Bericht, Geschichte oder Strategie-Analyse? Geschichtsanalyse, Berichtsstrategie, analytischer Geschichtsstrategiebericht...

(Report von Th. Froese, Frankfurt, 21. August 2002)



 

Geschichten und Berichte sind Mosaiksteine antimilitaristischer Strategien. Use the Scissors for your own report...

Die 23. Dreijahreskonferenz der War Resisters' International mit dem Thema 'Geschichten und Strategien. Gewaltfreier Widerstand und gesellschaftlicher Wandel' fand vom 3. bis 11. August in der Dublin City University/Ireland statt. In unwirtlicher Atmosphäre, Thatcherismusbau, Panoptikum der Moderne, betonierte Zuchtanstalt, kaserniertes Lernen, dafür aber exklusiv gefilmt, von schwenkbaren Überwachungskameras.

Als wir im Juni nach England fuhren, um mit dem WRI-Büro Kontakt aufzunehmen und vorher ein paar andere Orte zu besuchen, mußten wir in New Forest startende Militär-Transportflugzeuge anhören, im Cornwall Tiefflieger, patroullierende Kriegsschiffe und Militärhubschrauber. Vom 3. bis 7. Juli veranstaltete die britische Armee ein Propagandamanöver in Larkhill (Wiltshire). Zu dem Schauschießen, 'Army 2002' genannt, kamen ca. 10.000 BesucherInnen, um neueste Waffensysteme und Live-Angriffe von widerlichen Panzern, Düsenfliegern und sonstigem, was Militär zum morden braucht, zu beobachten. Militarismus ist in Britannien weit verbreitet. Die britische Regierung hat vor kurzem erst Waffen an die USA verkauft, von dort werden sie nach Israel geliefert: eine Abkürzung um das Parlament herum.

In Dublin gab es keine dieser Eindrücke. Dafür aber in Nordirland, wo die gesamte Gesellschaft nicht nur geteilt ist, sondern in viele Stücke zerbrochen: in KatholikInnen, ProtestantInnen, Pro-Britische und RepublikanerInnen. Auf dem Plenum am zweiten Abend der Konferenz gab es beeindruckende Berichte und Geschichten von Mitgliedern des 'Versöhnungszentrums in Glencree' (Wicklow/Ireland). Sie beschrieben Methoden und Erfahrungen mit biographischen Geschichten, Einzelfall-Gesprächstherapie und dem Stellenwert von Gesprächen zwischen Tätern und Opfern im "irischen Friedensprozess", der unmittelbarsten Situation von Versöhnung. Aber nicht der ersten.

Auch während der anderen Plena 'What role do stories play in our strategies? ', 'Linking violence in daily life with global violence', 'Militarism, Antimilitarism and Civil Society' and 'Grassroots efforts and nonviolent strategies', den Themen- und Arbeitsgruppen wurde klar, daß die meisten Leute nach neuen Strategien suchen. Aber dann waren viele Leute auch sehr produktiv, produzierten mit einer 8-seitigen Konferenz-Zeitung einen Daily Conference Upstart (DCU steht für Dublin City University, wo die Triennale statt fand), spielten Theater, das am Ende doch nicht so unsichtbar war, hier eine Arbeitsgruppe zum sogenannten 'Krieg gegen Terrorismus', dort eine zu Militarismus und Gender, zu Kriegsdienstverweigerung usw. Viele Themen, 140 TeilnehmerInnen, alte und neue Kontakte, mal mehr, mal weniger Aktivität. Ungehorsam, Widerstand, Verweigerung und Desertion sind der Kern antimilitaristischer Geschichten aus aller Welt, die in Dublin zu hören waren. Die persönlichen Geschichten und Reden - z. B. gegen die Kriegspläne gegen Irak, den Krieg in Kolumbien oder der ,niedrigschwelligen Kriegsführung' gegen die ,neue Massenbewegung' der Anti-G7/WTO/NATO-Demonstationen - sind eine Stufe in der antimilitaristischen Dynamik.

