Realpolitischer Pazifismus?

Anmerkungen zu einer überflüssigen Debatte

(Kalaschnikov vom 18.6.2003)


Wohlmeinende Worte fand Mitte April Pitt von Bebenburg, Redakteur der "Frankfurter-Rundschau", zu den damals bereits abflauenden Protesten gegen den Irak-Krieg. Die Friedensbewegung habe sich als "global, gewaltfrei" und "realistisch" erwiesen, und etwas "Bleibendes" erzeugt: nämlich "das Gefühl vieler Menschen, Teil einer politisch aktiven Welt zu sein". Erfreut lobte der Autor den von ihm identifizierten Wirklichkeitssinn der Demonstrationen:

"Selten hat sich zum empörten Protest so viel Realpolitik gesellt. Statt markiger Sprüche haben handfeste Vorschläge Konjunktur. Demonstranten fordern , alternative Energien zu fördern, damit Öl kein Kriegsgrund bleibt; sie verlangen, Diktaturen nicht mit Waffen aufzurüsten; sie haben für Abstimmungen im Sicherheitsrat und für Waffeninspektionen auch bei den offiziellen Atommächten geworben." "Handfeste Vorschläge" hatten allerdings in der Friedensbewegung schon immer Konjunktur. Erwähnt seien nur die "atomwaffenfreien" Zonen und Korridore der 80er Jahre oder die Forderung nach einer Begrenzung der horrenden bundesdeutschen Waffenexporte – und zwar nicht nur jener an diktatorische Regime. Was von Bebenburg als Agenda der Antikriegsproteste glaube ausmachen zu können, irritiert darüber hinaus auch deshalb, weil man diese Punkte – mit Ausnahme vielleicht des letzten – eher in grünen oder sozialdemokratischen Parteitagsbeschlüssen finden dürfte, als an zentraler Stelle bei den Antikriegsaktionen im Frühjahr. Was den "FR"-Kommentator wohl tatsächlich beeindruckte, waren nicht die "handfesten Vorschläge" im einzelnen, die demzufolge in seiner Aufzählung reichlich nebulös blieben, sondern die konstatierte Bereitschaft im allgemeinen, sich realistisch zu geben und "markige Sprüche" zu lassen. Welche "markigen Sprüche" er meinte, ließ von Bebenburg offen. Sein Kollege Stephan Hebel war zwei Monate zuvor deutlicher geworden: "Wenn sie nicht wieder 20 Jahre mühsam überwintern will, dann sollte 'die Friedensbewegung' (...) noch intensiver als bisher an Alternativen arbeiten auch zu solchen Militäreinsätzen, deren Unsinnigkeit weniger offensichtlich ist als im jetzigen Fall. Sie muss lernen mehr zu sagen als ein lautes 'Nein'. Sie muß sich fragen, ob es Situationen gibt, in denen auch pazifistisch gesonnene Menschen Nothilfe-Aktionen mit militärischem Charakter zustimmen können" ("FR" v. 17.2.03). Da also läuft der Hase lang. Die Friedensbewegung soll im Prinzip anerkennen, daß es in Zukunft 'sinnvolle' Kriegseinsätze geben wird, oder, um im Jargon des rot-grünen Frankfurter Blätterwaldes zu bleiben, "Nothilfe-Aktionen mit militärischem Charakter". Weil aber die Bundesrepublik Deutschland realistischerweise solche Einsätze mit "militärischem Charakter" nicht nur auf Franzosen oder Belgier abschieben kann, ist dies auch ein Bekenntnis zur Bundeswehr und zum Militärischen als Komponente der bundesdeutschen Außenpolitik Und weil der Kriegsminister seine Soldaten nicht unvorbereitet und mit schlechter Ausrüstung in den Kampf ziehen lassen darf, ist dies auch ein Bekenntnis zum gegenwärtigen Umbau der Bundeswehr.

Als die "markigen Sprüche", die bei den Protesten der vergangenen Monate angeblich keine Rolle spielten, entpuppen sich demnach Parolen, die sich gegen den Umbau der Bundeswehr zu einer Interventionsstreitmacht wenden, gegen die Militarisierung der bundesdeutschen Außenpolitik und die vollständige Abschaffung der Bundeswehr fordern. Offensichtlich hat der FR-Kommentator während der Friedenskundgebungen des Frühjahres ein wenig den Überblick verloren, denn solche "Sprüche" wurden an etlichen Orten laut. Mag vielleicht sogar sein, daß sich der angemahnte und goutierte "Realismus der Friedensbewegung" vor allem in den Köpfen Frankfurter Journalisten ein Stelldichein gab. Das soll uns hier nicht weiter interessieren.

