Ethik für Soldaten

(Kalaschnikov, Juli 2001)


Die Zeitung "Bundeswehr aktuell" berichtete von einer Podiumsdiskussion zum Thema "Innere Führung", auf der einige hochphilosophische Anmerkungen zur Ethik des Soldatenberufs gemacht wurden. Fritz Viereck hat sie für Kalaschnikov - das Radiomagazin für militanten Pazifismus durchgearbeitet.

Stellen Sie sich vor, die Industrie- und Handelskammer Marburg wollte einmal mit allem intellektuellen Schick ins Wochenende starten und versammelte deshalb ein paar wirklich hochkarätige Koryphäen aus Politik, Kirche und Wissenschaft am Freitagnachmittag auf ein Podium, um sie dort die Frage ventilieren zu lassen: "Welche Ethik braucht der Handwerker im 21. Jahrhundert?"

Stellen Sie sich vor, der Vertreter der Evangelischen Handwerkerseelsorge verfechte dort die These, Handwerker müßten strictissime der Wahrung, Förderung und Wiederherstellung des Kundenwohls verpflichtet sein. Handwerker brauchten das Bewußtsein, daß ihr Tun der Befolgung der Regeln der Kunst diene, der Wiederherstellung eines gebrochenen Wasserrohres oder der Erzwingung des freien Abflusses.

Stellen sie sich vor, ein weiterer Beitrag stelle fest, daß es charakterlich gefestigte Menschen für das Handwerk zu werben gelte. Das Handwerk dürfe sich nicht als Tummelplatz für Krakeeler und Pfuscher verstehen. Die Meister und Chefs müßten hier Vorbild sein. Das Herz dürfe bei ihnen nicht zu kurz kommen; und diese Herzhaftigkeit müsse auch bei den Partnern in den Zulieferbetrieben als Essenz deutscher Handwerksphilosophie begriffen werden.

Stellen Sie sich des weiteren vor, der anwesende Handwerksmeister entspreche dem eben formulierten Anspruch eines Chefs mit Herz; er verfüge naturgemäß über Einblicke in die Seele eines Handwerkers im Einsatz.

Stellen Sie sich schließlich vor, eine weitere Diskutantin lege nun ihren Finger in eine Wunde, indem sie sich frage, ob nicht zwischen ethischer Anforderung an den Handwerker und den Pflichten, die die IHK fordere, eine Lücke klaffe, was sich besonders an der Ausrüstung festmache, die dem Handwerker in nicht ausreichendem Maße zur Verfügung stehe.
Und nun werden Sie sich unweigerlich die Frage stellen, ob die Industrie- und Handleskammer endgültig gaga geworden sei. Aber keine Sorge, Sie müssen nicht befürchten, demnächst von jedem Fliesenleger in moralphilosophische Diskussionen über die Grundlagen seiner Tätigkeit verwickelt zu werden, schon gar nicht in Marburg. Denn selbstverständlich spielen sich dergleichen tiefschürfende Erörterungen in der Hauptstadt ab: In Berlin fand eine Tagung zum Thema Innere Führung statt, deren Veranstalter auch die Frage "Welche Ethik braucht der Soldat im 21. Jahrhundert" ums Verrecken nicht unbesprochen lassen konnten.

So versammelten sich also General a.D. Klaus Reinhardt, ein Professor Pommerin, gleichzeitig Vorsitzender des Beirats Innere Führung, der evangelische Militärbischof Hartmut Löwe, Claire Marienfeld, Ex-Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok und Margarita Mathiopoulos, Professorin für die US-Außen- und Sicherheitspolitik an der TU Braunschweig, auf einem Podium und begannen, so der Berichterstatter der "bundeswehr aktuell", "die Zuhörerschaft an einem beginnenden Wochenende zu fesseln".

