Bundeswehr - abschaffen oder reformieren?

Eine verbandsinterne Debatte um Ostermärsche, Abrüstungsschritte und gläserne Kasernen

(Februar bis Juni 2001)



  Selbstverständlich sind wir an weiteren Meinungsäußerungen zu den hier dargestellten Positionen interessiert.
 
DFG-VK Marburg

Liebe Freundinnen und Freunde,

rechtzeitig zu den Ostermärschen will die DFG-VK die Aktion "Schritte zur Abrüstung" starten - ein friedenspolitisches Acht-Punkte-Programm, das kurzfristig umsetzbare Abrüstungsschritte benennt. In einem abgestuften Aktionsplan wollen wir damit Öffentlichkeit für friedenspolitische Forderungen schaffen, nach ersten Unterschriftensammlungen bei den Ostermärschen werden wir versuchen, zunächst mit Anzeigen den Kreis der UnterstützerInnen zu vergrößern. Später im Jahr sollen Brief- und Mail-Aktionen dazu kommen, die wir mit entsprechender Pressearbeit flankieren wollen.

Wir bitten euch, den folgenden Aufruf als ErstunterzeichnerInnen zu unterstützen! Für den BundessprecherInnenkreis der DFG-VK Kathrin Vogler

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Schritte zur Abrüstung

Die Regierung Schröder plant unter Federführung von Bundeswehrminister Scharping eine neue Aufrüstungsrunde. Die Bundeswehr wird zur Interventionsarmee umgebaut und mit neuen Waffensystemen aufgerüstet. Dafür werden nun mit Beschaffungsprogrammen in Milliardenhöhe und internationalen Vereinbarungen die Weichen gestellt. 60.000 EU-Soldaten sollen künftig für Kriegseinsätze bereit stehen. Die Rüstungsausgaben werden wieder steigen - auch auf Kosten ziviler Konfliktprävention und -bearbeitung. Militär schafft keinen Frieden. Die Militarisierung der deutschen und EU-Außenpolitik erhöht die Kriegsgefahr in und um Europa. Deshalb muss diese falsche Politik jetzt gestoppt werden. Eine Weichenstellung für eine Entmilitarisierung der deutschen Politik kann und muß jetzt erfolgen.

Eine schrittweise, deutliche Verkleinerung der Bundeswehr wird weitere Abrüstung in Europa erleichtern. Wir vertreten die Zielperspektive der Auflösung aller nationalen Armeen. Schritte zur Abrüstung müssen in der Gesellschaft diskutiert werden und unter Mitwirkung und demokratischer Kontrolle der BürgerInnen erfolgen.

Wir fordern die Bundesregierung auf, folgende erste Schritte zu unternehmen:

- Stopp der Umstrukturierungsmaßnahmen, die aus der Bundeswehr eine Interventionsarmee machen sollen und aller dazu gehörenden Rüstungsprojekte;

- Verringerung der Personalstärke der Bundeswehr auf 150 000 Soldaten bis zum Jahr 2002;

- sofortige Abschaffung der Wehrpflicht, Kürzung des Militärhaushaltes zu Gunsten von Ausgleichsmaßnahmen für den wegfallenden Zivildienst;

- Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland mit dem Ziel einer atomwaffenfreien Zone in Europa; aktives Eintreten für eine Konvention zur Ächtung aller Atomwaffen;

- Kürzung der Rüstungsausgaben um mindestens 5 % jährlich;

- Sofortiger Stopp aller Rüstungsexporte;

- Förderung ziviler Krisenprävention und Konfliktbearbeitung mit mindestens 50 Mio. DM jährlich, das sind 1 Promille des jetzigen Rüstungsetats;

- Mindestens 10 Millionen DM jährlich für Friedens- und Konfliktforschung.

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Liebe Freundinnen und Freunde!

Wir haben das vorgeschlagene Programm "Schritte zur Abrüstung" des DFG-VK-SprecherInnenkreises kurz diskutiert und für schlecht befunden. Aus folgenden Gründen:

1. In dem Papier heißt es: "Eine schrittweise, deutliche Verkleinerung der Bundeswehr wird weitere Abrüstung in Europa erleichtern. Wir vertreten die Zielperspektive der Auflösung aller nationalen Armeen." Das stimmt nicht. Denn die Zielperspektive der DFG-VK ist die Auflösung aller Armeen. Ein wesentlicher Zwischenschritt dabei ist die "Abschaffung der Bundeswehr". Seit etlichen Jahren fordert das unser Verband. Der Aufruf erwähnt diese Position aber nicht. Statt dessen ist von der Auflösung aller "nationalen" Armeen betont die Rede. Eine solche demonstrative Formulierung muß dem unvoreingenommenen Betrachter vermitteln, daß mit dem Vorhandensein von internationalen Armeen unsere Organisation wenig Probleme hat.

