(Quelle: Analyse 2003/018 der 'Informationsstelle Militarisierung'
Tübingen; Email vom 28.4.2003; Links siehe unten)
Die "Welt" und die "Süddeutsche Zeitung" haben am Freitag 25.04.
Auszüge aus einem Entwurf der neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien
(VPR) veröffentlicht.
1. Präventivkriegskonzept in den neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien
Wie erwartet, taucht leider das Präventivkriegskonzept im Entwurf
für die neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien auf. Im VPR-Entwurf
werden die frühzeitige Anwendung militärischer Maßnahmen
zur politischen Krisenvorsorge gegenüber nicht staatlichen Akteuren
und Terroristen angedroht, das ist übersetzt: vorbeugender Angriff
auf Verdacht, ohne unmittelbaren Anlass, also die Kernidee des sogenannten
Präventivkrieges, wie jetzt beim Irakkrieg erstmals "getestet". Die
offizielle Ablehnung des Irakkrieges durch die deutsche Regierung, die
durch die umfangreiche Kriegsbeihilfe wie z.B. durch die rechtswidrige
Nutzung der in Deutschland befindlichen militärischen Infrastruktur
der Irakkriegs-Alliierten oder durch die grundgesetzwidrigen Überflugrechte
z.B. für B 52 Bomber eh schon zur Farce wurde, hat erwartungsgemäß
also nichts mit einem eh nie vorhandenen "strikten Nein" oder einer besonderen
deutschen Friedensliebe zu tun. Die Ablehnung DIESES Krieges ist wesentlich
erklärbar durch andere Interessen Deutschlands in und durch die Region
Naher und Mittlerer Osten. Das Grundprinzip des Irakkrieges - das Präventivkriegskonzept
- wird von der deutschen Regierung - siehe Entwurf für die neuen Verteidigungspolitischen
Richtlinien - nicht abgelehnt.
2. Einsatz der Bundeswehr im Innern, Wehrpflicht wird beibehalten
Im Entwurf für die neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien wird ein umfangreicher Einsatz der Bundeswehr im Innern festgelegt. "Zum Schutz der Bevölkerung und lebenswichtiger Infrastruktur des Landes vor terroristischen und asymmetrischen Bedrohungen wird die Bundeswehr Kräfte und Mittel entsprechend dem Risiko bereithalten. Auch wenn dies vorrangig eine Aufgabe für Kräfte der inneren Sicherheit ist, werden die Streitkräfte immer dann zur Verfügung stehen, wenn nur sie über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen oder wenn zum Schutz der Bürger und kritischer Infrastruktur ein erheblicher Personaleinsatz erforderlich wird."
Dieser geplante umfangreiche Einsatz der Bundeswehr im Innern ist ein
weiterer Bruch des Grundgesetzes. Der noch laufende Wachdienst der Bundeswehr
bei den us-amerikanischen Militärstandorten in Deutschland steht hier
Pate. Gut genug Schmiere gestanden für die Kriegsführung der
USA? In Zukunft herangezogen werden sollen für diese umfangreichen
Wachdienste schwerpunktmäßig Wehrpflichtige. Und die Aufrechterhaltung
der Wehrpflicht wird auch mit dieser Wachdienstfunktion begründet!
Die Bundeswehrführung hat weitere Ideen, warum die Wehrpflicht erhalten
bleiben soll: "Der Schutz Deutschlands einschließlich der Befähigung
zur Rekonstitution sowie die eventuelle Unterstützung bei Naturkatastrophen
oder besonders schweren Unglücksfällen begründen auch künftig
die allgemeine Wehrpflicht."
3. Endgültiger Abschied von der Landesverteidigung
"Die Landesverteidigung im Bündnisrahmen gegen konventionelle Angriffe
als die bisher maßgeblich strukturbestimmende Aufgabe der Bundeswehr
entspricht nicht mehr den sicherheitspolitischen Erfordernissen", so heißt
es im VPR-Entwurf und damit wird offiziell Abschied genommen vom Grundgesetz,
in dem es heißt: "Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung
auf." Im VPR-Entwurf wird auch definiert, was nun mit der alten Bundeswehr
passieren soll: "Die bisher ausschließlich für die Landesverteidigung
gegen einen konventionellen Angreifer vorgehaltenen Fähigkeiten werden
angesichts des neuen internationalen Umfeldes nicht länger benötigt.
