Big-Band-Sound statt Heldentum
(Kalaschnikov
vom 19.1.2005)
Der Militarismus ist
auch nicht mehr, was er mal war. Die „Zivilgesellschaft“ gegen das
Militärsystem: das war einmal eine klare Frontstellung, etwa im Königreich
Preußen, als die Werber der Armee oftmals auf handgreiflichen Widerstand beim
Einfangen der Rekruten stießen. Im Kaiserreich sorgte der allgemeine
Kriegsdienstzwang, den Preußen-Deutschland im 19. Jahrhundert als einziges
europäisches Land in Friedens- wie Kriegszeiten aufrechterhalten hatte, für eine
einzigartige soziale Militarisierung. Aber immer blieb das Militär eine
exklusive Gruppe; gerade die Heroisierung des Soldaten (wie erbärmlich das
Kasernendasein auch sein mochte) erforderte die Aufrichtung von Schranken gegen
die verdächtig-verächtlichen Zivilisten. Das Offizierskorps als Elite der
Nation hielt auf einen strikten Ehrenkodex: ja, den preußischen Leutnant –
denkt der Untertan Diederich Heßling bewundernd, als er sich, vor der
Duellforderung kneifend, gedemütigt aus dem Zimmer ebendieses Leutnants
schleicht – den macht uns eben doch keiner nach!
Kriegervereine und
–denkmäler, Militärmusik, Fackelzüge – die Rituale des klassischen Militarismus
machten das Militär zwar öffentlich unübersehbar, grenzten es aber auch von der
bürgerlichen Gesellschaft ab. Die war schlapp und verweichlicht; auf Olaf
Gulbranssons Simplicissimus-Karikatur schnauzt der bullige Feldwebel unter der
Pickelhaube den windschiefen Rekrutenhaufen an: „Aus euch werden wir erst mal
Menschen machen!“
Die Werte und
Verhaltensweisen des Militärs waren allgegenwärtig, aber nicht jedem
erreichbar; und das paßte der Bourgeoisie im Grunde ganz gut: sie hatte nur
Sinn für Heroismus auf Distanz: Heldenverehrung gerne, aber sich selber in den
Schlamm schmeißen? Ich bitte Sie, man hat seine Leute. Entweder die armen
Schlucker, die in eine Berufsarmee eintreten mußten, um ihren Lebensunterhalt
zu verdienen, oder die Kriegsdienstpflichtigen, denen unter der kulturellen
Hegemonie des klassischen Militarismus die Erniedrigungen des Militärdienstes
als unentbehrlicher Bestandteil einer männlichen Identität erschienen.
Einen in diesem Sinn
militaristischen Staat gibt es unter den Staaten, die globale militärische
Macht darstellen, den USA und der Europäischen Union, nicht mehr. Ihre Armeen
kommen zunehmend zivil daher, und die Rituale des klassischen Militarismus
machen immer mehr den Eindruck von Relikten einer vergangenen Zeit.
Die Rhetorik, mit der
Bundeswehrvertreter, Verteidigungsexperten und Rüstungslobbyisten die
Öffentlichkeit bearbeiten, ist weich und weicher geworden: Keineswegs gehe es
darum, Krieg zu führen, vielmehr um peace keeping – na, schlimmstenfalls peace
enforcing ... Keine Rede könne davon sein, daß wir eine Interventionsarmee
hätten oder haben wollten (die Amerikaner schon); aber wir müßten bereit sein,
international Verantwortung zu übernehmen und humanitäre Hilfe zu leisten!
Selbst da, wo sich
nicht verschleiern läßt, daß gekämpft wird, handelt es sich scheinbar nicht um
etwas so übles wie Krieg: allenfalls werden Militärschläge, und zwar präzise,
durchgeführt. Mit offen dargestelltem Heroismus ist kein Blumentopf mehr zu
gewinnen und keine Armee mehr zu rechtfertigen.
Parallel dazu wird die
Bundeswehr umgebaut: von einer sogenannten Verteidigungsarmee, deren Aufgabe es
war, im Rahmen der Abschreckungsstrategie des Kalten Krieges die Fähigkeit zum
Krieg zu demonstrieren und damit Gewalt anzudrohen, zu einer Armee im Einsatz,
die Gewalt tatsächlich anwendet; da, wo es zur Durchsetzung der Interessen der
Bundesrepublik erforderlich ist. Struktur und Ausrüstung werden diesen
Erfordernissen seit Jahren angepaßt; die Ausbildung, die härter und
einsatzorientiert zu sein hat, ebenfalls; auch wenn es da anfangs zu
Mißverständnissen gekommen zu sein scheint.
