Biographische Notiz: Keller redigiert seit ihrer Gründung im
Jahr 1983 "Das andere Israel", die Zeitschrift des Israelischen Rates für
einen israelisch-palästinensischen Frieden (ICIPP). 1993 beteiligte
Keller sich an der Organisation des Israelischen Friedensblocks (Gush Shalom),
der gegründet wurde, nachdem die Regierungsübernahme durch die
Labour-Meretz-Koalition dazu führte, daß die etablierten Friedensgruppen
fast verstummten. DFG-VK Marburg.
Am Ende einer gespannten Kabinettssitzung im März 2002, genau ein Jahr, nachdem Ariel Sharon die Macht im Staate Israel übernommen hatte, sagte Außenminister Peres der Presse: "Wenn ich gewusst hätte, dass es soweit kommen würde, wäre ich der Regierung nicht beigetreten." "Soweit" bezog sich auf eine fortlaufende Eskalation, Dutzende von Opfern auf beiden Seiten, die Organisation der größten Militäroperation der israelischen Armee seit 1982 – dazu eine wacklige Wirtschaft und ständig ansteigende Arbeitslosigkeit und zudem ein beständiges Sinken der Stimmung im Staat.
Tatsächlich hat es keine Schwierigkeiten bereitet, vorauszusagen, dass Sharon im Falle seiner Wahl Israel in eine solche Richtung führen würde. Neben anderen hat die Arbeiterpartei selbst genau solche Voraussagen in ihrer Wahlkampagne vom Januar 2001 getroffen – wenn auch die Parteiführer sie sofort am Tag nach der Wahl zu vergessen schienen, als sie sich um den Festwagen des Siegers drängelten.
Tatsächlich wurde die zukünftige Politik der Sharon-Regierung bereits im November 2000 klar und verständlich entworfen, in einem Grundsatzpapier, das Meir Dagan, ein ehemaliger Brigadegeneral und Berater des damaligen Oppositionsführers Sharon veröffentlichte. Dagan hielt es nicht geheim – im Gegenteil, es wurde großzügig an die Presse verteilt, aber es erhielt zu der Zeit nicht viel Aufmerksamkeit. Gerade ein Jahr später wurde das vergessene Papier ausgegraben und erneut in "Yediot Aharonot" veröffentlicht. Die beigefügte Analyse stellte eine beachtliche Übereinstimmung zwischen der von Dagan im voraus entworfenen Politik und der tatsächlich von Sharon durchgeführten fest. Wie das Dagan-Papier empfohlen hatte, zielte Sharons Politik darauf ab, die vom Osloer Abkommen geschaffenen Strukturen fortschreitend zu untergraben – insbesondere darauf, "vollständige operative Freiheit" für israelische Truppen in den "A"-Gebieten zu erreichen, in denen Oslo den Palästinensern einen halbsouveränen Status zubilligte. Um erfolgreich zu sein, sollte das Osloer Abkommen nach dem Papier offiziell nicht aufgekündigt werden, um sich der Unterstützung der israelischen öffentlichen Meinung und der Amerikaner zu versichern und um nicht mehr als verbale Proteste der Europäer oder der arabischen Staaten hervorzurufen. Vor dem Hintergrund von Sharons früherem Scheitern im Libanon, als seine Invasion von 1982 rasch die ganze Welt und einen großen Teil der israelischen Gesellschaft befremdete und die mit seinem Sturz endete und das Land in einen jahrzehntelangen Guerilla-Krieg verstrickte, hätte ein solcher Plan als äußerst unrealistisch abgewiesen werden müssen. Genau das war die unmittelbare Reaktion auf die Veröffentlichung des Dagan-Papiers. Jedoch hat Sharon sich als Premierminister seit vielen Monaten als in hohem Maße erfolgreich bei der Umsetzung eben dieses Planes erwiesen – zur Verwunderung wie zum Schrecken seiner Opponenten.
An seinem ersten Tag im Amt verfügte Sharon eine "erstickende Schließung" von Ramallah. Die internationalen und einheimischen Proteste zwangen ihn dazu, den Widerruf dieser Maßnahme bekannt zu geben. Aber innerhalb weniger Wochen war die herausragende Neuheit zur Routine geworden, alle palästinensischen Städte und Dörfer waren in immer engeren Schließungen und Belagerungen gefangen, und eine stetig steigende Anzahl von militärischen Kontrollpunkten und Straßensperrungen machte das Reisen auf den Straßen der West-Bank zu einem langwierigen, gefährlichen und erniedrigenden Abenteuer. Dies wurde offiziell mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, Selbstmordattentätern den Weg zu verstellen, worin es nicht sonderlich effektiv war. Es dauerte Monate, bis hohe Militärs halbwegs zugaben, dass der wahre Zweck darin bestand, "Druck auf die Bevölkerung auszuüben, um sie dazu zu bringen, Druck auf Arafat auszuüben, die Intifada zu beenden" (was ebenfalls nicht geschah). Der selbe Vorgang wiederholte sich bei den anderen Druckmitteln, die unmerklich, Schritt für Schritt, tägliche Routine wurden: die Bombardierung palästinensischer Städte durch Hubschrauber und später durch F-16-Kampfflugzeuge mit schwereren Bomben; die Praxis, terrorismus-verdächtige Palästinenser zu ermorden ("gezielte Tötungen" oder "Liquidationen" oder "extra-legale Hinrichtungen"); die Einfälle in palästinensisches Gebiet, das stetig wachsende Ausmaß militärischer Gewalt, die dabei angewendet wurde, und die Dauer, bis sie zu vollständigen Invasionen und Rückeroberungen der Gebiete wurden, die nach dem Oslo-Abkommen geräumt worden waren.
Sharon hätte mit so vielem nicht so lange durchkommen können, wenn nicht das verderbliche Erbe von Ehud Barak gewesen wäre. Sharons Vorgänger hatte sich als Führer des Friedenslagers präsentiert und enorme Hoffnungen geweckt – nur, um sie vollständig zunichte zu machen, den Frieden für unmöglich zu erklären und die Verantwortung einzig und allein den Palästinensern zuzuweisen. Sharon wurde dann von einer überwältigenden Mehrheit gewählt, in einer Atmosphäre, in der die Sache des Friedens gründlich diskreditiert war, die Friedensbewegung auf eine handvoll geschrumpft und die israelische Gesellschaft bereiter als je zuvor war, die Option roher Gewalt zu befürworten – eine Option, mit der Sharon mehr als jeder andere Politiker des mainstreams identifiziert wurde. Die ideenlosen und diskreditierten Führer der Arbeiterpartei balgten sich um Posten in Sharons Kabinett und machten es zu einer "Regierung der nationalen Einheit". Binyamin Ben-Eliezer übernahm das Verteidigungsministerium und trägt damit die Verantwortung für die tägliche Durchführung der Offensive gegen die Palästinenser. Der Nobelpreisträger Shimon Peres übernahm das Außenministerium, das auch die Funktion hat, als Sharons internationaler Propagandist aufzutreten, und erhielt im Gegenzug die Erlaubnis des Premierministers zu weitreichenden diplomatischen Initiativen – von denen keine die Chance hatte, zu irgend etwas zu führen. Während der einjährigen Amtszeit hat Sharon nie einen Friedensplan ausdrücklich zurückgewiesen. Und es gab davon viele: die kreativen Pläne, die sein eigener Außenminister erdachte; der Bericht der Mitchell-Kommission, der das neue Schibboleth der Nahostdiplomatie wurde; der Tenet-Plan, der darauf abzielte, Mitchell zu implementieren; die weiteren Pläne und Ideen, die den Zweck hatten, Tenet zu implementieren; die Vorschläge der allgegenwärtigen europäischen Gesandten; später der weitreichende Plan des saudi-arabischen Kronprinzen Abdullah. Auf alle entwickelte Sharon eine Standardantwort: Einwilligung im Prinzip, während in der Praxis unmögliche Bedingungen angehängt wurden, wobei es sein liebster Trick war, "sieben Tage vollständiger Ruhe" zu fordern, bevor Verhandlungen beginnen könnten, während er zur selben Zeit eine aggressive Militärpolitik führte, die sicherstellte, dass diese sieben Tage nie beginnen würden.
Dabei hatte Sharon die volle Unterstützung des Stabschefs
der Armee, Mofaz, und seines Stellvertreters Moshe Ya’alon. Die Generale
hatten eifrig eine immer aggressivere Politik umgesetzt und diese in häufigen
direkten Ansprachen an die Medien und das politische System vertreten,
die mehr als einmal die Grenzen, die dem Militär in einem demokratischen
Staat gesetzt sind, zu sprengen schienen. Zu derselben Stunde, als Peres
und Arafat sich am 26. August im Gazastreifen trafen und versuchten, eine
Waffenruhe zu vereinbaren, töteten israelische Truppen sechs Palästinenser
bei einem Einfall in die Stadt Rafah, nur ein paar Kilometer entfernt –
sie provozierten damit einen Zirkel von Vergeltung und Widervergeltung
und sorgten dafür, dass die Waffenruhe eine Totgeburt wurde. Die Bemühungen
des CIA-Chefs George Tenet, ein System der "Sicherheitskooperation" zwischen
israelischen und palästinensischen Sicherheitsdiensten aufzubauen
und damit Ruhe zu schaffen, wurde von israelischen Hubschraubern beantwortet,
indem sie eine sehr präzis gezielte Rakete in ein ganz besonderes
Büro in Ramallah schossen, die Abu-Ali Mustapha, Chef der PFLP (Volksfront
für die Befreiung Palästinas) und Mitglied des PLO-Exekutivkomitees,
auf der Stelle tötete. Er stand in der palästinensischen Hierarchie
gerade eine Stufe unter Arafat. Der bisher ersten Ermordung eines palästinensischen
Führers auf Ministerebene folgte der Mord am israelischen Tourismusministers
Rehav’am Ze’evi durch Mustaphas Anhänger. Ze’evi war jahrelang Vertreter
des Konzepts eines "Transfers", d.h. der vollständigen Vertreibung
der Palästinenser gewesen. Der Schock über die Ermordung eines
Regierungsmitglieds verlieh Ze’evis rassistischer Ideologie eine Legitimation,
die sie vorher nicht gehabt hatte, ebenso wie er Sharon einen idealen Vorwand
dafür lieferte, eine große Invasion von sechs Städten der
West-Bank zu starten und die Möglichkeit einer "Sicherheitskooperation"
oder einer Waffenruhe für beträchtliche Zeit auszuschließen.