2. Der Text des BSK zeichnet ein Bild von "kurzfristig umsetzbaren Abrüstungsschritten". Für die Bundeswehr sieht das so aus: 1. Stopp der Umstrukturierungsmaßnahmen; 2. Verringerung der Personalstärke auf 150.000 Soldaten bis 2002; 3. Abschaffung der Wehrpflicht und 4. Kürzung der Rüstungsausgaben um mindestens 5% jährlich. Was heißt das aber konkret für die deutschen Streitkräfte im nächsten Jahr? Folgt die Bundesregierung diesen Vorschlägen, dann dürfen wir uns mit folgendem konfrontiert sehen: Die Rüstungsausgaben sind auf 95 oder, wenn's denn sein soll, 90% heruntergefahren. Wehrpflicht ist nicht mehr. Die Rüstungsschmieden bleiben auf ihren neue Wummen, Helikoptern oder sonstigen Interventionswerkzeugen sitzen. Null Investitionsausgaben. Die Personalstärke ist mehr als halbiert. Was soll das dann für eine Armee sein? Eine Zombie-Streitmacht, in der die wenigen noch vorhandenen Nichtsnutze einen exorbitanten Sold beziehen? 95% für die Hälfte des Personals? Anders rechnet sich das ja wohl nicht. Anders formuliert: Warum schustert der Text derart x-beliebige und letztlich inkompatible Forderungen zusammen? Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen?

3. "Die Bundeswehr wird zur Interventionsstreitmacht umgebaut", behauptet der SprecherInnenkreis der DFG-VK. Nein, auch das ist falsch. Die Bundeswehr ist bereits eine Interventionsstreitmacht. Sie steht u. a. in Bosnien und im Kosovo. Bundeswehrsoldaten besuchen out-of-area-Bordelle in Mazedonien, und sie schmuggeln Waffen; sie regeln den Verkehr und helfen alten Damen in der südserbischen Provinz über die Straße. All dies ermöglichten wochenlange Bombardements. Was die Bundeswehr aber in den besetzten Gebieten nicht tut ist: die Vertreibungen im Kosovo von Serben, Juden, Roma, von Nicht-Albanern zu unterbinden. Auch das wäre ein Beitrag zur "kurzfristigen Abrüstung": Bundeswehr raus aus Bosnien und dem Kosovo! (Diese einsichtige und konsequente Forderung erhebt merkwürdigerweise - nach unserer Beobachtung - niemand. Hmm.)

4. "Sofortige Abschaffung der Wehrpflicht, Kürzung des Militärhaushaltes zu Gunsten von Ausgleichsmaßnahmen für den wegfallenden Zivildienst". Abschaffung der Wehrpflicht - natürlich okay, aber was, Göttin, ist mit den "Ausgleichsmaßnahmen" gemeint? Knast für alle, weil die Totis ohne Wehrpflicht nicht mehr einfahren müssen ? Nein, freilich darum geht es nicht. Aber müssen wir uns wirklich einen Kopp drum machen, wie etwa das Klinikum Marburg, das viele hundert Beschäftigte hat und seit Jahrzehnten größter Zivi-Arbeitgeber Marburgs ist, ohne Zivildienstleistende auskommt? Wohl kaum. Müssen wir unbedingt die verbreitete Auffassung bedienen, nach der der Zivildienst ja doch irgendwie und letztlich was Gutes hat? Wir denken: nein.

5. Bemerkenswert an dem DFG-VK-BSK Aufruf ist folgendes. Seit Zeiten versuchen wir, zwei Themen insbesondere ostermarschaufruflich, aber auch allgemein friedensagitatorisch einzubringen: a. gegen Rüstungsexporte zu sein, bedeutet auch für ein Asylrecht von Deserteuren zu plädieren; b. Totis gehören nicht in den Knast oder sonstwie repressiv verfolgt. Beide Forderungen finden sich nicht im "Programm" des BSK. Diesbezüglich sind wir arg irritiert und bitten um Aufklärung!

