Das Modell Tschetschenien

(Kalaschnikov, Sendung vom 16. Mai 2001)


Ein Blick in die Zukunft der Weltregionen, die den globalen Kapitalismus mangels Verwertbarkeit nicht mehr interessieren:

Nationalistische und islamistische Separatisten führen einen langandauernden Guerillakrieg gegen eine staatliche Zentralgewalt, den die Zentrale bereits mehrmals für siegreich beendet erklärt hat. Dessenungeachtet können sich ihre Vertreter nur unter Lebensgefahr im Land, einschließlich der zum größten Teil zerstörten Hauptstadt, bewegen. Die Bevölkerungszahl dieser Hauptstadt schwankt zwischen 90.000 und 190.000: tageweise kehren die Flüchtlinge aus entfernt liegenden Lagern in die Stadt zurück, um ihre Rentenzahlungen abzuheben, nach Verwandten (noch am Leben?) und ihren Häusern (steht es noch?) zu schauen, und sich dann wieder an sicherere Orte zurückzuziehen. Regierungstruppen und Rebellen teilen sich in die Kontrolle der Stadt: die Regierungstruppen kontrollieren und marodieren tagsüber, die Rebellen marodieren und kontrollieren nachts. Gelegentlich belagern und beschießen sie dann das Haus eines Vertreters der offiziellen Verwaltung, der sich mit seinen Bodyguards und Waffen, die er legal gar nicht besitzen dürfte, zur Wehr setzt, während der nächstgelegene Militärcheckpoint den Krach ignoriert.

Was völlig verständlich ist. Die einzige militärische Perspektive ist ohnehin, sich in Garnisonen zu verbunkern und sich selber sowie ein paar Pipelines zu bewachen. Rundherum tobtr das Chaos und sorgt mit seiner Plünderungsökonomie für das Auskommen der Rebellen-Warlords und ihres Anhangs.

Wohltätigkeitsorganisationen wie Human Rights Watch weisen immer wieder auf die Situation hin, fordern Maßnahmen und begrüßen Resolutionen der Europäischen Union, die die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen nachdrücklich verurteilen. Es wird dringend eine internationale Untersuchungskommission gefordert. Größere öffentliche Aufmerksamkeit erlangt das Thema trotzdem nicht, denn der Landstrich, um den es geht, ist keiner, in dem die internationale Gemeinschaft, also die westlichen Machtstaaten, vitale Interessen hätten. Daher ist es nicht nötig, die öffentliche Meinung hierzulande mit der steten Sorge um die Menschenrechte zu behelligen: man beabsichtigt keine Einmischung und schon gar keinen Einsatz von "Friedenstruppen". Es bleibt also ruhig, zumal Rathfelder & Neudeck anderswo engagiert sind.

Darüber scheinen die Rebellen sich ein wenig zu wundern: nicht einmal spektakuläre Aktionen wie die Entführung einer Fähre oder eine Geiselnahme in einem Hotel im Ausland sorgen für mehr als kurzfristige Aufmerksamkeit. Der Empfang ihres Möchtegern-Außenministers in den USA ist bloß ein Schachzug in der Partie USA : EU und geht auch sang- und klanglos vorüber.

(Obwohl man schon gern erfahren hätte, was die konkret-Redaktion dazu meint, die doch der amerikanischen Haltung gegen den islamischen Fundamentalismus den Vorzug vor der europäischen Taktiererei zu geben scheint... Dazu läse man doch gerne mal was von Herrn Wertmüller.)

Einig sind sich die westlichen Staaten jedoch in ihrer klammheimlichen Freude darüber, daß sich der Zentralstaat, der in jener abgelegenen Gegend Krieg führt, mit seiner Antiterror-Operation zu ruinieren droht: die gesamten außeretatsmäßigen Kosten des Feldzugs dürften mittlerweile 10 Milliarden Dollar betragen. Noch dazu geht ihm langsam die Munition aus, so daß der Generalstab mittlerweile erwägt, an die strategische Reserve zu gehen und Vorweltkriegsgeschütze einzusetzen, für die noch Millionen von Granaten seit den 40er Jahren auf Lager liegen.

Das spielt sich nun zufällig im Kaukasus ab. Es könnte auch überall sonst sein.