Sibylle Tönnies: Pazifismus passé? - eine Buchbesprechung

[Buchbesprechung aus Kalaschnikov, Sendung vom 18.6.1997] 

Als im Sommer des vergangenen Jahres die Bremer Rechtsprofessorin und ehemalige RAF-Anwältin Sibylle Tönnies ihren Hund im Schloßpark gassi führte, ist etwas Schreckliches passiert. Der professoralen Wau-Wau von einigen Hunden angefallen und malträtiert. Diese gehörten zu einer Gruppe mutmaßlich arbeitsloser Jugendlicher, die es sich bei ein paar Bieren auf der Wiese gemütlich gemacht hatten und die wegen offensichtlichen Berauschtseins nicht allzu viel gegen die Hundeprügelei taten. Der Schock für die norddeutsche Juristin saß angesichts solch viehischer Gewalt, menschlicher Untätigkeit und –fähigkeit tief; so tief, daß sich Frau Tönnies sofort daran machte, dem Trauma mittels einer Schreibtherapie zu begegnen. Die wiederum endete in der Wochenzeitung "die Zeit", wo sie unter der Überschrift "Arbeitsdienst, warum nicht?" für einen starken Staat plädierte und dafür, arbeitslose Jugendliche und Sozialhilfeempfänger zwangsweise zum Grabenausheben und ähnlichen Spatenarbeiten heranzuziehen.

Wir wissen nicht, was dem Köter von Sibylle Tönnies in diesem Jahr Übles widerfahren ist; es steht allerdings zu befürchten, daß er es nicht überlebt hat. Denn heuer präsentierte Frauchen im Rotbuchverlag einen 164 Seiten langen Text, in dem sie wieder einmal mehr für einen starken Staat votiert. Betitelt ist das Büchlein mit der rhetorischen Frage "Pazifismus passé ?" und weil's sich eben um Krieg und Frieden dreht oder um's politologisch zu sagen: die internationalen Beziehungen, wirft sich die Autorin nicht für einen starken Nationalstaat ins Zeug, sondern für den handlungsfähigen Weltstaat, für eine durchsetzungsfähige "Weltpolizei" und eine ordnende "Weltzentrale". Diesen Mischmasch aus Völkerbund-Idealisierung des 10er und 20er Jahre einerseits, Superman und Vereinigter Raumpatrouille andererseits hält die Autorin für die Quintessenz des Pazifismus im ausgehenden 20. Jahrhundert:

"Der Pazifismus muß sich heute einen Stützpunkt außerhalb der ausgelaugten Friedensbewegung verschaffen. Er braucht ein Ziel, das über das zu oft gehörte ‚Nie wieder Krieg' hinausweist und eine realistische Perspektive für einen politischen Zustand bietet, in dem die Völker friedlich miteinander leben. Dieses Ziel ist die Weltgesellschaft. Das große Projekt des Völkerbundes muß weitergeführt werden, die UNO, die durch den Kalten Krieg neutralisiert war, muß jetzt ihre Chance bekommen und darf nicht durch die NATO verdrängt werden. Mit dieser Ausrichtung erhielte der müde gewordene Pazifismus wieder eine Struktur: als Weltförderalismus."

Die Skepsis der Autorin gegenüber der Friedensbewegung der 80er und frühen 90er Jahre ist zwar berechtigt, aber der Hinweis auf pazifistische Biederkeit ist nicht eben neu:

"...der Pazifismus (hat) jeden ästhetischen Reiz eingebüßt. Eine unattraktivere Geselligkeitsform als die Mahnwache kann man sich kaum noch vorstellen. Schon der Gedanke an Menschenketten und Kerzenlichtdemonstrationen erzeugt ein Gähnen. Die Attitüde der Bravheit und Beseeltheit hat sich abgenutzt; man sieht lieber etwas Freches und Frisches, etwas Prägnantes und aggressiv Zugespitztes."

Solche treffende Kritik haben wir alle schon vor Jahren wohl prägnanter, auch aggressiver zugespitzt lesen können. Überraschend ist allerdings, daß Tönnies, um den Pazifismus aus diesem kulturpolitisch verschlafenen, ja verkorksten Milieu zu erretten, uns die friedenspolitischen Konzepte der frühen Jahre des Jahrhunderts andrehen möchte. Der Krieg ist nicht mehr Vater aller Dinge, auch dem Pazifismus gelang es, sich fortzupflanzen:

"...die UNO ist sein Kind! – und so schwach oder so stark wie der Pazifismus ist, so stark oder so schwach ist auch die UNO."

Das ist bedauerlicherweise zu allgemein formuliert. Natürlich ist der Völkerbund und damit die UNO das Kind nicht des Pazifismus' im großen und ganzen, sondern er ist ein Sprößling der Deutschen Friedensgesellschaft – Gruppe Marburg, deren Mitglied Walter Schücking, seines Zeichens Professor für Völkerrecht an der Philipps-Universität, zu Beginn des Jahrhunderts wesentliche Beiträge zur Fundierung des Völkerbundgedankens lieferte. Und wer den von Schücking oder Ludwig Quidde repräsentierten Honoratiorenpazifismus dieser Zeit kennt, ja, wer auch nur das Wort UNO-Vollversammlung irgendwo ließt oder hört, der kommt zuletzt auf den Gedanken, derartiges Umfeld stehe für Frische, Prägnanz und Frechheit.