DFG-VK Marburg, 19.2.2001

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[Email des SprecherInnenkreises der DFG-VK vom 14.3.2001]

DFG-VK informiert: Rechte beim Bund

Zum Rechtsextremismus in der Bundeswehr erklärt die Bundessprecherin der DFG-VK, Kathrin Vogler:
Dass die Bundeswehr zunehmend zum Tummelplatz von rechtsextrem und antidemokratisch eingestellten Männern wird ist nicht neu. Schon 1994 ergab eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr (SOWI), dass die Bundeswehr fast nur noch von Jugendlichen mit deutlich rechtsextremem Weltbild positiv gesehen wird. Schon damals wurde seitens der Regierungsparteien CDU und FDP die rechtsextreme Orientierung vieler Soldaten „Spiegelbild der Gesellschaft" verharmlost. Heute bemüht der SPD-Politiker Penner dieselben Floskeln, um einen Anstieg rechter Straftaten um 45% zu erklären und verordnet die selbe Medizin wie seine Vorgänger: Die politische Bildung in der Bundeswehr soll intensiviert, der Drang nach rechts außen damit gebremst werden. Erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit dieser Therapie äußert die Bundessprecherin der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Kathrin Vogler. Weder sei die Idee neu, noch habe sie in den vergangenen Jahren irgendeine Wirkung gezeigt. Vielmehr sei die hohe Zahl von rechten Gesinnungstätern nur die Spitze eines braunen Eisbergs, da viele Vorfälle nach wie vor aus Angst oder „Kameraderie" nicht angezeigt würden. Gerade rassistische und Gewalt verherrlichende Äußerungen von Offizieren kommen nur in Ausnahmefällen an die Öffentlichkeit. Die Darstellung des Deutschen Bundeswehrverbandes, Rechtsextremismus sei ein Problem nur bei Wehrpflichtigen und Freiwilligen, muss deshalb zurückgewiesen werden.
Die ungebrochene Attraktivität der Bundeswehr für rechtsextreme Jugendliche schreibt die DFG-VK unter anderem dem Auftrag der Armee zu. Die Politiker sowohl der CDU/FDP-Regierung als auch der jetzigen rot-grünen Koalition haben durch die Umwandlung der Bundeswehr in eine Angriffsarmee und ihre Teilnahme am völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien geradezu signalisiert, dass jetzt Soldaten gebraucht würden, die bereit sind, für deutsche Interessen in aller Welt über Leichen zu gehen.
„Die Politiker sind hilf- und ratlos, was die rechten Umtriebe in der Bundeswehr angeht," so Vogler. „Sie wissen nicht, was sie wollen. Einerseits fördern und fordern sie Gewaltbereitschaft, indem sie die Soldaten durch kriegsnahe Ausbildung zum Töten drillen lassen, andererseits äußern sie Entsetzen, wenn sich dieses Gewaltpotenzial unkontrolliert entlädt." Die Bundeswehr sei von sich aus nicht in der Lage, diese Widersprüche aufzulösen.
Die Friedensgesellschaft fordert daher von der Bundesregierung klare Schritte in Richtung einer Entmilitarisierung der Politik. Nur wer selbst auf Gewalt verzichtet, kann dies auch glaubwürdig von anderen verlangen. Die Bundeswehr müsse abgerüstet, statt für neue Kriege umgerüstet werden. Um Korpsgeist und antidemokratischem Denken wirksam entgegenzutreten, sei es nötig, gläserne Kasernen zu schaffen. Die Zivilgesellschaft müsse kontrollieren, was sich hinter den Kasernenmauern abspielt. Statt politischem Unterricht in der Bundeswehr fordert die DFG-VK verstärkte Auseinandersetzung der Truppe mit Opfern und Gegnern des Faschismus. Das Verteidigungsministerium solle den Soldatinnen und Soldaten zum Beispiel Trainings gegen Gewalt und Rassismus finanzieren, wie sie von verschiedenen Friedensbildungswerken seit Jahren mit Erfolg angeboten werden.
 

