Kriegsminister für
Wehrpflicht –
oder doch nicht?
Neues
zur Wehrpflichtdebatte
(Kalaschnikov
vom 2. Juni 2004)
Einmal mehr hat sich Kriegsminister Struck Ende Mai bei einer Tagung des Beirates für Innere Führung in Berlin für die Beibehaltung der derzeitigen Wehrform stark gemacht. Die Tageszeitung „Welt“ qualifizierte des Ministers Äußerungen gar als „flammendes Plädoyer“ für die allgemeine Wehrpflicht. Mit Blick auf die Folterbilder aus dem Irak sinnierte der Oberbefehlshaber:
„Ich bin in diesem Zusammenhang der
felsenfesten
Überzeugung, dass vor allem die Wehrpflicht insgesamt ein ganz
entscheidender
Faktor zur Vorbeugung gegenüber Auswüchsen ist, die alle Regeln des
Völkerrechts, der Menschenrechte und des Anstands verhöhnen.“
Zweifellos:
Im Gegensatz zur US-amerikanischen Söldner- und Folterertruppe im Irak
hat sich
etwa die hitlerdeutsche Wehrpflichtigen-Armee im Zweiten Weltkrieg an
der
Ostfront doch recht sauber und anständig verhalten.
Im
Ernst. Von links bis rechts waren sich die politischen Kommentatoren
schnell
einig, dass eine solche Begründung der Wehrpflicht nun wirklich an den
Haaren
herbeigezogen sei. Man merke nun, spottete das „Neue Deutschland“, dass
Peter
Struck die Argumente ausgingen. Auch die konservative „Welt“ ging mit
ihm hart
ins Gericht:
„Selten hat Minister
Struck so weit daneben gelegen. Er unterstellt nicht nur mir nichts dir
nichts
den Berufsarmeen in der Welt (...), dass sie leichter letzte moralische
Schranken durchbrechen als Wehrpflicht-Armeen. Dafür gibt es keinen
Beleg, der
sich derart verallgemeinern lässt.
Mehr noch: Auch die
Bundeswehr schickt vor allem Berufssoldaten in den Unteroffiziers- und
Offiziersrängen auf den Balkan oder nach Afghanistan. Werden die also
von den
länger dienenden Wehrpflichtigen in den Einsätzen vom Foltern
abgehalten? Was
für eine absurde Vorstellung – die sich gleichwohl zwingend aus der
Struck’schen Logik ergibt.“ („Welt“ v. 26.5.2004)
Militärdienstpflicht als Schutzmechanismus gegen Foltersoldaten – daran glaubte der Minister letztlich wohl selbst nicht so recht. Macht aber auch nichts, schließlich ist Struck einer, der immer noch ein Ass im Ärmel. Zum Beispiel die Sache mit dem Gesellschaftsbezug des Militärs: Bei Einführung einer Berufsarmee bestehe die Gefahr, dass die enge Verbindung zwischen Bundeswehr und Gesellschaft aufbreche.
Auch
diesen Gedanken darf man zunächst einmal als ziemlich blödsinnig
charakterisieren. Denn wenn es diese Verbindung überhaupt je gegeben
haben
sollte, dann ist sie heute längst gekappt. Nicht nur, dass Struck die
Hälfte
der Gesellschaft völlig übersieht, denn keine einzige Frau leistet als
Wehrpflichtige in der Bundeswehr ihren Dienst ab. Vom übrig bleibenden
Rest der
bundesdeutschen Bevölkerung zieht die Truppe mittlerweile nur noch
einen
Bruchteil ein. Von einem repräsentativen Querschnitt durch deutsche
Bildungs-
und Sozialschichten, so rechnete es sich das Springerblatt „Welt“
zusammen,
könne ernsthaft nicht mehr die Rede sein.
Was
will der Minister also der Öffentlichkeit mit so einer Sorte von
„flammendem
Plädoyer“ sagen? Mit einem Bekenntnis zur Wehrpflicht, das
offensichtlich nur
ein Lippenbekenntnis ist, da die angeführten Argumente allzu leicht
widerlegt
werden können?