Aber das ist nicht der einzige und schon gar nicht der bedeutsamste Schnitzer der Abhandlung. Das pazifistische Hohelied auf die UNO, das Sybille Tönnies anstimmt, setzt unter anderem voraus, daß die UNO-gestaltige Weltzentrale, die sich da herausbilden soll, jeder Interessensmanipulation abhold ist. Sie muß einer Neutralität gegenüber Kriegen und Konflikten verpflichtet sein, sie muß also in der Lage sein, ein für den gesamten Erdkreis verbindliches Gemeinwohl zu definieren. Wer jetzt mal wieder materialistisch geschultes Denken in Anschlag bringt und darauf hinweist, daß ein solches Ansinnen ja wohl ziemlicher und ausgemachter Blödsinn sei, ob nun auf eine Weltzentrale bezogen, auf Staat oder Betrieb – dem- oder derjenigen hält die Weltfriedensvisionärin zwar auch kein Argument entgegen, wohl aber den Vorwurf, daß solches Widersprechen ja nun schon a.) ziemlich undifferenziert und b.) arg veraltet sei, weil es die Rechten schon immer besser und genauer wußten:

"Statt daß der Staat endlich auch in den linken Köpfen den vernünftigen, ihm zukommenden Raum einnehmen dürfte, statt daß man endlich zugibt, daß das staatliche Gewaltmonopol ein großer historischer Fortschritt ist, der in eine globale Monopolisierung weiterzuführen ist, schüttet man auch hier das Kind mit dem Bade aus."

In der Tat bleibt der Bremer Rechtsgelehrten wenig mehr als den Geist zu beschwören. Nicht den heiligen, nur den menschlichen:

Zwar ist die Blutspur in der Geschichte nicht zu übersehen; bei der Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols hat aber der bewußte, formende Geist den entscheidenden Einfluß gehabt. Die beiden Männer, die in diesem Geisteskampf in der vordersten Reihe standen, sind der Franzose Jean Bodin und der Engländer Thomas Hobbes. Sie begründeten die Theorie der staatlichen Souveränität, einer Macht also, die keine andere Macht über oder neben sich hat, und nahmen damit Einfluß auf die Politik ihrer Zeit."

Früher einmal beschäftigte sich Pazifismus und Antimilitarismus mit fundierten historischen und politologischen Analysen und wußte dann, etwa nach der Lektüre eines Ekkart Krippendorfs, daß Staat und Krieg auf's Engste miteinander verknüpft, ja verschwistert sind. Heute erklärt uns Sibylle Tönnies aus Bremen, daß Staaten richtig knorke sind und die Menschen als bewußt formende Geister den Weltfriedensstaat nur richtig wollen müssen, damit alles gut werde. Das ist miefiger noch als jede Menschenkette. Das ist Friedenskampf als weihrauchgeschwängerter Fürbitt-Gottesdienst.

Mit dem Beharren auf staatliches bzw. weltstaatliches Gewaltmonopol steht die Autorin allerdings vor dem Problem, das militärische Agieren der Weltzentrale gegen potentielle schlimme Finger abgrenzen zu müssen von heutigen Kriegen, die, wie im Falle der Operation Wüstensturm 1991 im Irak, ja bereits im Namen der UNO geführt worden sind. Deshalb schlägt Tönnies polizeiliche Maßnahmen als Mittel einer anzustrebenden Weltzentrale vor und malt dann das folgende Modell aus:

"Im Unterschied zum militärischen Eingreifen nehmen nicht zwei Fronten gegeneinander Aufstellung, sondern: Die Ordnung geht gegen die Rebellion vor. Sie scheut sich dabei nicht ‚von hinten' zu kommen: die Prinzipien des ‚ehrlichen Kampfes', die soviel Blutvergießen fordern, gelten bei polizeilichen Vorgehen nicht. Nach der polizeilichen Moral gilt es als anständiger, an Staatsoberhäupter vergiftete Zigarren zu schicken, als hunderttausend junge Leute zu tödlichen Gefechten gegeneinander zu hetzen. Die Methoden des CIA sind in diesem Rahmen gefragt; man betritt die Welt von James Bond. Da es auf nationaler Ebene weitgehend gelungen ist, diese suspekten Tätigkeiten rechtsstaatlich anzubinden, besteht gute Aussicht dasselbe auf Weltebene fertigzubringen."

Das ist, formulieren wir es mal ein wenig zurückhaltend, kurios, zumal uns nur ein Staatsoberhaupt einfällt, das Zigarren raucht. Militär kommt also nicht ‚von hinten', führt gemeinhin ‚ehrliche Kämpfe', die wiederum erhebliches Blutvergießen fordern. 20 Millionen tote Sowjetbürger im 2. Weltkrieg nur deshalb, weil die deutsche Wehrmacht ehrlich gesinnt von vorne kam? Man mag sich wirklich nicht entscheiden: Liest Tönnies zu viel in den angestaubten Manifesten eines antiquierten Völkerbundspazifismus oder guckt sie danach abends zu lange in die Agentenfilme auf Pro 7. Eins steht fest: richtig ausgeschlafen kann die Frau nicht sein.