Es wirft ein Licht auf die intellektuellen Kapazitäten des Publikums derartiger Veranstaltungen, von wem die sich so fesseln lassen. Ein General a.D., eine Ex-Wehrbeauftragte und ein Europaabgeordneter der CDU - die sind natürlich froh, überhaupt noch einmal irgendwo auftreten zu dürfen. Der evangelische Pastor als notorische Betriebsnudel kommt immer. Jedoch zweifellos der Höhepunkt auf diesem Podium, dem Zweitklassigkeit nachzusagen wirklich gelogen wäre, das ist auf jeden Fall Margarita Mathiopoulos - Sie erinnern sich? Die Professorin für US-Außen- und Sicherheitspolitik an der Technischen Universität Braunschweig. Ob die USA das wissen, wie ihre Außen- und Sicherheitspolitik da im niedersächsischen ehemals Zonenrandgebiet wissenschaftlich beleuchtet und analysiert wird? Ob man dem George W. Bush das mal stecken sollte? Das gäbe doch eine heitere Viertelstunde im Oval Office.

Was ist es aber nun mit der Ethik des Soldaten im 21. Jahrhundert? Der Militärbischof gibt einen Hinweis: Du sollst nicht töten - nein, das sagt er natürlich nicht, diese ethische Anforderung ist ja schon ein paar Jahrhunderte alt, und außerdem hat sie sich eh nicht recht durchsetzen können, jedenfalls nicht bei der Klientel, die von Militärpfaffen betreut wird. Nein, das Abmurksen von Leuten ist schon ok, ethisch, jedenfalls wenn man sich dabei an bestimmte Regeln hält, so der Bischof:

