Friedensarbeit in Jugoslawien – wie weiter mit der unabhängigen Opposition?

(November 2000)


Wenn in der bundesdeutschen veröffentlichten Meinung von der Opposition in Jugoslawien die Rede ist, dann sind damit Politiker wie Zoran Djindjic oder – der zur Zeit letzte Schrei – Vojislav Kostunica gemeint, die ihre jeweilige Anhängerschaft mobilisieren, um an staatliche Machtpositionen zu gelangen. Dabei erfreuen sie sich mehr oder weniger starker Unterstützung durch die Regierungen der Nato-Staaten, die ihrer Bevölkerung einreden, es werde schließlich alles gut, wenn nur Milosevic, die Personifikation des Bösen schlechthin, verschwindet, im Zuge der unvermeidlichen neoliberalen Reformen die Lebensbedingungen in Jugoslawien noch schlechter werden, als sie es mittlerweile ohnehin sind und endlich auch Montenegro sein Recht auf nationale Selbstbestimmung verwirklichen darf ...

Ignoriert wird die Existenz von oppositionellen Gruppen, die sich in dieses Schema nicht einordnen lassen. Aber seit dem Beginn der Krieg im ehemaligen Jugoslawien Anfang der 90er Jahre hat es immer solche Gruppen gegeben: etwa die "Frauen in Schwarz" oder die verschiedenen Gruppen der Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, die gewissermaßen an der gesellschaftlichen Basis gegen den Krieg gearbeitet haben.

Ihnen hat gerade der Nato-Krieg im Kosovo fast den Garaus gemacht: Im Luftschutzkeller ist schlecht diskutieren, und die ohnehin marginale Position dieser Gruppen drohte zu einer vollständigen Isolierung zu werden. Die Nato muß das nicht interessieren. Aber für alle diejenigen, die Interesse an basisdemokratischem, emanzipatorischem Handeln und seinen Bedingungen in anderen Ländern haben, haben wir eine Vertreterin der unabhängigen jugoslawischen Opposition eingeladen.

Wie sehen die Perspektiven in Jugoslawien aus? Welche Aktivitäten planen die Gruppen der nichtparlamentarischen Opposition? Wie wird sich die Situation der Kriegsdienstverweigerer und Deserteure entwickeln? Darüber wird Jelena Markovic von "Frauen in Schwarz" aus Belgrad berichten.
 


Frauen in Schwarz

Seit 1991 protestiert Frauen in Schwarz in Belgrad öffent-lich gegen Krieg, Nationalismus und die Verletzung von Menschenrechten. Die Organisation versteht sich als antimilitaristisch, antinationalistisch und feministisch.
Frauen in Schwarz war einige Tage vor den Wahlen gemeinsam mit anderen Gruppen gegen eine drohende Kriegsgefahr in Aktion getreten. In mehreren Städten Serbiens und Montenegros wurden Flugblätter mit dem Slogan „Ich verweigere den Krieg“ verteilt. „Eine der häufigsten Fragen von Passanten bei der Aktion war: Zu welcher Partei gehört ihr? Wenn wir ihnen erklärten, daß wir keine Partei repräsentierten, sondern einen unabhängigen Verein, wuchs ihr Interesse. Die Verteilung und diese Aktion hatte wahrscheinlich die besten Reak-tionen von allen bisher von uns durchgeführten Aktionen.“
Die Gruppe unterstützt zudem alle Kriegsdienstverweigerer, „unabhängig davon, welcher Volksgruppe sie angehören und welches die Armee war, in deren Dienst sie gepresst oder zum Kampf gezwungen wurden. Denn jede Armee, auch eine sogenannte ‚Volksbefreiungsbewegung’, entwickelt sich zu einer Elite, deren Hauptanliegen es ist, Macht und Privilegien für sich zu erringen und sie zu verteidigen. Wir haben die Deserteure immer als unsere Verbündeten angesehen“.
 


Haus für Deserteure Seobe99

Noch während des Kosovo–Krieges hatten jugoslawische Friedensaktivisten in Budapest ein Haus für Deserteure eröffnet, um ihnen einen Schutzraum geben zu können. Nach einigen Monaten ent-schied die Gruppe, die Wohnung aufzulösen und stattdessen die Deserteure finanziell zu unterstüt-zen. Sie haben ihre Organisation Seobe99 (Exil99) genannt. Sie pflegen regelmäßigen Kontakt zu Deserteuren in Flüchtlingslagern, treten bei Veranstaltungen und im Radio auf und stellen klar: „Zeitlich befristete Schutzmaßnahmen stellen keine irgendwie geartete substantielle Unterstützung für uns dar.“ Sie fordern stattdessen, dass sie in Ungarn „rechtmäßig als Flüchtlinge anerkannt werden“ oder die Möglichkeit erhalten, ins westeuropäische Ausland weiterzuwandern.