(Kalaschnikov, Sendung vom 6. März
2002)
Stellen Sie sich vor, deutsche Soldaten kehren von einem glorreich beendeten Auslandseinsatz zurück. Zu Hause werden sie überschwenglich als Helden gefeiert, Jubel allerorten. Talkshows auf sämtlichen Kanälen präsentieren die bewährtesten Kämpen und die auflagenstärkste Tageszeitung der Republik titelt mit Blick auf die vergangenen Kämpfe und fetten Lettern: "Wir sind die besten der Welt". Sie mögen, liebe Leserin und lieber Leser, vielleicht einwenden, ein solches Szenario entspringe einer übertriebenen Militärkritik, da trotz aller deutlichen Anhaltspunkte für eine sich militarisierenden Außenpolitik ein dergestaltiger nationaler Hurrapatriotismus in Deutschland nicht zu verzeichnen sei. Sie könnten außerdem zurecht danach fragen, welchen Feldzug die Bundeswehr denn angesichts der Vielzahl von überflüssigen, theatralisch inszenierten oder fehlgeschlagenen Militäraktionen in den letzten Jahren überhaupt wohl hätte erfolgreich oder gar glorios abschließen können.
Und trotzdem ist die beschriebene Situation nicht Fiktion sondern Realität: Der Auslandseinsatz fand in den USA statt, die Kämpfe waren olympischer Natur und die medial präsentierten Helden heißen Feldwebel Andrea Henkel (Biathlon) oder Hauptfeldwebel Georg Hackl (Schlittenfahren). Die Sportsoldatinnen und -soldaten der Bundeswehr stellten fast die Hälfte - 44 % - der gesamten deutschen Equipe in Salt Lake City; auf ihr Konto gingen sogar - das rechneten nach der Abschlußfeier Militärs genüßlich vor - über siebzig Prozent der bundesdeutschen Medaillengewinne. Und Ex-Mitglieder der militärischen Sportfördergruppen wie zum Beispiel Sven Hannawald sind da noch nicht einmal mit eingerechnet.
Seit der Olympiade 1992 in Barcelona stieg der Anteil der Militärathleten - Sportsoldatinnen waren vor zehn Jahren allerdings noch nicht vertreten - kontinuierlich an. Gerade mal jeder neunte deutsche Olympionike in der katalanischen Hauptstadt stand auf der Soldliste der Bundeswehr. Bei der Sommerolympiade 1996 im US-amerikanischen Atlanta war es schon jeder fünfte Sportler, vor zwei Jahren in Sydney lag die Quote schon bei gut einem Viertel. Bei olympischen Winterspielen ist der Anteil der Armeesportler traditionell höher. Vor allem aber sind die Zuwachsraten exorbitant. Die Zahl der hinter der Fahnenträgerin Stabsunteroffizier Hilde Gerg ins olympische Stadion von Salt Lake City einmarschierenden deutschen Soldaten lag um 60% über dem Wert von Nagano 1998. Dazu kamen noch 17 Soldaten, die als sogenannte "Offizielle" fungierten. Die deutsche Olympiadelegation hat sich zur prominentesten Wehrsportgruppe der Republik gemausert.
Was tut nun aber die Armee zur Förderung des Leistungssports? Im Grunde genommen: nichts. Außer, daß sie die Sportsoldaten finanziell aushält. Trainiert und sportlich betreut wird in den Olympiastützpunkten und Leistungszentren des Deutschen Sportbundes, in deren Nähe die zur Zeit 25 Sportfördergruppen der Bundeswehr stationiert sind. Die Wege sollen kurz bleiben. Die Militärsportler, für die die Armee etwa 700 Plätze den Sportverbänden zur Verfügung stellt, leisten drei Monate ihren Grundwehrdienst ab und können danach offiziell 70% ihrer Dienstzeit für die Vorbereitung auf ihre Wettkämpfe verwenden. Häufig werden allerdings die restlichen 30% für militärische Aus- und Weiterbildung noch unterschritten. Die Einberufungspraxis handhaben die Streitkräfte recht flexibel, denn wichtig sind vor allem die Medaillenchance der von den Verbandsfunktionären vorgeschlagenen Athleten bei großen internationalen Wettkämpfen. Da kann es schon einmal passieren, daß ein Turner seine Karriere als Zeitsoldat erst im Alter von 29 Jahren beginnt oder daß ein amtierender Weltmeister kurz vor olympischen Wettkämpfen zu einer "Wehrübung" einrücken muß.
