Wehrpflicht und neoliberaler Kapitalismus
(Kalaschnikov vom 20. Oktober 2004)
Knapp 20.000 Wehrpflichtige rückten Anfang Oktober in die Kasernen ein. Ein wenig interessanter Umstand, normalerweise. Und doch war der herbstliche Einberufungstermin der Bundeswehrpresseabteilung eine Nachricht wert. Denn, so kündigte es die „Bundeswehr aktuell“ an, nach dem ersten Tag Rekrutendasein werde es „dieses Mal ... für die jungen Soldaten ganz anders weitergehen“ als „in den vergangen Jahrzehnten.“ Der Grund dafür: Erstmals integrieren die deutschen Militärs eine einsatzorientierte Basisausbildung für alle Rekruten in die allgemeine Grundausbildung.
Eine „einsatzorientierte Basisausbildung“ ist für Wehrpflichtige aber völlig nutzlos. Denn die nehmen an Auslandseinsätzen nicht teil. Sie müssen sich schon freiwillig länger verpflichten, um in einen Einsatz ins Kosovo, nach Bosnien oder nach Afghanistan zu kommen. Das ist so, weil eine staatsbürgerliche Pflicht zur militärischen ‚Verteidigung’ am Hindukusch logisch und juristisch schlichtweg nicht zu begründen ist. Die Bundeswehr gibt demnach Geld für Ausbildungsgänge aus, die überflüssig und gänzlich wertlos sind. Weiß die ‚starke Truppe’ demzufolge nicht mehr, wohin mit den vielen Milliarden aus dem Rüstungsetat? Hat die Generalität angesichts diverser Auslandseinsätzen den Überblick über die eigenen Personalstrukturen verloren?
Nein. Die Erklärung für diese Merkwürdigkeit ist eine andere. Wenn allgemeine Wehrpflicht und „einsatzorientierte Ausbildung“ nicht zusammenpassen, dann ist es nicht notwendigerweise letztere, die in dieser Paarung fehl am Platz ist. Vielmehr muss die seit Herbst modifizierte Grundausbildung als weiterer Schritt auf dem Weg zur Abschaffung der Wehrpflicht verstanden werden. Denn das umgekehrte Vorgehen – Einführung einer Berufsarmee und anschließende Anpassung der Ausbildungsstrukturen – wäre aus organisatorischen Gründen absurd. Die neu konzipierte Grundausbildung bei der Bundeswehr bietet also einmal mehr Anlass, ein paar Betrachtungen über die Zeit nach der allgemeinen Wehrpflicht anzustellen.
Kein moderner
Staat kann sich darauf verlassen, eine ausreichende Zahl Freiwilliger für die
Armee aufzutreiben. Denn wohl kaum dürften sich genug Menschen finden, denen
ihre ungebändigte Lust an Abenteuern, am Beutemachen und am Totschießen das
Soldatenhandwerk zum Traumberuf geraten ließe. Sind ideologische
Mobilisierungsinstrumente wie etwa Nationalismen nur schwach ausgeprägt, dann
kann der Staat auf Zwangsmittel bei der militärischen Personalwerbung nicht
verzichten. Die allgemeine Wehrpflicht wäre beispielweise ein Mittel
unmittelbaren Zwangs: wer nicht dient, der wandert in den Knast.
Sklavenarbeit beruht ebenso auf unmittelbaren Zwang; und in der Geschichte hat
es auch Sklavenheere gegeben, die Mamelucken sind ein Beispiel dafür. Im
Kapitalismus basiert die gesellschaftlich notwendige Arbeit allerdings nicht
auf unmittelbarem, sondern auf mittelbarem Zwang. Der Staat muss nicht
eingreifen; die Sache läuft von ganz alleine. Denn diejenigen, die kein
Vermögen besitzen oder kein regelmäßiges Einkommen aus Kapitaleigentum
erzielen, sind gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen; sie haben nichts
anderes, was sie als Ware auf dem (Arbeits-)Markt anbieten könnten. Verfechter solcher
marktwirtschaftlichen Systeme behaupten gerne, dass nur die Anwendung von
Marktmechanismen zu einer optimalen Verteilung knapper ökonomischer Ressourcen
führe, hingegen würden staatliche Eingriffe in die Ökonomie ein optimales
Ergebnis vereiteln.
