Salam oder Dschihad?
Islam und Islamismus aus friedenspolitischer Perspektive

(Buchrezension aus Kalaschnikov, Sendung vom 19. Februar 2003)


Wenn Goethes Gretchen ihrem Heinrich die bekannte Frage stellt, dann mag der Doktor Faust mit der Sprache nicht so recht herauskommen. Anders verhält es sich seit eh und je mit dem religionskritischen Alibri-Verlag in Aschaffenburg, dessen Autorinnen und Autoren aus ihrer negativen Haltung zur Religion in aller Regel keinen Hehl machen. In einer noch fast druckfrischen Publikation stellen die Herausgeber Clara und Paul Reinsdorf die 'Gretchenfrage' diesmal in Hinblick auf den Islam: "Salam oder Dschihad?" ist der 174 Seiten starke Sammelband betitelt, der in der Unterzeile Überlegungen zu "Islam und Islamismus aus friedenspolitischer Perspektive" verspricht.

"Salam oder Dschihad?" – Frieden oder "heiliger Krieg": Die Schärfe der formulierten Alternative dürfte allerdings eher den marktschreierischen Gepflogenheiten des Buchmarktes geschuldet sein, als daß sie den in den sieben Einzelbeiträgen ausgebreiteten Erkenntnissen entspräche. Denn eine eindeutige Antwort dürfen Leserinnen und Leser natürlich nicht erwarten. Ebensowenig wie pauschale Verteufelungen sind "Pauschalverharmlosungen" des Islam hilfreich – darauf macht im Schlußabschnitt seines Beitrages über Samuel Huntingtons Thesen vom "Kampf der Kulturen" Gernot Lennert nochmals eindringlich aufmerksam. Allerdings wird in den Texten deutlich, daß im Islam – dieses Ergebnis nehmen die beiden Herausgeber im "Vorwort" vorweg – tendenziell "mehr Probleme als Anknüpfungspunkte für eine gewaltfreie Politik" zu finden sind.

Die versammelten Beiträge gehen auf ein Seminar der hessischen DFG-VK zurück, das sich Anfang 1998 mit "Islam und Islamismus" auseinandersetzte. Für das 2003 erschienene Bändchen wurden sie zum Teil grundlegend überarbeitet und aktualisiert. Bemerkenswert an diesen Umständen ist zweierlei. Erstens die Tatsache, daß sich die hessischen Pazifisten schon weit vor dem 11. September 2001 mit dem politischen Islam beschäftigt haben. Und zweitens die fundierte Sachkenntnis, mit der sie das getan haben und nach wie vor tun. Als Beispiel für den beachtlichen Kenntnisreichtum der Autoren darf man den Beitrag von Gernot Lennert herausheben, in dem er in einem historischen Parforceritt die fast 1.400 Jahre des islamisch-westlichen Verhältnisses beleuchtet. Die Argumentation in diesem Beitrag ist jedoch eher ereignishistorisch ausgerichtet als sozial- und wirtschaftsgeschichtlich. Dadurch werden die konfliktären Seiten des westlich-islamischen Verhältnisses zu stark betont, weil gerade jene Zusammenhänge, die bei der Verbreitung der islamisch-arabischen Kultur im mittelalterlichen Europa eine Rolle gespielt haben, sich teilweise den Mustern einer machtpolitisch orientierten Historiographie entziehen. Freilich betont auch der Autor, daß "Europa gewaltig von der Begegnung mit dem Islam" profitierte. Doch kommt angesichts seiner Relevanz für die "abendländische" Geschichte dieser Kulturtransfer zu kurz; zudem ist seine Einordnung unter der Überschrift "Bilanz der Kreuzzüge" recht unglücklich gewählt: Daß nämlich der Krieg der Vater aller Dinge sei, dieser Satz stimmt eben nicht immer.

Besonders interessant und reizvoll an "Salam oder Dschihad?" ist der Versuch, in der vielfältigen Geschichte des Islams und der islamisch geprägten Gesellschaften gewaltfreien Bewegungen nachzuspüren. Dieses Ziel setzen sich zwei Beiträge des Bandes. Cemal Sinci beschreibt die Entstehung und Geschichte einer antimilitaristischen Bewegung in der Türkei, also einem Land, das zwar islamisch geprägt, aber seit seiner Gründung dem Laizismus, der Trennung von Staat und Religion, verpflichtet ist. Sein Fazit in Bezug auf den Islam ist pessimistisch: Eine Bewegung gegen den Krieg konnte sich in der Türkei nur trotz des Islam entwickeln, denn die Religion sei ein "Hindernis für antimilitaristische Arbeit".