Sie können zudem angesichts der knappen, zur Schwerpunktbildung zwingenden
Ressourcenlage nicht mehr erbracht werden, ohne dass sich dies nachteilig
auf die künftig erforderlichen Fähigkeiten auswirkt." Dies wird
zu weiteren Standortschließungen führen und - und das ist wesentlich
- zu einer fast ausschließlichen Konzentration der Bundeswehr auf
Auslandseinsätze.
4. Bundeswehr ab sofort weltweit zuständig, bis hin zum harten Kampfeinsatz
"Künftige Einsätze lassen sich wegen des umfassenden Ansatzes
zeitgemäßer Sicherheits- und Verteidigungspolitik und ihrer
Erfordernisse weder hinsichtlich ihrer Intensität noch geografisch
eingrenzen." Damit soll als Einsatzradius der Bundeswehr die gesamte Welt
definiert werden. "Der politische Zweck bestimmt Ziel, Ort, Dauer und Art
eines Einsatzes." "Die Notwendigkeit für eine Teilnahme der Bundeswehr
an multinationalen Operationen kann sich weltweit und mit geringem zeitlichen
Vorlauf ergeben und das gesamte Einsatzspektrum bis hin zu Operationen
mit hoher Intensität umfassen." Schnell einsatzfähige Truppen
sind das Ziel, "Operationen mit hoher Intensität", damit können
nur das "Kommando Spezialkräfte" oder die Division Spezialoperationen
(DSO) gemeint sein.
5. Die NATO als Fundament und die USA als zentraler Bündnispartner oder eine Gegenmilitärmacht EU?
Wenn es nach den Worten des Entwurfes der neuen Verteidigungspolitischen
Richtlinien (VPR) geht, ist die NATO das Fundament deutscher Militärpolitik
und die USA der zentrale Bündnispartner. "Die Anpassung der NATO an
das veränderte sicherheitspolitische Umfeld sichert auch für
die Zukunft die zentrale Rolle der Allianz für die euro-atlantische
Sicherheit. Sie garantiert die feste Verankerung des amerikanischen Bündnispartners
in Europa." Da ist viel Deklaration dabei. Die Akzentverschiebung Richtung
Militärmacht EU wird jedoch deutlich angesprochen. "Die transatlantische
Partnerschaft bleibt das Fundament der Sicherheitsarchitektur im euroatlantischen
Rahmen. Ohne die Vereinigten Staaten von Amerika kann es auch künftig
keine Sicherheit in und für Europa geben. Die transatlantische Partnerschaft
verlangt einen angemessenen deutschen Beitrag, um gemeinsam die neuen Herausforderungen
in und um Europa bewältigen zu können." Doch die letzte Formulierung
deutet die Schwerpunktverschiebung an. "Der Stabilitätsraum Europa
wird durch eine breit angelegte, kooperative und wirksame Sicherheits-
und Verteidigungspolitik gestärkt." Dies entspricht dem neuen deutschen
Grundtrend der verstärkten Forcierung einer Militärmacht Europäische
Union (EU), wie sie z.B. deutlich wird in den Initiativen von Fischer und
Villepin zum EU-Konvent, am deutsch-französisch-belgischen Sonder-Militär-Gipfel
am 29. April und an der Herausbildung einer EU-Interventionstruppe mit
60.000 Mann und Frau. Die Bundesregierung lässt sich mal wieder alle
Optionen offen.
6. Die Bundeswehr als weltweite Anti-Terrororganisation und der Balkan als europäisches Zuständigkeitsgebiet
"Deutschland beteiligt sich an den internationalen Staatengemeinschaften wie den VN und der OSZE." (mit Truppen ist gemeint.) "Hinzu kommen Einsätze im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, auch als Beiträge zur Unterstützung von Bündnispartnern. Die Bundeswehr bekämpft weltweit operierende Terrororganisationen und trägt dazu bei, ihnen sichere Rückzugsgebiete zu entziehen und Seeverbindungswege zu sichern." Die Bundeswehr als weltweite Anti-Terrororganisation? Offensichtlich.
