Die Bundeswehr
vor Troja
Leif
Allendorf hat eine
historische Erzählung geschrieben, die einiges über unsere Gegenwart
sagt
(aus: „Borg“, März 2004)
Mit historischen Romanen scheint sich ein Geschäft machen zu lassen; jedenfalls gewinnt man den Eindruck, wenn man die Stapelware in den Buchhandlungen betrachtet. Voraussetzung sind eine Rückenbreite von mindestens fünf Zentimetern und die mit mehr oder weniger exakten historischen Daten angereicherte Handlung, die in eine möglichst knallbunte Phantasiewelt führen sollte. Was in dem Genre lesenswert ist – Jürgen Lodemanns Nacherzählung des Nibelungenliedes etwa oder Leo Perutz' geschichtsphilosophische Abenteuerromane – liegt nicht in den Stapeln; und dort wird man auch Leif Allendorfs Erstling "Sieger" nicht finden: dazu ist er zu schmal und zu gut.
"Sieger" ist kein breit angelegter
Historienschinken in Öl, eher ein kleines Aquarell, sauber ausgeführt,
und die
Konturen verschwimmen auf raffinierte Weise. 10 Jahre nach dem
Trojanischen
Krieg begegnen sich in der Stadt Lykos und Laodike. Er ist Grieche, sie
Trojanerin, und sie erzählen sich ihre Geschichten, die natürlich
Geschichten
vom Krieg sind. Sie haben keine größeren Interessen zu verfechten,
können sich
also die Mühe machen, so ehrlich wie möglich zu sein; aber das ist gar
nicht so
einfach: "Jetzt erzählst du doch eine Siegergeschichte, ganz gleich,
wie
bescheiden du dabei tust. Sie gleichen sich alle, diese Geschichten,
denn sie
alle sind eine Verteidigungsrede. Jeder, der Geschichten aus dem Krieg
erzählt,
tritt wie vor ein Gericht und beteuert, der einzig Unbescholtene zu
sein."
Das mit der Unbescholtenheit funktioniert
natürlich
nicht, bei keinem der beiden. Auch bei Laodike nicht, obwohl sie weder
ein
Schwert in der Hand hatte noch einen Speer geworfen hat und schließlich
zu den
Belagerten gehörte – aber auch die Rolle einer Belagerten in einer
Stadt unter
Kriegsrecht hat ihre Tücken: "Der alten Zeit weine ich keine Träne
nach,
der Gefangenschaft in diesem Gefängnis zwischen den vier Stadttoren,
bewacht
von den Direktiven des Ältestenrats und seiner eifrigen Gehilfen. Ich
will sie
nie wieder sehen, die viereckigen, vertrockneten Gesichter unserer
greisen
Herrscher, die uns mit dem ewiggleichen Singsang quälten, der
Zerstörung der
Stadt zur Zeit unserer Großeltern zu gedenken, die Verantwortung zu
übernehmen,
daß dies nie wieder geschehen dürfe, die Aufforderung, unsere Nachbarn,
Freunde
und Verwandte mit scharfen Augen zu beobachten, damit nicht eine
Nachgiebigkeit, eine Unachtsamkeit das erreiche, was die
Kriegsmaschinen vor
unseren Mauern nicht vermochten. Ich sage mich von all diesem los und
weiß
doch: es ist eine Illusion. Ich stand nicht außerhalb, wie ich als
junges
Mädchen dachte..."
Was sich hier als Zitat ausnimmt wie der Wink
mit
dem Zaunpfahl, geht im Zusammenhang der Erzählung recht elegant auf.
Allendorf
hat seine Erzählung mit den neueren Ergebnissen der Troja-Archäologie
sorgfältig unterfüttert und vermeidet es so, daß die Allegorie die
Handlung
erschlägt. Sein Troja ist ein Troja aus eigenem Recht, deshalb
funktioniert es
auch als Symbol.
Das gleiche gilt für die Darstellung der
Gegenseite.
Der Aufmarsch der griechischen Kriegsmacht liefert einen wunderbaren
Anlaß für
die realistische Schilderung von Kampfhandlungen im 12. Jahrhundert vor
der
westlichen Zeitrechnung. Die aufeinander gehetzten Massen des Fußvolkes
zeigen
weniger Enthusiasmus als pragmatische Vernunft – „Wo zwanzig von uns
auf zehn
Trojaner trafen, flüchteten die Trojaner, und sobald sie mit dreißig
Mann
zurückgekehrt waren, rissen wir aus" –, die Gefahr geht, wie immer, von
den Helden aus, den im Streitwagen kämpfenden Fürsten, die sich
ernsthaft
bemühen, Tod und Verderben zu verbreiten. Aber auch hier kommen einem
die
Details aus dem militärischen Alltag seltsam bekannt vor. Es ist
erstaunlich,
wie einleuchtend die organisierte, lärmende und gewalttätige
Tatenlosigkeit im
griechischen Feldlager vor Troja mit gleichen Erscheinungen in anderen
Armeen,
die räumlich und zeitlich weit entfernt sein mögen, parallel geführt
wird. Das
wirkt weder aufgesetzt noch gewollt; das ist die Skizze eines
militärischen
Prinzips, welches für das Exerzieren mit Bronzeschwertern ebenso gilt
wie für
die Schießausbildung an einem Sturmgewehr.
Es ist nicht einfach, auf der Folie des
Jahres 1174
vor unserer Zeit auch ein Bild unserer Zeit entstehen zu lassen, ohne
allzu
plump zu wirken. Allendorf hat es geschafft, weil er seinen
historischen Raum
mit stimmigen Details ausstattet und seine Figuren in diesem Raum wie
moderne
Menschen agieren läßt – aus welcher Perspektive man es auch ansieht,
das Bild
stimmt.
Selbstverständlich wünscht Lykos den Eigenen
(nach
Karl Kraus ein Wort, des Landesverrats wert) die Niederlage – es kommt
dann
leider anders; seine Gründe finden sich auf Seite 98, und so
einleuchtend sie
sind, es könnte sein, daß ich ein wenig überinterpretiere, wenn mir in
dem
Zusammenhang das Wort von der neoliberalen Globalisierung einfällt ...
Fritz
Viereck
Leif Allendorf: Sieger, Avinus AutorenEdition, Berlin 2003