Soldaten sind Deppen

(Buchkritik aus "Kalaschnikov" vom 9. August 2000)


Eine Frage, die wir uns in den vergangenen Jahren immer wieder gestellt haben, und die in so manchem Kalaschnikov-Bericht oder -kommentar mal offener mal etwas verdeckter eine Rolle spielte, lautet: Wie blöd und einfältig muß eigentlich einer sein, der zum Militär geht? Der sich zeitweillig freiwillig bei der Armee verdingt, der sich vielleicht sogar den Beruf des Soldaten erwählt hat? In diesem Zusammenhang mögen nicht nur Pazifisten und Militärgegnerinnen unterstellen, daß zwischen Dummheit und Soldatenhandwerk auffällige Korrelationen bestehen, ja, naturgemäß bestehen müssen. Nein, so sehen das auch einige Anhänger des Militärischen: so bemerkte etwa der Herzog von Cambridge, der Ende des 19. Jahrhunderts den Posten eines Oberbefehlshabers der britischen Armee innehatte, anläßlich der Auszeichnung eines seiner Generäle:

"Grips! Ich halte nichts von Grips. Sie, Sir, haben keinen, das weiß ich." "Narren, Nulpen, Niedermacher", ist der arg bemüht alliterierende Titel der deutschen Übersetzung einer schon von Anfang der 90er Jahre stammenden Studie des britischen Militärhistorikers Geoffrey Regan, die sich - so das Versprechen im Untertitel - mit "militärischen Blindgängern und ihren größten Schlachten" befaßt.

Geoffrey Regan ist kein Verächter des Militärischen. Im Gegenteil! Den Soldatenberuf sieht er als gleichberechtigte Tätigkeit neben anderen Professionen. Einleitend bemerkt er dazu:

"Es liegt keinesfalls in meiner Absicht, einen Berufsstand ins Lächerliche zu ziehen, der für die Sicherheit des Staates so ausschlaggebend ist wie das Militär. Das wäre sowohl ungerecht als auch müßig. Versagen läßt sich nicht auf die militärische Ebene beschränken. Es gibt genauso viel inkompetente Ärzte, Zahnärzte, Buchhalter, Anwälte, Lehrer und Ingenieure wie unfähige Befehlshaber." Mal abgesehen von dem letztlich vordemokratischen Gedanken hinsichtlich der Staatssicherheit - je weniger bedeutend für dieselbe etwas ist, desto lächerlicher darf es gemacht werden, soll das wohl heißen -; abgesehen davon stellt sich in der Tat die Frage, ob die Zahl der Tölpel in der Armee jener der Doofmänner und -frauen in anderen Berufsgruppen entspricht. Oder aber, ob nicht doch die alte Volksweisheit "ich bin doof, ich bin konform, gebt mir eine Uniform" ein Fitzchen an Wahrheit in sich trägt. Wer zu dieser Problematik Erhellendes erwartet, der oder die sieht sich enttäuscht. Leider, denn das wäre immerhin eine spannende Angelegenheit gewesen.

Nichtsdestotrotz breitet Geoffrey Regan mannigfaltiges Material über die Dummheit der Militärs vor der Leserschaft aus. Und vielleicht versetzen etliche der berichteten soldatischen Gestört- und Borniertheiten auch nur deshalb so sehr in Erstaunen, weil man sie in der Öffentlichkeit gerne unter den Teppich gekehrt hat. Von wegen ruhmreiche Schlachten und silberglänzend dekoriert anschwellender Offiziersbrüste.

Oder was fällt Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum Beispiel zu Marburgs berühmtester Leiche, dem Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ein? Heldenhafter Sieger der Schlacht von Tannenberg 1914? Nichts da. Sein Generalskollege Hoffmann bemerkte Jahre später bei einer Führung durch das ehemalige Hauptquartier der Deutschen:

"Hier hat der Generalfeldmarschall Hindenburg vor der Schlacht von Tannenberg. nach der Schlacht von Tannenberg und, unter uns gesagt, auch während der Schlacht von Tannenberg geschlafen." Heute schläft der Held von Tannenberg friedlich in der Elisabethkirche zu Marburg und dient der Bundeswehr, aus deren Umfeld regelmäßig Kränze an seinem Grab abgelegt werden, offenbar als militärisches Vorbild.

