"Der Zivildienst untersteht der Wehrpflicht..."

Interview mit Jannes,  Totalverweigerer aus Bremen

(Quelle: Email der Redaktion 'Redfireburning', Bremen, vom 15. Oktober 2003. Hinweis der Autoren/-innen: "...wir haben letzte Woche Montag, als Jannes in Bremen war ein Interview mit ihm gemacht, dass nun u.a. im Offenen Kanal (Radio) in Bremen gesendet und in einer lokalen linken Zeitung abgedruckt werden soll. Hier der abgetippte Text mit einer Anmerkung zu Alex.")



 

Interviewer: Hallo. Es gibt zur Zeit von Bremen aus zwei Leute, die den Kriegsdienst total verweigert haben. Am 1.10. sind Jannes und Alex einberufen worden und haben dort alle Befehle verweigert. Bei mir ist jetzt Jannes. Das ist eigentlich sehr überraschend. Jannes, du bist jetzt hier und nicht in deiner Kaserne, wie kam denn das?

Jannes: Ja, ich bin am Mittwoch den 1.10. zur Kaserne nach Brandenburg gefahren, um dort halt eben die Wehrpflicht total zu verweigern, d.h. jeden Befehl zu verweigern und meinen Dienst nicht anzutreten. Die hatten jedoch kein Interesse an mir, haben es völlig ignoriert, dass ich jeden Befehl verweigert habe und der Kommentar dazu war: "Darüber könne man reden.". Dann ist am Donnerstag aber ein Befehl wohl doch wichtig genug gewesen, um zumindest eine vorläufige Festnahme durchzuführen, so dass ich dann jeweils von Donnerstag auf Freitag und von Freitag auf Samstag im Arrest saß. Am Samstag hab ich jedoch, spontanerweise, Ausgang bekommen, wie alle anderen Soldaten auch und sollte mich am Montag um 1 Uhr früh wieder melden, was als Befehl erteilt wurde und somit natürlich auch wieder von mir verweigert wurde.

Interviewer: Und jetzt sitzt du hier, es ist Montagabend und du bist halt noch nicht da.

Jannes: Genau, und ich denke, ich werde am Mittwoch gegen Mittag wieder zur Kaserne fahren und dort wieder den Befehl verweigern. Es ist inzwischen ein siebentägiger Arrest beantragt worden, auch vom Truppendienstgericht Hannover bewilligt, und ich gehe davon aus, dass der dann am Mittwoch, allerspätestens am Donnerstag verhängt wird.

Interviewer: Wie haben denn die anderen Soldaten, die da auch einberufen worden, darauf reagiert, dass du da die Befehle verweigerst, schließlich scheinen die das ja erst mal nicht zu machen?

Jannes: Ja, da war zunächst eine etwas größere Verwirrung, denn die Soldaten gingen erst mal davon aus, dass ich ein etwas verplanter Kriegsdienstverweigerer sei, der einfach vergessen hatte, seinen KDV-Antrag einzureichen. Hat eine ganze Weile gedauert, bis sie verstanden haben, worum es denn nun geht, wenn sie es verstanden haben. Mittlerweile ist es so, dass gerade von denen, die frisch auch zum 1.10. einberufen wurden, ein doch relativ großer Zuspruch gekommen ist. Das ging hin, bis dass ein Soldat sagte: "Stimmt, eigentlich sollte ich das auch machen." Je höher der Rang ist, desto korrekter läuft das ab, desto deutlicher wird das natürlich auch für Schwachsinn erklärt, was ich da mache und für unnötig, ich könnte mir doch viel Stress ersparen.

Interviewer: Du hast gerade gesagt, dass die meinen, du könntest dir eigentlich viel Stress ersparen. Warum ersparst du dir den Stress nicht? Du hast ja selbst gesagt, du kommst jetzt demnächst in den Arrest. Warum machst du nicht einen einfachen KDV-Antrag, also Kriegsdienstverweigerungsantrag, wie das immer heißt, und gibst dir den Stress mit der Totalverweigerung?

Jannes: Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind sowohl Zivildienst als auch Militärdienst Zwangsdienste, die ich ablehne. Zum anderen kann ich aus meinen Gewissen heraus keinen Kriegsdienst leisten, also keinen Militärdienst. Das heißt auch, dass ich die Wehrpflicht nicht leisten kann. Der Zivildienst untersteht der Wehrpflicht und ist Teil des Bundeswehrsystems. Das zeigt sich in verschiedenen Dingen, z. B. darin, dass gerichtlich der Zivildienst und der Militärdienst den gleichen Rang haben und das auch gleich geahndet wird. Genauso, dass Zivildienstleistende auch aus dem Geldtopf der Bundeswehr bezahlt werden.

Interviewer: Ist das alles, dass es nur der gleiche Geldtopf ist, oder hat das auch eine militärische Relevanz mit dem Zivildienst?