Dafür sprechen auch die Ungenauigkeiten im Ausdrucks, die vielen sprachlichen und gedanklichen Schludrigkeiten, die den Text zu einem schwer verdaulichen Brei vergären.

Wie dürfen wir zum Beispiel die Bemerkung verstehen, nach 1989 fühlten sich die Deutschen

" nicht mehr als zwischen zwei Machtblöcken verkeilter Unglücksrabe, sondern als selbstbewußte Nation, der im Konzert der Völker eine bedeutende eigenständige Stimme zusteht. Sie haben die lächerliche Diskrepanz zwischen ihrer Wirtschaftsmacht und ihrem Selbstbewußtsein überwunden und streben eine angemessene Position in der Weltgesellschaft an. Offene hegemoniale Ambitionen verbieten sich, aber die Pose der Schutzmacht gegenüber einem bedrohten Volk ist ehrenvoll und erlaubt."

Wer spricht aus solchen Zeilen eigentlich? Arnulf Baring? Das gesunde Volksempfinden? Oder die Autorin selbst, die die Diskrepanz zwischen wirtschaftlichem und politischem Einfluß Deutschlands für "lächerlich" und die "Pose der Schutzmacht" für "ehrenvoll" hält.

Oder: In einem kurzen, etwa fünf Seiten langen Kapitel, das sich mit Vergewaltigungen im Krieg auseinandersetzt, weißt sie zurecht darauf hin, daß die systematischen Vergewaltigungen im Bosnienkrieg keine Ausnahmeerscheinung gewesen sein dürften:

"Der Beweis, daß die Frauen auf dem Balkan ‚systematischer' als in anderen Kriegen vergewaltigt wurden, gelang nicht. Hinter der großen Aufregung verbarg sich die Unkenntnis über den Sachverhalt, daß Vergewaltigungen eine normale Begleiterscheinung des Krieges sind. Einer der ältesten Sätze des Kriegsrechts ist dieser: ‚Dem Sieger die Braut!' Man hat darüber früher nur nicht so laut gesprochen. Schon immer aber war dieser verschwiegene Sachverhalt ein Grund, rächend die Waffen zu ziehen."

Danach versucht die Verfasserin diese These anhand von Literaturbelegen unter Beweis zu stellen, was völlig in Ordnung geht. Das Kapitel findet seinen Abschluß aber in einem frappierenden Gedankenspruch, bei dem sie sich daran erinnert, daß Soldaten auch Mütter haben und daß sie in der Regel relativ jung noch sind. Die Konklusion des ganzen lautet dann:

"Nicht ‚Soldaten sind Mörder' muß es heißen, sondern: Soldaten sind Kinder."

Vielleicht hält man ein solche These – Soldaten seien massenvergewaltigende Kinder - in Bremen für einen differenzierten Gedanken. Nichts anderes ist es aber als – die Kinder von Tönnies rücken auch der Erfassung immer näher – betroffenheitsdusliger Quatsch.

Noch ein drittes Beispiel. Korrekt weißt die Verfasserin darauf hin, daß Pazifismus und Friedensbewegung universellen Charakter haben und eng mit westlichen Werten verknüpft sind. Gegen jene, die dem Pazifismus vorwerfen, er sei deutsch und provinziell, schleudert sie dann allerdings ein Gegenargument, das nicht nur Pazifistengegner umhauen dürfte:

"Vielleicht erinnern sich diese Spießer jedenfalls daran, daß Nicole 1982 mit dem Lied "Ein bißchen Frieden" nicht nur in Deutschland Erfolg hatte, sondern den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewann."

Es wird eben alles gut, wenn man's nur richtig will. Selbstredend verliert die Bremer Juristin kein Wort über einen aggressiven Antimilitarismus, der auf direkte Aktionen, Kriegsdienstverweigerung, Desertion und Sabotage als probate Mittel gegen Kriegsplanung und –führung setzt. Obwohl sich etliche Beispiele dafür ließen, daß die massenweise Flucht vor dem Kriegsdienst Staaten in ihren militärischen und politischen Optionen erheblich eingeschränkt haben. Die Rolle der Kriegsdienstverweigerer in Südafrika ist ein Beispiel, die Wehrflüchtigen in Restjugoslawien ein anderes. Statt dessen dient uns Frau Tönnies in "Pazifismus passé" einen stinkenden alten Schuh an und prästeniert uns ein gedanklich wildes Ragout, krautdurcheinander und mit etlichen Klopsen versehen. Das Buch ist im Rotbuchverlag erschienen und kostet DM 24,80.

Die Küche der Burgruine Frauenberg bietet Wildragout mit Kraut und Klößen schon für 24,50 DM an. Wir haben beides getestet und empfehlen geradeheraus letzteres.