Kommißkopp-Rapport


 

[wird fortgesetzt]
 

Mittwoch, den 23. Januar 2002

Gourmets an der Gulaschkanone?

Guy de Maupassant wird die Bemerkung zugeschrieben, daß nur Dummköpfe keine Feinschmecker seien. Zweifelsohne hat der Franzose damit Recht, und die Geschichte des Militarismus bietet eine Fülle von Material, um die These zu untermauern. Denn nichts hat weniger mit Wohlgeschmack und Genuß beim Essen zu tun als Gulaschkanone und Soldatenfraß.

Schon Asterix wußte als römischer Legionär, daß eine Armee umso besser kämpft, je schlechter die Verpflegung ist. (Und schnell mußte er sich von der theoretischen Kampfkraft des römischen Militärs überzeugen lassen.) Weitere Belege gefällig? Graf Rumford, der erst aufgrund ebendieser kulinarischen Kreation geadelt wurde, empfahl im Dienste des bayerischen Hofes Ende des 18. Jahrhunderts als Soldatennahrung ein breiiges Etwas, das durch stundenlanges Kochen aus Gerstengraupen, Erbsen, Kartoffeln und viel Wasser herzustellen war. Viel Wasser für diese 'Rumford-Suppe', weil der Graf von dessen hohem Nährwert fest überzeugt war, denn schließlich, so meinte er, gedeihen die Pflanzen auch davon.  Selbst dem vielleicht Größten der französischen Küche, Auguste G. Escoffier, ging jeglicher Geschmack verloren, als er 1915 Rezepte für die kämpfende Truppe zusammenstellte: Sein boeuf à la bourguignonne für Etappe und Schützengraben war aus Schmalz, Dosenrindfleisch und Semmelbrösel zusammenzubrutzeln. Igitt! Brösel zum Soßenbinden hatte man in der französischen Küche zuletzt im späten Mittelalter gesehen.

Auch bei der Bundeswehr heißt die Devise, wenn's ums Essenfassen geht, gut ist nur, was nicht kulinarischen, sondern  in erster Linie funktionalen Ansprüchen genügt. Öffnet der Gebirgsjäger im Biwak seine Alupfanne mit Mettwürstchen und Linsen, weiß er zwar, daß die Pampe nicht schmeckt, aber doch auch, daß sie wohl kaum verdorben sein dürfte: 10 Jahre Haltbarkeit sind vom Hersteller garantiert.

Einige Irritationen vermag nach diesen Beispielen die Information hervorzurufen, daß beim Barras nicht nur gelernte Köche, Konditoren und Bäcker tatsächlich in ihrem Beruf arbeiten, sondern einige von ihnen in der Marineversorgungsschule in List auf Sylt in mehrmonatigen Kursen in Fragen der Verpflegung auch noch weitergebildet und perfektioniert werden. Am Schluß der Ausbildung steht sogar ein Crashkurs in "Gedeck- und Servierkunde", dessen Abschlußprüfung es in sich hat, so ein Obermaat: "Wir müssen nicht nur den Unterschied zwischen Weinbrand und Cognac kennen, sondern auch mindestens drei verschiedene Serviettenformen aus dem Effeff beherrschen." Oha, drei Serviettenformen aus dem Effeff! Weshalb aber solch geballtes gastronomisches Fachwissen bei der Marine? Wozu benötigt die deutsche Kriegsflotte derartige "künftige 'Meister' der Küche" ("Bundeswehr aktuell")? Der Soldatenreporter klärt auf: "Ein Kapitän muss sich bei einem Essen für einen Gast  an Bord seines Schiffes auf den Küchenchef verlassen können." Ach so! Das Effeff-Serviettenfalten wird nicht für Kommißköppe, sondern nur für Gäste abgezogen. Fast hätten wir - die Schweißperlen standen uns schon auf der Stirn - in Erwägung ziehen müssen, der deutschen Marine sei es gelungen, Guy de Maupassant zu widerlegen... tss, tss.
 

Islamische Religionswächter im Pentagon

Martha McSally zählt 35 Jahre und stammt aus Texas. Außerdem ist sie "Strahlflugzeugfühererin" und zur Zeit in Saudi-Arabien stationiert. Dort sieht sie sich als Soldatin Verhaltensvorschriften der US-Luftwaffe ausgesetzt, die sehr an die Zeit des Taliban-Regimes in Afghanistan erinnern. Denn die US-Soldatinnen dürfen ihre Militärbasis nur in Begleitung eines Mannes verlassen; sie müssen dann die Abaya, ein langes schwarzes Gewand, und ein Kopftuch tragen. Außerdem ist es ihnen verboten, im Auto vorne zu sitzen. Nehmen sie doch einmal auf dem (Bei-)Fahrerinnensitz Platz,  setzt es eine Anklage vor einem islamischen Religionsgeri...., äh, einem US-Kriegsgericht. Ob die Militärrichter dann gegebenenfalls, damit die vielköpfige saudische Prinzenschar auch was zum Schmunzeln hat,  zu einem Dutzend Stockhiebe verurteilen dürfen, ist uns nicht bekannt.

Oberstleutnant McSally hat nun angesichts dieser Zumutungen zurecht ihren Dienstherrn, den obersten islamischen Religionswächter im Pentagon, Donald Rumsfeld, verklagt. Weshalb mann sich postwendend verschnupft zeigte: "Diese Klage gibt El-Kaida-Mitgliedern in Saudi-Arabien genau die Propaganda, die sie brauchen, um neue Mitglieder zu finden und unschuldige Menschen umzubringen", jammerte ein ziviler Mitarbeiter des Pentagon in Saudi-Arabien. Ob der ungenannt bleibende Zivilist zu viele wahhabitische Freitagspredigten intus hat? Wie sonst ist ein Zusammenhang zwischen dem Erstreiten des Rechts, auch als Frau ein Auto fahren zu dürfen, und dem Töten von Menschen als übelnehmende Macho-Reaktion darauf überhaupt denkbar? Oder surft mann in den Pentagondienststellen der arabischen Halbinsel zu ausgiebig auf den Netzseiten deutscher Antiimperialisten, deren Stuß zufolge die Amis eh an allem Bösen in der Welt schuld sind? Wie auch immer. Die Vorschriften der US-Luftwaffe in Saudi-Arabien machen jedenfalls die verschlungenen Wege strategischer Allianzen und Feindschaften deutlich: Was in Afghanistan zeitweise als Kriegsgrund herhalten mußte, wird in Saudi-Arabien zum Mittel, das der edle Zweck heiligt. Aber Frauen verstehen schließlich von diesen Dingen ebensowenig wie vom Autofahren...
 