"Soldaten brauchen das Bewußtsein, daß ihr Tun der Rechtsbefolgung dient, der Wiederherstellung des gebrochenen Rechts oder der Erzwingung des Rechts."
Auf der Flucht erschossen - das geht also im ethischen System des Evangelischen Militärbischofs Löwe voll in Ordnung. Oder möchte er etwa doch eine zaghafte Einschränkung machen?
"Deshalb müssen sie sich darauf verlassen können, daß das, was ihnen aufgetragen wird, im Einklang mit Verfassung und Recht steht."
Das ist aber kein Problem, denn wie der Krieg gegen Jugoslawien zeigte, verlassen sie sich darauf ohnehin, auch wenn alle bekannten Tatsachen dagegen sprechen. Vielleicht kennen sie auch nur das Soldatengesetz besser als der Herr Pastor und wissen, in welche nicht nur ethischen, sondern disziplinar- und strafrechtlichen Bredouillen sie kommen, wenn sie die Ethik im 21. Jahrhundert zwicken sollte - wie ist das mit dem Gehorsam -? Soldatengesetz, § 11:
"Der Soldat muß seinen Vorgesetzten gehorchen. Er hat ihre Befehle nach besten Kräften vollständig, gewissenhaft und unverzüglich auszuführen. Ungehorsam liegt nicht vor, wenn ein Befehl nicht befolgt wird, der die Menschenwürde verletzt (...), die irrige Annahme, es handele sich um einen solchen Befehl, befreit den Soldaten nur dann von der Verantwortung, wenn er den Irrtum nicht vermeiden konnte und ihm nach den ihm bekannten umständen nicht zuzumuten war, sich mit Rechtsbehelfen gegen den Befehl zu wehren."
Jetzt erschießen Sie erst mal die Flüchtigen, und wenn Sie danach immer noch daran zweifeln, daß das, was ihnen aufgetragen wurde, im Einklang mit Recht und Verfassung steht - können Sie ja `ne Dienstaufsichtsbeschwerde schreiben.
Halten wir ein erstes Ergebnis fest: der ethisch einwandfreie Soldat des 21. Jahrhunderts ist felsenfest davon überzeugt, daß es richtig und gut ist, was er auf Befehl tut. Claire Marienfeld erläutert, worauf man achten muß, damit daß so bleibt:
"Charakterlich gefestigte Menschen gelte es für die Bundeswehr zu werben. Die Bundeswehr dürfe sich nicht als Tummelplatz für Haudegen und Abenteurer verstehen."
Zugegeben, das Problem ist älter: Wie bringt man einem bewaffneten Haufen soviel Disziplin bei, daß er nur dann schießt, wenn er soll, und nicht, wenn's ihm paßt. Früher, in den alten brutalen Zeiten, nannte man das Aufrechterhaltung der Manneszucht, heute, wo wir sensibler und verlogener sind, im 21. Jahrhundert, firmiert das unter der Ethik des Soldaten.
"Intelligente und sensible Menschen sind gefragt. Vorgesetzte müssen hier Vorbild sein. Das Herz dürfe bei ihnen nicht zu kurz kommen."
Wie schön - in der Form vielleicht ein bißchen kitschig, aber gerade deswegen einer Mutter der Kompanie angemessener als die nüchterne Sprache des Soldatengesetzes:
"§ 10 Pflichten des Vorgesetzten.
Der Vorgesetzte soll in seiner Haltung und Pflichterfüllung ein Beispiel geben.
Er hat die Pflicht zur Dienstaufsicht und ist für die Disziplin seiner Untergebenen verantwortlich.
Er hat für seine Untergebenen zu sorgen.
Er trägt für seine Befehle die Verantwortung. Befehle hat er in der den Umständen angemessenen Weise durchzusetzen."
Das Herz darf dabei natürlich nicht zu kurz kommen. Das Herz aber, kennt es Grenzen? Nein, es zieht in die Ferne, es macht nicht halt, Frau Marienfeld weiß es, daher ihre Mahnung, auch
"...bei der Aufstellung multinationaler Verbände die Innere Führung zu vertreten. Sie müsse bei den Partnern als Essenz deutscher Führungsphilosophie begriffen werden."
Das erste Glanzlicht dieser Podiumsdiskussion! Eine stilistische Leistung, die schwer zu toppen sein dürfte; ob der General a.D., die Braunschweiger Professorin für US-Politik oder der Beiratsvorsitzende Innere Führung noch drüber kommen werden?! Als einem Mann der Praxis bleibt dem verrenteten General Reinhardt -
"... entspricht dem Anspruch des Vorgesetzten mit Herz. Der frühere KFOR-Kommandeur verfügt naturgemäß über tiefe Einblicke in die Seele einer Truppe im Einsatz..."
- bleibt also diesem herzlichen, intelligenten und sensiblen Menschen nichts anderes übrig, als der Ex-Wehrbeasuftragten zuzustimmen:
"Vom Wert der Inneren Führung und ihren ethischen Grundsätzen ist er überzeugt. Sie habe einen moralisch stabilen und hoch einsatzfähigen Soldaten erzeugt."
Das zweite Ergebnis der Veranstaltung: die Ethik des Soldaten im 21. Jahrhundert trägt nicht nur zur Wahrung der Disziplin bei, sondern auch dazu, die Moral der Truppe stabil und die Einsatzfähigkeit hoch zu halten, und zwar auf einem wirklich beneidenswerten Niveau:
"Ihn habe im Kosovo der Befehlshaber einer anderen Nation gefragt, wieso er unter seinen Männern bis zu 25 Prozent Ausfälle habe, die Deutschen aber nur magere ein Prozent."