Die allgemeine
Wehrpflicht widerspricht diesem zur Zeit allgegenwärtigen neoliberalen Credo,
weil die Rekrutierung der Soldaten nicht über marktwirtschaftliche Mechanismen
erfolgt, sondern mittels staatlichem Eingriff. Das hat – in dieser Sichtweise –
negative Folgen: Wenn alle zur Armee eingezogen werden, dann auch diejenigen,
die an einer anderen Stelle des Wirtschaftslebens sehr viel produktiver
arbeiten könnten. Warum sollte nicht also die Bundeswehr ihr Personal
über den Arbeitsmarkt anwerben – so wie jeder andere private oder staatliche
Arbeitgeber?
Einen Haken hätte
die Anwerbung auf dem Arbeitsmarkt allerdings: Unter ökonomischen
Gesichtspunkten ist es nicht gerade rational, sich beim Militär einzuschreiben.
Schon gar nicht, wenn mit dem von der Militärpolitik beschworenen „geänderten
sicherheitspolitischem Umfeld“ in Zukunft verstärkt Kampf- und Kriegseinsätze
verbunden sind. Denn das Risiko eines Soldaten bei der Ausübung seines Berufes
umzukommen, ist vergleichsweise hoch. Selbst dann, wenn die Truppen wie die
US-amerikanische Armee im Irak über eine hochmoderne Ausrüstung verfügen. Zudem
sind die ein hohes Risiko möglicherweise rechtfertigenden individuellen
Gewinnerwartungen gering. Der Sold ist bescheiden und soll bescheiden bleiben,
ebenso dürftig sind die Abfindungen im Todesfall, und auf Kriegsbeute dürfte
heutzutage ebenfalls kaum ernsthaft zu hoffen sein. Wirtschaftliche Kalküle der
potentiellen Soldaten stehen also einer ausreichenden Truppenstärke eher
entgegen.
Das Gesetz von
Angebot und Nachfrage gilt zum Glück fürs Militär auf dem kapitalistischen
Arbeitsmarkt aber nur bedingt, denn, um einen Fachmann zu Wort kommen zu
lassen, „...die industrielle Reservearmee (...) zwängt den Spielraum dieses
Gesetzes in die der Exploitationsgier (...) des Kapitals absolut
zusagenden Schranken ein“ (MEW 23: 668).
Der Unterschied
zwischen der Marxschen ‚industriellen Reservearmee’ und dem Arbeitslosenheer
von heute besteht allerdings darin, besser gesagt: noch darin, dass letzteres
aufgrund sozialstaatlicher Leistungen nur begrenzt disponibel ist. Mit anderen
Worten: Wer Lohnersatzleistungen oder Fürsorgeleistungen erhält, muss nicht
jeden Job annehmen. Genau an dieser Beschränkung setzen die Hartz IV-„Reformen“
an. Wer als Langzeiterwerbsloser die sogenannten „Arbeitsgelegenheiten“
nicht annimmt, dem werden ab 2005 die Leistungen gekürzt. Besonders betroffen
sind Jugendliche unter 25 Jahre, wenn sie längere Zeit ohne Job sind. Ihnen
soll in jedem Fall eine „Arbeitsgelegenheit“ angeboten werden und ihnen kann
die Behörde das Arbeitslosengeld II gänzlich streichen. Damit erhöht sich aber
der Druck auf alle Jugendlichen, die schlechte Chancen auf dem
Arbeitsmarkt haben, irgendeine Tätigkeit anzunehmen. Immerhin waren im
Jahresdurchschnitt 2003 mehr als eine halbe Millionen Personen unter 25 Jahren
arbeitslos gemeldet. 500.000 junge Leute, die langzeiterwerbslos oder die von
Langzeitarbeitslosigkeit bedroht sind. Ein beachtliches Potential für die
Werber der Bundeswehr.
Zugespitzt
formuliert: Mit Hartz IV wird die neoliberale Umgestaltung der militärischen
Rekrutierungsformen erst möglich. Die Abschaffung der Wehrpflicht muss in
diesem Zusammenhang als Ökonomisierung eines Sektors betrachtet werden, der
bisher staatlichem Reglement unterworfen war. Insofern entspricht sie dem seit
Jahrzehnten herrschenden neoliberalen Trend zu mehr Markt und weniger Staat. In
diesem Kontext scheint mir – nebenbei bemerkt – der Zusammenhang von Aufrüstung
und Sozialabbau sehr viel enger zu sein, als in der allzu einfachen, aber in
friedensbewegten Debatten nichtsdestotrotz beliebten quantitativen
Gegenüberstellung von Sozialleistungskürzungen einerseits und den finanziellen
Auswirkungen von Rüstungsprojekten auf der anderen Seite.
