ließe. So gesehen, könnte man allmählich realisieren, dass diejenigen, die sich dem herrschenden Zirkel von immer mehr Arbeit und immer mehr Konsum entziehen und anders leben zumindest nicht so viel kaputt machen als die allseits hochgelobten Leistungsträger. Was also zu fordern wäre, ist nicht nur ein Recht auf Faulheit, sondern die Anerkennung dessen, dass das herrschende Produktions- und Wachstumsmodell immer zerstörerische Folgen zeitigt und die Gesellschaft wenn nicht auf eine Katastrophe zusteuern so doch auf jeden Fall immer weniger lebenswert werden lässt. Was heißt, dass vor allem diejenigen materiell zu entlohnen wären, die diesen Wahnsinn nicht mitmachen und Tätigkeits- und Lebensweisen entwickeln, die produktiver und weniger zerstörerisch sind. Es geht also keineswegs um die moralische Frage, wer unter welchen Umständen "faul" sein darf. Es geht tatsächlich um die Zukunft der "Arbeitsgesellschaft", wenn auch anders, als die Wachstums-, Standort- und Sozialproduktsfetischisten sich dies vorzustellen vermögen. Fordern wir also Lohn für Nicht(lohn)arbeit. Das wäre wirklich zukunftsweisend!
Prof. Dr. Joachim Hirsch, Politikwissenschaftler, Frankfurt am Main
Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, dieser Zukunft ein Stück näher zu kommen. Diese Annäherungen soll in Form von Vorträgen, einem Seminar, einer Filmreihe, einer Ausstellung und einem Fest vollzogen werden. Die Veranstaltungsreihe findet anläßlich des zwanzigjährigen Bestehens des AK-Erwerbslose im DGB Marburg statt und wird von der Arbeitsgemeinschaft für gewerkschaftliche Fragen (AgF) und dem DGB Bildungswerk Mittelhessen unterstützt.
 


Produktiver Müßiggang statt Erziehung zu Arbeit

Bildung ist nur jenseits des Diktats des Arbeitsmarktes möglich

Vortrag der Veranstaltungsreihe Lob dem Müßiggang

Veranstaltung von AK-Erwerbsose, GEW, AgF

Mit Prof. Dr. Erich Ribolits (Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien)
 
 

Di, 19.02.02, 18.30 Uhr, 
GEW-Sitzungssaal, Schwanallee 27-31, Marburg 
(Pünktlicher Beginn!!!)

 
 
Muße ist die Antithese zum Arbeitszwang; während Arbeit das Kürzel für fremdbestimmtes Tun darstellt, zielt Muße auf selbstbestimmtes Leben. Eine Schule, die eine derartige Mußeorientierung auch nur in Ansätzen ernst nimmt, dürfte sie sich nicht als Ausbildungsstätte begreifen, wo Heranwachsende im Sinne wirtschaftlicher Vorgaben zurechtgerichtet werden (Erich Ribolits)
Gelegentlich ist immer noch zu hören, daß wer Arbeit sucht auch welche findet. Angesichts des Verhältnisses von offenen Stellen und Erwerbslosen ist diese Aussage eigentlich absurd. Doch selbst wenn zugestanden wird, daß es zu wenig Jobs gibt, fehlt selten der Hinweis, daß es ja auch offene Stellen gibt, die nicht zu besetzen sind. Das wird dann aber nicht so interpretiert, daß die falschen Stellen angeboten werden, sondern dahingehend, daß es erwerbslose Menschen gibt, die nicht darauf passen. Die Mängel werden also bei den Stellensuchenden verortet, deren Defizite überwunden werden müßten. Dies soll dann Fort- und Weiterbildung leisten.