Tja, guter Mann, der deutsche Soldat ist eben immer noch der beste der Welt, was natürlich an den
"ethischen Grundlagen der inneren Führung"
liegt, darüber hinaus aber auch daran, daß seine blinde Überzeugung, naturgemäß auf der richtigen Seite zu stehen und stets das Gute zu tun, denn das hat man ihm im Einklang mit der geltenden Rechtsordnung befohlen, durch auch nicht den geringsten Selbstzweifel getrübt ist. Mit einer solch bombenfesten Ethik kann der deutsche Soldat das ganze 21. Jahrhundert hindurch an der Wiederherstellung des Friedens wo auch immer arbeiten, wenn bloß die Bündnispartner nicht wieder schlapp machen ...!
Nun jedoch kam Frau Mathiopoulos, Professorin für US-Außen- und Sicherheitspolitik, man kann das nicht oft genug wiederholen, um ihre Leistung zu würdigen, die darin besteht, neben dieser beruflichen Tätigkeit an der Technischen Universität zu Braunschweig Zeit für die Beschäftigung mit Fragen der Inneren Führung zu finden; und soviel Zeit, daß sie nicht nur als kompetente Person aufs Podium geladen werden konnte, sondern als einzige in der Lage ist, Schwachstellen zu erkennen und zu benennen.
"Mathiopoulos legt den Finger in eine Wunde."
Politik, Kirche und Militär habe sich wieder einmal bloß affirmativ geäußert, jetzt aber sollen sie die kritische Wucht der Wissenschaft zu spüren bekommen!
"Sie fragt sich, ob nicht zwischen ethischer Anforderung an den Soldaten und den Pflichten, die der Staat fordere, eine Lücke klaffe."
Eine rätselhafte, ach was, geradezu enigmatische Formulierung. Die hier formulierten Ansprüche an die Ethik des Soldaten, nämlich charakterfest, intelligent und sensibel zu sein, dabei Herzlichkeit zu zeigen und von der Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns überzeugt zu sein, sollten mit den Pflichten des Soldaten kollidieren?
"Soldatengesetz, § 7 Grundpflicht des Soldaten
Der Soldat hat die Pflicht, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen."
Sollte Frau Mathiopoulos militärkritisch genug sein, um die Erfüllung dieser Pflicht nur ethisch zweifelhaftem Gelichter zuzutrauen? Oder wo sieht sie die Lücke klaffen?
"Dies mache sich besonders an der Ausrüstung fest, die dem Soldaten in nicht ausreichendem Maße zur Verfügung stehe."
In jedem Hotelzimmer liegt das Neue Testament in der Nachttischschublade, aber für die Mannschaftsstuben in den Kasernen reichts nicht -?
"Ansonsten hält sie das ethische Rüstzeug für gegeben, wenn weder neue Hemdsärmeligkeit noch Beliebigkeit, sondern demokratische Stabilität und sicherheitspolitische Verläßlichkeit deutsche Normalität sei."
Das ist einigermaßen enigmatisch, wenn nicht gar rätselhaft, wahrscheinlich aber bloß Schwachsinn. Hinter der Berufung von Frau Mathiopoulos als Professorin für US-Außen- und Sicherheitspolitik an eine Technische Universität, und zwar die in Braunschweig, scheint Überlegung und Vorsatz zu stecken; jedoch hat, wer immer diese wissenschaftlich-politische Altlast im ehemaligen Zonenrandgebiet diskret endlagern wollte, nicht an die guten ICE-Verbindungen von Braunschweig nach Berlin gedacht. Wie wäre es mit einem Ruf an die Berg- und Hüttenschule Clausthal-Zellerfeld?
Das Schlußwort gehörte einem Soldaten, Reiner Pommerin, Oberst der Reserve und Vorsitzender des Beirats Innere Führung:
"Allen Appellen, die mehr Zivil- oder gar Militärcourage im Umgang der Soldaten untereinander einforderten, erteilte er eine Absage. Gerade weil es die Innere Führung gebe, seien diese Appelle unnötig."
Der Mann hätte als erster sprechen sollen, dann hätte man sich die ganze lange Diskussion schenken können, deren Verlauf bloß bestätigte, was eh klar war: das Berufsethos des deutschen Soldaten ist auch im 21. Jahrhundert in Ordnung. An dem Befund ändert sich auch nichts, wenn man die ungebrochene Selbstsicherheit der Truppe zu einer Ethik aufblasen will; aber das klingt natürlich eindrucksvoller, man kann drüber reden, und die Zeit vergeht auch. Wer mit seiner Zeit verantwortungsvoller umgehen und trotzdem erfahren will, was es mit den ethischen Grundlagen der inneren Führung auf sich hat, kann in zwei Minuten eine Definition finden.
"Der Soldat hat die gleichen staatsbürgerlichen Rechte wie jeder andere Staatsbürger. Seine Rechte werden im Rahmen der Erfordernisse des militärischen Dienstes durch seine gesetzlich begründeten Pflichten beschränkt."
§ 6, Soldatengesetz. Kann man alles schön knapp zu hause nachlesen, und man wird dabei nicht einmal von Vertretern aus Politik, Kirche, Militär und Wissenschaft behelligt.