Allerdings genehmigten Sharon und seine Minister keine weiteren Ermordungen
von Palästinensern in Ministerfunktion.
Der Faktor des 11. September
Zunächst einmal war Washington alles andere als glücklich, als israelische Truppen in die "A"-Gebiete eindrangen, in denen das Osloer Abkommen den Palästinensern einen halbsouveränen Status einräumte (wenn auch keinen territorialen Zusammenhang oder freien Zugang zur Welt außerhalb). Dies war offensichtlich der Grundstein der Oslo-Struktur – weshalb Sharon ihn zu unterminieren suchte. In seinen ersten Monaten fand er die Amerikaner lediglich bereit, begrenzte Einfälle israelischer Truppen in Randgebiete des palästinensischen Territoriums zu tolerieren, die als "Nachverfolgung" erklärt werden konnten und in einigen Stunden beendet waren, ohne dass Washington dies offiziell zur Kenntnis nehmen musste. Bei einer bemerkenswerten Gelegenheit, die sich im Rückblick ziemlich harmlos ausnimmt, drangen israelische Truppen zwei Kilometer weit in palästinensisches Territorium im nördlichen Gazastreifen vor und bezogen in unbewohntem Gelände außerhalb der Stadt Beit Hanoun Stellung. Da sie noch zur Zeit der täglichen Pressekonferenz im State Department dort waren, stellten einige Journalisten peinliche Fragen, die dazu führten, dass Außenminister Powell Sharon anrief und ihn abkanzelte, woraufhin die Truppen sofort zurückgezogen wurden (s. The Other Israel 98, S. 3). Einige Monate lang musste Sharon die "A"-Gebiete als außerhalb seiner Reichweite anerkennen und sich damit zufrieden geben, nach dem Orienthaus zu greifen, dem palästinensischen Hauptquartier in Ostjerusalem, das seit 1991 de facto einen extraterritorialen Status genoss, und dessen Besetzung als Polizeiangelegenheit bezeichnet werden konnte.
Der, aus der Sicht des Premierministers, große Durchbruch kam mit den unerwarteten und katastrophalen Ereignissen des 11. September, die Amerika in den Wahn des "Kriegs gegen den Terror" stürzten. Als Sharon die "Ze’evi-Invasion" begann und Teile von sechs Städten der West Bank durch Panzer besetzen ließ, wobei es bei den Palästinensern zu beträchtlichen Verlusten an Leben und Zerstörung von Eigentum kam (insbesondere in Bethlehem), war Amerika bereits selbst tief in einer Haltung befangen, die es sowohl das Leben von Zivilpersonen als auch internationale Übereinkünfte niedertrampeln ließ, um "Krieg gegen den Terror" zu führen. Insbesondere Verteidigungsminister Rumsfeld, rücksichtslos im Feldzug in Afghanistan engagiert, zeigte sich als seelenverwandt mit Sharon und dessen rückhaltloser Unterstützer. Außenminister Powell, die einzige Stimmer der Mäßigung in der Bush-Administration, war zu der Zeit damit beschäftigt, diplomatische Unterstützung in der arabischen und islamischen Welt zu mobilisieren, wozu eine Geste gegenüber den leidgeprüften Palästinensern angezeigt schien. Das Resultat der widerstreitenden Interessen war eine lauwarme Missbilligung von Sharons Besetzung der sechs Städte, die ihn aufforderte, seine Truppen zurückzuziehen, ihm aber mehrere Wochen Zeit gab, die Operation durchzuführen. Präsident Bush wies Vorschläge der arabischen Staaten zurück, Arafat während der Beratungen der UNO-Generalversammlung zu treffen, billigte aber eine Grundsatzrede von Außenminister Powell in Louisville, Kentucky, in der einige Punkte offenbar den palästinensischen Empfindlichkeiten entgegenkommen sollten: die Verurteilung der israelischen Besetzung, die "ausbalanciert" wurde mit der Verurteilung des palästinensischen Terrorismus’; die deutliche amerikanische Zustimmung zur Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates (wenngleich ohne die exakte Grenze zu definieren); und die Bestimmung eines neuen amerikanischen Vermittlers, des ehemaligen Generals Anthony Zinni.
Inzwischen hatte jedoch der unerwartet rasche Zusammenbruch
des Taliban-Regimes in Afghanistan eine Euphorie der Arroganz in Washington
hervorgerufen, und Powells Versuche, die arabischen Regimes und die öffentliche
Meinung durch Gesten für die Palästinenser zu besänftigen,
wirkten plötzlich überflüssig. (Um so mehr, als der Afghanistankrieg
nicht von irgendeinem ernsthaften Ausbruch von Volkszorn in der arabischen
Welt begleitet wurde.) Die Änderung der amerikanischen Haltung wurde
durch eine hocheffektive neue Provokation Sharons zum Abschluss gebracht.
Sharons große Zeit
Am Dienstag, den 27. November, sollte der Gesandte Zinni in der Region ankommen. Vier Tage zuvor – am Freitag, den 23. November – feuerten israelische Hubschrauber Raketen ab und trafen ein palästinensisches Auto in der Nähe von Nablus, wobei ein Mann namens Abu Hunud auf der Stelle getötet wurde, ein in seiner Organisation prominenter Hamas-Führer, sehr populär bei den palästinensischen Massen, vor allem, weil er einigen früheren Anschlägen entkommen war – kurz, ein Mann, für dessen Ermordung Vergeltung gewiss war. Die Auswirkungen wurden zwei Tage später in einem bemerkenswert kritischen Artikel des Sicherheitsexperten Alex Fishman erläutert, der herausgehoben auf der Titelseite von "Yediot Aharonot" erschien, der am weitesten verbreiteten Tageszeitung Israels, und der augenscheinlich die Meinung dissidenter Kreise in Armee und Sicherheitsdiensten wiedergab.
"(…) Wer immer dieser Liquidation grünes Licht gab, wusste sehr gut, dass er dadurch mit einem Schlag die Übereinkunft zwischen Hamas und Palästinensischer Autonomiebehörde zunichte machte. Nach dieser Übereinkunft hatte Hamas in der nächsten Zukunft Selbstmordattentate innerhalb der Grünen Linie <der Grenze vor 1967> zu unterlassen, weil sie zu der Einsicht gekommen waren, dass es besser sei, nicht in Israels Hände zu spielen, indem sie Angriffe auf seine Bevölkerungszentren unternehmen. Diese Einsicht wurde jedoch von dem vorgestrigen Attentat zerstört – und wer immer die Liquidation von Abu bestimmt hat, wusste im voraus, dass das der Preis sein würde. Dieser Gegenstand war ausführlich sowohl in Israels militärischer wie auch politischer Hierarchie diskutiert worden, bevor man sich entschieden hat, die Liquidation auszuführen." (Yediot Aharonot, 25.11.2001)
Die Vergeltung kam planmäßig, gerade als Zinni seine ersten diplomatischen Anstrengungen unternahm: am 1. Dezember sprengten sich zwei Hamas-Selbstmordattentäter in Jerusalem und Haifa in die Luft, wobei insgesamt 26 israelische Zivilisten ums Leben kamen. In Israel herrschte eine Atmosphäre des allgemeinen Schocks und der Wut, in der die Warnungen von vor einer Woche nicht mehr erwähnt wurden (auch Fishman selber erwähnte sie nicht in seinen späteren Artikeln…).
Das kam Sharon hervorragend zupass, der Zinni umging und sich direkt ans Weiße Haus wandte und einen Besuch durchführte, der an einen Triumphzug erinnerte. Amerikanische Offizielle, bis hin zu Präsident Bush selbst, übertrafen einander in öffentlichen Denunziationen Arafats und der Palästinenser, die nun als die "Bösen" im kosmischen Kampf gegen den Terrorismus heruntergemacht wurden. Sharon wurde praktisch freie Hand für ein militärisches Vorgehen gegen die Palästinenser gegeben, mit der einzigen Ausnahme, "nicht Arafat zu töten oder die Palästinensische Autonomiebehörde vollständig zu demontieren". Mit dieser Rückendeckung vom Präsidenten der Vereinigten Staaten konnte es sich Sharon leisten, nun eine offen herablassende Haltung zu seinem Außenminister einzunehmen, und durchs Kabinett zu drücken, was auf eine Kriegserklärung gegen die "den Terrorismus unterstützende" Palästinensische Autonomiebehörde hinauslief und Arafat als Partner für jede zukünftige Verhandlung ausschloss. Wie Sharon es erwartet hatte, wagten Peres und die anderen Minister der Arbeiterpartei nicht, zurückzutreten. Sie gaben sich mit macht- und zwecklosen Protesten zufrieden.