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[Email der DFG-VK Marburg vom 17.3.2001]

Liebe Kathrin,
ich habe eben Deine Pressemitteilung vom 14.3. gelesen, dabei sind mir vor allem die Formulierungen am Schluß aufgefallen:
"Die Friedensgesellschaft fordert daher von der Bundesregierung klare Schritte in Richtung einer Entmilitarisierung der Politik. Nur wer selbst auf Gewalt verzichtet, kann dies auch glaubwürdig von anderen verlangen. Die Bundeswehr müsse abgerüstet, statt für neue Kriege umgerüstet werden. Um Korpsgeist und antidemokratischem Denken wirksam entgegenzutreten, sei es nötig, gläserne Kasernen zu schaffen. Die Zivilgesellschaft müsse kontrollieren, was sich hinter den Kasernenmauern abspielt. Statt politischem Unterricht in der Bundeswehr fordert die DFG-VK verstärkte Auseinandersetzung der Truppe mit Opfern und Gegnern des Faschismus. Das Verteidigungsministerium solle den Soldatinnen und Soldaten zum Beispiel Trainings gegen Gewalt und Rassismus finanzieren, wie sie von verschiedenen Friedensbildungswerken seit Jahren mit Erfolg angeboten werden."
Ich muß zugeben, daß ich die Beschlußlage auf "Bundesebene" nicht im Kopf habe, daher meine Frage an Dich, ob Du mir mitteilen könntest, welches Gremium die Forderung nach einer abgerüsteten, zivilgesellschafltich kontrollierten, also wohl demokratischen Armee verabschiedet hat? Und wie die Stellung der BoA-Initiativen dazu ist?
Davon abgesehen finde ich die Erklärung nicht sonderlich geglückt. Im letzten Satz des vorletzten Absatzes sagst du, die BW sei nicht in der Lage den Widerspruch zwischen Förderung der Gewaltbereitschaft und Kontrolle des Gewaltpotentials aufzulösen - das ist natürlich sehr richtig; aber warum schlägst Du dann zum Schluß die Antigewalt-Trainings
vor, so als wäre die BW dann eben doch in der Lage, diesen Widerspruch zu lösen, wenn sie nur diesem Vorschlag folgt?
Und wo ich schon mal beim Schreiben bin: Ich glaube, vor einiger Zeit hat Rüdiger mal unsere inhaltliche Kritik an dem BSK-Forderungsprogramm "Schritte zur Abrüstung" herumgeschickt; Reaktionen haben wir darauf leider nicht erfahren. Weißt Du, ob unser Text zur Kenntnis genommen wurde, oder siehst Du da keinen Diskussionsbedarf?
Gruß, [cha].
 

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[Email des SprecherInnenkreises der DFG-VK vom 19. März 2001]

Hallo C.,
deine Interpretation, ich fordere die Beibehaltung der Bundeswehr, ist  falsch. Vielmehr ist nach wie vor Position der DFG-VK (und auch in diversen  Publikationen nachzulesen), dass die Bundeswehr abzuschaffen sei. Nun muss  man sich in Presseerklärungen auf aktuelle Diskussionen beziehen, welche mal  wieder so abliefen:  - die PolitikerInnen meinen, man könne alles aussitzen und die Bundeswehr  selbst in Form von Polit-Unterricht das Problem richten lassen.  - die JournalistInnen befragen als Fachleute die PolitikerInnen und den  Bundeswehrverband, der meint, es sei alles nur ein Problem der  Wehrpflichtigen,  und alle sind einig und zufrieden.  Als pazifistische Organisation müssen wir versuchen, die Widersprüche  zwischen verbaler Gewaltablehnung und realer Gewalterzeugung und -nutzung  aufzuzeigen. Mein Vorschlag, die SoldatInnen zu Antigewalttrainings  freistellen zu lassen, hat meiner Ansicht nach durchaus subversiven  Charakter. Es ist nämlich selbst vom Standpunkt prinzipiell  Bundeswehr-freundlicher Politiker nur schwer etwas dagegen einzuwenden, ohne  sich als bekennender Gewaltbefürworter zu outen. Aber er durchbricht das  Denk-Schema, dass die Buwe dieses "interne" Problem selbst in irgendeiner  Form positiv beeinflussen kann. Und außerdem kann man keine Armee  abschaffen, ohne den Kontakt und die Diskussion mit den davon in ihrer  Lebensplanung betroffenen zu suchen. Mir ist klar, dass diese Haltung in der  DFG-VK nicht nur auf Zustimmung stößt, aber ich halte sie für einen  unverzichtbaren Bestandteil gewaltfreien Handelns.  Eure Stellungnahme zu "Schritte zur Abrüstung" habe ich selbstverständlich  erhalten. Falsch ist, dass es sich dabei um eine BSK-Kampagne handelt.  Richtig ist vielmehr, dass es sich um eine vom BA aktualisierte Aktion in  Umsetzung eines Buko-Beschlusses handelt. Ich war nicht beim letzten BA,  deshalb weiß ich nicht, ob und wie eure Kritik dort diskutiert wurde.  Entweder ihr entnehmt dies dem BA-Protokoll, oder ihr wendet euch an ..., der dort war.
Kathrin
 

