(Kalaschnikov, Sendung vom 4. Oktober 2000)
Nun sind sie also vorbei - die 27. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit. Und für die bundesdeutsche Mannschaft galt im fernen Australien mehr denn je das olympische Motto: dabeisein ist alles. Denn die deutsche Sportlerinnen- und Sportlerauswahl schnitt so schlecht ab, wie in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr. In der Nationenwertung errang man einen bescheidenen fünften Platz - und das auch nur, weil noch etliche, vor allem erpaddelte Medaillen zuletzt vor dem vollständigen sportlichen Absturz retteten. Seit München '72 hatte eine deutsche Olympiamannschaft nie schlechter als auf Platz drei die Sommerspiele beendet. Sydney 2000 hieß hingegen in erster Linie, den anderen den Vortritt lassen.
Kommt es darauf an, bei Auslandsauftritten vornehmlich Präsenz zu zeigen, ohne den Erfolg allzu sehr ins Auge zu fassen, dann darf eine Organisation zweifelsohne nicht fehlen: die Bundeswehr nämlich. Hatte die sich doch bei verschiedenen Gelegenheiten der jüngeren bundesdeutschen Geschichte als Versagertruppe par excellence präsentiert. "Dabeisein ist alles", lautete beispielsweise die Parole im somalischen Belet Huen, wo deutsche Soldaten im ostafrikanischen Wüstensand indische Truppen versorgen und unterstützen sollten, Truppen, die jedoch nie in Somalia ankamen. Der Mißerfolg schließlich der gesamten UN-Mission juckte am Schluß niemanden mehr, denn die bundesdeutschen Streitkräfte hatten zum erstenmal nach 1945 im feindlichen Ausland massiv Militärpräsenz gezeigt. Beim NATO-Krieg gegen Jugoslawien dasselbe Bild: mit dabei, mittendrin und erfolglos deutsche Soldaten, diesmal Tornado-Besatzungen, denen es nicht gelang, ihren Auftrag, die Ausschaltung der jugoslawischen Flugabwehr, umzusetzen. Das darf man jedenfalls aus der später bekannt gewordenen Tatsache schließen, daß die monatelangen Bombenangriffe nur aus sehr großer Höhe geflogen worden sind - ein Umstand, der nicht zuletzt den ein oder anderen zusätzlichen "Kollateralschaden" nach sich zog.
Keine Frage also, daß in Sydney die sogenannten Sportsoldaten und -soldatinnen der Bundeswehr nicht fehlen durften, um die Gurkentruppenhaftigkeit der deutschen Sporteliteauswahl erst vollständig abzurunden. Ein Viertel der deutschen Equipe bestand diesmal aus Bundeswehrangehörigen, vor vier Jahren in Atlanta hatte der Anteil noch bei deutlich unter 20 Prozent gelegen. Entsprechend hoch war dementsprechend auch die militärische Versagerquote auf dem fünften Kontinent. Zeitweise kamen die diesbezüglichen Verlautbarungen der Bundeswehr aus dem Jammern nicht mehr heraus und boten eine imposante Aufreihung von Pleiten, Pech und Pannen:
Als aus antimilitaristischer Perspektive richtig schön anzuschauen erwiesen sich auch die Faustkampfwettbewerbe. Im Kampf Mann gegen Mann gab es für die deutschen Sportsoldaten schon mal einen voll auf die Glocke:
Positive Überraschung für das Verteidigungsministerium erzielte die Mannschaft vor allem in Sportarten, die gemeinhin nicht unbedingt mit dem Militär in Verbindung gebracht werden. So konnte man verblüfft erfahren, daß man bei der Bundeswehr auch Windsurfen kann (Silbermedaille) beziehungsweise, ja, auch das sportfördert unsere "starke Truppe", Synchron-Turmspringen. Da errangen die beiden Stabsunteroffiziere Jan Hempel und Heiko Meyer einen dritten Platz. Fehlen nur noch ein paar Offiziere, die beim nächsten Mal in der rhythmischen Sportgymnastik oder im Softball antreten.
Auch wenn die Sportsoldaten der Bundeswehr medaillenmäßig deutlich schlechter abschnitten als vor vier Jahren in Atlanta, so durften sie doch das ein oder andere Mal in Sydney aufs Siegertreppchen. Um das sicher zu gewährleisten, erlaubte sich die Schwarpings Sportförderung ein paar Tricks. Der erste geht so: Bisher erfolgreiche Athleten werden einfach kurz vor der Olympiade zur Bundeswehr gezogen. So startete etwa der schon erwähnte Olympiasieger im Reck-Turnen von 1996 und vielfache Welt- und Europameister Andreas Wecker im Mai 1999 seine Karriere als Soldat auf Zeit. Und das im Alter von stolzen 29 Jahren! Da gehen andere Militärs schon fast außer Dienst. Noch kurzfristiger anzulegende Medaillenerfolge verspricht das schöne Institut der "Wehrübung". Die erwischte noch kurzerhand den Andreas Dittmer, Canadier-Olympiasieger in Sydney und in Atlanta. Dittmer wurde am 10. Juli 2000 flugs zu einer Wehrübung befohlen.
Der zweite Trick: Der Sportsoldat wird einfach in eine Mannschaft gesteckt, von der sich die Funktionäre sicheres Edelmetall erhoffen dürfen. Beispielweise errang Hauptgefreiter Katrin Wagner zusammen mit Birgit Fischer zweimal Gold, im Kajak-Vierer und -Zweier. Nach dem zweiten Sieg bekannte sie Soldatin auf Zeit offenherzig:
Überhaupt: die Sportsoldatinnen mit kleinem I. Die stellen fast ein Drittel des gesamten Bundeswehr-Olympiakaders, obwohl es in den deutschen Streitkräften nur eine Frauenquote von 1,3% gibt. Offensichtlich versucht die Bundeswehr, mit ihren Sportfördergruppen vor allem Soldatinnen zu ködern. Darüber hinaus gilt es wohl, das Image der "Frauen in der Bundeswehr" massiv zu verbessern.
Fazit: Mit der massiven Präsenz von Militärsportlern bei den
diesjährigen Olympischen Spielen hat sich einmal mehr die Strategie
der Bundeswehr gezeigt, verschiedene gesellschaftliche Bereiche zu militarisieren.
Neben dem Sport wäre in dieser Hinsicht noch die Wirtschaft und das
Gesundheitswesen zu nennen. So richtig erfolgreich waren die Sportsoldatinnen
und Soldaten in Australien allerdings nicht. Denn auch sie lieferten einen
schönen Beitrag zum schlechten Abschneiden der gesamten bundesdeutschen
Mannschaft. Im Ausland dabeisein ist eben auch für die Bundeswehr
nach wie vor alles.