Bruno Weil hingegen stellt zwei Beispiele für Gewaltfreiheit im Islam vor: Die islamische Reformbewegung "republikanische Brüder" im Sudan, deren Leitfigur, Mahmud Muhammad Taha, als "Gotteslästerer" verurteilt und 1985 hingerichtet wurde. Und die "islamisch-gandhianischen 'Rothemden'", die im indischen Unabhängigkeitskrieg agierten. Beide Bewegungen interpretierten den Koran in einer Weise, die den mekkanischen Suren eine größere Bedeutung als den in Medina entstandenen zuweist, wo Mohammed als Staats- und Militärchef handelte – für die islamische Orthodoxie nichts anderes als Ketzerei. Für die westlich-aufgeklärte, gewaltfreie Linke gehöre die Auseinandersetzung mit gewaltfreien islamischen Traditionen auf die Tagesordnung. Es reiche nicht aus, darauf beharrt Bruno Weil, dem Islam einen aufgeklärten Atheismus entgegenzusetzen. Denn mit der Aufklärung entfalteten sich dialektisch auch die Potentiale und Dynamiken für die "großen Kriege, Verbrechen und menschlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts". Eine Millionen Tote im Bombenkrieg der Sowjetunion in Afghanistan sind der Verantwortung eines "aufgeklärten Atheismus" zuzurechnen – jedenfalls in der Wahrnehmung der "islamischen Zivilisation.". Folglich:

"Entweder vollzieht sich Emanzipation aus libertären und gewaltfreien Ansätzen der eigenen Kultur oder progressive Inhalte werden zumindest in der eigenen kulturellen Sprache und Tradition ausgedrückt ... oder aber reaktionäre Inhalte verfestigen sich gerade im Kampf gegen die westliche Arroganz der Herrschaft. Es käme also heute ... darauf an, nicht-westliche Strömungen und Ideen nach solchen Ansätzen zu durchforsten und zu untersuchen." Es ist zu hoffen, daß friedensbewegte Kreise weiterhin an diesem Programm arbeiten. Man kann die Skepsis des Textes gegenüber einem "aufgeklärten Atheismus" auch als Antwort auf den Beitrag von Gunnar Schedel lesen, der die "Grundbegriffe des Islam" in Bezug auf Religion, Staat und Gesellschaft zu klären sucht. Zweifellos gelingt es Schedel, die wichtigsten Termini und Zusammenhänge in knapper Form und gut verständlich darzulegen. Insofern haben wir es hier mit einer empfehlenswerten Einführung in das Thema zu tun. Indem er allerdings hinsichtlich verschiedener Probleme deutlich Position bezieht, geht der Beitrag über den Rahmen einer Einführung hinaus. Zwar mag es ja durchaus richtig sein zu behaupten, "eine eigenständige islamische 'Aufklärung', die mit der europäischen vergleichbar wäre, hat es nicht gegeben." Aber die Begriffe, mit denen der Autor die europäische Aufklärung dann in Verbindung bringt – Demokratie, Menschenrechte, Gesellschaftsvertrag statt Gemeinschaft, Toleranz, Pluralismus und "offene Gesellschaft" – machen doch etwas stutzig. Hier kommt die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft selbst zum Vorschein, die weder etwas von den negativen Seiten der Vernunft, der erwähnten "Dialektik der Aufklärung" weiß, noch von ihren eigen Grundlagen, nämlich ihrer sozio-ökonomischen Spaltung in Klassen.

Darüber hinaus ficht Gunnar Schedel eine Fehde mit der mittlerweile verstorbenen Islamforscherin Annemarie Schimmel aus, der er eine "verharmlosende" Auslegung des Begriffes "Dschihad" vorwirft. Die Frage dabei ist, ob ursprünglich mit dem Begriff die Durchsetzung des Islams mit gewalttätigen Mitteln (so die Auffassung des Autors) oder ein unkriegerisches, inneres "Streben nach Gott" gemeint war. Zwar mag dieses Problem nur ein nebensächliches sein, aber man würde sich ein paar weiterführende, die Ansicht des Autors untermauernde Argumentationen wünschen, da die Interpretation von Schimmel nach wie vor in etlichen öffentlichen Äußerungen geteilt wird.

