Israel und die deutsche Linke
Ein paar kurze Anmerkungen als Vorspann zum Interview mit Adam Keller

(Kalaschnikov, Sendung vom 18. Oktober 2000)


Anläßlich der andauernden Gewaltausbrüche in Israel hat sich die linke Presse hierzulande eher mit den Widerspiegelungen der Vorgänge im Mainstream der veröffentlichten Meinung gekümmert als um die Vorgänge selbst. Das ergibt Sinn, wenn es um die Haltung geht, die der deutsche Journalismus zu weltpolitischen Ereignissen einnimmt, oder um die Einstellungen, die er damit befördert. Das wird zum blanken Unsinn, wenn man meint, damit den Ereignissen selbst gerecht geworden zu sein. Zwei Beispiel: Deniz Yücel schreibt in der "jungle world" vom 18.10. über die Bewertung des Besuchs von Ariel Scharon auf dem Tempelberg:

"Ist ein einzelner Jude erst zum Abschuß freigegeben, so kann sich das antisemitische Ressentiment entladen, ohne sich verdächtig zu machen. Wie zuvor Benjamin Netanyahu liefert Scharon die ideale Gelegenheit, das Ressentiment als Friedenswunsch erscheinen zu lassen. Wenn man die Kommentare um den Namen Scharons kürzt, wird der antisemitische Subtext erkennbar: Den meisten Palästinensern gilt die Existenz Israels als Provokation, die Juden haben auf dem Tempelberg nichts verloren, sie sind Terroristen und treten herrisch auf."
Das ist eher flott als kenntnisreich gefolgert, und weil daher der Text so eingängig ist, ist er wertlos. Scharon ist nicht irgendjemand, ein unbeschriebenes Blatt, sondern ein Politiker, dessen Haltung gegenüber den Palästinensern die Massaker in Sabra und Schatila ermöglichte und ihn sich während der Intifada als Knochenbrecher profilieren ließ. Wem es tatsächlich um Israel geht, also auch um die Frage, ob es möglich sein wird, in Zukunft dort friedlich zu leben statt unter einer permanenten Terror- und Kriegsdrohung, der kann sich nicht darauf beschränken, die eher flotten als kenntnisreichen Produkte des Mainstream-Journalismus zu kritisieren; der sollte auch zum Thema selber etwas zu sagen haben. Es ist nicht recht hilfreich, dieses Problem zu vermeiden, indem man so tut, als wüßte man von nichts und müßte das als politischer Kommentator auch nicht. Zweites Beispiel: Hermann L. Gremliza in der November-Ausgabe von "konkret":
"Und so mußten, heißt es, in wenigen Tagen hundert Palästinenser und zwanzig Israeli sterben, weil ein israelischer Politiker auf dem Tempelberg einen Rundgang gemacht hat, wie ihn täglich ungezählte Touristen machen. Weil der Politiker aber Jude ist und der Tempelberg eine 'heilige Stätte' der Muslime, war der Rundgang eine Provokation, die nur mit Blut gesühnt werden konnte. Sogar der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen schloß sich dieser meschuggenen Sichtweise an und verurteilte die 'israelische Provokation vom 28. September' sowie die ihr folgende 'exzessive Gewaltanwendung'."
Man mag zurecht kritisieren, wenn sich Politik in der Auseinandersetzung um Symbolisches erschöpft. Nur: "Heilige Stätten der Nation" haben Barak und Scharon ebenfalls in Jerusalem ausgemacht, und die Sightseeing-Tour des ehemaligen Verteidigungsministers begleiteten immerhin 1200 Sicherheitskräfte.

Um gegen den antisemitischen Dreck hierzulande anzugehen, muß man sich nicht vorsätzlich unfähig zu einer Analyse dessen machen, was in Israel vorgeht. Um dazu beizutragen, haben wir nichts anderes getan als was wir eigentlich immer tun: als Pazifisten mit den Leuten reden, die ebenfalls pazifistische oder antimilitaristische Arbeit machen. Im folgenden dokumentieren wir ein Interview, das wir mit Adam Keller vom israelischen Friedensblock (Gush Shalom) geführt haben.

Gush Shalom wurde 1993 gegründet, nachdem die Regierungsübernahme durch die Labour-Meretz-Koalition dazu führte, daß die etablierteren Friedensgruppen wie "Frieden Jetzt" fast verstummten. Die Aktivisten von Gush Shalom hielten es für erforderlich, daß eine friedenspolitische Basis aktiv bleibt, um Druck für die Weiterführung eines Friedensprozesses ausüben zu können.