Anfang November besucht Orlando Castillo das Rhein-Main-Gebiet. In verschiedenen Städten referiert er über die antimilitaristische Arbeit in Paraguay:
Mainz
Mittwoch, den 4.11.1998, 19.00 Uhr, Haus Mainusch, Staudingerweg
23
Veranstalterinnen: DFG-VK Mainz, Dichtung&Wahrheit
Frankfurt
Donnerstag, den 5.11.1998, 19.00 Uhr, DFG-VK-Büro, Vogelsbergstraße
17
Veranstalterinnen: DFG-VK Frankfurt
Heidelberg
Freitag, den 6.11.1998, 20.00 Uhr, Kulturzentrum Karlstor-Bahnhof
Veranstalterinnen: Gewaltfreie Aktionsgruppe, Graswurzelrevolution
- Redaktion Süd
Paraguay ist eines der am stärksten militarisierten Länder
Lateinamerikas. Nach der jahrzehntelangen Militärdiktatur Stroessners
sollte Anfang der 90er Jahre im Zuge der damaligen weltweiten Tendenz zur
sogenannten Demokratisierung wenigstens die Fassade eines bürgerlichen
Rechtsstaats aufgebaut werden. Mehr oder weniger durch Zufall ist dabei
1992 auch das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in die neue Verfassung
gerutscht. Es fehlten jedoch nähere Ausführungsbestimmungen und
anfangs waren das Vorhandensein und die Möglichkeit zur Ausnutzung
dieses Rechts in der Gesellschaft nahezu unbekannt.
Die formale Demokratie in Paraguay ist als fragil zu betrachten.
Ihre Strukturen sind schwach angesichts der starken Position der Militärs.
Die sich seit 1947 trotz der zwischenzeitlichen Diktatur an der Macht haltende
rechtsgerichtete Partei (Partido Colorado) ist an einer tatsächlich
demokratischen Organisation der Gesellschaft und der Einhaltung entsprechender
Spielregeln nicht interessiert. Dringend notwendige, grundlegende soziale
Reformen bleiben aus, das Geld wird statt dessen für militärische
Zwecke ausgegeben.
Die Partei verfügt über große politische und vor
allem wirtschaftliche Macht, mit deren Hilfe sie die Opposition, demokratische
Institutionen, auch Gerichte, politische Basisorganisationen und sogar
die Mafia aushebeln kann.
Die soziale Ungerechtigkeit im Land ist äußerst ausgeprägt,
die Kaufkraft gering, ca. 50 Prozent der urbanen ArbeiterInnen verdienen
nicht einmal den Mindestlohn. Die offizielle Arbeitslosigkeit lag l997
bei 8,2 Prozent, in Wirklichkeit dürften ca. 20 Prozent der arbeitsfähigen
Bevölkerung ohne Lohnarbeit sein. Ein weiteres Problem ist die Korruption,
die zum Teufelskreis der Armut beiträgt: rund 20 Prozent des Staatshaushalts
verschwinden offensichtlich in ihren Mühlen.
Die Bewegung für Kriegsdienstverweigerung
In diesem militarisierten und autoritären Klima war die Verweigerung
des Kriegsdienstes zunächst ein so gut wie unsichtbares und scheinbar
vernachlässigbares Phänomen. Daß die Kriegsdienstverweigerung
in den letzten Jahren zunahm, wird als Zeichen einer graduellen Demokratisierung
Paraguays gesehen, als Beginn eines Übergangs von einer vertikalen
zu einer horizontalen Gesellschaft.
1993 wurden die ersten fünf Kriegsdienstverweigerer gemeldet.
Bis heute sind es 9.212 (Ende 1997). Die Zahl steigt von Jahr zu Jahr,
allein 1997 verweigerten 5.397 junge Männer den Kriegsdienst, und
eine Sympathie innerhalb der Bevölkerung für diese Entscheidung
wird immer deutlicher. Die Anzahl der Kriegsdienstverweigernden ist regional
sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nahezu 40 Prozent der Verweigerer
kommen aus der Hauptstadt Asunción, dem Bezirk um die Hauptstadt
(Area Metropolitana) und den Vorstädten der älteren Besiedlungsregionen
des Departamento Central. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer entspricht
heute 13 Prozent der jungen Männer im dienstpflichtigen Alter, weitere
38 Prozent leisten den Kriegsdienst tatsächlich ab. Dem Rest (immerhin
49 Prozent) gelingt es, der Militärpflicht in irgendeiner Form zu
entkommen. Der Grund für die regional sehr unterschiedlichen Verweigerungszahlen
ist darin zu suchen, daß die Regierung zu diesem Verfassungsrecht
überhaupt keine Informationen herausgibt, also nicht darüber
aufklärt, daß es diese Möglichkeit gibt und sogar ein Grundrecht
darstellt. Daher verbreitet sich das Wissen darüber nur von Mund zu
Mund, und dies funktioniert am besten da, wo das Kommunikationsnetzwerk
am engsten und ehesten intakt ist. Dies sind die ältesten Besiedlungsregionen,
die Städte und die Vorstädte.