 

Mittwoch, den 9. Januar 2002

Verunsicherte Obristen

Nicht nur, daß Spanien zum 1. Januar 2002 wie Deutschland den Euro eingeführt hat, es hat auch, anders als Deutschland, am Neujahrstag die Wehrpflicht im Lande abgeschafft: zum ersten Mal seit 231 Jahren werden junge Spanier nicht mehr zwangsweise zum Militärdienst eingezogen. Das ist schön. Noch schöner ist, daß das Ende der Wehrpflicht nicht nur Ergebnis  sicherheits- und militärpolitischer Kalküle des spanischen Staates ist, sondern auch als Resultat des langwierigen Kampfes einer nach Tausenden zählenden antimilitaristischen Basisbewegung zu sehen ist, deren Mitglieder sich beharrlich und konsequent jedem staatlichen Versuch entzogen haben, die Wehrpflicht durchzusetzen. Denn anders als vergleichbare Gruppen in Deutschland verweigerten die Aktivisten des Movimiento de Objeción de Conciencia (MOC) nicht nur den Militär-, sondern auch den zivilen Ersatzdienst.

Da also der Abschied von der Wehrpflicht seitens des Militärs nicht ganz freiwillig und geplant erfolgte, sieht sich die neue Berufsarmee mit etlichen Problemen konfrontiert. Insbesondere mangelt es an Soldaten, 30.000 fehlen, um die Sollstärke von 110.000 Mann zu erreichen. Eine Bundeswehrzeitschrift resümierte die Lage folgendermaßen: "Trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Spanien und trotz teurer Werbekampagnen des Verteidigungsministeriums kam man nur auf eine Stärke von 80.000. Dabei ließen die Planer sich alle möglichen Tricks  einfallen. Man senkte den Intelligenzquotienten, der den neuen Soldaten als Minimum abverlangt wird ... . All dies nutzte wenig."

Die Senkung des Intelligenzquotienten brachte nichts ein? Also sowas! Das läßt doch nur eine Folgerung zu, daß nämlich der dümmere Anteil der spanischen Männer bereits in der Armee versammelt ist... Quod erat demonstrandum. (Und daß die Spanier, wenn es ums Militär geht, sich im großen und ganzen von Arbeitslosigkeit, Werbekampagnen und sonstigen "Tricks" nicht in Bockshorn jagen lassen.) Schwer haben es angesichts der neuen Situation auch die traditionell geistig eher unflexiblen spanischen Offiziere: "'Früher habe ich als Ausbilder an den Stolz der Soldaten appelliert und daran erinnert, dass es eine Ehre ist, dem Vaterland zu dienen', sagt ein Oberst. 'Heute muss ich den Soldaten dafür danken, dass sie überhaupt gekommen sind, und ihnen einen angenehmen Aufenthalt wünschen.'"

Na, so schlimm wird's schon nicht kommen. Daß aber der spanischen Obristenkaste, die, wie weiland ihre Vorgänger in der faschistischen Armee Francos, mit lautstarken Bekenntnissen zu Vaterland, König, Stolz und Ehre auf den Lippen ihre Rekruten solange durch Schlamm, Matsch und Gelände kommandierte, bis diese nicht mehr konnten, daß diesen Herren nun qua (arbeits-)marktwirtschaftlicher Mechanismen ein Mindestmaß an zivilem Benimm abverlangt wird - das ist doch schon halbwegs den Kampf wert gewesen.

Glückwunsch, MOC!
 
 

Schlittenfahren mit dem Hackl Schorsch

Sollte die Bundeswehr einmal in dieselbe Situation kommen, dann nützt auch ihr die Absenkung der IQ-Mindestanforderungen sicherlich wenig. Beweis: der Hackl Schorsch. Besser bekannt als Hauptfeldwebel Georg Hackl, Sportsoldat, Rodler und bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City einmal mehr Aspirant auf das ein oder andere Edelmetall. Die Wochenzeitung "bundeswehr aktuell" rückte jüngst den Hackl Schorsch ins rechte Bild, denn erfolgreiche Sportsoldaten sind gut fürs Image, und da ist der rodelnde Gebirgsjäger aus Bayern eine sichere Bank. (Wir erinnern uns: Bei der Olympiade vor eineinhalb Jahren in Sydney ging aus Militärsicht fast alles schief - boxende Bundeswehrsoldaten wurden von Rumänen (!) und Kubanern (!) grün und blau geprügelt, und die Feuerwaffen-Schützen (!) mußten zum ersten Mal seit Menschengedenken ohne Medaille nach Hause fahren.) So porträtierte man denn den Schorsch als "echten" Soldaten, der zunächst einmal bekannte: "Ich bin überzeugter Angehöriger der Bundeswehr, ich weiß, wofür sie steht und identifiziere mich mit ihrem Auftrag". Leider blieb dann aber die Frage danach, wie dieser Auftrag konkret aussieht, aus; eine Frage, über die vor knapper Jahresfrist immerhin sogar der damals oberste Soldat, Generalinspekteur Harald Kujat ins Stolpern kam, als er dunkel raunend anmerkte, daß die Bundesregierung  einen "breit gefächerten sicherheitspolitischen Ansatz" verfolge, der "leider noch nicht jedem Betrachter ersichtlich" sei und damit wohl vor allem sich selber meinte. Solche Zweifel und Ungewißheiten fechten einen Hackl Schorsch naturgemäß nicht an, denn der weiß, was Sache ist:

"'Ich würde auch die Aufgaben eines Kompaniefeldwebels packen', ist sich der Berufssoldat sicher. Eine für den Lokalpatrioten durchaus reizvolle Aufgabe, vor allem in seiner Truppengattung, den Gebirgsjägern: 'Ich bin stolz auf die Gebirgsjäger; sie gehören einfach zu der Landschaft, in der ich lebe.'"

Jaja, Hackl Schorsch, die Gebirgsjäger gehören zur bayerischen Alpenlandschaft! So wie die Landminen zu den tropischen Hochebenen Angolas und die pilzförmigen Explosionswolken der us-amerikanischen daisy-cutter zu den schroffen Felsmassiven um Tora Bora.
 

