Kleine grüne
Männchen in Tora Bora
(Besprechung des jüngsten Büchleins von Sibylle Tönnies,
"Cosmopolis now", Kalaschnikov vom 17. Juli 2002)
Der Vorwurf, uns immer wieder mit denselben Ideen zu belästigen
und nicht auf Kritik einzugehen, ist sicherlich verfehlt. Als nämlich
vor fünf Jahren Sibylle Tönnies in der Streitschrift "Pazifismus
passé" für den Ausbau der UNO zur "Weltzentrale", zum handlungsfähigen
Weltstaat plädierte, führte dies nicht zuletzt an dieser Stelle
zu einem harschen Tadel. Denn warum sollten, bitte schön, jene Staaten,
die bisher ihre Interessen mit militärischen Mitteln durchzusetzen
in der Lage waren, in Zukunft darauf verzichten? Verzichten zugunsten einer
UNO-Weltregierung, die definitionsgemäß sowas wie ein 'Weltallgemeinwohl'
verfolgen müßte, nicht jedoch die Interessen, sagen wir mal,
der USA oder Frankreichs? "Unrealistisch" lautete mithin ein Vorwurf gegen
Tönnies' Polemik.
Von der Faszination eines globalen Gewaltmonopols mochte die Juristin
und langjährige Dozentin an der Hochschule Bremen nicht lassen; ihr
in diesem Jahr erschienenes, 150 Seiten starkes Plädoyer "Cosmopolis
Now" macht im Untertitel deutlich, in welche Richtung die Autorin die Menschheit
sich bewegen sieht: "Auf dem Weg zum Weltstaat". Allerdings, und das ist
neu, konstatiert Tönnies:
"Die Vorstellung, dass sich ein so großes Machtzentrum wie
das der Weltgewalt vertragsweise zusammenfügen lässt, ist eine
Illusion."
Die Autorin macht kurzer Hand aus der Not eine Tugend und plädiert
dafür, nicht aus der UNO eine Weltregierung mit den entsprechenden
Machtmitteln zu formen, sondern "den USA die Weltmacht in die Hände
zu legen":
"Wenn hier begründet werden wird, daß die Welteinigung
die Form der Unterwerfung unter die amerikanische Supermacht annehmen muß,
so geschieht das nicht aus Begeisterung für die amerikanischen Hegemoniebestrebungen
..., sondern aus historischer Einsicht. Aus resignativer Einsicht in die
Gesetze, nach denen sich kleine soziale Einheiten zu großen zusammenfügen,
wird hier die Kapitulation gegenüber der 'Sole Super Power' vorgeschlagen."
Alle unterwerfen sich der Herrschaft der USA, und dann gibt es logischerweise
keine Kriege mehr, sondern nur noch Polizeieinsätze der Washingtoner
Zentrale. Wie genau diese Unterwerfung der Welt aussehen soll, bleibt vage.
Die hanseatische Juristin denkt aber wohl daran, daß die verschiedenen
Nationalstaaten dem Geltungsbereich der amerikanischen Verfassung beitreten
– wie es anno dazumal die DDR in Hinblick auf die BRD vorexerzierte. Sowas
kann man ein wohlfeiles Patentrezept nennen. (Da hätten wir übrigens
auch ein Patentrezept zur Lösung des Nahost-Konfliktes: alle Palästinenser
konvertieren einfach zum Judentum und schon ist die Sache geritzt.)