Die Panzer kehrten in die palästinensischen Städte zurück, die sie erst ein paar Wochen vorher verlassen hatten – diesmal mit offiziellem amerikanischen Segen, der das Vorgehen als "einen Akt der Notwehr" adelte. Zur selben Zeit wurde eine intensive Bombenkampagne gegen palästinensische Städte begonnen. Einrichtungen der palästinensischen Polizei und der Sicherheitsdienste – eben die Polizei und die Sicherheitsdienste, die Arafat gegen den Terrorismus einsetzen sollte – wurden systematisch zerstört, ebenso die Symbole der angehenden palästinensischen Souveränität: israelische Panzer und Bulldozer besetzten und zerstörten den internationalen Flughafen von Gaza, der drei Jahre zuvor feierlich von Präsident Bill Clinton persönlich eingeweiht worden war. Hubschrauber und Kommandoeinheiten zerstörten die Antennen und Studios der Stimme Palästinas und des palästinensischen Fernsehens (die es allerdings fertig brachten, aus anderen Gebäuden weiter zu senden). Am schwersten angegriffen wurde jeder Ort, der mit Yasser Arafat persönlich zu tun hatte: die Büros, die ihm in verschiedenen palästinensischen Städten zur Verfügung standen, wurden ebenso zerstört, wie seine Hubschrauber, Autos und später seine Residenz in Gaza. Ein anderer Bombenüberfall tötete seinen Koch durch einen Volltreffer; und während die amerikanische Anweisung befolgt wurde und alle diese Angriffe kurz vor dem Büro in Ramallah Halt machten, in dem Arafat sich tatsächlich aufhielt, rückten israelische Panzer bis auf Sichtweite an das Büro heran und richteten ihre Kanonen direkt auf Arafats Fenster. "Arafat wird Ramallah bis auf weiteres nicht verlassen, zuerst muss er seine Entschlossenheit, den Terrorismus zu bekämpfen, beweisen, indem er die Mörder von Minister Ze’evi festnimmt", verkündete Sharon. Die israelischen Soldaten an den Straßensperren, welche Ramallah eng umgaben, wurden angewiesen, palästinensische Autos gründlich zu durchsuchen, "damit Arafat nicht versucht, sich aus der Stadt zu schmuggeln", und die militärische Anweisung wurde hämisch an die Medien weitergegeben.
Die physische Belagerung Arafats wurde von einer "politischen
Belagerung" begleitet. Eine massive Kampagne der Verleumdung und Dämonisierung
wurde gestartet, die sogar die Ausdrücke auf die Plätze verwies,
die in der Prä-Oslo-Ära gebraucht wurden, als ein israelisches
Gesetz Arafat zum "Erzterroristen" erklärte und jedem eine Gefängnisstrafe
androhte, der ihm die Hand gereicht hatte. Respektable Kommentatoren, in
Israel wie im Ausland, schrieben enorme Mengen von Artikeln, die von der
Prämisse ausgingen, dass Arafats Laufbahn zu Ende gehe, und begannen
über die Umrisse einer Zeit nach Arafat zu spekulieren. Ideen, wie
die Errichtung eines palästinensischen Marionettenregimes, die Zerstückelung
der Palästinensischen Autonomiebehörde in isolierte "Kantone",
die von bittstellerischen "warlords" regiert würden, oder die Wiedereinführung
der direkten israelischen Militärherrschaft machten die Runde und
wurden als alternative Szenarien für konkrete politische und militärische
Aktionen ernstgenommen. In der Zwischenzeit hatte die Anti-Arafat-Kampagne
merklichen internationalen Erfolg, indem sie die Europäische Union
– bis dahin die wichtigste Unterstützungsbasis der Palästinenser
in der internationalen Arena – dazu brachte, harte Forderungen zur "Bekämpfung
des Terrorismus" an Arafat zu stellen, die begleitet wurden von kaum verhüllten
Drohungen, die europäische diplomatische und finanzielle Hilfe einzustellen.
Dies warf mehr als alles andere ein Licht auf die schlimme Klemme, in der
die Palästinenser steckten.
Arafats Akrobatik
Im Gegensatz zu einigen weitverbreiteten Beschreibungen seines Charakters ist Yasser Arafat ein Führer, der durchaus in der Lage ist, harte Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und mit Entschiedenheit darauf zu reagieren. In dieser besonderen Sackgasse entschloss sich Arafat am 16. Dezember, den Stier bei den Hörnern zu packen und eine Rede zu halten, in der er sein Volk zu einer vollständigen Waffenruhe aufrief. Es muss eine äußerst schwierige Entscheidung gewesen sein, unter solchen Bedingungen zu einer Waffenruhe aufzurufen: ohne irgendein Ergebnis, dass er seinem Volk nach einem Jahr schrecklicher Entbehrungen und täglicher Opfer vorweisen könnte, sogar ohne die geringste Sicherheit, dass eine Waffenruhe wenigstens den Rückzug der drohenden israelischen Panzer vor Arafats eigenem Fenster beinhalten würde. Dennoch tat er es, und das war ein Wendepunkt – als solcher erkennbar schon zu der Zeit und offensichtlicher noch im Rückblick. Die Palästinenser hörten die Rede in ihren Städten, Dörfern und Flüchtlingslagern. Die Israelis hörten ihr ebenfalls aufmerksam zu, trotz all dem Regierungsgerede, wonach Arafat "irrelevant" geworden sei (die Rede wurde im israelischen Radio live übertragen, mit Simultanübersetzung). Und obwohl Regierungssprecher taten, was sie konnten, um sie herabzuwürdigen, konnte die Hoffnung auf ein Ende der Furcht und des Blutvergießens nicht völlig gelöscht werden.
In den folgenden Tagen wurde sichtbar, dass es nicht bloß leere Worte gewesen waren. Die Anzahl der Konfrontationen und Zwischenfälle, die von der Armee berichtet wurde, ging jäh zurück, und fiel Tag für Tag weiter. Die palästinensische Polizei und die Sicherheitsdienste arbeiteten gewissenhaft, um die Waffenruhe bei allen Fraktionen und Milizen durchzusetzen – und das gleiche tat, zur Verwunderung einiger Beobachter, die auf ihre Unabhängigkeit bedachte Tanzim-Miliz von Arafats Fatah–Partei. Was immer ihre privaten Vorbehalte sein mochten, die Tanzim-Führer in den verschiedenen Städten – die den größten Teil der Kämpfe in den vergangenen Monaten getragen hatten – spielten eine aktive Rolle in der Befolgung der Anweisungen ihres Oberkommandos für eine Waffenruhe.
Wie zu erwarten war, war die Hamas schwieriger zu überzeugen. Es gab bewaffnete Konfrontationen, als die palästinensische Polizei die Hamas-Hochburgen in Gaza betrat, bei denen sechs Palästinenser in internen Kämpfen getötet wurden. Aber auch die Hamasführung war sich der schwierigen Situation bewusst, die entstand, nachdem sie in Sharons Falle gegangen war, und sie hatte nicht die Absicht, die Lage noch zu verschärfen, indem sie Sharon das Schauspiel eines richtiggehenden palästinensischen Bürgerkriegs bot. Nach zwei Tagen voller Zusammenstöße in Gaza führten Versöhnungsgespräche zwischen der Hamasführung und der Palästinensischen Autonomiebehörde zu einer formellen Zusicherung der Hamas, alle weiteren Selbstmordanschläge auszusetzen.
In den blutigen Zeiten, die folgen sollten, schien es manchmal unglaublich, dass wir erst vor kurzem eine solche Periode erlebt haben. Für etwa einen Monat im späten Dezember und frühen Januar gab es kaum israelische Opfer, mit der bedeutenden Ausnahme der vier unglücklichen Soldaten, die bei einem Guerilla-Überfall auf einen isolierten Außenposten im Gazastreifen getötet wurden – der einzige klare Bruch der Waffenruhe von palästinensischer Seite. (Die Palästinenser, die während der Waffenruhe bei verschiedenen Zwischenfällen von israelischem Feuer getötet wurden, waren zahlreicher und erhielten weniger Medienaufmerksamkeit.) Am wichtigsten aus der Sicht des durchschnittlichen Israelis war: es war eine Zeit ohne jedes Selbstmordattentat, eine Zeit, in der die tägliche Lebensbedrohung auf den Straßen jeder Stadt zurückzugehen schien.
Sharon hätte sich das aufs Konto schreiben können. Er hätte beanspruchen können, die Intifada zerschlagen zu haben, bewiesen zu haben, dass der entschlossene Einsatz militärischer Gewalt Ergebnisse bringen kann und gebracht hat. Es wäre schwierig gewesen, ihn zu widerlegen. Aber er tat nichts in der Art. Vom ersten Tag an war er sichtbar unglücklich über die Waffenruhe, spöttelte darüber, übertrieb jeden kleinen Verstoß und Zwischenfall und tat was er konnte, um sie zu diskreditieren und schließlich zu zerstören.
Natürlich hatte er seine Gründe. Die Anerkennung, dass die Waffenruhe tatsächlich hielt, hätte ihn verpflichtet, ernsthaft den Verhandlungsweg zu beschreiten. Es hätte bedeutet, die Mitchell-Empfehlungen umzusetzen, darunter die Verpflichtung eines vollständigen Baustopps in den Siedlungen – was zu einer direkten Kollision mit seinen Koalitionspartnern von der extremen Rechten geführt hätte. Und es ging gegen den Strich seiner eigenen Ideologie und jahrzehntelangen Laufbahn. Und all das wäre bloß die Einleitung zu weiteren weitreichenden Konzessionen gewesen, die Sharon offensichtlich keinesfalls machen wollte.
Über all solche rationalen Erwägungen hinaus jedoch scheint Sharon eine Vendetta mit Arafat begonnen zu haben, den gehassten Feind, der 1982 seinem Griff entwischt war und den er nicht noch einmal entkommen lassen wollte. Nachdem er die Amerikaner schon so weit gebracht hatte, schien es im Dezember ganz realistisch zu sein, dass ihm nur noch eine weitere Provokation die Erlaubnis aus Washington einbringen würde, zum Gnadenstoß anzusetzen. "Endlich hat Arik Arafats Hals in der Guillotine, er wird ihn da nicht wieder rauslassen", wie ein nicht namentlich genannter Berater Sharons in "Yediot Aharonot" zitiert wurde.