Mittwoch, den 13. Juni 2001

Alter Wein und junges Gemüse

Warum werden Menschen Offizier in der Bundeswehr? Fragen wir sie doch mal selbst. Zum Beispiel die 20jährige Katharina S., die sich kürzlich als Soldat auf Zeit für 12 Jahre beworben hat und frech kontert: "Warum denn nicht? Ich bin jung, gesund, habe mich vier Tage lang in der OPZ mit Psychologen, Computern und kalten Duschen herumgeplagt...und bestanden!" Kalt duschen gehört bei der Bundeswehr zu den Prüfungsanforderungen? Und fördert auch noch den inneren Trieb, Offizier werden zu wollen? Nein, natürlich hat Katharina S. ganz rationale Gründe für ihren Berufswunsch und die sehen so aus: "(Ich) sehe ... die Bundeswehr als zukunftsorientierten Arbeitgeber, der mir zwar überdurchschnittlichen Einsatz abverlangen und häufig an die Grenzen meiner Belastbarkeit heranführen wird, im Gegenzug aber auch ein äußerst abwechslungsreiches Betätigungsfeld anbietet." Da gewinnt die Öffnung der Bundeswehr für Frauen doch noch einen gewissen Charme. Denn Stiefelleckerinnen wie Katharina S. können jetzt endlich dorthin, wo sie zweifellos hingehören.

Wo das junge Gemüse so nett sich einzuschmeicheln weiß, ist der altgediente Haudegen nicht weit, der wohlerzogen um es herumscharwenzelt. Seinen Leserbrief leitet ein Generalmajor Klaus K. so ein: "Liebe Katharina, mit 35 Jahren Dienst in der Luftwaffe und einem immer noch geraden Rücken wage ich Sie so anzureden." Tja, das ist echte, alte Fliegergrandezza: 35 Jahre Dienst und noch immer ein Kreuz gerade wie eine Latte! Und dann legt der Herr Generalmajor los und exemplifiziert seine Gründe, Offizier geworden zu sein, in einer Art und Weise, daß es eine Pracht ist. Soviel vaterländisches Empfinden, soviel soldatische Erfüllung, soviel mutiges Fliegerherz und soviel lange und in den tiefsten und dunklen Eingeweiden gereifte Innerlichkeit war selten. Deshalb möchten wir dieses Stück uns wirklich erschütternder Prosa etwas länger zitieren:

"Ein Grund, den Sie nicht erwähnt haben, war damals für mich schon von gewisser Bedeutung und ist im Laufe der Jahre zur dominierenden Größe meiner beruflichen Orientierung geworden. Ich spreche vom Dienst für dieses Land und seine Menschen, von der aus tiefem Herzen gespeisten Überzeugung, mein berufliches Leben in den Dienst einer überaus wertvollen Sache gestellt zu haben. Sie glauben gar nicht, liebe Katharina, wie hilfreich diese Empfindungen im Hinblick auf wirkliche Berufszufriedenheit und damit Lebenserfüllung sein können. (...)  Ich gebe zu, dass diese Gedanken und Empfindungen erst über die Jahre gewachsen sind. Aber am Anfang war davon schon etwas, wenn auch noch konturlos und rudimentär, vorhanden. Ich möchte dies mit der Entwicklung eines edlen Weines vergleichen, der nur dann über die Jahre seine volle Veredlung und Reife erfährt, wenn zu Beginn der Most mit der erforderlichen Qualität in den Keller gelangt. So sollte auch der Gedanke des Dienen-Wollens am Anfang des Weges in die Kaserne stehen."

Ein Schmock zwischen Curt Jürgens im fröhlichen Weinberg und Rosamunde Pilcher. Wenn denn aber ein qualitätvoller Most für den Gedanken des Dienen-Wollens steht, dann dürfen wir angesichts dessen, was bei Katharina S. an begeistertem Willen zur Subalternität dumpf drängt und pocht (zwar noch konturlos und rudimentär, aber doch vorhanden), ja, dann dürfen wir nach Gärung und langer Reifung unter der Aufsicht von Kellermeister Scharping etwas erwarten, was mit Sicherheit verdient hat, als ein Grand Cru de la Côte d'Hardthöhe klassifiziert zu werden.
 

Mittwoch, den 30. Mai 2001

Neues aus den besetzten Gebieten

Ein paar Bundeswehrmeldungen aus dem Wonnemonat. 2. Mai: Neue Ausschreitungen in der mazedonischen Stadt Bitola - 21. Mai: Rebellen stimmen eigener Entwaffnung zu - 22. Mai: Auch abtrünnige Albanerrebellen in Südserbien legen Waffen nieder - 22. Mai: Kämpfe zwischen mazedonischen Truppen und Rebellen dauern an - 28. Mai: Mazedonische Truppen setzen Angriffe gegen Albanerrebellen fort. Was für ein Hin und Her! Welch ein Krieg und Frieden! Damit angesichts dieses Durcheinanders der deutsche Landser nicht im falschen Moment auf den richtigen Gegner schießt (oder im richtigen auf den falschen) läuft die Motivationsarbeit der Bundeswehrführung auf Hochtouren. Und so konnte Scharping Ende April beim Besuch in Mazedonien dem Kontingent eine Überraschung mitbringen: Der "Auslandsverwendungszuschlag" für die deutschen Soldaten in Mazedonien wird von 130 DM pro Tag auf 180 DM erhöht. Das Ministerium begründete dies mit einer angeblich "veränderten Risikosituation" in Mazedonien. Das ist naturgemäß dreist gelogen, denn wenige Wochen später, am 22. Mai,  meldete die Bundeswehr dies:

"Seit Beginn des NATO-Einsatzes auf dem Balkan 1995 sind 24 Bundeswehrsoldaten [bei SFOR und KFOR] ums Leben gekommen, keiner jedoch durch Kampfhandlungen. Diese Zahl nannte das Bundesverteidigungsministerium am Montag. (...) Verkehrsunfälle und natürliche Todesursachen waren die häufigsten Gründe für den Tod von Soldaten im Einsatzland."