Die unterschiedlichen aber nicht widersprüchlichen Verhaltensweisen einer antimilitaristischen Dialektik sind Passivität und Aktivität, eine praktische gewaltfreie Ethik das Resultat. Es ist falsch zwischen sogenannter 'aktiver Verantwortungsethik' und 'passiver Gesinnungsethik' zu sprechen, wie es in bellizistischen Strategien, wie z.B. von der Grünen Partei im Jugoslawien-Krieg, verwendet wurde. Der Druck auf AntimilitaristInnen, eine vermeintlich positive Friedensstrategie zu formulieren, hat zum Teil dazu geführt, dass einige in die Dynamik der militaristischen Logik hineingerieten. So z.B. auch Kriegsdienstverweigerer in der BRD, die Bestandteil eines breiten Systems von Opportunismus und Pflichtgefühl wurden und den waffenlosen Zwangskriegsdienst mit aufbauen halfen. Die Logik der zivil/bürgerlich-kapitalistischen Transformation beinhaltet eine solche Vereinnahmung kritischer Bewegungen, wie es mit den Kriegsdienstverweigerern in der BRD in den 1970er und 80er Jahren geschah. Staatlicher Ersatz für Militärdienst ist kein Fortschritt was bei Betrachtung der Einsatzgebiete, Arbeitsmarktfolgen, der Disziplinarmaßnahmen und Strafmöglichkeiten klar wird. Wie aber die Betrachtung der Dinge weiterführen in eine angemessene individuelle antimilitaristische und antihierarchische Ausdrucksform? Die Entwicklung des Widerstands, Wünsche und Träume werden ästhetisch artikuliert. Theater, Malen, Zeichnen, Bildhauerei, Musik oder Geschichtenerzählen. Wie auch immer, das ist Ausdruck und das Gegenteil von Depression. Das (unsichtbare) antimilitaristische Spektakel mit der Kunst ist so wichtig wie die direkte gewaltfreie Aktion, und manchmal das selbe.

In Dublin gab es u. a. auch die Entscheidungen, am 23. September an der US-Militärbasis auf Vieques/Puerto Rico eine Aktion zu unterstützen, die Gegenveranstaltung der DFG-VK München u.a. zur ehem. "Wehrkundetagung", jetzt "Sicherheitskonferenz" im Februar 2003 in München zu unterstützen sowie im August 2003 das nächste WRI-Ratstreffen in Verbindung mit einer Konferenz/Seminar der KDV-Gruppe Red Juveníl im kolumbianischen Medellin stattfinden zu lassen.

An kontinuierlichen WRI-Projekten soll das CONCODOC, Dokumentation zur Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung, aktualisiert werden, für den Rundbrief ,Das zerbrochene Gewehr' evtl. Auflagen erhöht und zum 1. Dezember 2002, dem ,Tag der Gefangenen für den Frieden' mit Schwerpunkt Kaukasus und Zentralasien ist geplant eine Beilage in der "Tageszeitung" drucken zu lassen (wozu sicherlich noch Spenden benötigt werden).

An weiteren Überlegungen gab es - für Aktivitäten in der BRD relevant - von der antirassistischen Initiative in Berlin den Vorschlag, die Militarisierung in den Grenzgebieten der reichen Staaten noch intensiver zu beobachten und öffentlich zu machen, um den Zusammenhang zwischen rassistischer Asylpolitik und Kriegführung deutlicher zu machen. Und auch auf der Konferenz gab es eine direkte Erfahrung mit den rassistischen Grenzregimen. In einer Pressemitteilung der War Resisters' International heißt es "Ein Drittel der eingeladenen TeilnehmerInnen aus Nicht-EU-Staaten wurden mit der Festung Europa konfrontiert, mit der niederträchtigen Einwanderungspolitik der Europäischen Union. Mehr als hundert Leuten, die sich zur Konferenz angemeldet hatten, wurden von den irischen Behörden Visa verweigert. Menschen aus Russland, der Ukraine, Georgien, Ghana, Nigeria, Dem. Rep. Kongo, Kamerun, Senegal, Sierra Leone, Burundi, Zimbabwe, Togo, Gambia, Kenia, Bangladesh und Pakistan konnten nicht an der Konferenz teilnehmen".