Kalaschnikov, Sendung vom 12. Januar 2000
Das wurde ja langsam mal Zeit. Darauf haben wir lange gewartet. Irgendwann mußte es so kommen, und nun ist es endlich so weit. Das hat uns gerade noch gefehlt. Der Europäische Gerichtshof hat die deutsche Verfassungsvorschrift, nach der Frauen keinen Militärdienst an der Waffe leisten dürfen, für diskriminierend erkannt; sie verstoße gegen die Gemeinschaftsrichtlinie der Europäischen Union von 1976 zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen im Berufsleben.
Zweifellos ein Fortschritt: "Bundeswehr muß Frauen an die Waffen lassen", titelt die Frankfurter Rundschau; und das Blatt für den Nachwuchs, dem die FAZ zu anspruchsvoll und nicht peppig genug ist, die taz, trägt natürlich noch ein bißchen Schabernack auf: "Frauen dürfen in der nächsten Saison Tarnfarben tragen".
Was für ein Fortschritt. Zwar macht sich ein wenig Besorgnis bemerkbar, weil mit diesem Urteil ein – na ja gut: europäisches, aber doch irgendwie ausländisches Gericht in deutsche Verfassungsregelungen eingreift; die liberale Presse ist aber insgesamt eher erfreut und meldet Kritik eigentlich nur da an, wo ihr die Gleichstellung nicht weit genug geht: "Ein bißchen schießen" – darauf läuft es nach Auffassung der taz-Kommentatorin Heide Oestreich hinaus; und danken muß man ihr dafür, daß in ihrem Beitrag der Kern der Sache immerhin etwas deutlicher zu erkennen gegeben wird als in den anderen gleichgestellten Meinungsbekundungen:
"Denn jetzt wird die Frage spannend, in welchen Bereichen der Bundeswehr Frauen demnächst Militärdienst leisten dürfen. In fast allen Ländern sind sie von den kämpfenden Einheiten ausgeschlossen."
Das ist mal wieder so ein Fortschritt! Wo doch die kämpfenden Einheiten traditionell diejenigen sind, in die es immer schon die entschlossensten, emanzipiertesten, durchtrainiertesten und überhaupt die besten gezogen hat. Man erinnere sich nicht nur an Top Gun, Rambo und GI Jane, sondern vielleicht eher noch an die von Karl Kraus überlieferte Szene aus dem Ersten Weltkrieg, als der deutsche Kronprinz, soeben mit Tennisspielen beschäftigt, einer Kampftruppe, die am Park seiner Villa vorbei in die Schützengräben zog; als bei der Gelegenheit den Männern, von denen nicht viele den Rückweg erleben würden und die das wußten; als er diesen Männern mit seinem Racket ermunternd zuwinkte. Auch er wußte: dies ist die Elite, die Dienst in den kämpfenden Einheiten tun darf. Leider hat die Geste nicht so recht gezogen, was daran liegen mag, daß damals der run auf die kämpfenden Einheiten noch zu schwach war, als daß man darauf hätte verzichten können, das Menschenmaterial zwangsweise einzuziehen. Seitdem hat sich viel geändert. Kronprinzen haben wir nicht mehr, die Wehrpflicht schon noch, man soll’s nicht übertreiben mit diesen immerhin bedenklichen Reformen; und schließlich führte der Zug der Zeit zu einer Geisteshaltung, die zum Maßstab der Beteiligung am politischen und gesellschaftlichen Leben die Lizenz zum Töten nimmt:
"Inzwischen kann man sich zwar vorstellen, daß Frauen Panzer reparieren, aber nicht, daß sie schießen. Das Tötungsprivileg bleibt männlich."
Von Fortschritt keine Rede. Dennoch hat sich etwas geändert seit der Zeit, in der die Menschheit ihre letzten Tage überlebt hat. Heute ist der Eintritt in die kämpfenden Einheiten der Armee eines Nato-Staates keineswegs mehr mit der Aussicht auf den baldigen Heldentod verknüpft, sondern mit der Erwartung, dieses Schicksal den Rekruten der hoffnungslos unterlegenen gegnerischen Truppen zu bereiten, während man selber gute Chancen hat, ziemlich unversehrt zu bleiben.
Was das offensichtlich nicht vollständig befriedigende Reparieren von Panzern angeht: Erst wurden schon einmal öffentlich Erwägungen der Art geäußert, daß bereits die Arbeit in Rüstungsbetrieben einen unabdingbaren Beitrag zur Kriegsführungsfähigkeit eines Staates darstellt; daß deswegen diese Arbeit als ein militär- und kriegsunterstützender Dienst zu begreifen sei, der verweigert werden müsse. Eine total fortschrittsfeindliche Vorstellung: jemand, der eine Waffe zusammenbaut, trägt sehr wohl Verantwortung dafür, wenn mit dieser Waffe ein Mensch getötet wird... Na ja, Schnee von gestern. Wir haben es glücklich geschafft, uns von solchen Gefühslduseleien zu emanzipieren.
Folglich feiert die liberale Presse den Fall der "letzten Bastion der Demokratisierung" – womit nebenbei schon angedeutet wird, daß nun alles in Ordnung sei. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, dem das Urteil des Europäischen Gerichtshofes Tür und Tor öffnet. Auf den praktischen Nutzen dieser progressiven Militarisierung für den Aufbau von Krisenreaktionskräften, mit denen die Nato-Machtstaaten in jeder Ecke der Welt Kriege führen können, finden sich keine Hinweise. Viel zu sehr sind alle beeindruckt von der Symbolik, mit der die Möglichkeit aufgeladen ist, an tödlicher Gewalt teilzuhaben: das allerletzte Privileg, das dem bürgerlichen Individuum eingeräumt werden muß. Ohne wäre es irgendwie nicht vollständig.
Es geht ja auch nur am Rande um Politik, vielmehr um Karrierechancen und die Abschaffung von Berufsverboten. Martin Winter in der FR:
"Die Hälfte der Bevölkerung von einem Beruf auszuschließen, der anderen offen steht, kann man sachlich beim besten Willen nicht mehr als Ausnahme bezeichnen."
Das, lieber wehrpflichtiger Hörer, hättest du nicht gedacht: Man hat dich erfaßt, der Erniedrigung durch die Musterungskommission unterworfen und unter Androhung einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren dazu gezwungen, entweder den militärischen oder ersatzweise den zivilen Kriegsdienst zu leisten; und nun verrät dir die FR, das alles sei nur geschehen, um dir Berufsperspektiven zu eröffnen, von denen deine Freundin bisher nur träumen konnte.
In welche Richtung schreiten wir eigentlich fort? Wenn
es stimmt, daß bisher eine Hälfte der Bevölkerung ein "Tötungsprivileg"
hatte – das Wort sollte man sich merken –, ist dann der Versuch fortschrittlich,
es abzuschaffen, oder der, es auf die andere Hälfte auszudehnen? Oder:
wenn bisher die Hälfte der Bevölkerung zu einem miesen Dienst
gezwungen wurde und die andere nicht, was läge näher als die
Forderung, diesen Zustand durch Abschaffung des miesen Dienstes zu beenden?
In der Richtung hätte der Weg gelegen, der Männer und Frauen
zu etwas hätte bringen können, was Gleichberechtigung heißen
könnte. Der Fortschritt, der nun droht, ist tatsächlich Gleichstellung.
Wer mit einer politischen Aktivität zur Änderung der Zustände,
wie sie nun einmal sind, nichts zu tun haben will, kann eben nur noch darauf
hoffen, in der allgemeinen Misere wenigstens nicht schlechter wegzukommen
als all die anderen Arschlöcher.