Verkehrsunfälle? Klingt logisch, denn welche Polizei sollte auch die zu schnell und zu besoffen Jeep fahrenden Soldaten aufhalten und zur Räson bringen? Der Hinweis auf "natürliche Todesursachen" hingegen darf gewisse Zweifel wecken. Was könnte damit gemeint sein? Etwa die etliche Monate alte Geschichte, als sich aus der Kanone stehenden Panzerfahrzeuges ein Schuß "versehentlich" löste und daraufhin im davor parkenden Bundeswehrgefährt Tote und Verletzte zu beklagen waren? Oder gilt sowas eher als "Verkehrsunfall"? Oder verbirgt das Ministerium hinter dem Begriff doch ein paar Uranverstrahlungen und Radarschädigungen? Oder führten schlicht ein paar Liegestütze zu wenig während der Vorbereitung auf den Einsatz dann unter der heißen Balkansonne zu dem ein oder anderen uniformierten Herzkasper? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, daß alle Todesfälle nichts mit den Kampfhandlungen zu tun hatten. Warum spricht aber dann Scharping von einer "veränderten Risikosituation"? Das einzige Risiko für einen Soldaten, in der Bundeswehr den Tod zu finden, liegt doch in der eigenen Tölpelhaftigkeit und in der seiner Kameraden! Die Bundeswehr selbst ist Ursache des Risikos, nicht irgendeine veränderte Situation in Mazedonien. Vermutlich wird es nur immer schwieriger, Freiwillige für den Balkan zu finden und zu motivieren. Da müssen eben die Prämien erhöht werden.
 

Karneval in Kiel?

Achtung, noch ein wichtiger Hinweis für alle Kielerinnen und Kieler! Wenn demnächst bunt kostümierte Frauengruppen angetrunken und lauthals Lieder gröllend durch die Straßen Eurer Vergnügungsviertel ziehen, dann sind das keine Rheinländerinnen, die Euch  zur Unzeit ihr heimisches Brauchtum antun wollen. Nein, es besteht keine Gefahr, daß frau Euch Weiberfastnacht und Kiel Helau aufzwingen wird. Die Erklärung ist ganz einfach. Denn Scharping hat im April  verfügt: "Weibliche Mannschaftsdienstgrade werden künftig - wie ihre Kameraden auch - mit dem Matrosenanzug ausgestattet." Ist das nicht allerliebst? Wir schließen ihn immer mehr ins Herz, den weiblichen Teil der Bundeswehr!
 
 

Mittwoch, 21. Februar 2001

Sex in der Bundeswehr

gab es bisher ja eigentlich gar nicht. Die alte "starke Truppe" bestand fast ausschließlich aus Männern und war homophob. Das Thema wurde allenfalls genutzt, um mal einen mißliebigen General loszuwerden, ansonsten hielt man es aber unter der Decke. Seit der Umstrukturierung der Bundeswehr ist alles anders. Vor zwei Monaten gab der Generalinspekteur der Bundeswehr eine "Führungshilfe für Vorgesetzte" zum "Umgang mit Sexualität" heraus, in der es einleitend heißt: "Vor dem Hintergrund der weiteren Öffnung der Streitkräfte für Frauen, der Änderung der bisherigen Haltung der Bundeswehr gegenüber Soldatinnen und Soldaten mit gleichgeschlechtlicher Orientierung und den Problemen der Soldatinnen und Soldaten im Einsatz mit dem Thema 'Umgang mit Sexualität' soll diese Führungshilfe zum Abbau von Verhaltensunsicherheiten beitragen."  Probleme im Einsatz - klar,  Ende 2000 war bekannt geworden, daß deutsche KFOR-Soldaten auch schonmal ein Bordell in Mazedonien besucht hatten, eines, in dem auch Minderjährige zur Prostitution gezwungen wurden. Zu dem Thema schweigt sich aber auch die "Führungshilfe" aus. Überraschend ist allerdings schon, daß der oberste Soldat zugibt, die Bundeswehr als ganzes habe in der Vergangenheit eine ablehnende Einstellung zur Homosexualität gehabt. Schade nur, daß die "Führungshilfe" die "bisherige Haltung" der Streitkräfte zu Schwulen und Lesben nicht näher exemplifiziert.

Wie auch immer. Nun dekretiert die Armeespitze: "Der Soldat darf den kameradschaftlichen Zusammenhalt nicht durch Neid, Eifersucht oder demonstrative Ablehnung einer bestimmten sexuellen Orientierung stören. Einem derartigen Verhalten und einer Ausgrenzung Einzelner ist im Kameradenkreis energisch entgegenzuwirken" (Herv. im Original). Da warten wir mal ab, wer denn dem neuen katholischen Militärbischof für die Bundeswehr, Walter Mixa, energisch entgegentritt. Der hatte mit kritischem Blick auf die "Führungshilfe" zuletzt im Zentrum Innere Führung in Koblenz erklärt, daß aus Sicht der katholischen Kirche eine "Gleichwertigkeit von Hetero- und Homosexualität anthropologisch und ethisch keinesfalls akzeptiert werden" könne. Wenn das keine kameradschaftsstörende "demonstrative Ablehnung einer bestimmten sexuellen Orientierung" ist! Doch der Bischof  hat  den Text des Generalinspekteurs genau gelesen. Denn unter dem Punkt "Durchsetzung" schränkt man, zukünftige Konflikte vorausahnend, ein: "Dort, wo die Erziehung zur Toleranz im Einzellfall wegen besonders tiefgehender Ablehnung an ihre Grenzen stößt, ist der Vorgesetzte aufgefordert, die Situation im Sinne der Einsatzbereitschaft, z.B. durch Veränderungen der Personalzusammensetzung zu lösen." Daß bei einem katholischen Bischof der Versuch einer Erziehung zur Toleranz scheitern muß, dürfte klar sein, und versetzen kann man ihn schließlich nicht. Der Satz bedeutet aber auch: Wird von Seiten der Kameraden nur lange genug gemobbt und gehetzt, dann sorgen die Vorgesetzten schon dafür, daß die betroffene Person, der Schwule oder die Lesbe aus der Einheit entfernt wird.  Also wohl doch alles nur wie früher zu Zeiten eines Generals Kießling?
 