Noch ein Beispiel. Was verbinden Sie mit der Person des preußischen Feldmarschalls Blücher? Richtig: Nacht und hoffentlich ankommende Preußen, Wellington, Napoleon und Waterloo. Blücher litt aber auch - und in welcher Geschichte der Befreiungskriege ist das verzeichnet? - an einer schon als ziemlich abgefahren zu bezeichnenden Psychose. Nicht nur, daß er glaubte, die Franzosen hätten den Boden seines Zimmers derart erhitzt, daß er ihn nur auf Zehenspitzen betreten könne. Nein, Feldmarschall Blücher hegte zeitweise die feste Überzeugung, er gehe mit einem Elephanten schwanger, dessen Vater ein französischer Soldat sei! Unbekannt blieb, ob der berühmte Preußengeneral der Niederkunft freudig oder doch eher betrübt entgegenblickte.

Schlafende oder scheinschwangere Militärbefehlshaber muten harmlos an, fast Mitleid erheischend. Aber es befehligten auch immer wieder verwirrte Geister, die aufgrund ihrer Unfähigkeit das Zeug zum Schlächter hatten oder zum Schlächter wurden. Zu ihnen gehörte auch Douglas McArthur, der als 70jähriger zum UN-Befehlshaber im Koreakrieg ernannt wurde. Ungeachtet anderslautender UN-Resolutionen trieb er seine Truppen nordwärts, um, wie er es sich vorstellte, Nordkorea vom Kommunismus zu befreien. Nach einer selbstverschuldeten Niederlage gegen chinesische Truppen reagierte er zunehmend paranoid und forderte den Einsatz der Atombombe gegen China oder zumindest die Verseuchung koreanischer Gebiete durch radioaktiven Abfall.

Naturgemäß kannten auch frühere Jahrhunderte Armeechefs, für die Menschenleben nichts wert waren. Napoleon brachte es einmal so auf den Punkt:

"Einen Menschen wie mich kümmert das Leben von einer Millionen Soldaten herzlich wenig." Friedrich II. von Preußen, der noch heute als "aufgeklärter" Monarch gilt, gehörte ebenfalls zur Garde prominentester Massenmörder. Nach dem Siebenjährigen Krieg Mitte des 18. Jahrhunderts beklagte Preußen über 180.000 Kriegstote und 62.000 Kriegsgefangene. Alleine ein Regiment hatte fast 4.500 Mann verloren, das heißt, es war mehr als dreimal vollständig vernichtet worden. Während der Schlacht von Liegnitz 1760 befahl Friedrich in einer panischen Reaktion 10 Grenadierbataillonen einen ungeschützten Frontalangriff. Die gegnerischen, österreichischen Truppen mähten daraufhin 5.000 Soldaten in einer halben Stunde nieder - ein Gemetzel, das die Größenordnung der Westfront-Massaker über 150 Jahre später nicht zu scheuen braucht. Noch widerlicher wurde die Kriegsführung von Friedrich II. durch die Tatsache, daß in der preußischen Armee verwundete Soldaten nicht wegtransportiert wurden. Sie mußten sich selbständig ins Feldlazerett durchschlagen, darüber hinaus erhielten sie keine Lebensmittelrationen, so daß sie in den auf dem Weg liegenden Dörfern zum Betteln gezwungen waren. Die Sterblichkeit in den preußischen Lazeretten lag extrem hoch, zum Beispiel überlebte 1788 während des bayrischen Erbfolgekrieges nur jeder 5. Patient. Ein zeitgenössischer Beobachter notierte: "Die meisten sterben durch Kälte. Das ist für die preußische Armee nichts Ungewöhnliches, denn die Lazarette sind so schlecht eingerichtet und stinken so erbärmlich, daß der Soldat, der sich dort hinbegibt, schon bei seiner Ankunft denkt, er sei tot. Es kann nicht überraschen, daß nach einem so grausamen Krieg in den Staaten des preußischen Königs so wenige Invaliden zu sehen sind. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, daß die Lazarettleiter und Sanitätsoffiziere den Befehl hatten, alle Soldaten sterben zu lassen, die so stark verwundet worden waren, daß sie nach ihrer Genesung nicht mehr würden dienen können." Aber verlassen wir die Triage-Praxis des preußischen Königs, den die Geschichtsschreibung bezeichnenderweise "den Großen" nennt, und wenden uns einem anderen Kontinent zu.