In
die Rubrik „Pseudoargumente für die allgemeine Wehrpflicht“ gehört
ebenfalls
das auf derselben Tagung von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn
präsentierte neue Ausbildungskonzept für die Truppe. Die Rekruten
sollen
zukünftig in ihrem neunmonatigen Wehrdienst jene Fähigkeiten erwerben,
die für
einen Auslandseinsatz notwendig sind. Bis heute sind, wenn es deutsche
Truppen
in die Welt hinaus zieht, Zusatzausbildungen nötig. Denn die
Lerninhalte jener,
die sich nicht für einen internationalen Einsatz und damit die
Verlängerung
ihres Wehrdienstes entscheiden, zielen noch auf Tätigkeiten ab, die in
einer
modernen Interventionsarmee eher selten benötigt werden. Als da wären:
Stramm
stehen, Vorgesetzte korrekt grüßen, Abnutzungskämpfe gegen feindliche
Armeen
üben und monatelangen Gammeldienst ausführen.
Die
„Frankfurter Rundschau“ interpretierte das neue Konzept als einen
Schritt zur
Integration der Wehrpflicht in die Bundeswehr, als einen Beitrag der
Militärs
zur Rettung der allgemeinen Militärdienstpflicht. Weil nämlich die
Ausbildungsinhalte der Wehrpflichtigen, die bald nur noch gut ein
Fünftel aller
Bundeswehrsoldaten ausmachen werden, damit an jene der Berufs- und
Zeitsoldaten
heranrückten.
Plausibler
ist allerdings die umgekehrte Deutung: Wird die allgemeine Wehrpflicht
aufgehoben, dann müssen vorher jene Ausbildungsstrukturen
logischerweise
abgeschafft werden, die heute noch für die Neunmonats-Wehrpflichtigen
gelten
und die für Auslandseinsätze unbrauchbar sind. Das neue
Ausbildungskonzept darf
also als weiterer Schritt zur Liquidierung der allgemeinen Wehrpflicht
verstanden werden.
Nochmals
also die Frage: Welchen Grund hat die Offensive von Minister und
Armeespitze
zur Verteidigung der Wehrpflicht? Ein politischer Scheinangriff, der
lediglich
auf Pseudoargumenten beruht? Generalinspekteur Schneiderhahn gibt die
Antwort
selbst: „Der Laden“, so zitiert ihn die „Frankfurter Rundschau“,
„bröckelt in
zwei Jahren weg“, denn niemand werde sich noch einziehen lassen, wenn
die
politische Entscheidung für eine Berufsarmee gefallen sei. Bereits 1998
formulierte das ein Mitarbeiter einer kleinen und damals frisch
gebackenen
Regierungspartei so:
„Sobald das Ende angekündigt ist, stürzt das Wehrpflichtsystem zusammen. Die Bundesregierung hat daraus gelernt und geht einen anderen Weg. Die Wehrpflicht soll zwar aus unterschiedlichen Gründen so lange wie möglich gehalten werden. Für den Übergang will man aber (...) nicht völlig unvorbereitet sein.“
Strucks
Botschaft ist also eine doppelte: Für die Öffentlichkeit und auch, um
dem ein
oder anderen Gericht, das sich mit dem Thema Wehrgerechtigkeit
auseinander zu
setzen hat, Argumente an die Hand zu geben, soll die Frage der
Wehrpflicht als
eine politisch offene vermittelt werden. Andererseits soll denjenigen,
die für
die Zeiten ohne Wehrpflicht schon heute planen müssen,
klar sein, dass in nicht mehr allzu ferner
Zukunft die Bundeswehr in eine Berufsarmee transformiert wird.
Adressaten
sind vor allem die Wohlfahrtsverbände, die bald ohne
Zivildienstleistende
auskommen müssen. Der Fehler von Bundeskanzler Kohl, dessen
außenpolitische
Zusagen 1990 dazu führten, dass die Sozialverbände auf einen Schlag
etwa 35.000
Zivis (rund ein Drittel aller) entlassen mussten, soll bei der
Abschaffung der
Wehrpflicht nicht wiederholt werden. Damals führte der plötzliche
Kurswechsel –
seit 1988 waren alle Sozialverbände davon ausgegangen, dass der
Zivildienst
sogar auf 24 Monate verlängert wird – nicht nur zu zum Teil erheblichen
Ausgabensteigerungen bei den Kostenträgern im Sozialbereich, sondern
auch zu
harscher Kritik an der Bundesregierung. Heute hält die Regierung die
Öffentlichkeit hin, um Planungen für den weiteren Übergang zu einer
Zeit ohne
Zivildienst zu ermöglichen. Eine Transformation, die ja bereits seit
einigen
Jahren läuft.