Fort- und Weiterbildung unter diesen Vorgaben ist jedoch nichts anderes als Erziehung zu Arbeit. Der Referent wird diesen Ansatz einer radikalen Kritik unterziehen. Er wird historisch darlegen, wie die Förderung der Fähigkeit, sich an äußere Zwänge anzupassen, zum Ziel der Pädagogik im entstehenden Kapitalismus wurde. Die Fähigkeit galt als Grundvoraussetzung, um den Erfordernissen der Arbeit genügen zu können. Durch seine Arbeitsfähigkeit sollte der Einzelne zu einem anerkannten Mitglied der Gesellschaft werden. Obwohl die durch die Erziehung zur Arbeit bewirkte unkritische Haltung zu Lohnarbeit für die Lohnabhängigen schon immer schädliche Folgen hatte, konnten im Zeitalter sicherer Arbeitsplätze dadurch einer größeren Bevölkerung eine begrenzte Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ermöglicht werden. In der Krise der Arbeitsgesellschaft offenbart sich dann aber endgültig der Unsinn einer Pädagogik unter dem Diktat der Arbeit. Anhand von Begriffen aus der aktuellen Bildungsdiskussion, wie "Schlüsselqualifikationen", "Selbstorganisation", "Flexibilität" und "lebenslanges Lernen", wird Ribolits zeigen, daß sich dahinter nichts anderes verbirgt, als die Zurichtung der Menschen für einen Arbeitsmarkt, auf dem die wenigsten noch eine Chance haben. Der Referent ist Berufsbildungsforscher und in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern berufsbildender Schulen tätig, er weiß also genau wovon er spricht.

Dieser Vorstellung von Erziehung wird er den Gedanken eines "produktiven Müßiggangs entgegensetzen und dafür plädieren, daß die Entdeckung der Bedürfnisse der Teilnehmenden und das Nachdenken über den gesellschaftlichen Sinn der zu erlangenden Qualifikation, den Inhalt von Bildungsprozessen bestimmen sollen. Wie das aussehen könnte, wird Ribolits erläutern.
 
 


Arbeit als Krankheit

Über Arbeitssucht in der Arbeitsgesellschaft

Vortrag der Veranstaltungsreihe Lob dem Müßiggang

Veranstaltung von DGB-Bildungswerk Mittelhessen und AK-Erwerbslose im DGB

Mit Prof. Dr. Holger Heide (SEARI – Social Economic Action Research Institute – Institut für sozialökonomische Handlungsforschung, Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, Uni Bremen)
 
 
 

Do, 28.02.02, 20:30 Uhr
Café Roter Stern, Am Grün 28, Marburg

 
Das kapitalistische System fördert nicht nur Sucht; es "lebt" von Sucht,
und es ist wesentlich Suchtsystem (Holger Heide).
Dass Erwerbslosigkeit nicht nur ein materielles Problem ist, sondern auch zu psychischen Krankheiten führen kann, ist bekannt. Zu denken ist an die Menschen, die sich nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes wert- und nutzlos fühlen und nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen wissen. Aus diesem Phänomen wird oft der Schluss gezogen, Arbeit sei etwas Positives, das zur Vermeidung von psychischen Krankheiten gefördert werden müsse ("Arbeitstherapie"!). In Wahrheit resultiert das beschriebene Phänomen gerade aus der überzogenen Wertschätzung der Arbeit.

Diese kann sich in ganz anderen Erscheinungen zeigen. Sie führt z.B. zu Menschen, die zuviel arbeiten, die Raubbau treiben an ihrer Lebensenergie. Sie schaffen ein großes Arbeitspensum, sind "erfolgreich". Mit der Folge, dass nicht nur ihr Körper verschleißt. Auch ihre Psyche und ihr spirituelles Wohlbefinden nehmen Schaden. Es kann umgekehrt aber auch passieren, dass Menschen nur noch Angst vor der Arbeit haben. Sie wachen morgens schon mit Angst auf – wenn sie überhaupt geschlafen haben! Berge von Arbeit erwarten sie. Sie sind von ihrer Angst gelähmt, arbeiten daher unkonzentriert, schaffen wenig. Obgleich sie sich übermenschlich anstrengen, werden die Berge unerledigter Arbeit immer größer. Und in ihrer Hilflosigkeit halsen sie sich noch immer neue Arbeit auf.

Diese scheinbar gegensätzlichen Phänomene versucht Holger Heide mit dem Begriff der Arbeitssucht zu fassen. Sucht (nicht nur Arbeitssucht!) hängt für ihn eng mit der kapitalistischen Produktionsweise zusammen, die er als Suchtsystem begreift. Heide sieht Arbeit und Sucht als historisch gewordene Pathologien der Moderne. Ein Blick in die gewalttätige Geschichte der Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft erklärt die tiefsitzende Angst und die Verinnerlichung der Leistungsnormen, die uns an unsere moderne Gesellschaft binden. Erst diese Verinnerlichung erlaubt es – weit über das Mittel des materiellen Drucks hinaus – , die Angst vor Erwerbslosigkeit in Arbeitsdruck zu transformieren.