Und so lehnte Sharon es glattweg ab, die Belagerung Arafats
zu lockern, sogar als sich eine gute Gelegenheit zeigte, bei der er sein
Gesicht nicht verloren hätte – Weihnachten, die Zeit, in der Arafat
gewohnheitsmäßig von den christlichen Autoritäten in die
Geburtskirche in Bethlehem eingeladen wird. Indem er Aufrufe des Vatikan,
der Europäer, Präsident Katzavs und der Minister der Arbeiterpartei
zurückwies, hinderte Sharon Arafat daran, sich auf den kurzen Weg
von Ramallah nach Bethlehem zu machen (eine halbe Stunde unbehinderter
Autofahrt, ein paar Minuten Flugzeit). Während die Fernsehkameras
die Messfeierlichkeiten in Bethlehem rund um die Welt übertrugen,
konzentrierten sie sich auf den leeren Stuhl mit der Aufschrift "Yasser
Arafat, Präsident von Palästina". Sharon beharrte auf der Behauptung,
dass die Belagerung Arafats in Ramallah ihn schwächen würde.
Tatsächlich steigerte sie seine Beliebtheit unter seinen eigenen Leuten
enorm. Es ist klar, dass ein Volk, das täglich Entbehrungen wegen
der strengen Beschränkungen seiner Bewegungsfreiheit erleidet, keinen
besseren Bezugspunkt für Kampagnen finden kann als einen Führer,
dessen Bewegungsfreiheit ebenfalls beschnitten wird und der dieser Situation
mit stolzem Trotz begegnet. Arafats Popularität unter den Palästinensern
stieg hoch an, und sein belagertes Hauptquartier in Ramallah wurde der
Schauplatz von täglichen Massenbesuchen von Palästinensern, die
bewegende Kundgebungen in der Halle abhielten, von deren Fenstern aus die
Panzer zu sehen waren. Der Ort wurde auch von einigen internationalen Delegationen
besucht, und zu Sharons Verdruss ebenfalls von einigen israelischen Friedensaktivisten.
| Das Büro von Yasser Arafat in Ramallah war ruhig,
es gab nur wenig Aktivitäten. Der palästinensische Führer
war ruhiger, als ich ihn seit längerer Zeit erlebt hatte. Das Zittern
seiner Lippen war verschwunden und er sah müde aus. Es erinnerte mich
an unser erstes Treffen in Beirut im Juli 1982, in der Mitte eines anderen
Belagerungszustandes. In einer freundlichen Stimmung ließ er uns
zu den Fenstern gehen und zeigte uns die einige hundert Meter entfernt
stationierten israelischen Panzer mit ihren auf das Ziel gerichteten Kanonen.
Sogar die Palästinenser, die ihn normalerweise wegen seinem Führungsstil
kritisieren, räumten offen ein, dass sich niemand in einerderartig
existentiellen Krise befindet, wie er. Dieser Mann, der ruhig in Ramallah
sitzt und den Panzern entgegen sieht, scheint die personifizierte palästinensische
Entschlossenheit zur Verteidigung ihrer nationalen Existenz zu sein.
Uri Avnery: Bericht über die Delegation von Gush Shalom nach Ramallah, aus: Va’ariv vom 26. Januar 2002 |
Hudna
Der Geist der Waffenruhe ergriff eine Person, von der man das nicht erwartet hätte: Israels Präsidenten Moshe Katzav, der bis zu seiner Erhebung in seine gegenwärtige (reine formale) Position ein durchschnittlicher Falke gewesen ist, der aber ein Verlangen entwickelt zu haben scheint, eine bedeutendere Spur zu hinterlassen, als Banketten zu präsidieren. Katzav scheint diese Chance durch eine kreative Initiative des einzelgängerischen Journalisten/Geschäftsmanns/Friedensaktivisten Eyal Ehrlich bekommen zu haben. Auf einer Geschäftsreise nach Jordanien hatte Ehrlich die Gelegenheit, aus erster Hand die Verfahren einer "Hudna" zu beobachten – das Vorgehen, mit dem in traditionellen islamischen Gesellschaften Fehden beendet werden, und in dem der Versöhnungsbesuch der Klanältesten beim gegnerischen Klan die Schlüsselrolle spielt. Davon inspiriert, die Formen der Hudna auf den israelisch-palästinensischen Konflikt anzuwenden, kam Ehrlich auf die Idee, den Präsidenten Israels vorm Palästinensischen Legislativrat mit einer Versöhnungsrede auftreten zu lassen, die zur formellen Erklärung eines einjährigen Waffenstillstandes führen würde und die die Atmosphäre für neuerliche Friedensverhandlungen schaffen sollte. Ehrlich wandte sich über verschiedene Vermittler sowohl an Katzav als auch an Arafat und erhielt eine positive Antwort; aber sobald über die Idee in den Medien berichtet wurde, beeilte sich Sharon, seine totale Ablehnung auszudrücken. Obwohl formal Staatsoberhaupt, ist der Präsident – wie ein konstitutioneller Monarch – an die Politik der gewählten Regierung gebunden, und Katzav hatte keine Wahl, als sich dem Veto des Premierministers zu fügen, wenn er auch unglücklich darüber war.
Noch bevor Gras über die Katzav-Affäre wachsen konnte, wurde der Öffentlichkeit eine ganz andere Sensation präsentiert: das Radio- und Fernsehprogramm wurde für eine spezielle Pressekonferenz unterbrochen, die Premierminister Sharon, umgeben von Generalen und Admiralen, zeigte. Eine sensationelle Nachricht wurde bekannt gegeben: Israels Küstenwache hatte soeben im Roten Meer ein palästinensisches Schiff aufgebracht, ein Schiff, bis zu den obersten Schiffsplanken beladen mit Munition, die in den Gazastreifen geschmuggelt werden sollte. Die tapfere Küstenwache, so wurde gesagt, hatte ihr Land aus ernster Gefahr gerettet, da die Waffen den Palästinensern "einen strategischen Vorteil" hätten verschaffen können, und die ganze Angelegenheit bewies die Perfidie und Treulosigkeit der Palästinenser im Allgemeinen und Arafats im Besonderen.
Die Geschichte sorgte einige Tage für Schlagzeilen, obgleich die Öffentlichkeit seltsam ungerührt schien von der Welle zentral entfachten patriotischen Zorns. Ein bilderstürmerischer Artikel des Schriftstellers David Grossman in "Ha’aretz" erinnerte daran, dass die jüdischen Milizen vor 1948 sich mit genau derselben Form des Waffenhandels beholfen hatten, und wies darauf hin, dass ein einziger IDF-Panzer mehr Munition trägt als das ganze Schiff, von einer F-16 zu schweigen; und Grossman folgten einige andere dissidente Stimmen in den Medien, auch ein paar im politischen System.
Dennoch erreichte Sharon etwas mit der Schiffsaffäre; nach anfänglichem Widerstreben nahm sich die US-Administration der Sache an, als israelische Geheimdienstoffiziere nach Washington flogen, um Beweise vorzulegen, dass die palästinensische Konterbande aus dem Iran stammte, einem Teil von Präsident Bush’s "Achse des Bösen". Es folgte eine neue Welle amerikanischer Beschuldigungen und Drohungen gegen die Palästinenser, und der zweite Besuch des Gesandten Zinni in der Region war ein ebenso trüber Misserfolg wie der erste.
Inzwischen unternahm die Armee einen Einfall in das Rafah-Flüchtlingslager
im Gazastreifen, über den weithin berichtet wurde, und zerstörte
etwa 60 oder 70 palästinensische Häuser in einer einzigen Nacht
(Die genaue Zahl blieb umstritten). Die Fotos von Kindern, die in den Trümmern
ihrer zerstörten Häuser herumirren, berührten das Gewissen
Israels wie nur weniges im vergangenen Jahr. Die Regierung sah sich als
Ziel schneidender Kritik in der Presse, darunter von Kolumnisten, die bis
dahin geschwiegen hatten und von einigen, die in der Vergangenheit Sharon
unterstützt hatten. Die Erklärungen der Armee, wonach die zerstörten
Häuser "unbewohnt" waren, und dass ihre Schleifung "eine operative
Notwendigkeit" gewesen sei, fand außerhalb der extremen Rechten wenig
Glauben. Nach drei Tagen war Sharon zu einer vage formulierten Entschuldigung
und dem Versprechen, es nicht wieder zu tun, gezwungen. Am selben Tag –
Montag, den 14. Januar – beendete er entschlossen die Waffenruhe.
Ein Mordanschlag zuviel
In den lange vergangenen Tagen von vor drei Jahren, als ein israelisch-palästinensischer Friedensvertrag nahe bevorzustehen schien, fand ein Treffen nördlich von Tel-Aviv statt, an dem jüngere Mitglieder der damals regierenden israelischen Arbeiterpartei und ihre Gegenstücke aus der Fatah teilnahmen, Arafats wichtigster Basis in der Palästinensischen Autonomiebehörde. Einigen Berichten zufolge, die später scharf dementiert wurden, war unter der palästinensischen Delegation ein junger Mann aus Tul Karm namens Ra’ed Karmi. Zu der Zeit hatte der Name keine besondere Bedeutung, und falls er wirklich dabei war, machte er keinen besonderen Eindruck auf seine israelischen Gesprächspartner. In den turbulenten Zeiten nach dem Ausbruch der Intifada hatten wiederholte "gezielte Tötungen" durch die israelische Armee und Sicherheitsdienste in Tul Karm einige offene Stellen an der Spitze der lokalen Führung geschaffen. Karmi entpuppte sich als beachtliches militärisches Talent mit Charisma, und innerhalb eines Jahres war er der unbestrittene Führer der örtlichen Miliz.