Wie kommt Frau Tönnies jedoch zu der Überzeugung, ihre merkwürdige
Idee als "realistisch" zu bezeichnen? Denn immerhin – das gibt die Autorin
freimütig zu – dürften selbst in den USA die Ambitionen, sich
zum Zentrum eines zukünftigen Weltstaates zu machen, nicht allzu groß
sein. Weil es für die US-Wirtschaft durchaus von Vorteil sein kann,
wenn die ausgebeuteten Regionen etwa in Lateinamerika nur indirekt abhängig
sind und deren Bevölkerung nicht auch noch den Präsidenten mitwählen
darf. Was spricht also für eine Weltzentrale USA? Sibylle Tönnies
führt hier Zeichen am Himmel ins Feld und eine vulgarisierte Form
der Zivilisationstheorie von Norbert Elias. Die Zeichen sind natürlich
die Flugzeuge, die die Türme des World Trade Centers zum Einsturz
brachten. Nur echte Sibyllen können in geschützten Kreisen die
Tragweite solcher Ereignisse deuten:
"Nach dem 11. September war es nur innerhalb geschützter Kreise
erlaubt, das Ereignis als Weltwandel so zu interpretieren, wie Sibyllen
und Propheten solche Ereignisse immer deuteten. Nur dort kam niemand in
den Verdacht, den Tod unschuldiger Menschen zu billigen, weil er in dem
Ereignis eine geschichtsmächtige Kraft sah, die einen Weltwandel bewirkt."
Sibylle wäre nicht Sibylle, hätte sie die zusammenstürzenden
Wolkenkratzer in New York nicht als Weltwandel interpretiert. Doch der
11. September war nicht nur Zeichen des Wandels. Die Anschläge trugen
auch direkt zum welteinigenden Reifungsprozeß bei:
"Wer schon vor dem 11. September auf die Welteinigung aus war,
wußte, dass das wesentliche Ferment, das für den Gärungsprozess
der Welteinigung nötig ist, fehlte: der gemeinsame, mit anderen Worten:
der globale Feind. ... Die Bedrohung von außen wirkt nach innen befriedend."
Fürwahr ein Dilemma für Freundinnen und Freunde des vereinigten
Weltstaates. Aus welcher Richtung sollte eine militärische Drohung
gegen die Weltgesellschaft kommen, aus der erst die Kraft zur Einheit erst
erwächst? Aus dem Delta-Quadranten? War es realistisch, auf fliegende
Untertassen und grüne Männchen vom Mars zu hoffen?
"Nun durfte man sich ja realistischerweise keine Hoffnungen auf
fliegende Untertassen und grüne Männchen vom Mars machen. ...
Da erschien wie ein Wunder das Feindbild, das der Menschheit fehlte – es
erschien ihr..."
Eine Borg-Drohne? Luzifer? Nein...
"...es erschien ihr in Bin Laden. Als Überraschung stellte
sich heraus, dass der gemeinsame Feind, den die Erde braucht..."
...und auf den die Apologeten der Weltzentrale gehofft hatten...
"...nicht von außen kommen musste, sondern in ihrem Innern
saß; und zwar ganz buchstäblich..."
...in einer Hölle mit dem Namen Inferno?
"...in einer Höhle mit dem Namen Tora Bora."
Zur theoretischen Unterfütterung ihrer Thesen bemüht Tönnies
Norbert Elias, der in seiner Studie über den 'Prozeß der Zivilisation'
einen Mechanismus der Staatenbildung beobachtete, der durch die in Konkurrenz-
und Ausscheidungskämpfen stattfindende Herausbildung von immer größeren
Territorialherrschaften geprägt ist (und damit auch durch eine Pazifizierung
im Innern). Letztlich nähere sich – so Elias – das Ganze "...einer
Lage, bei der eine gesellschaftliche Einheit durch Akkumulation
ein Monopol über die umstrittenen Machtchancen erlangt." (Elias, S.
144.) Daß eine gesellschaftliche Einheit heute dabei ist, ein solches
Monopol zu erlangen, da ist sich Tönnies ganz sicher:
"In dieser Phase befindet sich die Welt. Und die eine gesellschaftliche
Einheit, die sich durchsetzt, heißt USA."