Sprechen wir also auch über die Genesung von Arbeitssucht!
 



 

Gleichberechtigung durch Unterwerfung unter den Arbeitsfetisch?

Verkürzte Arbeitskritik und unzureichende gewerkschaftliche Geschlechtergleichstellung

Vortrag der Veranstaltungsreihe Lob dem Müßiggang

Veranstaltung von DGB-Bildungswerk Mittelhessen, AgF, AK-Erwerbslose im DGB

Mit Mag Wompel (LabournetGermany)
 
 

Mi, 7.03.02, 20.00 Uhr, 
GEW-Sitzungssall, Schwanalle 27-31, Marburg

 
Können wir konsequent Widerstand leisten - auch außerhalb des Tellerrandes traditioneller Großbetriebe und international -, wenn wir auf Arbeit fixiert bleiben und doch nur Lohnarbeit meinen? Wenn wir keine Alternativen finden oder uns nicht trauen, diese auszusprechen? Die Fixierung auf Lohnarbeit fixiert auch dieses System und damit ein grundsätzliches Interessenbündnis für den Erhalt der Lohnarbeit (Mag Wompel)
Das Normalarbeitsverhältnis mit männlichem Vollverdiener und umsorgender Hausfrau ist als Leitbild und faktisch in der Krise. Gleichwohl kann von Geschlechtergleichstellung keine Rede sein. Doch selbst dort, wo sie sich teilweise vollzieht, geschieht dies auf wenig positive Art und Weise

Einerseits sieht dies so aus, daß sich zunehmend auch Männer in ähnlich prekären, schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsverhältnissen wiederfinden, die für einen Großteil der Frauen schon lange Realität waren. Anderseits gelingt es einigen Frauen zwar, in ihnen bisher verschlossene Bereiche vorzudringen und "männliche Karrieren" zu durchlaufen. Doch abgesehen davon, daß sich diese Form "weiblicher Karriereförderung" kaum verallgemeinern lassen dürfte und oft durch weitgehend rechtlose Migrantinnen als Hausangestellte abgestützt wird, ist sie vor allem noch aus einem anderen Grund perspektivlos. Sie bietet nämlich keine Option jenseits der schlechten Alternativen, sich als "working poor" mit mehreren unattraktiven Jobs gerade mal so durchzuschlagen, oder aber glücklicherweise einen Arbeitsplatz mit hohem Einkommen und sozialem Prestige zu finden, der aber den ganzen Menschen völlig vereinnahmt. Für ehrenamtliche Tätigkeit oder Müßiggang bleibt dann keine Zeit mehr.

Dabei wäre es jedoch durchaus möglich, die gesellschaftliche Reproduktion anders zu organisieren. Grundvoraussetzung wäre allerdings eine hohe Konfliktbereitschaft gegenüber Vertretern neoliberaler Zumutungen, die sich zunehmend auch bei den GRÜNEN oder in der SPD durchsetzen. Voraussetzung wäre aber auch ein Bruch mit heute weit verbreiteten Vorstellungen. Gebrochen werden muß mit der Annahme, daß es nichts kostbareres als einen Arbeitsplatz gibt und daher dafür jedes Opfer gerechtfertigt ist. Das bedeutet nicht nur die Zentralität von Erwerbsarbeit in Frage zu stellen, sondern einen generellen Prioritätenwechsel bezüglich dessen was wichtig ist. Die Frage nach dem guten Leben muß den Maßstab für die Organisation der Arbeit abgeben.. Nicht scheinbar unveränderliche ökonomische Anforderungen (egal ob diese nun mit der Technik, der Globalisierung, dem Markt, Profiterwartungen der Unternehmen u.ä. begründet werden) dürfen die Vorgabe sein, an die sich die Menschen anzupassen haben. Mag Wompel wird darlegen, in wie weit solche Diskussionen in den Gewerkschaften geführt werden und ob sie auch Auswirkungen auf deren praktischer Politik haben. Außerdem wird sie diskutieren, an welchen Punkten die Gewerkschaften noch selber viel zu sehr dem Arbeitsfetisch aufsitzen und welche Auswirkungen dies auf die Geschlechtergleichstellung hat.
 