Am Schluß macht Gunnar Schedel darauf aufmerksam, daß sich der

"Islam insgesamt gesehen eher dazu tendiert, sich mit autokratischen Herrschaftssystemen zu vertragen; erweist diesbezüglich offensichtlich ein höheres Maß an Kompatibilität auf als mit demokratischen Strukturen." Das stimmt sicherlich. Zu fragen bleibt aber, warum dies so ist. Der religionskritische Blick des Autors legt nahe, daß die Antwort in den Grundaussagen des Islams selbst zu finden ist. Das ist allerdings nur ein mögliche Erklärung. Die beschriebene Tendenz könnte auch mit der sozioökonomischen Verfaßtheit der islamischen Gesellschaften zusammenhängen. Denn auffällig ist ja nun auch, daß politisch demokratische Systeme in aller Regel nur in Ländern zu finden sind, die ökonomisch und sozial zur sogenannten ersten Welt zu rechnen sind. Der religionskritische Blick müßte also durch Analyse der sozialen und ökonomischen Verhältnisse in den islamischen Gesellschaften ergänzt werden. Und durch eine Analyse der Geschlechterbeziehungen. Denn denkbar wäre es, daß das Vorhandensein von autoritären und gewalttätigen Strukturen in islamischen Gesellschaften etwas mit geschlechtsspezifischer Sozialisation zu tun hat.

Denn daß in islamischen Gesellschaften Frauen zum Teil in extremer Weise diskriminiert werden, und der Islam letztlich das Patriarchat festigt, daran läßt die sorgfältige und detaillierte Untersuchung von Heike Fischer über "Frauen im Islam" keinen Zweifel. Sie betont jedoch auch, daß die Einführung des Islam im siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Situation der Frauen in den arabischen Beduinenstämmen eher verbesserte. In jedem Fall dürften aber Überlegungen hinsichtlich der Konsequenzen von partriarchalen Strukturen beim künftigen friedenspolitischen Blicken auf Islam und Islamismus von Nutzen sein.

Zum Schluß sei noch kurz die Arbeit von Bahram Choubine erwähnt, der sich der Frage stellt: "Was ist Islamismus?". Choubine versucht eine exemplarische Antwort zu geben, indem er das Herrschaftssystem im Iran nach der islamischen Revolution in all seiner Brutalität drastisch schildert. Eine haarscharfe Definition des Begriffs bleibt der Autor schuldig; sie ist wohl auch kaum leistbar.

Zumindest ist eine Trennung zwischen "gutem" Islam einerseits und "bösem" Islamismus auf der anderen Seite analytisch wenig sinnvoll. So sieht es nicht nur Gernot Lennert im Schlußkapitel, welches sich – wie schon erwähnt – mit der These vom "Kampf der Kulturen" befaßt. Durchaus passend an dieser Stelle. Denn dem "Dschihad" als Begründungszusammenhang für militärisches Agieren islamischer Fundamentalisten steht sozusagen der "Kampf der Kulturen" als ideologisches Konzept für militärisches Vorgehen auf der westlichen Seite gegenüber. Lennert erteilt den Aussagen Huntingtons allerdings eine minutiös begründete Absage und läßt dabei die politologische Debatte Revue passieren, die sich um diese Thesen entsponnen hat. Allerdings sollte Kritik am Islam stets gut fundiert sein, um nicht rassistische Ressentiments gegenüber Moslems zu befördern. Die Aussage aber, es werde geschätzt, "dass Osama bin Laden die emotionale Unterstützung von 50% aller Moslems genießt", dürfte diesem Grundsatz nicht genügen. Den phantastisch hohen Wert legte sich zwar tatsächlich ein amerikanischer Journalist in der "New York Post" zurecht, aber die von ihm als Beleg angeführten Umfragen, soweit sie nicht völlig den üblichen Standards widersprachen, stützten das Ergebnis in keiner Weise. Hier bastelte einer also an Feindbildern; bei so etwas mitzumachen, sollten Friedensbewegte anderen überlassen.

Insgesamt sei "Salam oder Dschihad" allen an Krieg und Frieden interessierten Menschen, die sich mit dem Thema Islam und Islamismus befassen möchten – und wer tut das in diesen Wochen und Monaten nicht? – wärmstens ans Herz gelegt. Dies auch, weil das Bändchen einen Überblick über sehr unterschiedliche Aspekte des Thema zu einem Preis bietet, den man als günstig bezeichnen kann. Das Taschenbuch kostet 12 Euro. Für die Friedensbewegung darf man hoffen, daß sie in weiteren Seminaren die Debatte auf ähnlich hohem Niveau fortsetzt.

F.-J. Murau
 
 

Clara und Paul Reinsdorf (Hrsg.):
Salam oder Dschihad?
Islam und Islamismus aus friedenspolitischer Perspektive
Aschaffenburg (Alibri Verlag) 2003
174 Seiten, 12 Euro