Gewaltfreiheit in der Türkei

(Interview mit Ferda Ülker, die als Trainerin für gewaltfreies Handeln, als Feministin und Antimilitaristin in Izmir aktiv ist. Quelle: Email des "Förderverein Die Bewegungsstiftung e.V.", der die antimilitaristische Arbeit in der Türkei unterstützt, vom 12.1.2003)


Ferda, unter welchen Bedingungen bist du aufgewachsen.

Ich wurde 1968 in Bandirma geboren und habe vier weitere Geschwister. Meine Eltern gehören der Mittelschicht an. Meine Mutter ist Hausfrau. Mein Vater war Soldat, und so haben wir auch in den Wohnbezirken der Soldaten gelebt. Da mein Vater versetzt wurde, bin ich in Eskisehir (Anatolien) und in Bandirma (Marmarameer) aufgewachsen. 1985 ging ich nach Izmir, um zu studieren. Zunächst Lebensmittelkontrolle an einer Fachhochschule, womit ich aber nicht zufrieden war. Deshalb besuchte ich anschließend die Universität und habe in Regie und Dramaturgie meinen Abschluss als Theaterwissenschaftlerin gemacht.

Gab es ein bestimmtes Ereignis, das dich politisiert hat?

Meine Politisierung begann eigentlich in der Zeit, in der ich zu studieren anfing. Es war in meiner Familie schon fast eine Art Tradition, zur Ausbildung in eine moderne Stadt zu gehen und dort auf eigenen Füssen zu stehen. Das ging bei uns allen auch mit politischer Arbeit einher. Meine große Schwester wurde in der Linken aktiv, nachdem sie unser Elternhaus verlassen hatte, und so war es dann auch bei mir. Mich faszinierte die Studentenbewegung, die sich nach dem Putsch von 1980 das erste Mal wieder zu organisieren begann. Mein großes Vorbild damals war meine Schwester. Sie war eine echte Revolutionärin und hat einiges riskiert. Durch sie bin ich mit anderen "Helden" der revolutionären Linken in Kontakt gekommen. In der traditionellen türkischen Linken hat es immer konkurrierende Fraktionen und Gruppierungen gegeben. So auch in der damaligen Studentenbewegung. Die linken Gruppen haben dort versucht, Fuß zu fassen und AktivistInnen zu rekrutieren. Dabei ging es nicht um die Qualitäten, die jemand hatte, sondern nur darum, möglichst viele zu bekommen. In dieser Phase fiel es mir schwer, meinen eigenen politischen Platz zu finden. Das änderte sich 1993 mit der Gründung des Vereins der KriegsgegnerInnen in Izmir. Ich war in dem Freundeskreisderer, die zur ersten Gründungsgruppe gehörten und habe sie unterstützt. Als der Verein dann geschlossen und 1994 unter leicht geändertem Namen wieder eröffnet wurde, gehörte ich zur Gründungsgruppe und war bis zur Auflösung des Vereins im Winter 2001 dabei. Bei den KriegsgegnerInnen hatte ich meinen Platz gefunden. Seitdem nenne ich mich Antimilitaristin. Was motiviert dich zu politischer Arbeit?

Dass wir nicht nur von anderen fordern, sondern bei uns selbst anfangen. So mühsam das auch ist, erleben wir dort doch die größten Erfolge. Als aktive AntimilitaristInnen haben wir stets versucht, nach dem Primat der Gewaltfreiheit zusammen zu arbeiten. Das war gerade in den ersten Jahren eine große Herausforderung, mussten wir doch mit den herrschenden Vorstellungen der traditionellen Linken brechen, uns von der Idee unangreifbarer "Helden" und Führer" verabschieden und eine gleichberechtigte Kooperation untereinander entwickeln. Seitdem ist mir klar, egal wie bekannt einer von uns durch die Arbeit auch werden mag, wir sind alle Helden, in dem Sinne, dass es Mut und langen Atem erfordert politisch aktiv zu sein.

Ihr habt viel mit dem Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal gearbeitet. Welchen Einfluss hatte das auf Eure Arbeit?