Mittwoch, 24. Januar 2001

Schnellfliegende Castoren

Am 18. Januar berichtete das ARD-Fernsehmagazin Monitor, daß laut eines Untersuchungsberichtes des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums von Anfang 2000 Spuren von Plutonium in Uranmunition gefunden worden sind. Das Bundesverteidigungsministerium konterte gleich mit dem Hinweis, dies sei auch nicht verwunderlich, denn jeder könne im Internet Angaben über die chemische Zusammensetzung der Uranmunition nachlesen. Vielleicht stimmt das. Aber weder diese Erklärung des Ministeriums noch der Bericht der US-Behörde erklären, wie genau das Plutonium in die Munition kommt.  Aufschlußreicher war da schon das Ergebnis eines Schweizer Wissenschaftlers, der das Isotop Uran-236 in Munitionsrückständen aus dem Kosovo nachweisen konnte. Uran-236 kommt in unserer Ecke des Universums nicht vor, jedenfalls nicht in der Natur. Es entsteht ausschließlich in Atomreaktoren.  Das heißt aber: Die Urangeschosse bestehen nicht aus Abfall, der entsteht, wenn das produziert wird, was in die Atomkraftwerke reingeht, sondern aus dem Zeug, was aus den Atomkraftwerken völlig verstrahlt rauskommt und das man irgendwie und irgendwo loswerden muß. Wir dachten bisher immer, irgendwie heiße: per Castortransport, und irgendwo: in einem noch nicht vorhandenen Endlager, fürs erste in Gorleben. Die NATO-Militärs machen das jetzt eleganter und mit viel weniger Polizisten: Im Kosovo und gegen Jugoslawien sind 1999 etwa 31.000 Schuß Uranmunition mit Kaliber 30 mm von A-10-Flugzeugen abgefeuert worden. Das waren insgesamt etwa 8,5 Tonnen. Im Krieg gegen den Irak 1991 haben US-amerikanische und britsche Kampfflugzeuge etwa 850.000 derartiger Projektile abgeschossen. Darüber hinaus setzte es für Saddams Truppen noch 9.000 bis 10.000 Schuß Uranmunition aus Kampfpanzern mit 100 bis 120 mm Kaliber. Nach  "Desert Storm" bedeckten schätzungsweise 290 Tonnen Munitionsüberbleibsel aus Uran (und, wie anzunehmen ist, aus Plutonium, Americanum und dem ganzen restlichen Dreck) die Schlachtfelder in Kuwait, Saudi-Arabien und Süd-Irak. Von den über 650 Panzern (etwa ein Drittel der in toto 2.054 amerikanischen tanks im Krieg), deren Armierung zum Teil aus "abgereichertem Uran" bestand, war damit noch überhaupt nicht die Rede (wir wissen nicht, wieviel Uran in so einem Abrams-Panzer steckt, wieviele Fahrzeuge davon zerstört wurden). -  Im großen und ganzen  entspricht das aber alles mit Sicherheit den politischen Vorgaben der rot-grünen Bundesregierung hinsichtlich einer notwendigerweise dezentralen Endlagerung des ansonsten schwer unterzubringenden Atommülls.

Apropos Endlagerung: Bei etwa 30 US-Golfkriegsveteranen stecken Reste der Uranmunition im Hintern (oder in der Nähe davon). Sie wurden Opfer von sogenannten "friendly fire incidents". Und hatten auch noch das Pech, inoperable Splitterverletzungen davon getragen zu haben. Dem konnte der Führungsstab der Bundeswehr in einer Truppeninformation zum Thema (vom 5.1.2001) immerhin auch Gutes abgewinnen: "Bis heute konnten bei den Betroffenen keine Anzeichen von Nierenschädigungen oder Strahlenschäden festgestellt werden." Na super! Damit wäre der Salzstock Soldatenarsch  hinsichtlich seiner Geeignetheit für zumindest mittelfristiges Unterbringen von Atommüll doch mit erfreulichstem Resultat exploriert!

Und: Scharping, der zuletzt beim Einsatztruppenbesuch fleißig mit dem Zeug hantierte, kündigte an, Uranmunitionsreste aus dem Kosovo mit zurück nach Berlin bringen zu wollen, zum Angucken in den Bundestag womöglich. Entsorgungstechnisch auch nicht die schlechteste Variante!
 

Der schönste Mann der Bundeswehr

heißt Sascha Specketer und kommt aus Hammbergen-Axstedt. Gefreiter Specketer vom Panzergrenadierbataillon 323 in Schwanewede ist amtierender "Mister Niedersachsen" und durfte daher bei der Wahl zum "Mister Gemany 2001" in Berlin starten. Ein Foto in der "Bundeswehr aktuell" zeigt den Gefreiten mit einem langen Ledermantel bekleidet, vorne geöffnet den Blick auf den durchtrainierten Waschbrettbauch und die - rasierte ?- Soldatenbrust freigebend. Die linke Hand locker-lässig am Hosenbund, lächelt "Mister Niedersachsen" lasziv und fast schon ein bißchen dösig wirkend mit leicht nach links geneigtem Haupt in die Ferne. Ein Bild wie zu Zeiten der "Village People". Doch die Ledernummer brachte nichts! Der 20jährige wurde nicht "Mister Germany 2001"; er kam noch nicht einmal unter die "fünf (!) Erstplatzierten" . Bei der Wahl zum "Mister Niedersachsen" im vergangenen Oktober hatten ihn die Kameraden in Schwanewede bei der Online-Abstimmung via Internet kräftig unterstützt. Beim Bundesfinale reichte das nicht mehr. Das hat die Bundeswehr eben davon, wenn sie immer kleiner wird und die Standorte ausdünnt. Nicht einmal zum "Mister Germany" langt es noch.

Schon gar nicht zu einer "Miss Germany". Denn der Bundeswehr fehlen weibliche Freiwillige. Deshalb schaltet sie im Januar und Februar unter der Überschrift "Verstärkung gesucht" bundesweit Anzeigen, um Frauen zu werben. Darauf blickt uns zwar kein älterer Herr namens "Uncle Sam" an, wohl aber eine freundlich lächelnde anonyme junge Dame, die es - vielleicht - zum Titel einer "Miss Deutsches KFOR-Kontingent" bringen könnte. In diesen Wochen ist die Werbeannonce in "diversen, vor allem jungen Frauenzeitschriften sowie in anderen jugendorientierten Titeln zu sehen". Dann zählen die Militärwerber die verschiedenen Blätter auf: Joy, Allegra, Brigitte, das Jugendmagazin der Süddeutschen, Brigitte Young Miss, Für Sie, Freundin - ist ja alles nachvollziehbar, schließlich jedoch: TV Spielfilm. Hmm. Hält man TV Spielfilm im Verteidigungsministerium für eine Jugendzeitschrift? Gar für ein Frauenblatt? Da hat die Bundeswehr wohl noch viel im Umgang mit dem "anderen Geschlecht" zu lernen. Außerdem fällt auf: die "Emma" fehlt in der Liste. Ist den Rekrutierern wahrscheinlich nicht jugendlich genug. Lesen nur alte Tanten. Aber ein kleines Dankeschön an das Blatt von A. Schwarzer angesichts ihres jahrelangen Engagements für "Frauen in die Bundeswehr" in Form einer kleinen Anzeige wäre doch angebracht gewesen, oder? Nur Undank in der Welt!
 
