PDS im Bundestag für Intervention in Osttimor
(Kalaschnikov, Sendung vom 22.9.99)
In der Bundestagsdebatte am 16. September kam es zu einer bemerkenswerten
Einigkeit unter den ParlamentariererInnen in Berlin. Einem von CDU/CSU,
Bündnisgrünen und Sozialdemokratie unterstützten Antrag
zur UNO-Intervention (Interfet) auf Osttimor stimmten auch Teile der PDS-Fraktion
zu. Nur sieben Fraktionsmitglieder stimmten dagegen. Die Rede von Wolfgang
Gehrcke (PDS) zeigte dabei, wie weit der "Demokratische Sozialismus" in
Deutschland von antimilitaristischen Positionen mittlerweile entfernt ist.
Aber lassen wir Herrn Gehrcke selbst zu Wort kommen:
"Ich meinerseits bestehe auf der Unterscheidung von linker und
rechter Politik. Ich sehe einen Unterschied zwischen einer zivilen Außenpolitik
und einer mit Militärdominanz. Diese Unterschiede möchte ich
nicht verwischt sehen."
Außenpolitik mit Militärdominanz ist also das, was die PDS verabscheut.
Im nicht zu verwischenden Unterschied zu aller anderen, zu einer Außenpolitik
linker Provenienz, die eher zu Zivildominanz neigt, in der also das Militärische
nur ab und an mal eine Rolle spielt. Eine einfache und leicht nachprüfbare
Definition "linker" Maßstäbe: Wenn mehr Geld für Entwicklungshilfe
und Goetheinstitute ausgegeben wird als für Bomben, dann ist das mit
dem demokratischen Sozialismus durchaus vereinbar.
Noch eine zweite Bedingung setzt die PDS unter der auch sie bereit ist,
die Soldaten marschieren zu lassen.
"Außenpolitik muß sich aus Sicht meiner Fraktion wieder
in einem völkerrechtlichen Rahmen bewegen. Die Bundesregierung müßte
sich wieder zum ausschließlichen Gewaltmonopol des UN-Sicherheitsrates
bekennen. Wir halten es für dringend erforderlich, auf dem kommenden
OSZE-Gipfel über eine europäische Sicherheitscharta zu diskutieren
und diese zu verabschieden, damit das Militärische abgebaut wird und
statt dessen zivile Strukturen aufgebaut werden."
Was aber, werte PDS, wenn das Nichtmilitärische auf- und alles Militärische
abgebaut ist? Wer oder was sorgt dann für das Gewaltmonopol des UN-Sicherheitsrates?
Etwa eine zivile Struktur namens "Schnell intervenierende Ohrfeigengarde
rot/blau" - Kennzeichen: rote Backen unter blauem Helm? So sieht der Beitrag
der PDS zur Interventionsdebatte also aus: Wasch‘ mir den Pelz, aber mach‘
mich nicht naß.
Ein klein wenig mehr materialistisches Herangehen stände der PDS
nicht schlecht, wenn sie über UNO und Sicherheitsrat nachdenkt. Also
nochmal - und bitte, demokratische SozialistInnen, aufgemerkt: Ein UN-Gewaltmonopol
braucht Soldaten und Truppen, die es durchsetzen. Da aber die Vereinten
Nationen weder die finanziellen Reserven besitzen, um Truppen auszurüsten,
noch die Möglichkeit haben, Soldaten selbst auszuheben, müssen
andere die Truppen stellen. Wer aber könnte das sein? Doch nur diejenigen
Staaten, die dazu auch ökonomisch und militärisch in der Lage
sind. Die USA eben und die mit ihr in Bündnissystemen liierten Staaten.
Werden diese aber je ihre Armeen gegen die eigenen Interessen einsetzen?
Oder mit anderen Worten: ist der Papst evangelisch?
Wer das Gewaltmonopol der UNO beschwört, leistet einer möglichen
Variante imperialistischer NATO-Interventionspolitik Schützenhilfe.
Jener Option nämlich, bei der der Sicherheitsrat schlichtweg NATO-Interessen
vertritt, die dann mit den Weihen "internationaler Gemeinschaftsinteressen"
gesalbt sind. Diese Variante präferiert der bundesdeutsche Außenminister,
der deshalb den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nach dem Rezept "Vetorecht
raus - Deutschland rein" reformieren möchte.
Aber weiter im Text der Gehrcke-Rede:
"Lassen Sie mich zum Schluß ein paar knappe Bemerkungen zu
dem vorliegenden Antrag zu Osttimor und zu unserer Debatte dazu machen.
Wir alle waren entsetzt, wie das indonesische Militär und die paramilitärischen
Milizen als Antwort auf den freien Willen in der Bevölkerung Osttimors
versuchten, diesen Willen durch Mord und Vertreibung zu ersticken. Ich
gebe zu, meine Sorgen waren groß, daß die UNO den aus ihrem
Engagement für die Volksabstimmung erwachsenen Verpflichtungen nicht
gerecht werden würde. Dies wäre für die UNO, für die
Weltgemeinschaft, aber auch für das Volk in Osttimor verhängnisvoll.