Die apodiktische Qualität dieses Satzes überrascht denn doch,
denn Elias sieht für den beschriebenen Monopolisierungsprozeß
eine Voraussetzung: die gesellschaftlichen Abhängigkeitsverflechtungen
müssen dichter werden. Für die Zeit zwischen Mittelalter und
Absolutismus macht er eine derartige Verlängerung der "Interdependenzketten"
am Übergang von einer "vorwiegend naturalwirtschaftlichen Phase zu
einer "geldwirtschaftlichen" fest. Die Fortschreibung dieses Ansatzes zu
einer Theorie der Weltstaatentstehung müßte einen vergleichbaren
sozioökonomischen Prozeß auf globaler Ebene belegen. Das dürfte
schwer fallen, da Globalisierungsphänomene wie etwa die Intensivierung
von außenwirtschaftlichen Beziehungen sich in verschiedenen Weltregionen
sehr unterschiedlich ausprägen. Tönnies unterläßt
es daher lieber gleich fast vollständig, die Entstehung globaler,
sich kontinuierlich erweiternder "Interdependenzketten" zu erörtern.
Stattdessen konzentriert sich die Autorin auf Erscheinungen im kulturellen
Bereich. An der Alltagskultur glaubt sie, eine Tendenz zur weltweiten Vereinheitlichung
aufzeigen zu können:
"Die großartige Tatsache, dass Milliarden von jungen Menschen
auf der Welt heute eine gemeinsame Sprache haben, dass sie das Gleiche
essen, dass sie die gleiche Kleidung tragen, dass sie die gleichen Wünsche
haben, dass sie die gleiche Musik hören, wird nicht ausreichend gewürdigt.
(...) Die Universalisierung des Geschmacks, die einheitliche Herausbildung
eines Menschentyps (...), ist eine Veränderung, von der alle Chancen
ausgehen, die die Menschheit überhaupt hat."
Das hätte sicherlich Mao Zedong zu Zeiten der chinesischen Kulturrevolution
auch nicht schöner und begeisterter formulieren können. Aber
stimmt denn überhaupt diese Behauptung von Frau Tönnies? "Milliarden
von jungen Menschen" sollen die gleichen Wünsche haben und die gleiche
Musik hören? Hier zeigt sich ein Merkmal vieler Texte der Autorin:
der Hang zur Dampfplauderei. Ohne Beweis stellt sie Behauptungen auf, die
einer näheren Überprüfung nicht standhalten. Zum Beispiel
ist die Rede von einer Tendenz zur Vereinheitlichung des Essens angesichts
der Expansion etlicher Fast-food-Ketten zwar gängig, aber nichtsdestotrotz
falsch (was an der raschen Zunahme von Spezialitätenrestaurants und
Kochbüchern in den letzten Jahren abzulesen wäre). Ein weiteres
Beispiel gefällig? Da werden die Taliban-Schüler zu "Kindern
der CIA", zu Produkten der "amerikanischen Nation" und in einen Zusammenhang
mit dem US-amerikanischen "Kampf gegen die Sowjetunion" gestellt. Als jedoch
Mitte der 90er Jahre die ersten Taliban-Einheiten in Afghanisatan auftauchten
hatte sich die UdSSR längst aus dem zentralasiatischen Staat zurückgezogen,
ja, die Sowjetunion existierte zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht
mehr. Auch wüßte man gerne, wo Tönnies die Information
her hat, daß Bin Laden es war, der die USA aus Somalia vertrieben
hat. Zwar bezeugten dies im Oktober vergangenen Jahres anglo-amerikanische
Geheimdienste, deren Aussagen allerdings skeptisch zu bewerten sind.
Lesenswert sind allerdings jene Kapitel, in denen sich die Juristin
dem zuwendet, was Gegenstand ihrer Profession ist. Gemeint sind hier vor
allem ihre rechtshistorischen, -soziologischen und -philosophischen Überlegungen
zu Völkerrecht und Menschenrechten. Tönnies' zentrale These lautet,
daß spätestens mit dem UN-Sicherheitsratsbeschluß vom
12. September 2001, der den USA "auch freie Hand in der Anwendung der
Mittel" gegeben habe, das Völkerrecht zusammengebrochen sei.
"Die Bildung der Weltallianz war gleichzeitig die einverständliche
Auflösung des Völkerrechts: Die bisherige, die territoriale Integrität
schützende Ordnung wurde durch ein globales Agreement außer
Kraft gesetzt...".