 

Mittwoch, 27. Dezember 2000

Bundeswehr im Bordell

Am 17. Dezember erhob die ARD-Fernsehsendung "Weltspiegel" Vorwürfe gegen das 3. KFOR-Kontingent der Bundeswehr: Hunderte deutscher Soldaten hätten bis zu ihrer Ablösung im Juni 2000 in Mazedonien Bordelle mit Minderjährigen und Zwangsprostituierten besucht. Noch am selben Tag reagierte das Verteidigungsministerium in Berlin und gab folgende Stellungnahme ab: "Die Behauptung, dass deutsche Soldaten im Zeitraum November 1999 bis Sommer 2000 Bordelle im Raum Tetovo – in denen auch minderjährige und versklavte Frauen tätig sein sollen – besucht haben sollen, wird nicht bestätigt. Dies gilt auch für andere Einsatzräume deutscher Truppen in Bosnien-Herzegowina. Die Problematik der Prostitution in Staaten des Balkans ist der Bundeswehr durchaus bewusst. Daher werden vorsorgliche Maßnahmen getroffen. Beispielsweise dürfen Soldaten des Deutschen Heereskontingentes in Tetovo nur in Gruppen, mindestens drei Soldaten, dabei ein Dienstgrad Unteroffizier o.P. (ohne Portepee) oder höher, auf Antrag bis spätestens 23.00 Uhr ausgehen." Nicht weil deutsche Soldaten gerne in den Puff gehen, trifft die Bundeswehr "vorsorgliche Maßnahmen", sondern weil dem Ministerium die Problematik der Prostitution in den Balkanstaaten "bewußt" ist. Was immer das heißen soll: schuld ist jedenfalls der Balkan, nicht der deutsche Landser. Beeindruckend auch die "vorsorglichen Maßnahmen", die da greifen sollen. Nur in der Dreier-Gruppe darf der deutsche KFOR-Mann noch auf die Piste! Oha, da wird Tetovos Zuhälterszene aber Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Und nie ohne mindestens Unteroffizier ohne Portpee (was bedeutet, daß der Mann keine Quaste am Degen hat). Und Ausgang nur bis 23.00 Uhr! - damit dürfte man der Zwangsprostitution von Minderjährigen den tödlichen Schlag versetzt haben.

Nach dieser doch eher schwachsinnigen Erklärung, schob am 19. Dezember Verteidigungsminister Scharping einige Sätze nach und versprach laut "Leipziger Volkszeitung" eine "schnelle und sorgfältige Aufklärung". Und: "Für den Fall, dass die Vorwürfe zutreffen sollten, wird es sofortige disziplinarische Konsequenzen geben." Außerdem seien die Vorwürfe schon ein paar Tage vor der Sendung - also vor dem 17.12. - dem Ministerium bekannt gewesen. Daran wiederum ist interessant, wie ein paar Tage später, nämlich am 18.12., die wöchentlich erscheinende Truppenzeitung "Bundeswehr aktuell" reagierte. Die verlor zwar erwartungsgemäß kein Wort über die deutschen Puffbesuche in Mazedonien, brachte aber auf Seite 6 eine Geschichte über

Schwedische Marine im Bordell

Und zwar in einem deutschen! Kein schlechtes Timing. Ganz Schweden sei empört, weil Marineoffiziere im Sommer nach einem Manöver Massenbesuche in einem Kieler Eros-Center organisiert hatten. Wer wohl das Bordell im deutschen Marinestützpunkt Kiel besucht, wenn die könglich-schwedische Flotte gerade keine Übung in der Nähe abhält ? - danach fragt das Bundeswehrblatt nicht. Aber danach, wie die skandinavische Affäre von den Beteiligten gesehen wurde. Ein Wehrpflichtiger: "Es ist eine Tradition, dass man beim Hafenbesuch in Kiel ins Eros-Center geht. Wir wurden natürlich neugierig , als uns das die Offiziere gesagt haben." Von wegen Tradition - der alte Schwede! - jedenfalls nicht in der deutschen Bundesmarine. Eine weibliche (!) Wehrpflichtige fand den Puffbesuch ziemlich scheiße: "Ich war stinksauer, dass sie auch mich mit ins Eros-Center schleppen wollten." Tja, so isses halt: mit zur Armee gegangen, im Freudenhaus mit abgehangen. Tief ins Innere einer mehr oder weniger zivilisierten Soldateska lassen schließlich die Worte des verantwortlichen Befehlshabers, Kapitän zur See Jörgen Ericsson, blicken. Der bemerkte in seinem Abschlußbericht zur Angelegenheit lapidar: "Die Besatzungen haben positiv auf das Erlebte reagiert. Ihr Auftreten hat im Großen, Ganzen ihnen selbst, ihrem Militärverband und Schweden zur Ehre gereicht." Alles fürs Vaterland und Ihre königlichen Majestät - 007 übernehmen Sie!

Tagesbefehl: verzugslose Integration

Frauen in der Armee - dieses Thema ist in der Öffentlichkeit positiv besetzt. Das weiß die Bundeswehr, weshalb sie am 2. Januar 2001 das erstmalige Einrücken von 244 Soldatinnen in Mannschafts- und Unteroffizierslaufbahnen medial dick in Szene setzen möchte. Der Journaille bietet deshalb die Presseabteilung gleich an neun Standorten sogenannte "Medientage" am kommenden Dienstag an, um die Kunde von der vollständigen und "verzugslosen Integration der Frauen" ins Militär bundesweit zu verbreiten. Weitere "Medientage" sollen im Verlauf der Grundausbildung der 244 weiblichen Rekruten folgen: anläßlich der ersten Schießausbildung, während des Biwaks und wenn die Damen schließlich ihren Eid ablegen. Heer, Marine und Luftwaffe tun das getrennt. Das macht insgesamt mindestens 18 "Medientage". Oder etwa ein "Medientag" pro 14 Soldatinnen. Wir haben keine Ahnung, wieviel JournalistInnen in der Regel bei einem solchen Termin der Bundeswehr erscheinen. Aber wenn man berücksichtigt, daß Fernsehteams gewöhnlich aus drei Personen bestehen und Printmedienvertreter meistens zu zweit aufkreuzen, dann mag ein Dutzend Medienvertreter pro Termin nicht zu hoch gegriffen sein. Das heißt: Pro einrückender Soldatin dürfte die Bundeswehr wenigstens einen Zeitungs- oder Rundfunkmenschen mobilisieren. Das darf man eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit nennen! Und sage noch jemand, Frauen seien bei der Bundeswehr aus einem anderen Grund als dem ihrer gesellschaftlichen Emanzipation.