Seitdem steht er auch an prominenter Stelle der "Meistgesuchten" auf der israelischen Liste, angeklagt an der Beteiligung der Ermordung von neun unschuldigen israelischen Zivilpersonen, als Vergeltung für vorhergehende Attentate. In den letzten Monaten des Jahres 2001 überlebte Ra’ed Karmi einige israelische Attentatsversuche, was auch in diesem Fall seinem Ruf nicht schadete. Er war sich sehr bewusst, nur mit einer geliehenen Zeit zu leben. Ein Team eines israelischen Fernsehsenders, das unter seiner persönlichen Sicherheitsgarantie nach Tul Karm kam, filmte ihn, wie er mit einem Gewehr in der Hand offen durch die Hauptstraße der Stadt spazierte. In einem Interview, das an diesem Tag in den israelischen Wohnzimmern zu sehen war, sagte er: "Ich fürchte nicht die Ermordung. Mein Schicksal liegt in Gottes Hand. Wenn ich falle, werden sich meine Kameraden für mich rächen, wie ich die gerächt habe, die vor mir kamen." Palästinensische Quellen sagen, dass Ra’ed Karmi die Entscheidung von Arafat, einen Waffenstillstand auszurufen, voll unterstützte und half, dass er in dem von ihm kontrollierten Gebiet auch umgesetzt wird. Israelische Sicherheitskräfte sagen, dass er an dem Morgen des 14. Januar, als er durch eine von Israel gelegte Falle getötet wurde, dabei war, terroristische Aktionen zu planen – die gleiche Erklärung gab es bei den Dutzenden von anderen Ermordeten, und wie in den anderen Fällen wurde kein Beweis dafür erbracht.
Sicherlich war Ra’ed Karmi kein unschuldiges Opfer, wie viele der anderen 1.400 Palästinenser und Israelis, die in den anderthalb Jahren blutiger Konfrontation getötet worden sind. Genauso sicher konnte es keinen Zweifel daran geben, dass seine Ermordung den Waffenstillstand zerstören und einen Wirbelwind von Rache und Blutvergießen auslösen würde. Es war eine Wiederholung der Ermordung von Abu-Hunud und der damit verbundenen Konsequenzen, aber mit einigen bedeutenden Unterschieden. Zum einen begann der Ausbruch palästinensischer Vergeltungsakte nicht erst eine Woche später, sondern wirklich innerhalb von wenigen Stunden. Und dieses Mal waren es nicht die Militanten der Hamas, die in vorderster Reihe beteiligt waren, sondern die Tanzim-Milizen, Arafats eigene Gefolgsleute.
Am wichtigsten ist, das Manöver wurde einmal zu viel benutzt und dieses Mal richtete sich der öffentliche Blick darauf. "Ermordungen führen zu Selbstmordattentaten" rief die Jugend von Peace Now in eilends einberufenen Kundgebungen vor dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv und der Residenz des Premierministers in Jerusalem. Die gleiche Nachricht wurde in Erklärungen aller Organisationen der Friedensbewegung wiederholt und erschien nicht länger nur in den Zeitungsanzeigen von Gush Shalom. Sie tauchte in den Parlamentsreden und Presseerklärungen von Yossi Sarid auf, dem offiziellen Oppositionschef, in verschiedenen Artikeln und Kommentaren und sogar (in einer weniger ausdrücklichen Form) als Äußerung von Außenminister Peres. Das machte einen großen Unterschied.
Im Gegensatz zu den bisherigen Zyklen der Gewalt begann dieser in der israelischen Gesellschaft nicht mit der Überzeugung, dass die Schuld bei den Palästinensern und nur bei den Palästinensern lag. Im Oktober 2000 wurde den Israelis erzählt – und fast alle glaubten es – dass Barak den Palästinensern ein großzügige Angebote gemacht habe und dass sie mit Ablehnung und Gewalt reagiert hätten. Nun konnten viele eindeutig sehen, dass Arafat einen Waffenstillstand ausgerufen hatte und dieser von Sharon gebrochen wurde. Es war zu dieser Zeit, als die Friedensbewegung schließlich aus der Versenkung herauskam, in der sie sich seit Oktober 2000 befand. Kundgebungen und Demonstrationen wurden größer und größer und neue Friedensgruppen schossen aus dem Boden. Die Weigerung von Soldaten und Offizieren, in den besetzten Gebieten zu dienen, war zentrales Thema der Öffentlichkeit. So geschah es auch mit dem vorhergehenden Tabu, dass "unsere" Soldaten derzeit in Kriegsverbrechen verwickelt sein könnten, dass die täglichen Praktiken der Besatzungsarmee schwere Verstöße gegen das Völkerrecht darstellen könnten. Und radikale Ideen erhielten die Sympathie einer gewichtigen Minderheit, wie es sich bei den 25% bemerkbar machte, die die Verweigerer unterstützen.
Sharons bis jetzt unerschütterte Popularität
nahm schnell ab, was klar in allen Meinungsumfragen zum Ausdruck kam. Die
Atmosphäre einer "nationalen Einheit", wie sie über das Jahr
2001 vorherrschte, löste sich schnell auf und wurde ersetzt durch
eine kontroverse und oft verletzende Debatte – die auf der anderen Seite
des politischen Spektrums, in einem Aufbäumen des rechten Flügels,
auch den Aufruf zur Wiedereroberung der palästinensischen Städte
und die offene Befürwortung von ethnischer Säuberung ("Bevölkerungstransfer")
beinhaltete,. In der Arbeiterpartei wurde die Minderheit, die die Partei
zum Verlassen der Regierung von Sharon aufrief, zunehmend aktiv und hörbar
und ihre Kampagne beeinflusste auch Teile der Partei, die opportunistischer
sind. Verteidigungsminister Ben Eliezer, kürzlich in heftigsten parteiinternen
landesweiten Kämpfen gewählter Parteiführer, bemühte
sich, ein bisschen sanfter zu erscheinen – in einigen Nuancen, wie der
Dauer der militärischen Offensive gegen die Palästinenser und
der Zahl der daran beteiligten Militärkräfte – nachdem ihm geraten
wurde, dass er wohl kaum Chancen auf einen Wahlsieg habe, wenn er "eine
Kopie von Sharon" sei. Der Knesset-Sprecher, Avraham Burg, Ben Eliezers
großer Rivale, ein Mann, der seine politische Karriere als Aktivist
bei Peace Now begann und später seinen Ton beträchtlich änderte,
sprach nun die Linie aus, "die korrupte Besetzung" zu verurteilen und stellte
fest, dass die Lösung "ein Austausch des gesamten Gebietes gegen einen
vollständigen Frieden" sein würde. Burg befasste sich auch mit
einer Frage, die Präsident Katzav außen vor ließ und erklärte
seine Absicht, sich an das palästinensische Parlament in Ramallah
zu wenden. Er kündigte an – im Gegensatz zum Präsident – dass
er entschlossen sei, auch gegen den Willen des Premierministers dorthin
zu gehen. Burg weckte damit großen Ärger in der parlamentarischen
Rechten, wo ohne Erfolg Versuche unternommen wurden, ihn von seiner Position
als Sprecher zu entbinden und er erhielt zugleich erhebliches Ansehen in
seinem Wahlkreis. Bis zum Abschluss dieses Artikels ist er aber nicht nach
Ramallah gegangen.
Abfallende Spirale
Die Unzufriedenheit mit Sharon als Premierminister ist auch durch die sich verschlechternde ökonomische Lage beeinflusst. Die Arbeitslosigkeit erreicht neue Rekorde, mehr und mehr Fabriken und Unternehmen schließen und die Ökonomen sagen wenig oder gar kein Wachstum für 2002 voraus. Die Wochen des Waffenstillstandes erlaubten der öffentlichen Aufmerksamkeit, sich für einige Zeit den sozioökonomischen Themen zuzuwenden. Während es keine Schießereien gab, waren die Schlagzeilen besetzt von dem verbitterten Protest von Arbeitern gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze. Ein militanter Kampf von Behinderten, wie sie in ihren Rollstühlen einen einen Monat lange dauernden Sitzstreik vor dem Finanzministerium durchführten und eine Steigerung ihrer Beihilfe einforderten, erhielt viel öffentliche Sympathie. Der Etat der Regierung für 2002 war verspätet gebilligt worden, im Februar statt im Dezember. Dafür brauchte es beträchtlichen Streit und manchmal einen erbärmlichen Handel zwischen Sharon und seinen zahlreichen Koalitionspartnern. Der schließlich zusammengeflickte Etat brachte den Armen Israelis keinen Schimmer Hoffnung, obwohl sie die wichtigste Wählerbasis für die Likudpartei von Sharon sind.
Auf vielfältige Weise könnte die ökonomische Krise auch auf den andauernden Konflikt zurückgeführt werden. Seit dem Ausbruch der Intifada liegt der Tourismus – eines der Standbeine der israelischen Ökonomie – komplett in Trümmern. Israel ist für ausländische Investoren viel weniger attraktiv geworden, viele von ihnen zögern sogar, für einen kurzen Besuch zu kommen – erst recht, ihr Geld in einem solch gefährlichen Land zu investieren. Angst vor Selbstmordattentaten brachte viele Israelis dazu, die Innenstädte zu meiden, was zu einem Kollaps für die Geschäfte, Cafés und Restaurants führte. Das schreckliche Unglück griff von Israel aus auch auf die palästinensische Wirtschaft über, praktisch zerstört durch die Verhängung der Blockaden, Belagerung und Reisebeschränkungen, und kommt zurück nach Israel. Mit der allgemeinen Armut der palästinensischen Bevölkerung und ihrem schweren Verlust der Kaufkraft, gerieten die israelischen Firmen, die vom Export auf den palästinensischen Markt abhängig sind, an den Rand des Konkurses.