Aufgrund der Zurückhaltung von Informationen haben es sogar
drei junge Männer erstmals geschafft, den Kriegsdienst erst während
der laufenden Dienstzeit beim Militär zu verweigern. Ihr Beispiel
war ein Sonderfall, der zuerst unter das Militärrecht fiel. Im laufenden
Verfahren wurde aber entschieden, daß ihre Verweigerung zulässig
ist, sie nicht in Haft genommen werden dürfen, weil dies ein subjektives
Grundrecht sei. Die Verweigerung wurde sogar mit der zusätzlichen
Begründung anerkannt, dieses Grundrecht sei so wenig bekannt, daß
es nicht überrasche, wenn junge Männer erst während der
Dienstpflicht davon erfahren.
Seit 1993 begannen sich erste Gruppen von Kriegsdienstverweigerern
zu organisieren. Bereits nach der ersten öffentlichen Verweigerung
wurden im Parlament repressive Vorschläge zur Ausgestaltung des KDV-Rechts
präsentiert. Diese Diskussion hält bis heute an. Sie deutet den
Übergang zu einer Strategie der Verunmöglichung von Kriegsdienstverweigerung
durch die Ausführungsbestimmungen des Grundrechts durch die Herrschenden
an, nachdem der Versuch des Verschweigens und der Zurückhaltung von
Informationen zu scheitern droht. Die Bewegung für Kriegsdienstverweigerung
MOC (Movimiento de Objeción de Conciencia) - inzwischen die wahrscheinlich
stärkste antimilitaristische Bewegung in Südamerika - hat sich
schon 1994 entschieden, keines der vorgeschlagenen Ausführungsgesetze
zu akzeptieren und sieht den Zivildienst seither als Teil des Militarismus
an. Zur Zeit führt MOC eine Kampagne zur Abbschaffung der Wehrpflicht
durch. Die Bewegung will dadurch erreichen, daß das Thema weiter
in der öffentlichen Diskussion bleibt.
Perspektiven gesellschaftlicher Verbreiterung
Gegenwärtig gibt es auch einige erfolgversprechende Möglichkeiten
der Zusammenarbeit mit anderen Oppositionsgruppen. Das Militär in
Paraguay ist bekannt für Menschenrechtsverletzungen verschiedenster
Art (schlimme Haftbedingungen, körperliche und seelische Mißhandlung,
Folter, Todesfälle, Verschwinden von Personen, zwangsweise Rekrutierungen,
Rekrutierung von Kindern etc.). Die Zahl der registrierten Fälle dieser
Art ist im Moment zwar leicht rückläufig, doch fehlt immer noch
die gesellschaftliche Transparenz für Ereignisse dieser Art. Eine
Gruppe von Angehörigen Betroffener hat sich gegründet. Sie will
die Opfer und Hinterbliebenen solcher Menschenrechtsverstöße
entschädigen. Es besteht inzwischen auch eine Organisation, die ihnen
juristischen Beistand bietet. Hier bieten sich vielerlei Ansatzpunkte für
eine Zusammenarbeit mit den Kriegsdienstverweigerern.
Inzwischen haben 81 Menschenrechts- und Basisorganisationen aus
sozialen Bewegungen beim Kongreß eine Petition eingereicht, in welcher
die Reduzierung der Militärausgaben um 48 Prozent für das Jahr
1999 gefordert wird. Eine aus diesen Kreisen erstellte Studie über
das Militär vom August 1997 fand großen Widerhall in der Presse
und manchen parlamentarischen Kreisen. Darin wurde die Reduzierung des
militärischen Personals um 40 Prozent, die Reduzierung des zivilen
Personals im Militär um 60 Prozent und die sich in der Petition ausdrückende
Halbierung des Militärhaushalts für nötig befunden. Das
frei werdende Geld sollte für soziale Zwecke und Veränderungen
ausgegeben werden. Das alles sind zwar keine konsequent antimiltaristischen
Forderungen und es bleibt zweifelhaft, ob sich auf diesem parlamentarischen
Wege wirklich etwas erreichen läßt. Das breite Bündnis
und die darin zum Ausdruck kommende Kritik des Militärs zeigt jedoch,
daß die Bewegung für Kriegsdienstverweigerung auf eine weit
verbreitete gesellschaftliche Abneigung gegen das Militär zählen
kann.