Eine Ausnahmestellung unter den selbst größten militärischen Schlächtern der Geschichte nimmt Francisco Solano López ein. Als diktatorischer Präsident von Paraguay in den Jahren von 1862 bis 1870 hatte López den Ehrgeiz, zum "Napoleon von Südamerika" zu werden. Den sogenannten Dreiländerkrieg gegen ein Bündnis aus Argentinien, Brasilien und Uruguay zog er solange hin, bis praktisch die gesamte Bevölkerung Paraguays ausgelöscht worden war. Von über 1.300.000 Einwohnern blieben gerade einmal 220.000 übrig, davon waren nur 28.000 männliche Erwachsene.

Merkwürdigerweise spielen in Geoffrey Regans Galerie soldatischer Skrupellosigkeiten, Vernagelheiten und Unfähigkeiten deutsche Befehlshaber des 20. Jahrhunderts keine Rolle. Unter den Generälen der Wehrmacht ließen sich sicherlich etliche finden, die Soldaten nur als Kanonenfutter betrachteten - beispielsweise Generaloberst Paulus, der Hitler versprach, auch in hoffnungslosester Lage nie zu kapitulieren. Von seiner 6. Armee kamen in der Kesselschlacht von Stalingrad 60.000 Mann um, letztlich überlebten nur 5.000 deutsche Soldaten dieser Formation. Über die Verbrechen der Wehrmacht, die sie vor allem in Ost- und Südosteuropa begannen hat, schweigt sich der Autor gänzlich aus. Mag sein, er versteht sie nicht als Ausdruck militärischen Versager- und Verbrechertums, sondern als Teil eines politischen Vernichtungsprogramms - was nicht ganz falsch wäre. Ein Hinweis auf die Ursache dieser Lücke - zumindest in der deutschen Ausgabe - fehlt leider.

Auch wenn "Narren, Nulpen, Niedermacher" lediglich zeigen will, daß es unter den Soldaten ähnlich viele Deppen und Versager gibt wie in zivilen Berufen, so drängt sich doch bei der Fülle des Materials unweigerlich der Gedanke auf, daß die Pannen, Fehleinschätzungen und Verbrechen am militärischen System selbst liegen könnten.

Etwa wenn Regan die Geschichte der Schlacht von Karansebes erzählt, bei der der österreichische Kaiser Joseph II. 1788 versuchte, einen Sieg über die türkischen Truppen zu erzielen. Schon der Beginn des Feldzuges ging daneben. Entgegen dem Rat von Einheimischen bei Belgrad schlug Kaiser Joseph in einem Malariagebiet sein Lager auf. Daraufhin verlor er über 170.000 Soldaten durch Erkrankung, 33.000 starben. Bei einem späteren Nachtmarsch der Armee machten sich betrunkene Husaren den Scherz und riefen "Türken, Türken", wobei sie ein paar Schüsse in die Luft feuerten. Die hinteren Kolonnen der Streitmacht hielten den Scherz für Ernst, verfielen in Panik und begannen ebenfalls ins Dunkle zu schießen. Überall brachen schließlich heftige Kämpfe aus, Gepäckstücke gingen verloren, Kanonen wurden dutzendweise in Stich gelassen. Erst in der Morgendämmerung offenbarte sich das Desaster der Schlacht von Karansebes: mehr als zehntausend Mann waren durch ihre eigenen Kameraden verwundet oder getötet worden - die Türken mußten in dieser Schlacht keinen einzigen Schuß abgeben.