Im Ganzen schätzen Regierungsökonomen die Verluste,
die direktes oder indirektes Ergebnis der Konfrontation mit den Palästinensern
sind, auf fünf Milliarden Dollar. Im Januar begannen die Meinungsumfragen
anzuzeigen, dass die Öffentlichkeit massiv Vertrauen in die Fähigkeiten
Sharons verliert, die Ökonomie zu leiten, während sie ihm weiter
als militärischen Führer vertraut. Eine Woche später, als
das gegenseitige israelisch-palästinensische Blutbad schlimmer und
schlimmer wurde und Sharon offensichtlich keine Lösung dafür
hatte – und mit der zugleich weiter abrutschenden Wirtschaft - begann die
Öffentlichkeit, an Sharons Glaubwürdigkeit in allen Beeichen
zu zweifeln. Ein Versuch des Premierminister, sich im Fernsehen "an die
Nation zu wenden", mit seiner wichtigsten Aussage, "die Sicherheit und
ökonomische Situation sind beide schlecht, der Kampf beide zu verbessern,
wird lange dauern, aber wir müssen alle geduldig, standfest und vereint
sein, damit wir am Ende gewinnen", wurde mit Hohn begrüßt und
einem weiteren Sinken seiner Popularität.
Tontaubenschießen (oder: Zielscheiben)
Sofort nach der Ermordung von Ra’ed Karmi tötete ein palästinensischer Attentäter in der israelischen Stadt Hadere bei einer Familienfeier sechs zufällig anwesende israelische Bürger. In den darauf folgenden Wochen schien die Führung der Fatah-Tanzim-Milizen aber eine Entscheidung getroffen zu haben, ihre Guerillaangriffe auf Soldaten und Siedler in den besetzten Gebieten zu konzentrieren. Dem folgten zumeist die anderen palästinensischen Organisationen. Das führte zu einer Änderung der öffentlichen Atmosphäre in Israel. Israelis betrauern sicherlich die in den besetzten Gebieten getöteten Soldaten, solche palästinensischen Aktionen lösen aber nicht einen solchen moralischen Widerwillen und eine solche Abscheu aus, wie die Angriffe auf Zentren der israelischen Bevölkerung. Tatsächlich drückten in einigen Fällen israelische Offiziere ihre widerwillige Bewunderung für den "Professionalismus und Mut" der ihnen gegenüberstehenden Guerilla aus. Palästinensische Kämpfer scheinen die klassische Maxime der Guerilla aufzunehmen – weiche deinem Feind aus, wo er stark und wachsam ist, greife ihn unerwartet an seinen schwachen Punkten an –, und insbesondere die Lehren und Methoden des Feldzugs der Hisbollah gegen die israelische Besatzung des Südlibanon zu befolgen.
Im Gaza-Streifen beobachteten Guerillas genau den täglichen Weg israelischer Konvois zu den Siedlungen von Netzarim, einer bewaffneten Enklave direkt im Süden von Gaza-Stadt. Eine wohlplatzierte explosive Ladung zerstörte einen an der Spitze des Konvois fahrenden israelischen Panzer vom Typ "Merkava", der bis zu diesem Tag als "der Welt bestgeschützter Panzer" galt. Alarmierte Kommandeure versprachen eine gründliche Untersuchung und eine Änderung des Ablaufs, der solch ein fatales Ergebnis möglich gemacht hatte. Aber die andauernde Aufrechterhaltung der nationalistisch-religiösen Gruppe von Siedlern im Herzen von Gaza ist Kern der Regierungspolitik und nicht offen für eine Infragestellung durch das Militär. Die isolierten Siedlungen blieben bestehen und genau einen Monat später führten die Guerillas fast am gleichen Platz einen zweiten Angriff gegen den Konvoi durch, der die gleiche Route nahm und bei dem sie einen zweiten Merkava zerstörten.
In der Westbank sehen die Guerillas in den zahlreichen Straßensperren und Kontrollposten die schwächsten Punkte der IDF – wie auch das, was die palästinensische Bevölkerung im Allgemeinen am übelsten aufnimmt. Aufgebaut, um den palästinensischen Verkehr zu kontrollieren, sind an den an isolierten Plätzen bestehenden Straßensperren kleine militärische Sonderkommandos stationiert. Gelegentlich sind sie am Fuß von Tälern angesiedelt, wo die Straßen beginnen und – in Widerspruch zu elementaren militärischen Prinzipien – ohne Flankensicherung. Mehr noch, da die Armee bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten beansprucht ist, sind die Straßensperren häufig durch mit Etappentruppen bemannt, die kein oder nur wenig Kampftraining haben.
Die Resultate sind fatal – 17 Soldaten wurden bei einer
Serie von Guerillaangriffen in zwei Wochen getötet. Bei dem Vorfall
mit den meisten Toten beschoß ein einzelner palästinensischer
Scharfschütze mit einem alten, aber immer noch funktionsfähigen
Karabineraus dem Zweiten Weltkrieg einen halbe Stunde lang einen Posten
und tötete sieben Soldaten und drei Siedler, die angeblich geschützt
werden sollten. Er konnte in aller Ruhe weggehen, bevor Verstärkung
eintraf. (Der Platz, wo dies geschah, ist in arabisch als Wadi Haramiya
bekannt, das Tal der Räuber, ein Name, der an frühere Praktiker
solcher Taktiken in ottomanischen Zeiten erinnert.) "Ihr habt uns sitzen
gelassen, wir sind zu Zielscheiben geworden!", so reagierten die überlebenden
Soldaten, als ihre Offiziere einige Stunden später zu einem Besuch
eintrafen, der eigentlich die Moral heben sollte. Über die Medien
wurde die Geschichte weiter verbreitet und dabei mitgeteilt, dass der Kontrollpunkt
Harmiya aufgrund des Druckes der Siedler der nahegelegenen Siedlungen eingerichtet
wurde. "Wenn die Siedler ihr eigenes Leben riskieren wollen, so ist das
ihre Sache – aber warum haben sie das Leben meines Sohnes genommen?" sagte
die Mutter von einem der zehn getöteten Soldaten, die der Presse erzählte,
dass ihr Sohn ernsthaft überlegt hatte, den Brief der Verweigerer
zu unterzeichnen.
Friedensvorschläge und gebrochene Versprechen
Gleichzeitig mit seiner abstürzenden Popularität im eigenen Land, fühlte Sharon, dass sich das Klima in Washington zu wandeln begann. Es ist wahr, Washington setzt seine öffentliche Unterstützung für Sharons andauernde Kampagne für Bombardierungen und den Einmarsch in die palästinensischen Städte fort, die in offiziellen US-Verlautbarungen "Selbstverteidigung" genannt werden. Dennoch verweigerte die US-Administration freundlich, aber fest, den Vorschlag Sharons, Arafat zu vertreiben und nach anderen "alternativen palästinensischen Führern" Ausschau zu halten. Da er fast alles versucht hatte, ohne die palästinensische Entschlossenheit brechen zu können, war die andauernde US-amerikanische Unterstützung für Sharons militärische Aktionen nicht ausreichend.
Zusätzlich zu diesem Dilemma kam die plötzliche Friedensinitiative des saudischen Kronprinzen hinzu, die durch die Vermittlung des berühmten Tom Friedman der New York Times veröffentlicht wurde. Das öffentliche Angebot war ein vollständiger Frieden zwischen Israel und der ganzen arabischen Welt bei vollständigem Rückzug hinter die Grenzen von 1967. (Eine Klärung durch Henry Siegman vom AmerikanischJüdischenKongress ergab, dass die Saudis bereit wären, die Bewahrung des jüdischen Viertels in der Altstadt von Jerusalem zu akzeptieren, wie schon in einigen Vorschlägen bei den letzten Verhandlungen unter Barak benannt.) Der Vorschlag machte auf die kriegsmüde israelische Gesellschaft ziemlichen Eindruck. Die letzten anderthalb Jahre hatten die Israelis gegenüber den Palästinensern sehr argwöhnisch werden lassen und sie zweifelten an jedem Versprechen oder unterzeichnetem Abkommen der palästinensischen Führer (ein Gefühl, das von der palästinensischen Seite reichlich erwidert wurde). Eine Vereinbarung, die von der arabischen Welt unterstützt wird und von einem der renommiertesten und mächtigsten Staaten eingebracht wird, mit bis jetzt neutralem Standpunkt, schien eine größere und solidere Sicherheit für die Zukunft anzubieten. De Meinungsumfragen zeigten an, dass über die Hälfte der israelischen Bevölkerung (in einer 48%, in einer anderen 54%) bereit sind, den Vorschlag der Saudis zu akzeptieren.
Vergangene Erfahrungen zeigen, dass, sollte die Regierung den Vorschlag akzeptieren, dies schnell zu einer großen, soliden Mehrheit anwachsen könnte. Dennoch hat Sharon keine Absicht, die Grenzen von 1967 oder irgendetwas ähnliches zu akzeptieren, unabhängig davon, was im Gegenzug angeboten würde. Er verschloss sich selbstverständlich nicht der Initiative. Vielmehr äußerte er sich vorsichtig, schlug ein Treffen mit den Saudis vor, was an sich ein großer Akt der Normalisierung wäre, ohne sich selbst zu den territorialen Fragen festzulegen. Zu niemandes Überraschung reagierten die Saudis auf dieses generöse Angebot zurückhaltend. Sie konzentrierten ihre Anstrengungen darauf, Unterstützung von arabischen Schlüsselstaaten für ihren Vorschlag zu bekommen, mit dem Blick darauf, ihn beim Arabischen Gipfel Ende März in Beirut offiziell gebilligt zu bekommen. Das, so stellten sie klar, würde nur bei Anwesenheit von Arafat an der Seite der anderen arabischen Führer geschehen. Ohne Arafat würde der Gipfel mit einer üblichen Resolution zur Unterstützung des palästinensischen Kampfes gegen Israel enden.