Als Kritiker/-innen
von Marktmechanismen können wir uns selbstverständlich nicht mit dem Befund
zufrieden geben, dass das Ende der Wehrpflicht als Stärkung
marktwirtschaftlicher Prinzipien, als neoliberale Modernisierung zwecks
volkswirtschaftlich günstigerer Verteilung von Ressourcen zu verstehen ist. Es
stellt sich darüber hinaus die Frage nach der verteilungspolitischen Dimension.
Der beschriebene ökonomische Zwang wirkt im Gegensatz zur allgemeinen
Wehrpflicht nur auf jene soziale Schichten, die nicht über Vermögen verfügen,
über regelmäßiges Kapitaleinkommen oder ein ausreichend hohes Lohneinkommen.
Wie in kaum einem anderen europäischen Land sind in Deutschland darüber hinaus
die Ausbildungschancen durch die soziale Herkunft bestimmt. Für Jugendliche mit
schlechter Bildungsperspektive ist aber der durch Hartz IV entfaltete Druck auf
dem Arbeitsmarkt besonders groß. In Hinblick auf das Kanonenfutter der Zukunft
sind daher die sozialen Bestimmungsfaktoren relativ einfach abzustecken: mehr
als bisher werden es die armen Schweine sein, die zum Militär gehen werden,
diejenigen mit schlechter Ausbildung und miesen Ausbildungschancen, diejenigen,
die aus ärmlichen Familienverhältnissen stammen. In den Berufsarmeen anderer
Länder kann man das schon heute beobachten. Die anderen, die von Hause aus
Reicheren und die gut Ausgebildeten dürfen in Zukunft mit einer vollständigen
Befreiung von der Militärlast rechnen.
Genauer
formuliert: die dürfen mit der Befreiung von der Militärdienstlast
rechnen. Denn das Militär verursacht darüber hinaus finanziellen Lasten, die
mittels Steuern zu finanzieren sind. Und Steuern zahlen doch auch die Reichen
und Vermögenden, oder etwa nicht?
Bei den
Staatseinnahmen und damit bei der Militärfinanzlast sind ebenfalls
bemerkenswerte Entwicklungstrends festzustellen. Während der Anteil sämtlicher
Gewinn- und Vermögenssteuern am gesamten Steueraufkommen von 1977 bis 2002 von
29 auf 14 Prozent gefallen ist, sich also halbiert hat, stieg der Anteil der
Lohnsteuer von 30 auf 36 Prozent! Die ökonomisch potenteren Sozialschichten
befreien sich also nicht nur vom Militärdienst, sondern tendenziell auch
von der Finanzierung der Armee.
In antiken
Karthago gab es die Sitte, in Zeiten existenzbedrohender militärischer Krisen
die Erstgeborenen der vornehmsten und reichsten Familien dem Moloch zu opfern,
um die Götter zu besänftigen. Dieser Brauch hat den Karthagern bekanntlich
wenig geholfen. Doch kommt in ihm der Gedanke zum Ausdruck, dass die Profiteure
kriegerischer Unternehmungen für die mit diesen verbundenen Kosten auch
aufkommen sollten, vor allem dann, wenn die militärische Operation schief geht.
In der
Bundesrepublik Deutschland gilt diese Regel in Zukunft noch weniger als in der
Vergangenheit. Man muss sich darüber nicht moralisch empören.
Bemerkenswert ist allerdings die Erkenntnis, mit welcher Macht die
kapitalistische Ware-Geld-Beziehung gesellschaftliche Verhältnisse zu
verkleistern vermag. Die herrschende Klasse entscheidet über Kriegs- und
Kampfeinsätze, in denen Menschen vor allem aus sozialökonomisch
marginalisierten Schichten verheizt werden. Das ist natürlich nicht neu.
Während sich aber in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in den
Schützengräben nicht nur der ein oder andere Adlige und Fabrikantensohn
wiederfand, sondern auch zumindest eine Ahnung über den klassenspezifischen
Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse verbreitet war, erscheinen diese
heute als das Normalste der Welt: als Tausch der Ware Arbeitskraft gegen
Geld. Das Verhältnis zwischen herrschender Klasse und deren Willen
exekutierender Militärtruppe, das ein gewalttätiges Verhältnis ist, weil es die
hierarchische Verfügung über Tod und Leben beinhaltet, kommt als ebenso harmlos
daher wie der Kauf eines Brötchens beim Bäcker.
Angesichts solcher
Mystifizierungsleistungen des neoliberalen Kapitalismus werden die zukünftigen
hohen Anforderungen an eine antimilitaristische Kritik deutlich. Deren Aufgaben
werden nach der Abschaffung der Wehrpflicht nicht einfacher.