PDS liebt Deutschland

(Kalaschnikov, Sendung vom 15.11.2000)


" ... daß ein gutes Deutschland blühe" - diese Zeile aus der Kinderhymne von Bert Brecht, zu der Hans Eisler 1950 die Musik schrieb, zierte den Versammlungssaal in Cottbus, in dem Mitte Oktober die PDS ihren Parteitag abhielt. Der Bezug auf das Land zwischen See und Alpen, Oder und Rhein war nicht ohne tiefergehende Absichten gewählt. Denn die neue Vorsitzende der PDS, Gabi Zimmer, entdeckte in ihrer Parteitagsrede ihre "Liebe zu Deutschland". Seitdem tobt eine heftige Debatte in der Partei des Demokratischen Sozialismus darüber, wie denn das Verhältnis der Linken im allgemeinen und der PDS im besonderen zu Deutschland, Nation und Volk auszusehen habe.

Die Diskussion um die zuerst vom PDS-Abgeordneten Winfried Wolf kritisierte "Deutschtümelei" in der Partei dürfte trotz ihrer Heftigkeit nur von kurzer Dauer sein. Denn schnell stärkten etliche Parteistrategen und -promis der neuen Chefin den Rücken. Die alten Bosse Lothar Bisky und Gregor Gysi, ebenso wie der neue Fraktionsvorsitzende Claus und der Bundesgeschäftsführer Bartsch. Auch Bänkelsänger Dieter Dehm mußte seinen wie es scheint unvermeidlichen Senf dazu geben und brüstete sich, der tollere Liebhaber zu sein:

"Ich aus meiner antifaschistischen Familientradition und Biografie, als marxistischer Sozialdemokrat und Sozialist habe dieses Land lieber als diejenigen, die für die Verbrechen des Großkapitals und für die Erstickung einer lebendigen Kultur stehen." Von der Erstickung lebendiger Kultur versteht der EX-SPDler aus Frankfurt zweifellos einiges. Ebenso eher in die Abteilung Skurrilitäten am Rande gehört die Marx-Exegese, die sich der ehemalige Spanienkämpfer Fritz Teppich am 8.11. in der "jungen Welt" erlaubte. Daß nämlich der Arbeiter kein Vaterland habe, dieser Satz aus dem "Kommunistischen Manifest" sei vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Vielmehr verhalte die Sache sichnämlich so: "Wer als Sozialist-Kommunist im heutigen Sinne Begriffe wie Nation, Nationalität, Sprache, Volk, Staat, bei uns zudem Deutschland (für BRD) unpassend findet, der verläßt den Boden der Wirklichkeit, den des Historischen Materialismus. (...)

Weil Deutschland seit langem - von Zuwanderern abgesehen - ein weitgehend mononationaler Staat ist...

... und weil die Erde - von ihrer kugelförmigen Gestalt abgesehen - schon immer eine Scheibe war. Nein, weil Deutschland also... "... seit langem - von Zuwanderern abgesehen - ein weitgehend mononationaler Staat ist, herrscht hier in entsprechenden Angelegenheiten erhebliches Unwissen. Das ganz im Gegensatz zu multinational zusammengesetzten Staaten unterschiedlicher Orientierung, in denen das Nationale besonders für progressive Kräfte von erstrangiger Bedeutung ist. Genannt seien hier nur Jugoslawien, Palästina, Türkei, Spanien (mit Baskenland, Galicien, Katalonien), Schweiz, Britannien und Belgien. Aus freiwilliger Distanz zur Problematik wird die große Faszination übersehen, die auch bei uns Nationalem innewohnt. Die Abwendung vieler Linker überläßt das Terrain maximaldemagogischen Reaktionären." Daß angesichts der deutschen Geschichte und der auf den Straßen der heutigen Bundesrepublik marodierenden und mordenden Nazibanden bei den Linken die große Faszination übersehen werden könne, die "auch bei uns Nationalem innewohnt" - der Gedanke ist absonderlich genug. Der Hinweis auf die erstrangige Bedeutung des Nationalen für "progressive Kräfte" in anderen Ländern - wer soll das, bitteschön, sein, etwa in Jugoslawien, in der Türkei oder in Palästina? - dieser Hinweis erweist Teppichs Äußerungen aber als maximalmöglichen Blödsinn.