Auf diese Weise war das Thema der andauernden Belagerung
des Sitzes von Arafat in Ramallah an oberster Stelle der israelischen Tagesordnung
gesetzt worden. Und es wurde noch dringender, als die palästinensische
Polizei – wie von Sharon gefordert – die Verantwortlichen für die
Ermordung des Minister Ze’evi festnahm. Als Ergebnis wurde ein Treffen
von israelischen und palästinensischen Sicherheitsvertretern vereinbart,
mit dem Ziel eines Waffenstillstandes, und der Verteidigungsminister Ben
Eliezer schlug dem Kabinett vor, Arafat freizulassen. Aber die Minister
der extremen Rechten drohten damit, sofort zurückzutreten. Der Verteidigungsminister
warnte vor schrecklichen Ergebnissen, wenn Israel seinen Teil der Vereinbarungen
nicht einhalte. Resultat war ein "Kompromiss": die Panzer rücken einige
hundert Meter von der unmittelbaren Umgebung des Sitzes von Arafat ab und
das Kabinett erklärte, dass "Arafat frei sei, sich innerhalb der Stadt
Ramallah zu bewegen, aber darüber hinaus eine Genehmigung brauche."
Die Erklärung wurde von den Palästinensern als die vorsätzliche
Beleidigung aufgefasst, die sie war, und am nächsten Tag gab es eine
neue Reihe von tödlichen palästinensischen Angriffen. "Ich habe
es euch gesagt", sagte Ben Elizer nach inoffiziellen Quellen. Der Sprecher
des Minister bestritt sogleich, dass sein Boss jemals solche Worte gesagt
habe, aber der Vorfall enthüllt die wachsenden Brüche in Sharons
Regierung der nationalen Einheit.
Wirbelsturm des Krieges
Eine Zeit lang hatten die Führer der Siedler und ihre politischen Vertreter ihre eigenen Vorschläge zur "Lösung" des Konfliktes publik gemacht: Wiederbesetzung der palästinensischen Städte, Waffendurchsuchungen von Haus-zu-Haus, Erschießen aller Palästinenser, die im Besitz von Waffen sind, Inhaftierung, Tötung und Abschiebung aller "Terroristen" und dann "Verhandlungen" mit dem eingeschüchterten Rest über eine begrenzte Autonomie unter vollständiger israelischer Souveränität. Der Plan schien einige Parallelen zu einem von der Armee gemachten Ausweichplan zu beinhalten. Die Siedler pflegen zu einigen der Generäle enge Verbindungen.
Ende Februar entschied Sharon, die Ausführung einer Operation zu genehmigen, die in ihrem Ausmaß stärker beschränkt war, als von den Siedlern gefordert, aber die die gleichen von ihnen befürworteten Techniken benutzt. Der Plan rief zu einem direkten Angriff auf palästinensische Flüchtlingslager auf, die sowohl bei der ersten, wie auch bei der jetzigen Intifada im Mittelpunkt stehen und deren Einnahme die Armee bis jetzt vermied. Eine allgemeine Mobilisierung der Reservisten, was die Hardliner verlangten, wäre einem Krieg gleichgekommen. Auch könnte dies zu einer bedeutenden Zahl von Reservisten führen, die die Einberufung verweigern. Stattdessen wurde die Operation mit den Kräften der regulären Armee geplant. Auch wenn die Trainings gestoppt und alle verfügbaren Einheiten in diese Operation geschickt wurden, gab es nicht genügend, um alle Camps gleichzeitig anzugreifen. Stattdessen wurde geplant, von Norden nach Süden durchzugehen und die Einheiten von einem Flüchtlingscamp zum nächsten springen zu lassen. In der Zwischenzeit würde die Luftwaffe massive Bombardierungen an den Orten durchführen, die im Moment nicht besetzt wären, und die Marine würde Granaten auf Ziele am Ufer des Gaza-Streifens schießen. So begannen die bis dahin schlimmsten Tage des andauernden Wirbelsturms der Gewalt waren.
Bevor die Intifada ausbrach, schätzte die Armee, dass der Einmarsch in alle palästinensischen Gebiete und in die Flüchtlingscamps eine sehr hohe Zahl von israelischen Opfern zur Folge haben würde, Dutzende oder sogar Hunderte. Seit Oktober 2000 wurden die besten Köpfe der Armee herangezogen, um besondere Taktiken und Strategien zu entwickeln, damit die Zahl der Opfer möglichst niedrig bleibt. Unter der neuen Doktrin sollte eine Invasion immer im Schutz der Dunkelheit durchgeführt werden. Die Soldaten würden in überwältigender Stärke kommen – Bataillone bei den ersten Invasionen, die später zu Brigaden anwachsen. Infanterie würde immer von zahlreichen Panzern und Hubschraubern begleitet werden, die bereit sind, mit ihrer Feuerkraft jede Opposition zu zerquetschen. Bewegungen auf den Straßen besetzter Städte würden fast immer in bewaffneten Fahrzeugen durchgeführt werden. Infanteriesoldaten würden schnell strategische Gebäude vor Ort beschlagnahmen und sie in militärische Standorte umwandeln, dabei palästinensische BewohnerInnen entweder vertreiben oder in einem mehrstöckigen Gebäude auf einen Raum, eine Wohnung oder ein Stockwerk verweisen. Ein Rückzug aus der Stadt würde wieder in der Nacht und in bewaffneten Fahrzeugen durchgeführt werden. Für Operationen in Flüchtlingslagern, mit ihren engen Gassen und eng gedrängten Hütten, würden die Soldaten die Mauern einschlagen und so von Haus zu Haus kommen, ohne auf die Straße zu treten und sich selbst Feuer von Scharfschützen auszuliefern. ("Ja, die Einwohner hätten später ihre Häuser zu reparieren – das sind die Geschicke des Krieges" merkte im israelischen Radio ein Kommandeur an.)
Der Plan der Armee wurde ausgeführt, mehr oder weniger nach Plan. Nicht weniger als 20.000 Soldaten waren dafür abgestellt worden. Die Eroberung der Flüchtlingslager wurde auf der israelischen Seite mit Kosten von etwa einem toten Soldaten pro Camp erreicht – wahrlich geringe Verluste für alle, außer für die Familie des jeweiligen Soldaten.
Die Verluste auf palästinensischer Seite schwankten, es waren mehr als zweihundert in einer Woche, fast 50 nur am 8. März, dem "Roten Freitag". Die Fernsehbilder waren voll von Bildern mit hunderten verhafteter palästinensischer Männer, ihre Hände hinter ihrem Rücken mit Plastikhandschellen gefesselt und ihre Augen mit Lappen verbunden, wie sie durch die Straßen der eroberten Flüchtlingslager geführt wurden. Die Praxis, Nummern auf die Handgelenke der Gefangenen zu schreiben, löste einen Proteststurm aus, sogar von gewöhnlichen Knesset-Mitgliedern, die an die Behandlung der Nazis gegenüber den Insassen der Konzentrationslager erinnert wurden.
Inzwischen stellte sich heraus, dass sich die meisten "gefährlichen Terroristen", die die Armee sucht, nicht unter den Gefangenen befanden. Statt zu bleiben und auf verlorenem Posten bis zum Tod zu kämpfen, schlichen sie sich davon, um an weniger bewachten Flecken heftige Schläge zu führen, und kamen unversehrt zurück, sobald die Armee ihre Häuser verlassen hatte und zu einem anderen Camp gegangen war. Der Oberst der Fallschirmjäger, Aviv Kochavi, der das Kommando bei der Eroberung des Flüchtlingscamps Balata in Nablus hatte, freute sich diebisch im Radio: "Uns wurde erzählt, dass es Tiger wären, aber wir fanden nur Kätzchen". Innerhalb weniger Stunden, nachdem wir seine Worte hören mussten, führten einige der "Kätzchen" sowohl ein tödliches Selbstmordattentat in Jerusalem, wie auch einen vernichtenden Angriff auf einen Kontrollpunkt der Armee aus. In der Hitze des Gefechts verschwammen die Unterschiede zwischen den verschiedenen palästinensischen Gruppen, Militante der Tanzim, Hamas und der kleineren marxistischen Fraktion kämpften zusammen. Die Idee, die Angriffe der Guerilla nur auf Soldaten zu beschränken, verlor sich in dem weitverbreiteten Zorn über die Ermordungen und die Zerstörung und in der lärmenden Forderung nach sofortiger Vergeltung.
Nicht länger sind Selbstmordattentäter auf islamische
Organisationen beschränkt, ein wachsender Teil von ihnen kam aus den
Rängen der Fatah. Es war für Israelis eine verwirrende Zeit.
Hunderte von palästinensischen Opfern sorgten nicht für Trost
für die Dutzenden von Israelis. Jeden Morgen gab das Radio die Eroberung
einer anderen palästinensischen Stadt oder eines Camps bekannt. Jeden
Nachmittag gab es Neuigkeiten von einem neuerlichen palästinensischen
Angriff auf eine israelische Stadt. Und zusätzlich führte ein
Angriff in der libanesischen Grenzregion zu sechs toten Israelis, in einem
Gebiet, dass seit dem Rückzug aus dem Libanon vor zwei Jahren ruhig
geblieben war. Er wurde Personen zugeordnet, die sich über die nördliche
Grenze eingeschleust hatten, obwohl die Hisbollah offiziell die Verantwortung
übernommen hatte.