Wir haben Formen des Theaters der Unterdrückten sowohl in der politischen Aktion als auch im Training für uns selbst verwendet. Unsere Erfahrungen mit dem Theater sind ausnahmslos positiv. Das Theater der Unterdrückten ist auch heute noch fester Bestandteil unserer Arbeit. Aktuell planen wir ein Zeitungstheater zum Einsatz türkischer Soldaten im Irak. Wir werden uns mit Zeitungsausschnitten behängen und verschiedene Zeitungsmeldungen vorlesen. So entlarven wir die Lügen von Regierung und Militär, ohne auch nur einen strafbaren Text zu verwenden. Ein Theater der Unterdrückten hat einen besonders nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen: Es war während eines Trainings für Frauen zum Thema sexistische Gewalt gegen Frauen. Die gespielten Szenen waren von der Realität kaum zu unterscheiden. Das hat uns alle sehr erschreckt. Das Theater, der geschützte Raum nur unter Frauen hat uns geholfen, den Schreck in neue Kraft für unseren Kampf gegen sexistische Diskriminierung und Gewalt umzuwandeln. Nachher habe ich wieder Anmachen auf der Straße erlebt und konnte mich anders verhalten. Das empfinde ich als großen Erfolg. Zum gleichen Thema haben wir auch ein "unsichtbares Theater" nach Boal aufgeführt. Sicher, wir hätten auch eine Podiumsveranstaltung machen können, aber damit hätten wir nur die erreicht, die wir immer erreichen. Wir wollten aber die Leute auf der Straße beeinflussen. Wir haben als Spielort eine Fähre über die Izmirer Bucht gewählt, weil die Leute dort zwanzig Minuten Muße haben. Wir haben die Belästigung einer Frau gespielt und die Reaktion war überwältigend. Die Leute haben eingegriffen und diskutiert. Am Ende der Fährfahrt haben wir aufgedeckt, dass die Szene gespielt war. Wir erhielten gerade von den Frauen viele positive Reaktionen.

Es gibt in Izmir eine Gruppe von TrainerInnen, die zu gewaltfreiem Handeln arbeiten. Wen sprecht ihr an und was erreicht ihr mit diesen Trainings?

Wir bieten Trainings zu Grundlagen der Gewaltfreiheit und vor allem zum Abbau von Vorurteilen an. Zielgruppe sind politisch Aktive in verschiedenen Organisationen Wir erreichen in der Regel mehr Frauen als Männer. Unser Ziel ist es, dass die Leute in ihren Organisationen besser kooperieren. Dazu schlagen wir immer wieder auch andere Aktionsformen vor. In der Türkei gab es lange Jahre entweder Demonstrationen und Mahnwachen oder militante Aktionen aus dem Untergrund. Direkte gewaltfreie Aktion gehörte bis jetzt einfach nicht zum bekannten Repertoire. Das versuchen wir zu ändern.

Ihr seid Teil der türkischen Linken. Wir hören immer wieder von Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der politischen Arbeit in der Türkei. Was war das für dich bisher schlimmste Erlebnis in diesem Zusammenhang?

Am Schlimmsten war sicher die Schließung des Vereins der KriegsgegnerInnen. Wir sahen uns nach Jahren der bürokratischen Schikanen im Winter 2001 leider dazu gezwungen, den Verein zu schließen. Die Zahl unserer Aktiven hatte über die Jahre stetig abgenommen. Letztendlich fehlte uns die Kraft, einen Verein zu führen, weil wir jahrelang unter großem Druck arbeiten mussten: Wir waren in eine Vielzahl von Prozessen verstrickt und hatten unter anderem Solidarität mit einem Inhaftierten zu leisten. Auch die Arbeit in der Gruppe war nicht immer einfach, was normal ist, wenn Menschen so sehr aufeinander angewiesen sind. Aber immer wieder gab es auch das Gefühl der Solidarität. Jetzt, wo wir als Gruppe weniger Aktiver arbeiten, erlebe ich oft eine Einsamkeit und den Wunsch einer Organisation anzugehören. Seitdem wir keinen Verein mehr haben, hat der Druck von Seiten des Staates nachgelassen. Die Trainingsarbeit zu Gewaltfreiheit war von Beginn an nicht von der Repression betroffen, da sie eine "geschlossene" Veranstaltung ist, die keine direkte öffentliche Wirkung hat. Als AntimilitaristInnen in Izmir treten wir in unserer politischen Arbeit oft als Einzelpersonen auf. Das ist möglich, weil wir in der Linken bekannt sind und die meisten Aktionen in Netzwerken und Plattformen vieler durchgeführt werden.