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[Email von Mitte März 2001]

Lieber C.,
vielen Dank, daß Ihr nun zum dritten Mal in kurzer Zeit (nach "Schritte  für Abrüstung" und der "Ostermarschaufrufsynopse") gekonnte und  zutreffende sprachliche Analysen vorgelegt habt.  Üblicherweise bewerten wir den guten Willen zur Erreichung des  gemeinsamen Zieles höher als eventuelle sprachliche "Ungeschicktheiten"  und haben deshalb den Aufruf "Schritte für Abrüstung" unterschrieben,  obwohl wir uns bessere Formulierungen hätten vorstellen können. Mit  Eurer Kritik, daß die Abschaffung "nationaler Armeen" als Fernziel so  gelesen werden kann, daß man gegen eine internationale Armee als  "Weltpolizei" oder für vom UN-Sicherheitsrat beschlossene Einsätze keine  Einwände hat, habt Ihr selbstverständlich recht. Und daß die Abschaffung  der Armee nur in den Ostermarschaufrufen von Hamburg und Bodenseeregion  vorkommt, also nur dort, wo die Aktiven von BoA-Nord und -Süd bekannt  sind, ist kein Zufall. An anderen Ostermarschaufrufen waren  DFG-VK-Mitglieder beteiligt, ohne daß sie das dort erfolgreich  eingebracht hätten.  Wenn jetzt zum wiederholten Mal in einem bundesweiten DFG-VK-Text  "militärreformerische" Positionen vertreten werden, hat dieses wohl  nicht mehr nur mit sprachlichen "Ungeschicktheiten" zu tun. Das scheint  dann tatsächlich die Position von Bundesverbandsaktiven zu sein.  Folgende Positionen teilen wir sicher nicht:  Wir sind nicht für die "gläsernen" Kasernen sondern für die Schließung  aller Kasernen. Dafür gibt es zum Beispiel über Pfingsten eine  Friedensfahrradtour im deutsch-dänischen Grenzgebiet, die wir gemeinsam  mit der VVN/BdA und dänischen Gruppen, die für die Abschaffung der  deutschen und dänischen und aller anderen Armeen sind, durchführen.  Unsere Forderung lautet: Für ein Europa ohne Armee(n)! Und eine  entmilitarisierte dänisch-deutsche Grenzregion als Zwischenschritt. Das  bedeutet natürlich nicht, daß wir für den Beibehalt beispielsweise der  amerikanischen oder chinesischen Armeen wären.  Daß eine "Kontrolle seitens der Zivilgesellschaft" in der Lage wäre,  Korpsgeist und antidemokratischem Denken wirksam entgegenzutreten,  glauben wir nicht. Denn dieses ist das originäre Wesen des Militärs und  nicht die Folge mangelnder demokratischer Kontrolle.  "Statt politischem Unterricht in der Bundeswehr fordert die DFG-VK  verstärkte Auseinandersetzung der Truppe mit Opfern und Gegnern des  Faschismus." Dieses geschieht bereits, nützt aber nichts. Vertreter der  VVN - Bund der Antifaschisten wurden bereits in den politischen  Unterricht eingeladen und Soldaten fahren zum Besuch der KZ-Gedenkstätte  Neuengamme. Dies sind Alibiveranstaltungen, die bisher noch keinen  Soldaten davon abgebracht haben, sich der Kriegsvorbereitung und  Kriegführung zu widersetzen. Im Gegenteil - der Besuch in Neuengamme  diente dazu, die Soldaten auf den unsäglichen Auschwitz-Vergleich  vorzubereiten, mit dem der  Angriffskrieg gegen Jugoslawien seitens der  Bundesregierung gerechtfertigt wurde. Die Bundeswehr soll in die  "antifaschistische" Tradition des 20. Juli gestellt werden, da dieses  für "Rot-Grün" deren Kriegspolitik glaubwürdiger legitimiert. Ob jemand  nun für "Nation und Rasse" oder für "humanitäre Ziele" im Auftrag von  UNO, EU oder NATO mordet, ist kein wesentlicher Unterschied, die Helme  und Uniformen sind austauschbar und die Aufgaben und die Tätigkeiten der  Soldaten bleiben.  "Das Verteidigungsministerium solle den Soldatinnen und Soldaten zum  Beispiel Trainings gegen Gewalt und  Rassismus finanzieren," führt, wenn es in unserem Sinne gemacht würde,  dazu, daß alle zu 100% verweigern. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß es  so durchgeführt wird, wie in unserer Kritik des Zivilen Friedensdienstes  beschrieben. Wer zahlt, bestimmt nämlich die Strategien und Inhalte.  Und wie die Stellung der BoA-Initiativen dazu ist?  Deine Frage bezüglich der Stellung der BoA-Initiativen können wir nur  für uns beantworten:  Wir treten für die Abschaffung der Bundeswehr ein, exemplarisch für alle  anderen Armeen, auch die internationalen.  Eine Demokratisierung der Armee halten wir für unmöglich.  Eine Forderung nach Demokratisierung der Armee halten wir für  kontraproduktiv, da damit der Eindruck erweckt wird, daß Militär auch  aufrecht erhalten werden kann, wenn es nur demokratisch kontrolliert  wird. Dies trägt zur Verharmlosung des Militärs bei. Diese Diskussion  haben wir in SH lang und breit mit den Bündnisgrünen erfolglos geführt.  In unserer Broschüre "Wer keine Nazis mag, darf auch die Bundeswehr  nicht rechts liegen lassen" wird man deshalb die Forderung nach  Demokratisierung nicht finden, sondern nur die nach Abschaffung der  Bundeswehr. Das unterscheidet diese Broschüre von den Büchern von Ulrich  Sander und Lorenz Knorr.  Wir sind auch der Überzeugung, daß wir die Forderung nach Abschaffung  der Bundeswehr nicht verstecken müssen und vertreten sie deshalb  offensiv. Das geschah im Jahr 2000 z.B. in der bürgerlichen Flensburger  Presse insgesamt 42 mal in Form von Leserbriefen, auch solchen, die auf  unsere in unserem Sinne beantwortet wurden, Pressemitteilungen und  Veranstaltungsankündigungen. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß  diejenigen Gruppen und Einzelpersonen, die wirkliche Abrüstung wollen,  selbstverständlich auch die Forderung nach Abschaffung der Bundeswehr  und aller anderen Armeen und Kampfverbände teilen. Diejenigen, die  Bundeswehr grundsätzlich gut finden, oder sie zur Landesverteidigung  haben wollen, gegen Rechtsradikale einsetzen wollen, nur auf eine  bestimmte Truppenstärke reduzieren und demokratisieren wollen, oder sie  als "letztes Mittel" zur Verfügung haben wollen, sind auch für  tatsächliche Abrüstung nicht zu gewinnen, auch nicht als Zwischenlösung,  da sie die Bundeswehr ja immer für die gewünschten Ziele umrüsten und  umstrukturieren wollen und dafür dann auch das Geld zur Verfügung haben  wollen. Und wenn es uns dabei gelingt, auch ab und an Militärbefürworter  zu überzeugen, um so besser. Wir wollen unsere Forderungen und  Aktivitäten aber nicht an ihnen ausrichten.  Da erweitern wir unsere Zielgruppe lieber auf diejenigen, deren  Zielvorstellung eine grundsätzlich antimilitaristische und pazifistische  ist. Die Broschüre "Urangeschosse" wurde z.B. vom BUND-Vorstand in der  bundesweiten Mitgliederzeitschrift beworben ohne daß sich Mitglieder des  BUND an der Forderung "Bundeswehr abschaffen" gestoßen hätten, im  Gegenteil: aufgrund der Anzeige wurden von zwei Lehrerinnen Klassensätze  bestellt und Gruppen und Einzelpersonen haben die Broschüren bestellt.  Ebenso haben die Gruppen, die in X-tausenmal quer zusammenarbeiten die  Broschüre und die auf der Titelseite verbreitete Forderung beworben und  arbeiten damit und auch der Ökologische Ärztebund bewirbt die Broschüre  mit der Forderung "Bundeswehr abschaffen".
Mit freundlichen Grüßen
R. C.
S. N.

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