Nebenbei: Wir finden, daß noch mehr Medientage angesetzt werden sollten, da das ganze Leben bei der Bundeswehr doch vielfältiger ist als Schießen, Biwak und Gelöbnis. Unsere Vorschläge: 1. Die Soldatinnen fahren zum ersten Mal am Wochenende nach Hause und kotzen den Zug voll. 2. Medientag in Mazedonien (ganz aktuell): der erste Bordellbesuch. 3. Medientag am 20. April: Jungsoldatinnen feiern erstmals lautstark Führers Geburtstag.
 
 

Mittwoch, 13. Dezember 2000:

Das Aufstreben der drei Teilstreitkräfte

Wir haben nicht nur über Kommißköppe zu berichten. Denn in der Bundeswehr gibt es nicht ausschließlich die Draufgänger und Ungeistigen, jene Personen, die - berufsbedingt - eher zum Groben neigen. Nein, auch feinsinnige und sensible Menschen sind beim deutschen Militär zu finden. Einer davon ist der Minister selbst. Der sagte einen für Montag geplanten Adventsbesuch bei den Bundeswehrsoldaten der S- und KFOR ab. Begründung: Schlechtes Wetter. Wahrscheinlich hat der Mann neben Problemen mit seinem Gleichgewichtsorgan auch einen sensiblen Magen. Als feingeistig darf man aber mit Sicherheit jene Soldaten bezeichnen, die jetzt am Bundeswehrwettbewerb "Wir streben nach oben. Mensch - Natur - Technik" teilgenommen haben. Die zweite Hälfte der Themenstellung klingt nach Expo, es geht aber nicht um eine Welt-, sondern um eine - ja, wirklich! - Kunstausstellung. 68 Künstler aus der Bundeswehr präsentieren zur Zeit ihre Werke auf der Bonner Hardthöhe. Warum nun allerdings die ästhetisch ambitionierten Armeeangehörigen nach oben streben, bleibt im Dunkeln. Vielleicht hält man ein Streben, sofern nicht nach unten gerichtet, prinzipiell für gut, und wollte gleichzeitig eine politisch zu mißdeutende horizontale Bewegungsrichtung vermeiden (etwa: "Bundeswehr - wir streben nach Osten"). So blieb nur noch die Himmelsorientierung. "Kunst ist inzwischen zum Allgemeingut in der Bundeswehr geworden", begeistert sich der Chef des Streitkräfteamtes, Generalmajor Winfried Dunkel, und schwärmt frei nach Joseph Beuys davon, daß jeder Soldat doch letztlich ein Künstler sei. Nein, ganz so weit geht der Herr Generalmajor dann doch nicht, sondern Kunst sei in der Bundeswehr Allgemeingut, weil es "Ausstellungen in Kasernen" und "Kunst am Bau" gebe. (Kunst an der Kaserne ?! Hat das schon einmal jemand gesehen? Schickt bitte Fotos!) "Die hier ... ausgestellten Künstler mit ihren Werken bringen Glanz in die Hütte, sie sind sozusagen unsere Leuchttürme." Wo allerdings Leuchttürme, die für den Glanz in der Hütte sorgen, Allgemeingut sind, sollte gerade ein Herr Dunkel nochmal darüber nachdenken, was er eigentlich sagen will. Die Bilder, die den Wettbewerb gewonnen haben, tragen Titel wie "Gipfelstürmer" ("Bei diesem Wettbewerbsthema war es mir", so die Malerin, "wichtig, ein luftiges und leichtes Bild zu schaffen...") oder - ein kubistisches Werk - "Das Aufstreben der drei Teilstreitkräfte" ("...(die Farben) habe ich entsprechend der Farben der drei Teilstreitkräfte symbolisch eingesetzt. So dominieren auch die Farben grün, gelb und blau."). Letzteres ein schöner Titel; erinnert irgendwie an die Zeit vor 89 - und tatsächlich: der Maler und Drittplatzierte ist Sachse. So findet sich auch ästhetisch die Armee der Einheit zusammen.
 
 

Mittwoch, 29. November 2000

KFOR im Bordell

Was macht eigentlich die KFOR im Kosovo so? Man hört von ihr ja gar nichts mehr. Schauen wir also in die "aktuellen KFOR-Meldungen" des Monats November. Dann wird vor allem deutlich, was die Truppe nicht tut. Nämlich mit militärischen Mitteln für Frieden sorgen. So kam es Anfang November in der Ortschaft Dosevac zum Mord an vier Männern, die der Ashkali-Minderheit (das sind assimilierte Roma) angehörten und die kurz zuvor in ihr Heimatdorf zurückgekehrt waren. Offensichtlich sollte das Dorf "Roma-frei" bleiben (oder werden). Die KFOR tat in diesem Fall nichts; in ihrer Meldung erwähnt sie noch nicht einmal mögliche Täter, lediglich von "Unbekannten" ist die Rede. Nichts tat die KFOR auch hinsichtlich der sich im südserbischen Pesovo-Tal verschärfenden Lage. Dort sickerten vom Kosovo aus bewaffnete albanische Milizen ein und lieferten sich im November Feuergefechte mit regulären serbischen Polizeieinheiten. Laut UN-Angaben flohen in den letzten Tagen bereits 2000 Menschen aus dieser Region. Der jugoslawische Präsident Kostunica kritisierte nicht zu unrecht, daß die Friedenstruppe ihrer Aufgabe, militanten Kosovo-Albanern Einhalt zu gebieten, nicht ordnungsgemäß nachgekommen sei.

