Der liberale Traum vom ordentlichen Krieg
(Kalaschnikov
vom 2. Juni 2004)
Anfang Mai machte eine lustige Meldung über den Irak die Runde: Die Gewalttaten der amerikanischen Soldaten täten ihm leid, sagte der US-Präsident. Alle Gewalttaten kann er nicht gemeint haben. Sondern eben nur die, die irgend wie (in diesem Fall: weil sie öffentlich geworden sind) über das Maß hinausgehen, das als ordentliches Mittel zum Zweck gesellschaftlich und juristisch anerkannt ist: Krieg geht, Folter geht nicht.
Aber
es ist nicht leicht, einen sauberen Krieg zu führen. Je genauer man hinsieht,
um so schwieriger wird es. Wenn man genügend scharf sieht, muß man noch nicht
einmal die Opfer in den Blick nehmen; man kann sogar am Zustand, in dem der
Krieg die Täter entläßt, ablesen, was es mit dieser staatlichen Veranstaltung
auf sich hat. Soldaten sind Mörder? Allerdings so ziemlich die erbärmlichsten,
die man sich vorstellen kann. Niemand kommt heil aus dem Krieg heraus, nicht
einmal, wer ihn körperlich unverletzt überlebt: "Nachdem der Körper den
ständigen Bedrohungen des Krieges ausgesetzt worden ist, bleibt er stets und
ununterbrochen für den Kampf mobilisiert. Es gibt dann keinen Grundzustand der
Ruhe oder des Wohlbefindens mehr" – Jonathan Shay beschreibt in seinem
Buch "Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust"
Entstehung und Wirkung des posttraumatischen Streßsyndroms (PTSD) anhand seiner
Arbeit als Psychiater in der Ambulanz des Departement of Veterans' Affairs mit
Vietnam-Veteranen.
Das
ist ein merkwürdiges Buch. Shay stellt das Krankheitsbild detailliert dar, er
beschönigt nichts, nicht die Handlungen der Soldaten in Vietnam, nicht die
Auswirkungen von PTSD nach der Rückkehr ins Zivilleben; aber dem Buch scheint
etwas Obszönes anzuhaften.
Shay
erwähnt den Fall eines Veteranen, der von Halluzinationen verfolgt wird: immer
wieder erscheint ihm der vietnamesische Soldat, den er bestialisch umgebracht
hat:
"Im
Laufe der zwanzig Jahre seit seiner Abmusterung unternahm C. mehrere
Selbstmordversuche, dies geschah gewöhnlich in Gegenwart des halluzinierten
vietnamesischen Soldaten oder seines Kopfes. Auch erlebte er bei fast jedem
Erntedankfest oder Weihnachtsfest im Kreis seiner Familie einen Besuch dieses
vietnamesischen Soldaten.
Ich
kommentierte dies mit dem Wort: ,Ehrengast!'
Diese
Bemerkung, die mir ohne viel Nach
denken
entschlüpft war, traf den Patienten wie eine Erleuchtung. ,Ja, er war tot, aber
irgendwie erstand er immer wieder auf, um mich zu verfolgen. '"
Ein bestimmendes Moment von Shays Darstellung ist die Parallelisierung der klinischen PfSD-Symptome mit der Beschreibung des Berserkertums, wie sie sich in Homers Ilias findet – mit dem Ergebnis, daß es sich dabei um dieselbe Erscheinung handelt; auch einige Shakespeare-Zitate erweisen sich als künstlerische Umschreibung klinischer Befunde. Das Kampftrauma ist also keine Folge des modernen industrialisierten Krieges; und daß man nicht folgenlos organisiert und planvoll Menschen töten kann, haben die Dichter schon festgestellt, bevor es Psychiater gab. Und zwar so deutlich, daß Karl Kraus in den "Letzten Tagen der Menschheit" die Ermordeten geradezu anflehen konnte, die Mörder nicht ohne PTSD davonkommen zu lassen:
"So
stehet doch auf und tretet ihnen als Heldentod entgegen - damit die gebietende
Feigheit des Lebens endlich seine Züge kennen lerne, ihm ins Auge schaue ein
Leben lang! Weckt ihren Schlaf durch euren Todesschrei! (...) Rettet uns vor
ihnen, vor einem Frieden, der uns die Pest ihrer Nähe bringt! Rettet uns vor
dem Unglück, Henkern im Zivilberuf zu begegnen. Denn das Gewissen dieser
niedrigen Grausamkeit, der die Hemmung der Phantasie nicht durch Leidenschaft,
nur durch Mechanik genommen war, wird sich so rasch zum Tagwerk erholen, wie es
sich aus der Banalität der Vergangenheit ins Morden geschickt hatte."