Die reale Fähigkeit
des Staates, Krieg zu führen, ist nicht mehr an das martialische Auftreten des
klassischen Militarismus gebunden. Der Militarismus hat sich mit der Zeit
gewandelt, er ist pragmatischer und ziviler geworden, er hat seine feudalen
heroischen Anteile abgestoßen, um sich als integraler Bestandteil der
bürgerlichen Gesellschaft unauffällig aber wirkungsvoll zu präsentieren. Eine
Big Band tourt durch die Lande, gibt Benefizkonzerte, auf denen Geld für
wohltätige Zwecke gesammelt wird; auf dem Programm steht Jazz, die Sängerin ist
Afrikanerin und die Musiker sind – Soldaten, denn es handelt sich um die Big
Band der Bundeswehr. Was soll man denn dagegen haben? Schließlich wird hier
doch keine Propaganda fürs Militär gemacht; Politik kommt gar nicht vor!
Eben. Die Bundeswehr,
Träger des staatlichen Gewaltmonopols und eben dabei, sich für weltweite
Kriegseinsätze auszurüsten, besetzt einen öffentlichen Raum, unübersehbar; und
gleichzeitig macht sie jede Diskussion über sich und das, was sie tut,
unmöglich. Man kann nicht während eines Big-Band-Konzerts diskutieren oder mit
einer Big Band oder über den gemeinnützigen Zweck, für den sie Geld sammelt.
Die Aufgabe und die Handlungen der Armee verschwinden unter einem Klangnebel
aus Swing.
Wer Swing spielt, kann
unmöglich militärische Haltung annehmen. Die Kasernenhofschindereien der
kaiserlichen Armee wurden vom heroischen Ideal überdeckt; die Kriegsausbildung
bei der Bundeswehr vom legeren Auftreten ihrer Musiker oder Sportler und dem
menschenfreundlichen Engagement ihrer humanitären Helfer.
Kampftruppen gibt es
aber auch? Das ist eben noch ein Job, den man bei der Bundeswehr machen kann.
Die organisierte Gewaltanwendung des Militärs unterliegt nicht mehr den Zwängen
eines feudalen Ehrenkodex, der für eine exklusive Gruppe von Kriegern
verbindlich ist, sie ist ein Beruf wie jeder andere geworden: routiniert,
effizient und ohne großartige Sperenzchen zu erledigen. Die Barrieren zwischen
bürgerlicher Gesellschaft und Militär sind gefallen, eines geht ins andere
über: so wird das militärische ziviler, das zivile aber auch militärischer. Die
Existenz des Militärs und sein Zweck werden von niemandem außer marginalen
Gruppen in Frage gestellt (und in einem Aktionsbündnis die Forderung nach Asyl
für Deserteure durchzusetzen, ist ein Kraftakt!), die Anwendung von
kriegerischer Gewalt zur Erreichung politischer Ziele wird entweder nicht als
Problem zur Kenntnis genommen oder akzeptiert. Es gibt eine Art von
ideologischem dual use: die Bilder und Haltungen, die die Kulturindustrie
verbreitet, passen ebenso gut in einen zivilen wie in einen militärischen
Kontext; was auszuwechseln wäre, ist die Kleidung, alles andere funktioniert
hier wie dort.
Der moderne Militarismus pflegt die alten Rituale vor allem im Interesse des Zusammenhaltes der Truppe selbst und nur noch begrenzt als Mittel der Außendarstellung – das läßt sich etwa an öffentlichen Gelöbnissen beobachten, deren Öffentlichkeit zum Teil eine sehr eingeschränkte ist, die aber einen Schlußpunkt unter die militärische Initiation der Rekruten setzen. Sie werden noch einmal symbolisch in das militärische Kollektiv einverleibt, damit dem einzelnen klar wird: Jetzt gehörst du dazu! Darauf kann eine Organisation, die tödliche Gewalt anwenden soll, nicht verzichten. Aber aus der Beobachtung, daß diese Seite der Medaille nur noch relativ selten vorgezeigt wird, zu schließen, wir lebten in einer nachmilitärischen Gesellschaft, wäre sträflich naiv.