Die Welt wacht auf
Verspätet realisierte Präsident Bush, dass das Feuer, dass er Sharon legen ließ, sein eigenes Programm gefährdete. Die Eskalation zwischen Israel und den Palästinensern drohte den langgeplanten Besuch in die Region des Vizepräsidenten Cheney völlig entgleisen zu lassen und seine Absicht zu vereiteln, eine anti-Saddam Front aufzubauen, was die US-Administration als vorrangiges Ziel beschlossen hatte. In einer dramatischen Pressekonferenz erklärte der Präsident, dass er Zinni innerhalb von einer Woche zurück in die Region schicken werde und rief beide Seiten dazu auf, "von sich aus einen Waffenstillstand zu erreichen, sogar schon vor dem Eintreffen Zinnis". Bushs Gründe für die wochenlange Untätigkeit sind immer noch unklar. Sie ließen Zeit für das schlimmste Blutbad, das immer noch andauert. Sofort nach der Erklärung von Bush machte Sharon eine scheinbar versöhnliche Geste und erklärte, er habe die Forderung nach "sieben Tagen völliger Ruhe" als Vorbedingung für Verhandlungen aufgegeben. Das war dennoch mit einer Intensivierung der Militäroperation verbunden, welche "die Zahl der palästinensischen Opfer ansteigen lassen" sollte – ein Ziel, das einige Tage zuvor offen vom Premierminister definiert wurde.
Mit einem anderen Zug im gleichen Spiel ließ Sharon eine Entscheidung vom Kabinett verabschieden, die Arafat erlaubt, von Ramallah in andere palästinensische Gebiete zu reisen, nicht aber ins Ausland. Die Entscheidung empörte die extrem rechten Verbündeten von Sharon und ließ sie ihre Drohung wieder aufleben, die Regierung zu verlassen. Arafat selbst war nicht sehr glücklich darüber und sah davon ab, Ramallah zu einer Zeit zu verlassen, als sich große Teile der israelischen Streitkräfte sichtbar der Stadt näherten. Arafat hatte gute Gründe, nach drei Monaten Hausarrest in Verdacht zu schöpfen, dass Sharon ihn plötzlich aus dem Weg haben wollte, um den Weg für eine Invasion zu ebnen.
Inzwischen waren Zehntausende Siedler und ihren Unterstützer mit Bussen nach Tel Aviv gebracht worden, wo sie auf dem Rabinplatz eine turbulente Demonstration durchführten. Ihre Sprecher riefen Sharon auf, "mit dem Teufel der Autonomiebehörde ein für allemal Schluß zu machen". Gerade als sie in ihre kugelsicheren Busse für die Heimkehr in ihre Siedlungen einstiegen, begannen massive militärische Kräfte in Ramallah einzumarschieren. Es war die größte israelische Militäroperation seit 1982. Eine ganze Infanteriedivision, begleitet von Hunderten von Panzern, eine großer Teil der gesamten israelischen Kampfeinheiten, war aufgeboten worden, um eine einzige palästinensische Stadt zu erobern, die von leicht bewaffneten Milizionären verteidigt wurde. "Es gab verstreuten Widerstand, die Operation wurde nach Plan durchgeführt", erklärte der Sprecher der Armee, der dabei die Tötung von einem Dutzend junger Palästinenser herunterspielte, die die glatte Operation zur Folge hatte. "Die Armee führte einen mächtigen Schlag und landete ihn in der Luft", bemerkte der gut informierte Nahum Barn’ea von Yediot Aharonot. Die Operation wurde durch die Anwesenheit von Arafat in Ramallah behindert. Der Sektor um den Sitz des palästinensischen Führers herum blieb unantastbar, die Militärpläne wurde im letzten Moment geändert und so fanden die meisten der "gesuchten" Palästinenser Zuflucht. Ein Versuch Sharons, den Panzern die Einfahrt in dieses Gebiet zu befehlen, verursachte einen offenen Streit mit Ben Eliezer, der sich nach Augenzeugenberichten zu "der stürmischsten Kabinettsitzung seit Bildung der Regierung Sharon entwickelte".
Inzwischen sandten die israelischen Konsulate auf der ganzen Welt der Regierung warnende Signale vor einem "PR-Desaster". Filme voller Panzer, die palästinensische Krankenwagen zerquetschen, von den langen Reihen von unter Bewachung stehenden Gefangenen, denen die Augen verbunden sind, von israelischen Soldaten, die in die Wohnzimmer von palästinensischen Familien eindringen und die Sachen aus den Schränken werfen, untergraben mehr und mehr das Wohlwollen gegenüber Israel. Mit dem Einmarsch der Armee in Ramallah, einer Stadt, die durchtränkt ist mit internationalen MedienvertreterInnen, wurde das zu einer Flut – vergrößert durch die Tötung eines bekannten italienischen Fotografen. Heraldo Rivera, Kommentator von Fox-Fernsehen, erzählte seinen Zuschauern: "Mein ganzes Leben war ich ein Zionist gewesen. Ich war bereit, für Israel zu sterben. Aber nach dem, was ich in Ramallah sah, wurde ich auch ein bisschen wie ein Palästinenser. Der Gebrauch von Panzern und F-16 Flugzeugen gegen eine dichtbesiedelte Stadt ist kein Weg, um gegen Terrorismus zu kämpfen. Es ist selbst Terrorismus."
Drei Tage nach dem Einmarsch der Armee in Ramallah machte
Präsident Bush vor laufenden Kameras eine weitere dramatische Erklärung
und beschuldigte Sharon, "weit davon entfernt zu sein, hilfreich für
den Erfolg von Zinnis Mission zu sein". Er befahl ihm in keineswegs undeutlichen
Worten, die Operation unverzüglich zu beenden. Am folgenden Morgen
zeigten die Wochenendumfragen der israelischen Presse einen neuen Minusrekord
für Sharon an. "Sharon hoffte, den Linken durch die Freilassung von
Arafat zu gefallen und den Rechten durch die Entsendung des Militärs
nach Ramallah. Dadurch entfremdete er sich beide. Er verliert auch die
Massen der Wähler, einfach weil er verspricht, die Angriffe der Terroristen
zu beenden und offensichtlich unfähig ist, das Versprechen einzuhalten",
schrieb Chemi Shalev in Maa’riv.
Ende in Sicht ?
Letzten Dezember war Sharon in der Position, Arafat wirklich mit vorgehaltener Waffe einen Waffenstillstand zu diktieren. Das ist nicht länger der Fall. Die Palästinenser können nun einen Preis verlangen. Zunächst forderten sie – und es geschah – den Rückzug aller israelischen Truppen aus den "A"-Gebieten als Vorbedingung für Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Nachdem dies erreicht war, bleiben als Hürde für Verhandlungen – die unter der Schirmherrschaft des Gesandten Zinni stattfinden, während dieser Artikel geschrieben wird – die Schließungen und Besetzungen, die in den letzten anderthalb Jahren das tägliche Leben für die Palästinenser zur Hölle machten. Es wird allgemein angenommen, dass ein Waffenstillstand in den kommenden Tagen vereinbart werden wird. Aber die Kommentatoren zweifeln daran, wie weit er respektiert werden und wie lange er bestehen wird. Der palästinensischen Polizei und ihren Sicherheitsdiensten sind fast keine Gebäude oder Gefängnisse verblieben, in die sie Terroristen stecken könnten, sogar wenn die Entscheidung getroffen würde, sie zu inhaftieren. Die israelischen Bombardierungen waren sehr gründlich.
Wichtiger als die Zerstörung der Sachwerte ist, dass die Kampagne der letzten Monate klar die interne Kräftebalance bei der palästinensischen Bevölkerung verändert, die Palästinensische Autonomiebehörde und ihren Apparat geschwächt und in großem Maße das Prestige und die Unterstützung für die verschiedenen Milizen und militanten Gruppen verbessert hat. Um palästinensische Militante davon zu überzeugen ,dass sie ihren bewaffneten Kampf aussetzen müssen und einen Waffenstillstand einhalten, braucht es ein klares Signal, dass die Besetzung durch politische und diplomatische Mittel beendet werden kann. Sharon, obwohl er zum politischen Überleben im Moment einen Waffenstillstand braucht, ist nicht bereit, die Besetzung zu beenden oder die Siedlungen abzubauen, die er selbst während seiner Karriere aufbauen ließ. Und die Bush-Administration bleibt bei der Ansicht, dass das israelisch-palästinensische Problem im Wesentlichen ein Nebengeschehen ist, das ruhig zu stellen und aus dem Weg zu räumen ist, um sich auf das wirklich Wichtige vorzubereiten: ihre bevorstehende Operation gegen Saddam Hussein.
Bush akzeptierte das Prinzip von zwei Staaten, Israel und Palästina, und schrieb dies sogar in einer neuen Resolution des Sicherheitsrates fest – ohne aber auf die alles entscheidende Frage der Grenzen hinzuweisen. In der Theorie würde auch Sharon einen palästinensischen Staat akzeptieren, wenn es ein "Staat" wäre, der aus nichtzusammenhängenden Enklaven besteht. Bis jetzt gibt es wenig Gründe, anzunehmen, dass Bush bereit ist, eine aktive Vermittlerrolle zu übernehmen, die seinem Vorgänger so viel Zeit und Energie gekostet hatte und bei der Clinton so arg enttäuschte. Die Palästinenser haben eine der machtvollsten Armeen im Nahen Osten erduldet und sind ungebrochen. Im Moment hat die nationale und internationale öffentliche Meinung und das Interesse der Supermacht Sharon dazu gezwungen, aufzuhören. Aber ein Sharon, der nichts zu verlieren hat, könnte seine Zeit dafür nutzen, einen noch destruktiveren Angriff vom Stapel zu lassen – ein Spieler, der nicht aufhören kann, wenn er im Minus steht. Die Geschichte mag sich gut an Ariel Sharon als ein Führer erinnern, der den Israelis endgültig bewiesen hat, dass der Weg der Gewalt nicht funktioniert, einfach, weil er es so oft versucht und die Dinge nur schlimmer gemacht hat. Wenn es weiter Gründe für eine vorsichtige Hoffnung gibt, liegen sie genau da, wo vor einigen Monaten nichts zu sehen war: im Innersten der israelischen Gesellschaft, aus dem viele Zeichen darauf hindeuten, dass sie genug von der Besetzung und den damit verbundenen Kosten hat.
Adam Keller: The Terrible Year. April 2002.
Übersetzung aus dem Englischen: C. Axnick und
R. Friedrich