Jannes: Die Bundeswehr ist ohne den Zivildienst nicht vorstellbar. In den letzten Jahren, speziell in den 90er Jahren, hat die Bundeswehr viele ihre Aufgaben auf zivile Bereiche verlagert, d. h. sie haben z.B. Verträge mit zivilen Krankenhäusern abgeschlossen, nach denen das Krankenhaus kein Personal für die Bundeswehr abstellen muss und auch die technische Ausrüstung der Bundeswehr nutzen kann. Im Gegenzug verpflichten sich diese Krankenhäuser in Kriegsfällen oder ähnlichen, der Bundeswehr zur vollen Verfügung zu stehen. Das ist ein Beispiel von vielen, wie die Bundeswehr ihre Bereiche in zivile Bereiche überlagert, so dass es immer mehr zu einer Militarisierung der Gesellschaft bzw. der zivilen Bereiche kommt.

Interviewer: Und da spielt sozusagen der Zivildienst auch seine Rolle mit?

Jannes: Sicherlich. Im Sozialsystem spielt der Zivildienst eine sehr große Rolle, natürlich auch in den Krankenhäusern.

Interviewer: Was passiert denn jetzt, wenn du wieder in die Kaserne fährst? Du hast jetzt erst mal sieben Tage Arrest bekommen in der Kaserne, was wird denn jetzt weiter passieren?

Jannes: Ich geh davon aus, dass am Mittwoch es entweder zu einer vorläufigen Festnahme kommt, wogegen wir dann rechtliche Schritte einleiten werden, weil das nicht mehr möglich ist. Ansonsten wird es dann spätestens Donnerstag zur Verhängung der siebentägigen Arreststrafe kommen. Nach den sieben Tagen wird ein erneuter Befehl gestellt, den ich dann erneut verweigern werde. Dann geht das Spiel so weiter. Es werden dann, vermutlich, 21 Tage Arrest verhängt, solange, bis irgendwann das Truppendienstgericht diesen Disziplinarmaßnahmen nicht mehr zustimmen wird und ich dann aus der Bundeswehr zu entlassen bin. Im Anschluss daran werde ich mich vor einem zivilen Gericht wegen Gehorsamsverweigerung und eventuell, dass ist noch nicht ganz geklärt, wegen Fahnenflucht verantworten müssen.

Interviewer: Wie läuft denn so ein Arrest ab, wie sieht das denn aus?

Jannes: Ein Arrest läuft im Grunde so ab, dass ich in einer ungefähr sechs Quadratmeter großen Zelle eingesperrt bin. Ich hab eine Stunde am Tag Ausgang, eine Stunde in der Woche Besuchszeit. Morgens und Mittags bekomme ich Essen, abends gibt es in der Regel ein Lunchpaket. Es befindet sich halt ein Stuhl, ein Tisch, eine Toilette und ein Feldbett in diesem Zimmer. Das Feldbett wird in der Regel morgens um sechs wieder in die Wand geklappt und abends um Neun wieder herausgeklappt. Eine Neonröhre, die ist von außen zu bedienen und ein Fenster mit einer Milchglasscheibe, was sich auch nicht öffnen lässt.

Interviewer: Das hört sich ganz schön öde an. Was machst du denn da den ganzen Tag?

Jannes: Ich verbringe eigentlich den Tag mit lesen, schreiben, ich male auch ein bisschen und mach mir Gedanken.

Interviewer: Ok, also du kannst schreiben, kannst du auch Post kriegen?

Jannes: Ja, eigentlich ist es so, dass das Postgeheimnis nicht angetastet werden darf, es sei denn ein Richter verfügt das, was aber bei mir bislang nicht der Fall ist, soweit ich weiß.

Interviewer: Und wenn dir Leute schreiben wollen, wohin müssen die das schreiben?

Jannes: Über Post freue ich mich natürlich sehr. Das geht am Besten an Jannes von Bestenborstel, in der Trukft Roland Kaserne, Fohrder Landstraße 130, 14772 Brandenburg.

Interviewer: Danke


Am Mittwoch nach diesem Interview ist Jannes in die Kaserne zurückgekehrt, wo er zunächst wieder vorläufig festgenommen wurde. Am Donnerstag wurde dann der siebentägige Arrest verhängt, den er zur Zeit noch absitzt. Alex, der zweite Totalverweigerer, ist einen Tag nach seinem Erscheinen in der Kaserne, also am 2.10., in den siebentägigen Arrest gekommen. Inzwischen ist für ihn die nächste Arreststaffel verhängt worden. Die Haftbedingungen sind ähnlich, wie bei Jannes. Auch Alex kann Post empfangen und freut sich darüber auch sehr. Wenn ihr ihm schreiben wollt, schreibt ihr am Besten an:

Alex
Redaktion Redfireburning
c/o Infoladen St. Pauli Str. 10
28203 Bremen
Wir leiten eure Post dann weiter.