Anzumerken bleibt aber, daß in den vergangenen Monaten einiges an intellektuellem Aufwand in der regierungsnahen Presse betrieben wurde, um einem "realistischen" oder – ein beliebtes Synonym dafür – einem "bedingten Pazifismus" das Wort zu reden.

Unter der reichlich verlogenen Überschrift "Rettet den Pazifismus!" machte sich Robert Misik in der Berliner "tageszeitung" bereits im Januar (20.1.2003) für einen "modernisierten" Pazifismus stark:

"Ein modernisierter Pazifismus täte ... gut daran, die Bedingungen, unter denen im Notfall militärisch auf Gräuel oder akute Gefahren reagiert werden dürfe, maximal restriktiv zu formulieren – oder, wie das der Berliner Politikwissenschaftler Michael Wachholz nannte, das Programm eines 'bedingten Pazifismus' zu entwerfen. Dessen Ziel müßte es sein, die militärische zugunsten einer polizeilichen Rationalität zurückzudrängen. Nur muss schon anerkannt werden, dass es Situationen geben kann, in denen die Beendigung einer menschlichen Tragödie bloß mit Gewalteinsatz möglich ist." Freilich gibt es Situationen, in denen die "Beendigung einer menschlichen Tragödie bloß mit Gewalteinsatz möglich ist". Nur: Was hat die, sagen wir mal, gewaltsame Vereitelung einer Vergewaltigung mit der Legitimität von Militär zu tun? Misik vermengt ethische Probleme in der Manier eines KDV-Ausschuß-Vorsitzenden. Und wie sehen Bedingungen für militärische Reaktionen aus, die "maximal restriktiv" formuliert sind? Kann sich ein derart bedingter überhaupt noch vom klassischen Pazifismus unterscheiden? Misik bleibt im Vagen. Daß aber militärische Einsätze irgendwo, irgendwie und irgendwann nötig sind, das bitte schön, hat das Publikum gefälligst zu akzeptieren. Militärpolitik wird zur Glaubensangelegenheit.

An anderer Stelle ist sich der taz-Essayist sicher: Während der Jugoslawienkriege sei das "pazifistische Milieu" in "völligem Infantilismus versunken". Diesem galten, so empört sich Misik,

"...die Interventionen in Bosnien und im Kosovo als westliche 'Angriffskriege' gegen das souveräne Jugoslawien – dessen Machthaber Slobodan Milosevic die souveräne Vertreibung und Ermordung ethnischer Minderheiten gern zugebilligt wurde. Stur und heroisch fügt sich dieser Pazifismus meist in seine eigene Ohnmacht, spannte bei den mehr und mehr ausgedünnten Ostermärschen Transparente mit der Aufschrift 'Für Frieden und Menschenrechte' auf, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sich intellektuell dem Dilemma zu stellen, dass in manchen Situationen nur eines von beiden zu haben ist. Dafür wurde Joschka Fischer beim Bielefelder Grünen-Parteitag 1999 ein Farbbeutel ans Ohr geworfen." Geschenkt, wenn hier Misik die NATO-Bombenangriffe 1995 im Bosnienkrieg und den Kosovo-Krieg 1999 in einen Topf wirft: während jene aufgrund der UN-Beschlußlage halbwegs legitimiert waren, lag dem NATO-Krieg 1999 kein Mandat der Vereinten Nationen zugrunde – ein Umstand, auf dem der Angriffskriegvorwurf wesentlich basierte. Geschenkt, daß die Ostermärsche 1999 bundesweit deutlich mehr Zulauf hatten als in den Jahren zuvor. Und wenn der taz-Autor das nervige Lamentieren von Fischer und anderen prominenten Grünen über ihre "innere Zerrissenheit" angesichts der beschlossenen Militärangriffe und den geschichtsrevisionistischen Vergleich zwischen der damaligen Situation im Kosovo einerseits und der Shoa auf der anderen Seite als intellektuell adäquate Umgangsweise mit moralischen Dilemmata zu adeln versucht, dann mag er damit seinen wesentlichen Argumentationsschritt verstecken wollen, nämlich den, daß in manchen Situationen Frieden und Menschenrechte alternativ zueinander stehen, daß nicht immer beides, sondern manchmal "nur eines von beiden zu haben ist." Das Unredliche einer solchen Beweisführung ist offensichtlich. Von der Möglichkeit, daß allzu oft keines von beiden zu haben ist, davon sieht der Apologet des bedingten Pazifismus völlig ab. Daß nämlich nach Kriegen der "westlichen Wertegemeinschaft" die Menschenrechte nicht verwirklicht werden und – allgemeiner formuliert – die Umsetzung der propagierten Kriegsziele auf der Strecke bleibt, dürfte in der weitaus größten Zahl der Fälle zutreffen.