"
Die Sorgen der PDS möchte man haben! Für die Osttimoresen mag
so manches verhängnisvoll sein: die indonesische Besetzung in den
70ern, die nachfolgenden Massaker mit annähernd 200.000 Toten, die
Ignoranz der BRD und anderer, die Indonesien hätschelten, egal was
dort und durch dieses Land passierte. Ob allerdings ein Unterlassen der
UNO, die naiv auf eine Volksbefragung setzten ohne dabei mögliche
Reaktionen und Übergriffe indonesischer (para-)militärischer
Einheiten überhaupt nur in Betracht zu ziehen, für die Bevölkerung
von Osttimor verhängnisvoll gewesen wäre - über diese Frage
läßt sich nur spekulieren.
Interessanter schon, daß die PDS Verhängnisvolles vor allem
für UNO und "Weltgemeinschaft" prophetisch ausmacht, wenn die Soldaten
nicht marschieren. Vor welchem Ungemach warnt der sozialistische Kassandraruf?
Vor der Abschaffung von UNO und "Weltgemeinschaft", weil Osttimor dann
seinen Mitgliedsbeitrag nicht mehr zahlen kann? - Nein, das Geplapper von
Herrn Gehrcke zielt einmal mehr - das hat man sich bei den Bündnisgrünen
u.a. abgeguckt - auf die "Glaubwürdigkeit" ab, die für die UNO
nicht verloren gehen dürfe. Egal, wie arg Armeen irgendwo auf der
Welt massakrieren - Hauptsache: wir bleiben glaubwürdig. Schnurz,
welche Folgen Interventionen haben, Hauptsache: wir bleiben glaubwürdig.
Damit ist die PDS nun auch in den dumpfen Gefilden einer in Deutschland
so beliebten, tödlichen Gesinnungsethik angekommen.
"Aber wir werden, wenn wir uns nicht dem Vorwurf der Heuchelei
aussetzen wollen, nicht über unsere Solidarität mit dem Volk
von Osttimor reden und zugleich über deutsche Mitverantwortung schweigen
können. Dazu jedoch schweigt der vorliegende Antrag völlig. Deutschland
war einer der engsten Partner Indonesiens. Deutschland hat Suharto ge-
und unterstützt und Freundschaft mit diesem Mann gepflegt, an dessen
Machtbeginn ein Militärputsch mit hunderttausendfachem Mord stand.
Ich meine, Menschenrechte dürfen nicht taktisch, nicht nach politischer
Opportunität ausgelegt und gehandhabt werden."
Früher, in der DDR sorgte sich die Volkssolidarität um Kranke
und Arme, bei der PDS meint Solidarität mit dem Volk die Intervention
imperialistischer Armeen - es wird deutlich, was wir mit der SED auch
verloren haben.
"Ich meine, Menschenrechte dürfen nicht taktisch, nicht nach politischer
Opportunität ausgelegt und gehandhabt werden." - schön philosophiert,
PDS! Da fragen selbst die Bündnisgrünen sich verwundert die Augen
reibend nach:
"(Bundesminister Joseph Fischer: Friedenstruppen, ja oder nein?)
- Sie werden ja gleich sehen, wie ich abstimme. - Deswegen gehört
in diesen Antrag ein selbstkritischer Satz zur deutschen Außenpolitik
hinein, und zwar in der notwendigen Klarheit.
Wir haben uns im übrigen beim Kosovo immer für die UNO
ausgesprochen; das haben Sie erlebt."
Ja, das haben wir allerdings erlebt. Und wir haben es an dieser Stelle
immer und immer wieder kritisiert: Wer beim Kosovo-Krieg nur die fehlende
UNO-Mandatierung bemängelt, der spielt bei anderer Gelegenheit den
Interventionisten in die Hände. Kaum einer hörte auf uns - dachten
wir! Von wegen: Denn genau darum ging es. Die PDS-Außenpolitik ist
mittlerweile bei Rot/Grün angekommen; die Unterschiede sind nur noch
graduell. Ein selbstkritischer Satz zur deutschen Außenpolitik soll
halt immer auch gesagt werden. Wie wär’s denn mit dem, werte PDS:
...gerade weil es in der deutschen Geschichte ein Auschwitz gegeben hat,
müssen wir auch im Fernen Osten die Menschenrechte mit militärischen
Mitteln usw. usf.
Dieser Partei keinen Mann, keine Frau, keinen Groschen, keine Stimme!!!
Nachtrag:
Am 7. Oktober hat der Bundestag die Entsendung von 100 Bundeswehrsoldaten
nebst zwei Transall-Flugzeugen zur Unterstützung der Interfet-Truppen
in Osttimor beschlossen. Die PDS stimmte gegen den Antrag, allerdings nicht
aus prinzipiellen Erwägungen. Deutsche Sanitätssoldaten würden
derzeit in der Region - so die Argumentation des PDS-Abgeordneten Carsten
Hübner - nicht benötigt. Die UN-Mission (Interfet) selbst bezeichnete
Hübner als "sinnvoll".