Gerade solche Geschichten sind es, bei denen dem Leser das Lachen über die Torheiten der Militärs im Halse stecken bleibt. Denn es geht eben meist auch um Tausende oder Zehntausende von Toten oder Verletzten. Darauf weist Geoffrey Regan mehr als einmal hin - ein symphatischer Blick auf die Geschichte des Soldatentums, den nicht jeder Militärhistoriker einnimmt.

Zu allen Zeiten dienten Soldaten zweifellos nie nur als Mittel zum Führen von Kriegen. Mit ihnen ließ sich auch prächtig paradieren und repräsentieren. Dies zeigt auch die Geschichte der Soldatenbekleidung, der Uniform, deren Aussehen sich erst relativ spät an Zweckmäßigkeiten eines Kampfes im Feld orientierte. Noch im 18. und 19. Jahrhundert trugen die Soldaten der britischen Armee auf ihren roten Uniformröcken weiße Streifen, was den feindlichen Heckenschützen den gezielten Herzschuß ermöglichte. Die hohen, mitraförmigen Helme der hessischen Infanteristen, die, verkauft durch den eigenen Landesfürsten, im US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpften, blieben nicht nur dauernd an niedrigen Ästen hängen, sondern die an diesen Kopfbedeckungen angebrachten silbernen Abzeichen boten auch eine gute Zielscheibe für Kopfschüsse. Mit der sich erhöhenden Reichweite der Gewehre wuchs die Bedeutung unauffälliger Uniformen. Vor 1914 gingen die Briten zu Khaki-farbener Kleidung über, die Deutschen setzen aufs Feldgrau. Nur in Frankreich blieb es beim Alten. Zwar schlug der Kriegsminister vor dem ersten Weltkrieg vor, die roten Kappen und Hosen sowie die blauen Jacken der französischen Soldaten zu ersetzen, doch Zeitungen und Öffentlichkeit empörten sich. Die Gazetten behaupteten, wer abschaffen wolle

"...was farbenfroh ist und dem Soldaten sein lebendiges Aussehen verleiht, der verstößt gegen den französischen Geschmack und die Funktion des Militärs." Ein ehemaliger Minister erklärte pathetisch: "Die roten Hosen abschaffen? Niemals! Le pantalon rouge, c'est la France!" Alleine während der Marne-Schlacht 1914 verlor die französische Armee über 200.000 Mann. Aber auch die österreichisch-ungarische Streitmacht setzte noch im Ersten Weltkrieg auf Farbenpracht. Vor allem die Offiziere waren leicht an ihren gelben Schärpen zu erkennen. Bereits in den ersten vier Monaten des Krieges konnten russische und serbische Scharfschützen rund ein Drittel aller Offiziere der Armee ausschalten.

Regan spickt seine Geschichte militärischen Stumpfsinns und soldatischen Verbrechertums mit etlichen Beschreibungen von Schlachten, die vom athenischen Feldzug des Alkibiades gegen Syrakus im fünften vorchristlichen Jahrhundert bis zum "Unternehmen Adlerklaue" 1980 reichen, mit dem der US-Präsident Jimmy Carter erfolglos versuchte, die Geiseln in der US-amerikanischen Botschaft in Teheran zu befreien. Leserinnen und Leser müssen schon ein gewisses Verständnis für militärische Strategie und Taktik besitzen, um jede von Regan beschriebene Dummheit adäquat goutieren zu können. Aber auch für laienhafte Verächter des Soldatenwesens bietet der Band ausreichend Stoff, um sich die Dummheit des Militärischen, die System hat, vor Augen zu führen.

Geoffrey Regan:
Narren, Nulpen, Niedermacher
Militärische Blindgänger und ihre größten Schlachten.
Zu Klampen Verlag Lüneburg 1998
269 Seiten, gebunden
DM 39,80