Denn der völkerrechtlich verbotene Angriffskrieg, die ebenso untersagte
Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates
und die bereits mit dem Westfälischen Frieden 1648 auf den Schrotthaufen
der Geschichte geworfene Idee des "Gerechten Krieges" wurden mit dem Vorgehen
der USA gegenüber Afghanistan und durch die Bombardements Jugoslawiens
1999 rehabilitiert. Tönnies geht davon aus, daß das Völkerrecht,
das aktuell nicht von einer Zentralinstanz durchgesetzt werden kann, in
der Vergangenheit seine Geltung durch die Anerkennung seitens der verschiedenen
Staaten erhielt. Die wichtigsten dieser Staaten haben nun aber innerhalb
kurzer Zeit zweimal dem modernen Völkerrecht die Anerkennung versagt;
es muß also als aufgehoben gelten.
"Man kann deshalb behaupten, dass der Krieg gegen Afghanistan kein
Völkerrechtsbruch ist, weil das Völkerrecht gar nicht mehr in
Kraft ist."
Eine nachvollziehbare Schlußfolgerung, die deutlich macht, wie dünn
in den vergangenen Jahren Argumentationen gewesen sind, die den Krieg gegen
Jugoslawien vor allem deswegen verurteilten, weil er gegen das Völkerrecht
verstieß. Übersehen wurde in einem solchen Kontext, daß
das Völkerrecht mit beispielsweise dem Strafrecht nur bedingt vergleichbar
ist. Denn einige Straftaten heben noch nicht die Geltung des Strafrechtes
auf, für die eine zentrale Instanz sorgt. Eine pazifistische Kritik
am Krieg muß also sehr viel weiter gehen, als dem Militär und
der Außenpolitik Verstöße gegen Rechtsnormen nachzuweisen.
Das Bild, das Tönnies für den derzeitigen Zustand der Weltgesellschaft
entwirft, mag man als finster empfinden. Es birgt aber ein hohes Maß
an Realismus: Rechtliche Sätze, die den Krieg 'einhegten', existieren
nicht mehr; es gilt das Recht des Stärkeren.
Die Autorin zieht daraus den Schluß, daß dieses Chaos nur
durch einen US-Weltstaat aufgehoben werden kann und soll. Hierbei bezieht
sie sich sehr eng auf die Konzeption von Thomas Hobbes, die sie auf die
globalen Verhältnisse überträgt. Ziemlich kokett ist in
diesem Zusammenhang übrigens ihr Geständnis, ihr Büchlein
unter dem Arbeitstitel "Leviathan II" begonnen zu haben.
Die Frage stellt sich jedoch, ob wir mit einem solchen Superstaat nicht
vom Regen in die Traufe gelangen. Tönnies legt das indirekt und nicht
beabsichtigt selbst nahe, indem sie über Hobbes urteilt:
"Seiner Zeit weit vorausschauend, hat er die Auflösung nicht
nur der feudalen Loyalitäten, sondern der Statusbeziehungen überhaupt,
das Nachlassen der personalen und lokalen Bindungen, die Schwächung
der Verwandtschaftsbeziehungen, vorausgesehen und diesem atomisierten Zustand
einen Staat für angemessen gehalten, der nichts kennt als eine Masse
von unverbundenen Individuen."
Der Hobbes'sche Staat ist kein neutraler Staat. Er ist der einer Gesellschaft
"angemessene" Staat, in der sich der Kapitalismus in allen Bereichen durchgesetzt
hat. Der Leviathan von Thomas Hobbes als Weltstaat entspräche dann
dem erdumspannenden Megakapitalismus. So kann uns Frau Tönnies ihren
Weltstaat nicht schmackhaft machen, weshalb wir es weiterhin an dieser
Stelle mit unserem altbewährten "Staatsdefätismus" (so der Ausdruck
der Autorin) halten möchten. Oder, um es etwas derber zu formulieren:
Frau Tönnies' globales Superscheißding kann uns nun echt gestohlen
bleiben.
Sibylle Tönnies:
Cosmopolis Now
Europäische Verlagsanstalt 2002
150 Seiten, 19 Euro