Um
Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich wäre es falsch davon
auszugehen, die
allgemeine Wehrpflicht werde unter Umständen beibehalten, um den
Sozialbereich
mit billigen Arbeitskräften zu versorgen. Denn die im Vergleich zur
Sozialpolitik größere Bedeutung der Militärpolitik gehört zu den
Konstanten der
jüngeren deutschen Geschichte. Hier geht es lediglich um Probleme des
Übergangs, bei denen sozialpolitische Überlegungen allerdings eine
Rolle
spielen können.
Schaut
man sich die Debatte innerhalb der Wohlfahrtsverbände an, dann haben
diese die
Botschaft, die ja nicht zum ersten Mal formuliert wurde, verstanden.
Insgesamt
wird bei Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischem Wohlfahrtsverband
und
anderen Organisationen zur Zeit über die Zukunft des Zivildienstes
wesentlich
weniger aufgeregt debattiert als noch zu Beginn der 90er Jahre – als
von
Pflegenotstand die Rede war, man sozialpolitische Katastrophenszenarien
ausmalte und vereinzelt ein soziales Pflichtjahr vehement eingefordert
wurde.
Denn
nach prinzipiellen Veränderungen im Bereich der sozialen Arbeit seit
Mitte des
letzten Jahrzehnts (Stichwort: Ökonomisierung der sozialen
Dienstleistungen),
nach einigen differenzierteren Bestandsaufnahmen zur Rolle des
Zivildienstes im
sozialen Sektor, nach einigen
grundlegenden Überlegungen zu Entwicklungsmöglichkeiten der
Freiwilligendienste
(Stichwort: Enquete des Bundestages zum „bürgerschaftlichem Engagement“
im Juni
2002, Kommissionsbericht „Impulse der Zivilgesellschaft“ im Frühjahr
2004) und
nach der Eröffnung neuer Möglichkeiten für geringfügige Beschäftigung
(Stichwort: „Minijobs“ und Hartz IV), scheinen sich die
Wohlfahrtsverbände mit
dem Ende des Zivildienstes abgefunden zu haben. Auch wenn sie nicht
darüber
erfreut sind, spricht heute kein Vertreter der großen
Sozialorganisationen mehr
davon, dass eine Konversion des Zivildienstes nicht machbar sei. Man
streitet
sich noch über einige Übergangsprobleme und genauere
Finanzierungsmodalitäten.
Würde der Kriegsminister heute aufgrund von militärpolitischen
Notwendigkeiten
die Etablierung einer Berufsarmee ankündigen, würde dieser Übergangs-
und
Umbauprozess empfindlich gestört.
Es
darf für die Verantwortlichen allerdings auch kein Zweifel daran
aufkommen,
dass die Wehrpflicht nicht nicht abgeschafft wird. Da die
Militärpolitik
zweifellos das Primat über die Sozialpolitik hat, könnten ernsthafte
militärpolitische Argumente für die Wehrpflicht kontraproduktiv sein
und
falsche Erwartungen bei den Wohlfahrtsverbänden wecken. Mit ein wenig
dialektischer Analyse machen die Äußerungen Strucks also durchaus Sinn.
Er liegt
eben nicht „völlig daneben“, wie die „Welt“ vermutete, sondern er macht
genau
das, was jeder intelligente Minister machen würde, wenn er die
Wehrpflicht in
absehbarer Zeit abschaffen möchte: Er verteidigt sie mit
militärpolitisch
wirren und nicht nachvollziehbaren Argumenten.
Gelackmeiert
sind die Kriegsdienstverweigerer, die sich jetzt noch zum Zivildienst
ziehen
lassen, statt ruhig abzuwarten und gar nichts zu tun. Für sie wird der
Schein
von „allgemeiner Wehrpflicht“ und „Wehrgerechtigkeit“ noch
herbeigelogen. Soll
niemand behaupten, wir hätten es ihnen nicht gesagt.