Was ging aber nun der neuen PDS-Vorsitzende, Gabi Zimmer eigentlich im Kopf herum, als sie an Deutschland am Parteitag dachte? Ende Oktober nahm sie in einem Interview der "tageszeitung" Stellung zur laufenden Debatte:

"Die meisten Linken definieren sich bis heute meistens außerhalb oder gegen Deutschland, gegen die Nation. Genau das will ich verändern. Ich muß doch nicht unbedingt ein Land bekämpfen, wenn ich Verhältnisse in ihm ändern will. Mit Hass können wir keine Menschen gewinnen und schon gar nicht deren Angst vor der PDS abbauen. (...) Ich liebe Deutschland - diesen Satz habe ich in Cottbuss ganz bewusst gesagt. Ich wollte meine Partei provozieren. Eine der vielen Blockaden, die die PDS an ihrer Entwicklung behindern, ist ihr verkrampftes Verhältnis zu dieser Bundesrepublik. (...) Dieses Selbstverständnis italienischer oder französischer Kommunisten und Sozialisten, sich unbefangen und souverän zu ihrem Land zu bekennen - trotz aller Verfehlungen in der Geschichte, trotz aller Kriege, trotz allen Rassismus, den es dort gibt. Das finde ich erstaunlich. (...) ... wenn der französische KP-Chef am Ende jeder Parteitagsrede 'Vive la France!' ruft, dann imponiert mir das." Zimmer zeichnet ein Bild, in dem das Verhältnis der bundesdeutschen Linken zu ihrem Land mit den Begriffen "verkrampft" und "Haß" charakterisiert wird. Welche Traditionen sollen das jedoch sein? Sicherlich sind Teile vor allem der westdeutschen Linken mit guten historischen Gründen unter der Parole "Deutschland verrecke" gegen die Annexion der DDR auf die Straße gegangen. Aber weder hat im Westen sich die Mehrheit der Linken diese Ausrichtung zu eigen gemacht, noch kann davon gesprochen werden, daß die Tradition, aus der die weitaus größten Teile der PDS kommen, sich des Vaterlandshasses schuldig gemacht haben. Im Gegenteil, denn das Vaterland nannte sich sozialistisch.

Zwischen "Liebe zu Deutschland" und "Haß auf Deutschland" gibt es mithin noch diverses andere. Darauf hat u. a. Carsten Hübner, PDS-Abgeordneter im Bundestag und neben Winfried Wolf, Ulla Jelpke und Angela Marquardt einer der wenigen parteiinternen Kritiker des Schwenks nach rechts, zurecht abgehoben.

Ein weiteres Argument gegen Zimmer ist der schlichte Hinweis darauf, daß Deutschland nun einmal nicht Frankreich oder Italien ist. In der kurzen Zeit seiner Existenz - sehen wir einmal von den letzten 10 Jahren ab -, also zwischen 1871 und 1945 war das, was die PDS-Vorsitzende zu lieben dem Publikum versichert, in einer Weise mit Eroberungskrieg, Reaktion, Völkermord, Militarismus und einzigartigen Verbrechen verbunden, die zumindest eine gewisse Skepsis gegenüber dem Gebilde "Deutschland" nahelegen sollte. Aber all das Historische meint Frau Zimmer nicht, daß Deutschland auch Auschwitz ist, das weiß sie. "Was genau lieben Sie denn an Deutschland?", fragte deshalb auch die "taz" nach:

"Wissen Sie, wie schön es ist, mit dem Segelflugzeug über die Hessische Rhön zu fliegen, dort, wo mein Onkel wohnt - herrlich! Ich liebe überhaupt bestimmte Landschaften, den Thüringer Wald, Hiddensee. Ich liebe alte deutsche Städte wie Erfurt oder Marburg. Ich liebe neben russischen, ponischen und französischen auch viele deutsche Dichter wie Günter Grass und Stefan Heym." Bei Grass und Heym wissen wir es nicht; bei Marburg sind wir sicher, daß Frau Zimmers Liebe unerwidert bleibt. Ernsthaft stellt sich die Frage, was das mit Politik zu tun hat. Vielmehr scheint das alles eher aus gewissen Selbstfindungsproblemen der PDS-Vorsitzenden zu resultieren: "Ich - und da steht meine Person für viele der jetzt jüngeren Leute in der PDS-Führung - hatte ein durchaus positives Verhältnis zur DDR. Ich habe mich zu ihr als meinem Land bekannt. Jetzt, wo es sie nicht mehr gibt, bin ich ein bisschen auf der Suche nach einem Ersatz. ... Ich will keine neue DDR. Ich bin auf der Suche nach einer neuen Identität. Man kann Thüringerin, Europäerin, Weltbürgerin sein, wie man will - für mich gibt es darüber hinaus eine nationale Identität." Da ist es raus: Egal ob kapitalistisch, sozialdemokratisch oder realsozialistisch: Nation ist gut für die Seele und stiftet Wärme. Und dazu reicht schon ein identitätsstiftendes Gelände mit einem Zaun drumrum, durch den man entweder nicht raus - wie in der DDR - oder nicht rein kann - wie in der BRD. Gabi Zimmer spricht damit ihrer Anhängerschaft, die die treuesten Fans des Volksmusikstars Stefanie Hertel sind und die laut Forsa zu 59% glauben, in Deutschland lebten zu viele Ausländer, aus dem Herzen.