Militär und Geschlecht in Israel

(Über den Band  "Militär und Geschlecht in Israel" von Uta Klein. Eine Rezension von T. Froese, Frankfurt)



 

Zum Thema Militär und Geschlecht in Israel ist im Campus-Verlag das gleichnamige Buch von Uta Klein erschienen. Die Habilitationsschrift der momentan an der Universität in Münster und früher an den Universitäten in Jerusalem und Graz Lehrenden bietet sachliche Hintergrundinformationen zum Krieg zwischen der israelischen Regierung und der PLO, zwischen Zahal auf der einen, Fatah, Habasch und andere paramilitärische Einheiten auf der anderen Seite.

Positiv und lehrreich ist das Kapitel über die Staatsgründung. Hier greift sie Ursprungsmythen auf, die den sogenannten wehrhaften Krieger im Mittelpunkt einer militärischen und nationalen Ideologie darstellen. Diese mythischen Helden sind konkrete Soldaten aus den Kriegen 1948/49 und 1967 aber auch historische Figuren wie Bar Kochba und die Makkabäer oder Jochanan ben Zakkai, zudem alles Männer. Klein stellt die Entstehung der jüdischen Untergrundeinheiten Bar Giora und Haschomer Anfang des 20. Jahrhunderts, die zum Schutz der Kibbuzim entstandene Hagana und des 1941 gegründeten Elitekorps Palmach dar, sowie dessen spätere Transformation in die israelischen Streitkräfte, der Zahal. Hier kann sie lückenlos an der Entstehung der militärisch-industriell-politischen Elite anknüpfen, was daran liegt, daß es sich z. T. um dieselben Personen handelt.

Als besonderes Strukturmerkmal der Zahal stellt sie das Frauenkorps Chen heraus, das im eigentlichen Sinne eher als "administrative Einheit, die die Ausbildungsgänge und die militärische Laufbahn von Frauen in den Streitkräften begleitet" gelten kann. Die traditionelle geschlechtliche Arbeitsteilung – Frauen in der Versorgung und der Ideologie(re)produktion, Männer an der Front – wird hier fortgesetzt. Soldatinnen sind hauptsächlich im militärischen und polizeilichen Personaltraining eingesetzt, haben Erziehungsaufgaben in Schulen und der Armee und sind dort in der Versorgung, Kommunikation, Medizin, Nachrichten- und Abwehrdienst eingeteilt. Kampfeinsätze an der Front sind überwiegend Männern vorbehalten, auch wenn es einen Fall gab, wo sich eine Frau in das Cockpit eines Bombers hinein geklagt hat. Solche und andere Gerichtsentscheidungen werden von Klein im Quellenverzeichnis allerdings nicht im Original angegeben.

Im großen und ganzen beschreibt Uta Klein die umfassende Militarisierung Israels sehr genau, ob das nun die Darstellung der Militarisierung der Schulen ist, insbesondere des Jugendkorps Gadna (Gdudei Noar), wo 14 – 17-jährige verpflichtet sind, militärische Trainings durchzuführen, oder die strukturelle Alltagsgewalt bei der Armee, die sich nicht zuletzt in sexuellen Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen äußert. Jugendkorps, Wehrpflicht für Frauen (21 Monate) und Männer (24 Monate), 42 Wochen Reservedienstzeit im Jahr für Männer bis über das 50. Lebensjahr hinaus und eine umfassende politisch-industriell-militärische männliche Oligarchie sind die Bestandteile dieser Militarisierung.

Im abschließenden Kapitel ,Die Friedensbewegung – ein Gegendiskurs?' wird deutlich, wie schwierig es in Israel sein muß, sich gegen den herrschenden patriarchal-nationalistischen Kriegskurs gewaltfrei zu wehren und zu organisieren. Besonders die Schwierigkeiten der Aktivitäten von Women in Black, die sich auch immer dafür rechtfertigen mußten, daß sie Kontakt zu Frauen in den Gebieten der PLO hatten, beschreibt Klein. Seit der Intifada 1987 sind die Aktivitäten von Women in Black von beiden Kriegsparteien sehr erschwert worden und faktisch zum erliegen gekommen. Allerdings sieht Klein auch Fortschritte gegenüber früher. Es sei mittlerweile zumindest möglich, daß eine Organisation wie new profile Veranstaltungen mit dem Titel "Israel und Militarismus – aus feministischer Sicht!" anbieten und KriegsdienstverweigererInnen unterstützen könne.

Trotzdem fehlt etwas in dem Buch: Und zwar der gesamte Komplex der militär-politischen Justiz im Zusammenhang mit Kriegsdienstverweigerung. Die Grundlagen und Auswirkungen der militär-politischen Justiz und die Widerstandsform der Kriegsdienstverweigerung sind aber essentiell wichtig zum Verständnis des gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses. Klein erwähnt, daß es in Israel Kriegsdienstverweigerungen gibt – die z.B. von der Organisation new profile unterstützt werden – und nicht nur die von Yesh Gvul unterstützte und durchgeführte – aber im nationalistischen Diskurs stecken bleibende, selektive Befehlsverweigerung in den besetzten Gebieten: sie erwähnt es aber eben auch nur nebenbei. Zudem geht sie, wenn sie von Wehrdienstverweigerung spricht, von einer staatlich kontrollierten aus, die einen waffenlosen Zwangsersatzdienst nach sich zieht. Wenn sie darauf rekurriert, daß in Israel kein Recht auf Wehrdienstverweigerung wie in den meisten europäischen Staaten existiere, verkennt sie den essentiellen Gehalt der Kriegsdienstverweigerung: nämlich gar keinen Kriegsdienst leisten zu müssen, ob mit oder ohne Waffe. Beschreibungen von Desertionen kommen faktisch gar nicht vor in dem Buch.

Sehr befremdlich erscheint auch ihr an Baruch Kimmerling angelehntes Statement, daß die Armee sich professionalisieren und Frauen nicht als soziale Kategorie begreifen solle, sondern verstehen, "daß es Frauen gibt, die militärische Aufgaben ebenso bewältigen wie Männer, und daß es Männer gibt, die für diese eben nicht geeignet sind." (Klein: 300f.)  Ebenso ähneln doch viele Passagen des Buches eher einer militär-soziologischen Arbeit zur Untersuchung des Geschlechterverhältnisses zugunsten einer Effektivierung der Armee. Und dies kommt zwangsläufig daher, daß Klein mit der Schwierigkeit konfrontiert ist, Geschlechterbeziehungen innerhalb der israelischen Gesellschaft und insbesondere im Militär zu beschreiben. Ihre Strukturanalyse reicht zurück bis auf die Sprache, konkret die Ablösung der im herrschenden Diskurs als ,negativ-weiblich' denunzierten jiddischen von der als ,positiv-akademisch-männlich' geltenden hebräischen Sprache. Wie es dazu kam, daß Frauen aus dem Mandatsgebiet Palästina während des II. Weltkriegs von Großbritannien in den Auxiliary Territorial Service (ATS) rekrutiert wurden, später Frauen in den Palmach-Elite-Einheiten kämpften und sie dort wieder hinaus gedrängt wurden, beschreibt Klein sehr umfassend. Ebenso hebt sie in ihrer historischen Analyse den Mythos um Golda Meir als emanzipierte Frau und dem immer noch verbreiteten Bild der gleichberechtigten Frau in der israelischen Gesellschaft auf.

T.  Froese, Frankfurt
Klein, Uta: Militär und Geschlecht in Israel
Campus Verlag, New York/Frankfurt am Main 2001,
34,90 Euro