Am
Dienstag, 22. Mai 2001, 20 Uhr, Wilhelm-Röpke-Straße 6, Block B, Raum 510
spricht Frau Dr. Annette Vogt (Max-Planck-Institut für Wissenshaftsgeschichte Berlin)
über das Thema:
Emil Julius Gumbel - Mathematiker und Publizist gegen die Nazis
Wer war Emil Julius Gumbel?
Er wurde 1891 in München geboren und starb 1960 in Berlin.
1910-1914 studierte er Mathematik und Ökonomie in München und promovierte 1914.
Am Ersten Weltkrieg nahm er 1916-1918 als Kriegsfreiwilliger teil. Das Kriegserlebnis machte ihn zum Pazifisten. Er schloß sich der USPD an und ging nach deren Spaltung mit der Minderheit dieser Partei zur SPD. 1923 habilitierte er sich in Statistik und war bis 1930 Privatdozent. 1930 wurde er außerordentlicher Professor, verlor diese Stelle aber 1932 wieder, weil er öffentlich die Ansicht vertreten habe, das angemessene Heldendenkmal für den Ersten Weltkrieg sei die Steckrübe.
Zu dieser Zeit war er schon längst der bestgehaßte Mann bei den Nazis und den Deutschnationalen. Erste Ursache hierfür war sein Buch "Vier Jahre politischer Mord" (1922). Hier hatte er als nüchterner Statistiker die politischen Morde der "nationalen Rechten" und eine Justizpraxis, welche die Mörder in der Regel laufen ließ, recherchiert und dargestellt.
1933 emigrierte Gumbel zunächst in die USA, dann nach Frankreich, bis er dann 1940 endgültig in die Vereinigten Staaten ging, wo er an der New School for Social Research in New York lehrte.
1925/26 hatte er in Moskau für die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) die mathematischen Exzerpte und Manuskripte von Marx bearbeitet. 1929 war er Gast am Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main. In der französischen Emigration war er im Vorbereitenden Ausschuß für eine Deutsche Volksfront tätig und nahm an den Beratungen im Hotel "Lutetia" teil. Seit den Moskauer Prozessen ging er auf Distanz zur KPD und zur UdSSR. Seine Tätigkeit für den US-amerikanischen Geheimdienst OSS 1944 war für Gumbel - wie für andere emigrierte Intellektuelle auch -Teil seines antifaschistischen Engagements.
In den fünfziger Jahren nahm er zeitweilig Gastprofessuren an der FU Berlin und an der Deutschen Hochschule für Politik (der Vorgängerin des heutigen Otto-Suhr-Instituts) wahr.
In der Kombination von wissenschaftlichem und politischem Engagement war Emil Julius Gumbel eine Ausnahmefigur: Daß ein Statistiker seine Fachkenntnisse in antifaschistische Publitistik einbringt, ist selten.
Innerhalb der schmalen Schicht der letztlich parteiunabhängigen Linken dagegen ging er einen typischen Weg: zunächst als Mitglied und im Bündnis von sozialistischen Parteien, wobei die Entwicklung der UdSSR und der Kalte Krieg seine Loyalitäten innerhalb der Linken veränderten.
Die politische Geschichtsschreibung und Biographik kennt ihn nur am Rande.
Annette Vogt forscht seit langem über Emil Julius Gumbel und wird mit ihrem Vortrag einen Beitrag dazu leisten, daß diesem ungewöhnlichen Antifaschisten die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihm schon lange zukommt.
Veranstalterinnen: Forschungsgruppe Politische Ökonomie
am Institut für Politikwissenschaft der Universität Marburg u.
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