Was war in deiner bisherigen politischen Arbeit das schönste Erlebnis?

Ich denke, das Schönste an dieser Arbeit ist, dass ich meine Persönlichkeit als Antimilitaristin und als Feminstin gefestigt habe. Jetzt, in der Mitte meines Lebens, herrscht Klarheit über die grundsätzlichen politischen Fragen des Warum und Wohin. Das ist kein Erlebnis im engeren Sinne, verleiht aber allen Erlebnissen einen Sinn und eine Grundlage. Ich mache gerade das, was für mich richtig ist.

Woran arbeitest du aktuell?

Da gibt es zwei große Bereiche: Erstens die Trainings zu gewaltfreiem Handeln und zweitens die Beteiligung in verschiedenen Bündnissen. Nachdem unsere Trainingsarbeit räumlich lange auf Izmir begrenzt war, konnten wir im vergangenen halben Jahr einen türkeiweiten Durchbruch erzielen. Es hat sich herumgesprochen, dass unsere Trainings die politische Arbeit positiv beeinflussen, dass wir die Aktiven stärken. Wir haben Trainings in Istanbul, Ankara, Antalya und Diyabakirangeboten. Es kamen Anfragen von Universitäten. Derzeit arbeiten wir an einem Trainingsprogramm für TrainerInnen. Nach einem doch eher schleppenden Beginn geht es gerade sehr rasant weiter. Grund für diesen Erfolg ist sicher auch, dass wir die Grundsätze gewaltfreier Aktion in die verschiedenen Plattformen einfließen lassen. Ich bin derzeit in der Unabhängigen Fraueninitiative und in der Koalition zu Globalisierung, Frieden und Gerechtigkeit. Gerade in der Koalition haben Fragen von gleichberechtigter Teilnahme, Hierarchie und Konsens einen besonderen Stellenwert. Diese Werte werden von der internationalen Anti-Globalisierungsbewegung vorgegeben. Die traditionelle Linke in der Türkei ist aber sehr hierarchisch. Auf den internationalen Kongressen und Aktionen wußten dann etliche Aktive nicht, nach welchen Prinzipien gearbeitet wird. Ein SprecherInnenrat war Ihnen ein Fremdwort und Konsens verstanden sie als eine anderes Wort für Mehrheitsentscheidung. Wir gehören zu den Wenigen in der Türkei, die diese wichtigen Techniken vermitteln können und stoßen endlich auch auf ernsthaftes Interesse.

Welche Bedeutung hat es für dich, von einer Stiftung in Deutschland unterstützt zu werden?

Die Unterstützung gibt mir die Freiheit, mich dort zu engagieren, wo es mir am sinnvollsten erscheint. Ich arbeite ja auch noch in einem Buchladen. Die Kombination ist ideal, weil ich im Buchladen für Veranstaltungen und Lesungen zuständig bin und sich so immer wieder positive Überschneidungen ergeben. Die Unterstützung macht mich aber unabhängig und ich kann auch bei meinem sozialen Engagement mehr riskieren. Leider bekomme ich wenig von der Stiftung als solcher mit und kenne nur wenige der Menschen, die mich unterstützen. Sehr wertvoll ist die Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen wie dem Bildungswerk Umbruch, der DFG-VK und Connection e.V..

Was ist Dein größter Wunsch für deine politische Arbeit?

Mir ist Gewaltfreiheit weiter das größte Anliegen. Wir haben uns langfristig ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Wir wollen ein Trainings- und Begegnungszentrum zu Gewaltfreiheit aufbauen. Das ist meine größte Motivation, mein größter Wunsch - auch wenn er manchmal schier unmöglich zu erreichen scheint. Mit der Trainingsarbeit, jetzt auch in anderen Städten, sind wir diesem Ziel aber ein Stück näher gekommen.

Die Fragen stellte G. Rohmann, Übersetzung: J. Rohwedder