Faulheit – Widerstand gegen Armutslöhne

Die polit-ökonomischen Hintergründe der "Faulenzerdebatte"

Veranstaltung der Veranstaltungsreihe Lob dem Müßiggang

Mit Prof. Rainer Roth (Frankfurt)
 
 

Do, 25.04.02, 
GEW-Sitzungssaal, Schwanallee 27-31, Marburg

 
Es ist klar, dass sich Lohnabhängige gegen Lohnsenkungen wehren. Je tiefer der Lohn fällt, desto mehr halten sie ihre Arbeitskraft zurück, desto "fauler" müssen die LohnarbeiterInnen werden. Was dem Kapital als Faulheit vorkommt, ist in Wirklichkeit Widerstand von Arbeitskräften gegen ihre rücksichtslose Ausbeutung. Die Faulenzerpropaganda dient dazu, die Ausbeutung zu steigern. Die sogenannte Faulheit ist im wesentlichen der Versuch, die Ware Arbeitskraft nicht unter Wert zu verschleudern. So ist die Unverschämtheit der "faulen" deutschen Arbeitslosen zu erklären, die unverständlicherweise nicht für 10,43 DM brutto 12 Std. am Tag fürs Spargelstechen zur Verfügung stehen wollen (Rainer Roth)
Es gibt Menschen, die glauben Vollbeschäftigung sei dann möglich, wenn Arbeitskraft nur hinreichend billig sei. Wie jede andere Ware würde die Arbeitskraft dann aus den Regalen abgeräumt werden. Daß dabei Menschen wie Kleidungsstücke behandelt werden, scheint sie nicht weiter zu stören. Rainer Roth stellt sich angesichts dieses Zynismus die berechtigte Frage, wozu eine Vollbeschäftigung gut sein soll, die nur zum Preis des absoluten Elends zu haben ist. Das verweist darauf, daß das System in Frage zu stellen ist, in dem den Menschen solche Zumutungen angetragen werden.

Das verlagert dann den Fokus der Kritik weg von denjenigen, die angeblich zu wenig arbeiten, hin zu Vertretern arbeitsmarktpolitischer Konzepte, die bei allen Unterschieden im Detail eines gemeinsam haben: Daß der wirtschaftliche Prozess an der Verwertung von Kapital und damit an der Profitrate ausgerichtet wird. Da diese jedoch der Motor des ökonomischen Prozesses im Kapitalismus ist, heißt dies, daß wir das Problem von Erwerbslosigkeit und unzumutbaren Jobs überhaupt nur angemessen diskutieren können, wenn wir kapitalistische Vorgaben in Frage stellen. Dies wird Roth in seinem Vortrag tun.

Er wird zeigen, daß eine Beschäftigungspolitik, die sich am Profit orientiert, nur noch Elend produzieren kann. Weder ist von Lohnsenkungen etwas zu erwarten, noch vom Glauben an das Beschäftigungswunder der "Dienstleistungsgesellschaft", auch nicht von der Investition in neue Technologien und eben so wenig von staatlichen Investitionsprogrammen. Da all dies nur wenig existenzsichernde und zumutbare Arbeit hervorbringt, kann der erfolgreiche Verkauf der Arbeitskraft nicht länger die Voraussetzung für die Existenzsicherung sein. Die Arbeitsgesellschaft ist am Ende.

Roth wird dann noch diskutieren, was kurzfristig zu tun ist, um die Situation von Lohnabhängigen zu verbessern. Dabei wird es um Steuerpolitik, Arbeitszeitverkürzung, Existenzgeld und Mindestlöhne gehen. Es wird aber auch um die produktiven Potentiale und Fähigkeiten gehen, die im Kapitalismus brachliegen, weil sie nicht profitabel vermarktbar sind, die aber unter anderen Bedingungen entfaltet werden könnten und ein besseres Leben ermöglichen würden.