Aber irgendwas müssen die "Friedenssoldaten" doch tun? Zweifellos. Am 15. November - ein positives Beispiel! - titelte die Bundeswehr: "KFOR-Soldaten beenden Häftlingsrevolte in Pristina". Und weiter hieß es in der Meldung: "Britische Soldaten der KFOR-Friedenstruppe haben in Pristina eine Häftlingsrevolte beendet. Wie die UN-Polizei am Mittwoch ...mitteilte, hätten die Gefängnisinsassen am Dienstagabend einen Polizisten angegeriffen und verletzt. Außerdem seien Einrichtungen der Haftanstalt beschädigt worden." Das also macht die KFOR! Sie kümmert sich um Delikte wie Häflingsrevolte, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Oder (19. November) auch das: "KFOR zerschlägt Prostitutions- und Menschenhändlerring". Wie? "Soldaten der KFOR-Friedenstruppe und UNMIK-Polizisten haben in der Ortschaft Kosovo Polje einen albanisch-serbischen Prostitutions- und Mädchenhändlerring zerschlagen. Wie die KFOR am Montag in Pristina mitteilte, überprüften multinationale Kräfte 17 Bordelle in der unmittelbaren Umgebung der Provinzhauptstadt Pristina. Dabei wurden mehrere Männer festgenommen und Drogen sichergestellt. Die Ermittler gehen davon aus, daß in dem kriminellen Umfeld Kosovo-Serben und Kosovo-Albaner eng zusammengearbeitet haben." Hmm. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht ausmalen, wie es zugeht, wenn "multinationale Kräfte" in 17 multikulti geleiteten Bordellen die Guten-Abend-ich-komme-von-der-internationalen-Puffprüfungskommission-Nummer abziehen. Auch soll nicht darüber spekuliert sein, ob von Drogen, die sich in den Händen von KFOR-Soldaten befinden, in jedem Fall als von "sichergestellten" gesprochen werden kann. Fest steht jedoch: 1. Dort, wo Serben und Albaner miteinander noch arbeiten, schlägt die KFOR zu. 2. Da sie ihre eigentliche Aufgaben im Kosovo, zu denen es u. a. gehört, albanische Einheiten zu entwaffnen, nicht erfüllen kann, sucht sich die KFOR Ziele aus, die sie, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Spaß bei der Sache, umsetzen kann. Das sind dann in der Regel die klassischen Polizeiaufgaben.
 
 

Mittwoch, 1. November 2000

Kein Gin Fizz an der Reling!

Wer sich heutzutage so alles bei der Bundeswehr bewirbt! Fregattenkapitän Lutz Oberhaus, der das Zentrum für Nachwuchsgewinnung der Marine in Wilhelmshaven befehligt, kann ein Lied davon singen. Zuletzt rückten 18 Neulinge zur Prüfung an. Was dann geschah, beschrieb die Wochenzeitschrift "Bundeswehr aktuell" so: "14 bestanden den mehrtägigen Eignungstest, vier mussten - teilweise unter Tränen - den Heimweg antreten." Heulsusen bei der Marine? Matrosen, die zu nahe am Wasser gebaut haben?

Nein, es waren keine Möchtegernmatrosen, die da rumgreinten. Denn das wäre unsoldatisch und unmännlich! Sondern es handelte sich um junge Frauen, die sich in Wilhelmshaven zum ersten Mal für den Dienst in der Marine beworben hatten und die den Fregattenkapitän mit der neuen Erfahrung weinender Bewerbungsversager konfrontierten. Denn seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes von Anfang des Jahres, das Frauen den Weg in die Bundeswehr ebnete, gibt es nicht wenige Neuerungen bei der Bundeswehr.

Über eine Änderung baulicher Art beim "Jägerbataillon 1 'Berlin'" berichtete der Artikel in der "Bundeswehr aktuell": "Auch die Toiletten sind 'frauengerecht' eingerichtet - ohne Pinkelbecken". Wo früher ein Urinal hing, lugt nun funktionslos ein Abflußrohr hervor. So einfach ist es beim Militär, architektonische Gerechtigkeit für Frauen herzustellen.

Die Marine-Anwärterinnen, die am 2. Januar 2001 einrücken werden, hatten am Jadebusen auch Gelegenheit, sich ein Kriegsschiff genauer anzuschauen, "...ein durchaus notwendiger Teil des Eignungstestes, wie ein Offizier trocken bemerkte: 'Eine Fregatte ist kein Traumschiff, und Gin Fizz an der Reling gibt es nicht', warnte er vor falschen Vorstellungen." Potz tausend! Kein Traumschiff! Kein Gin Fizz an der Reling! Mußte wirklich mal trocken gesagt werden. Denn wer weiß schon, was diesen Dings ...diesen, ..äh..., diesen Frauen so im Kopf herumschwabbert....

Aus Imagegründen hofft die Armee auch auf Mütter in Uniform. Nur die haben noch Haushalt, Mann und Kinder am Bein - jedenfalls in jenen Kreisen, aus denen sich die 'starke Truppe' ihr weibliches Kanonenfutter wohl zu rekrutieren gedenkt. Weshalb kürzlich eine Bundestagsabgeordnete die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung bei der Bundeswehr flugs forderte. Wir dürfen gespannt sein, ob Frau Schwarzer dem Motto was abgewinnen kann: Küche, Kinder und Kanonen. Die Teilzeitarbeit im Kriegsfall dürfte allemal für lustigen Humor in Uniform sorgen: Sturmangriff? Jetzt? Keine Zeit, Herr Leutnant, ich habe seit vier Minuten Feierabend und außerdem muß ich meinem Mann das Essen noch warmmachen!

Der einzelne Offizier ist, wie es scheint, im allgemeinen wenig anpassungsfähig, gibt sich vor allem mit Männern ab und muß daher extra trainiert werden: "Auf den Umgang mit dem anderen Geschlecht werden Vorgesetzte im Zentrum Innere Führung in Koblenz speziell vorbereitet. Auf den Seminarplänen steht etwa die "Physiologie der Frau'. Dort sollen Offiziere etwas über Ausdauer und Belastbarkeit von Frauen in Stresssituationen lernen. ... Ein Ministeriumssprecher warnt aber vor zuviel Problematisierung: 'Die Frau ist ja nun kein unbekanntes Wesen. Wir gehen ja auch im täglichen Leben mit ihr um.'" Wenn sie uns zu Hause das Essen zubereitet. Oder sich um unsere Kinder kümmert. Oder wenn wir sie mal wieder drauf aufmerksam machen müssen, daß es an der Reling keinen Gin Fizz gibt.