Ein
Fluch, an den sich der vietnamesische Soldat makaber genau gehalten hat.
Aber
es ist nicht die Aufgabe eines Psychiaters, seinen Patienten Flüche
aufzuerlegen, im Gegenteil, er soll sie davon befreien. Shay macht sich
Gedanken darüber, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit es zu einem
Kampftrauma kommt, und er findet sowohl vor Troja als auch in Vietnam die
gleiche Grundvoraussetzung: den Verrat an "dem, was recht ist", wie
Shay Homers Begriff thémis übersetzt:
"Der
spezifische Inhalt der thémis der homerischen Krieger unterschied sich oft sehr
von jener der amerikanischen Soldaten in Vietnam, aber was sich in drei
Jahrtausenden nicht geändert hat, sind zerstörerischer Zorn und gesellschaftlicher
Rückzug, wenn tiefsitzende Annahmen über ,das, was recht ist' verletzt werden.
"
Die
Verletzung des Wertesystems ihrer eigenen Soldaten gelang der US-Armee in
Vietnam offenbar so gründlich, daß man an diesem Beispiel geradezu mustergültig
die Voraussetzungen für Kampftraumata herauspräparieren kann. Shay stellt sich
dieser Aufgabe nicht nur, um seine Patienten zu therapieren, er gibt
schließlich auch Ratschläge, wie entsprechende Situationen möglichst zu
vermeiden seien. Und hier kommt die Obszönität ins Spiel. Er schreibt:
"Eine
nicht geheilte PTSD kann ein Leben verheeren und ihr Opfer unfähig zur
Teilnahme an der häuslichen Gemeinschaft, an wirtschaftlicher Tätigkeit und am
politischen Leben machen. Ein schmerzhafter Widerspruch liegt hierbei darin,
daß der militärische Einsatz fürs Vaterland jemanden für seine Rolle als
Staatsbürger untauglich machen kann."
Da
aber in der nahen Zukunft nicht mit dem Verschwinden der Kriege gerechnet
werden könne, müsse man sie eben so führen, daß die psychischen Folgeschäden
möglichst vermieden werden – oder sollte man sagen: daß das Gewissen sich so
rasch wieder zum Tagwerk erhole, wie es sich aus der Banalität der
Vergangenheit ins Morden geschickt hatte ... Mit einem solchen Vorwurf hat der
Vorwortschreiber, Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma, gerechnet; und er versucht,
ihn sogleich zu entkräften:
"Die
Pazifisten unter den Lesern dieses Buches mag irritieren, daß Shay am Ende auch
der militärischen Führung der USA Ratschläge erteilt, die ja nur Ratschläge für
die Führung kommender Kriege sein können. Sie mögen sich damit beruhigen, daß
die pazifistischen Ideale nicht entwertet werden, wenn es Menschen gibt, die
darüber nachdenken, wie die Eskalationsdynamik von Kriegen eingeschränkt werden
kann."
Hier
irrt der Professor; auf elegante Weise und so, daß Leute, die sich von
Vokabeln, die imponieren sollen, imponieren lassen, das nicht ohne weiteres
merken; aber dennoch. Shay kümmert sich um die Einschränkung psychischer
Schäden in einer kriegführenden Gesellschaft - über die Eskalation
militärischer Gewalt ist damit nichts gesagt. Die Vorstellung, mittels einer
Kriegführung, die den Soldaten nach ihrem Einsatz eine bruchlose Rückkehr in
den Zivilberuf gestattet, eine "Eskalationsdynamik" moderner Kriege
einzuschränken, versorgt lediglich die Ideologie vom sauberen Krieg mit
Nahrung: Es wäre, wenn man sich nur Mühe gibt, ein vernünftiger Krieg möglich,
in dem die Gewalt geradezu justizförmig exekutiert wird und die Soldaten sich
darauf verlassen können, stets rechtmäßig zu handeln und behandelt zu werden.
fvi
Jonathan Shay: Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust. Hamburg 1998