Beispiel Kosovo-Krieg und KFOR-Einsatz: Zwar konnten die meisten Kosovo-Albaner ins Kosovo zurückkehren, seit Jahren bleibt dies aber anderen Gruppen verwehrt: Menschen serbischer Abstammung, Roma, aber auch Menschen jüdischen Glaubens, die aus dem Landstrich fliehen mußten, bleiben aus Sicherheitsgründen im Exil. Dies liegt nicht zuletzt an den gescheiterten Entwaffungsversuchen der albanischen Rebellen durch die KFOR-Truppen. Mittlerweile ist der Balkan zur europäischen Drehscheibe des Zigaretten- und Frauenhandels avanciert.

Beispiel Afghanistan: Zwar wurde das Taliban-Regime entmachtet, aber weder konnte Osama bin Laden gefaßt werden, noch ist der Krieg im Land vorbei. Selbst die Hauptstadt Kabul, in der im Rahmen des ISAF-Einsatzes bundesdeutsche Soldaten ihr Lager aufgeschlagen haben, muß nach etlichen Raketenangriffen und einem erfolgreichen Selbstmordanschlag in den vergangenen Wochen nach wie vor als Kampfzone gelten. Um die Menschen- und insbesondere Frauenrechte ist es angesichts der fortdauernden Gewalttätigkeiten und des wenig gebrochenen Einflusses islamistischer Vorstellungen im Land schlecht bestellt.

Beispiel Horn von Afrika: Die Aktivitäten der deutschen Marine am Horn von Afrika als Bestandteil der Antiterrormission "Enduring Freedom" haben bisher nur sehr viel Geld gekostet. Positive Ergebnisse dieser militärischen Anstrengungen in irgendeiner Hinsicht sind bisher nicht greifbar. Das verwundert allerdings nicht, weil nach wie vor die Aufgaben der Marineeinheiten unklar sind.

Beispiel Irak-Krieg: Die propagierten Kriegsziele – Beseitigung irakischer Massenvernichtungsmittel und die Zerschlagung der Zusammenarbeit zwischen Bagdad und dem islamistischen Terrorismus – konnten nicht umgesetzt werden, weil, nach derzeitigem Erkenntnisstand, der Irak zu Beginn des Krieges weder über Massenvernichtungsmittel verfügte noch mit islamistischen Terroristen zusammenarbeitete. Immerhin dürfte sich – sozusagen als Nebenwirkung – die Lage der Menschenrechte im Irak verbessern. Allerdings hätte eine solche Entwicklung schon früher in den Händen der "westlichen Wertegemeinschaft" gelegen: zu Zeiten, in denen Saddam Hussein noch hofierter Bündnispartner war.

Die Liste ließe sich fortsetzen: Etwa mit dem völlig überflüssiger UN-Einsatz auf Osttimor wegen angeblicher Massaker – die Massaker durch indonesische Truppen und proindonesische Milizen gab es zwar tatsächlich, aber mehr als 20 Jahre zuvor. Auch die USA selbst sind ein Beispiel: Seit der "Krieg gegen Terror" geführt wird, hat sich die Menschenrechtslage in den USA deutlich verschlechtert.

Taz-Autor Misik möchte klarmachen, daß manchmal Menschenrechte nur mit dem Militär sicherzustellen sind. Ein Blick in die empirische Wirklichkeit zeigt aber, mit den Menschenrechten ist es eher schlecht bestellt, wenn ein Krieg sie herbeibomben soll. Getrost können wir das Konzept des "bedingten Pazifismus" als das brandmarken, was es ist: ein Versuch, die zunehmend militärisch agierende bundesdeutsche Außenpolitik zu legitimieren. Als "pazifistisch gesonnene Menschen" sind uns die "markigen Sprüche" näher als ein falsch verstandener Realitätssinn. Die Abschaffung der Bundeswehr bleibt ebenso das Ziel wie die Denunziation des Krieges als organisierten Massenmord.

F.-J. Murau