"Vornehmlich religiöser Extremismus und Fanatismus, im Verbund mit der weltweiten Reichweite des internationalen Terrorismus, bedrohen die Errungenschaften moderner Zivilisationen." Dieser Satz nach dem Irakkrieg gelesen, zeigt die Doppelbödigkeit westlicher Politik sehr gut auf.
Und im übrigen wird der Balkan als europäischer Einflussbereich
definiert: "In Europa sind auch weiterhin gewaltsam ausgetragene, nationalistische
und ethnisch motivierte Konflikte möglich. Die fortdauernd labile
Sicherheitslage auf dem Balkan erfordert weiterhin das besondere Engagement
gerade der europäischen Nationen."
Politische Reaktionen
Selbst die regierungsnahe taz schreibt: "Sollten seine (Strucks) "Arbeitsentwürfe" auch nur annähernd umgesetzt werden, würden sie eine komplette Neuausrichtung der Bundeswehr bedeuten". Ansonsten bleibt es in vielen Medien erschreckend still.
Hannes Wendroth, der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, bestätigte,
dass es Überlegungen für einen Einsatz der Bundeswehr im Innern
"in ursprünglichen Arbeitspapieren" gegeben habe, diese spiegelten
jedoch nicht den derzeitigen Stand der Vorbereitungen auf die neuen verteidigungspolitischen
Richtlinien wider. Zu den anderen Punkten, u.a. zum zentralen Punkt des
Präventivkriegskonzeptes, gab es kein Dementi.
Zusammengefasst:
Alle unsere bisherigen Befürchtungen bzgl. der neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien treffen leider zu, wenn dieser Entwirf Wirklichkeit wird. Die Befürchtungen wurden jedoch noch übertroffen: Neu wäre ein umfangreicher Einsatz der Bundeswehr im Innern - wenn er denn nun kommt. Viele frühere Verlautbarungen aus der SPD würde das "alt" aussehen lassen, offensichtlich ist: auch hier war der Irakkrieg und der dort praktizierte Wachdienst prägend.
Insbesondere die Verankerung des Präventivkriegskonzept in diesem Entwurf für die neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien ist hoch gefährlich und zeigt die Doppelbödigkeit der sogenannten "Ablehnung" des Irakkrieges durch Deutschland. Mit diesen neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien würde sich die Bundeswehr dann endgültig von der Landesverteidigung verabschieden, ab sofort soll die Bundeswehr dann weltweit zuständig sein.
Besonderes Augenmerk wird auf den harten Kampfeinsatz gelegt. Im Entwurf für die neuen VPR wird betont, die NATO sei das Fundament deutscher Militärpolitik und die USA der zentrale Bündnispartner, jedoch wird gleichzeitig immer wieder die Militärmacht EU unterstrichen. Die Bundeswehr soll nun so etwas wie eine weltweite Anti-Terrororganisation sein. Dabei wird der Balkan explizit als europäisches Zuständigkeitsgebiet definiert.
Gut war, dass bei der erfolgreichen Unterschriftensammlung "Stoppt den Krieg gegen den Irak - keine deutsche Beihilfe zum Krieg" initiiert von der Informationsstelle Militarisierung und der "attac AG Globalisierung und Krieg" auch folgende Forderung dabei war: "Klare Ablehnung des Präventivkriegskonzeptes, d.h. für die Bundesregierung, dass dieses Konzept nicht militärpolitische Grundlage in Deutschland werden darf, wie es mit den neuen verteidigungspolitischen Richtlinien geplant ist".
Nichts gutes, was die neuen VPR bringen, sollte dieser Entwurf umgesetzt werden. Die nächsten inhaltlichen Schwerpunkte der Antikriegs- und Friedensbewegung sind nun ganz klar: Kampf gegen die Festsetzung des Präventivkriegskonzeptes, gegen den Einsatz der Bundeswehr im Innern und gegen die Herausbildung einer Gegen-Militärmacht EU.
Tobias Pflüger
http://imi-online.de/download/IMI-Analyse-2003-018-Bundeswehr-Praeventivkrieg-Pflueger.pdf
http://www.imi-online.de/2003.php3?id=554