Die Sportförderung der Bundeswehr räumt, so der Sportreferent im Streitkräfteamt, "den olympischen Disziplinen höchste Priorität ein." Denn schließlich geht es um nationales Prestige und für die Bundeswehr, so Kriegsminister Scharping, um "Imagegewinne". Deshalb erfuhr man im Februar in den Print- und Internetpublikationen der Truppe zwar alles über die erfolgreichen Wettkämpfe deutscher Soldaten in den USA, kaum etwas hingegen über die Umsetzung des wie auch immer definierten militärischen Auftrages von Marineeinheiten vor dem Horn von Afrika. Wollte das Ministerium mit dem undurchsichtigen Argument, die Familien der Soldaten seien zu schützen, noch nicht einmal den Einsatz des "Kommando Spezialkräfte" in Afghanistan bestätigen, plazierte die Hardthöhe ihre Sportsoldaten gut sichtbar ins Rampenlicht: Im Vorfeld der Spiele stellte das Streitkräfteamt sicher, daß die Militärathleten erstmals bei Siegerehrungen und anderen öffentlichkeitswirksamen Auftritten das Bundeswehr-Logo auf der Kleidung tragen durften. Hierdurch versieht übrigens die Informationspolitik des Kriegsministeriums die Kritik des Berliner Politologen Ekkehart Krippendorf, daß die Akteure in Politik und Militär Außenpolitik nur als Spiel begreifen und betreiben können, mit einer schönen Pointe. Staatliche Außenpolitik folgt also nicht nur den Regeln eines Spiels, darüber hinaus wird ihr Instrument - das Militär - als Spielteilnehmer inszeniert. So verbirgt sich dialektisch selbst im Hackl Schorsch noch ein Körnchen Wahrheit.
Daß die militärische Sportförderung in erster Linie dem nationalen Prestiges dient, zeigt sich deutlich an ihrer konkreten historischen Entwicklung. Die systematische Unterstützung von Spitzensportlern in der Truppe begann im Zeitraum zwischen 1968 und der zweiten Olympiade auf deutschem Boden 1972. Sie entstand mithin in einer Zeit am Ende einer langen wirtschaftlichen Prosperitätsphase, in der eine sozialdemokratische Integrationspolitik nicht nur auf "Brot", sondern auch in gewissem Maß auf "Spiele" setzte. Bemerkenswerter jedoch ist der zügige Ausbau des Armeesportwesens nach dem Beitritt der DDR. Wir erinnern uns: Die Zukunftserwartungen des bundesdeutschen Sports waren immens, hatte man doch mit der DDR ein ausgesprochen fruchtbares Sportfördersystem eingesackt. Ein bekannter Teamchef des Deutschen Fußballbundes hielt 1990 die National-Kicker für auf längere Dauer unschlagbar, und bei den Sommerspielen 1992 in Barcelona hagelte es geradezu Edelmetall für die "wiedervereinigte" deutsche Mannschaft. Nur: mit der DDR hatte man auch die dort praktizierte Form der Leistungssportförderung liquidiert. In die Bresche sprang die nach neuen Aufgaben Ausschau haltende Bundeswehr, die gewisse Strukturen des DDR-Sports übernahm. Kurzerhand strukturierten 1990 die bundesdeutschen Militärs die Armeesportklubs in Frankfurt/Oder, Oberhof, Potsdam und Rostock zu Sportfördergruppen um. Hatte man zuvor das ostdeutsche Sportfördersystem regelmäßig auch hinsichtlich seiner zu großen Staatsnähe und des zweifelhaften Amateurstatus' der Sportler kritisiert, fielen nun offenbar alle diesbezüglichen Bedenken dem Wunsch nach einem vorderen Platz im Medaillenspiegel zum Opfer. Schwadronierte noch Mitte der 80er Jahre das Innerdeutsche Ministerium in Bonn von einer "systematischen leistungssportlichen 'Aufrüstung'" (DDR-Handbuch) in der DDR, steht heute bei sieben von zehn Siegerehrungen mit deutscher Beteiligung ein Sportler auf dem Treppchen, der eine Grundausbildung im Strammstehen, Totschießen und Halsumdrehen absolviert hat.
Die Militarisierung des bundesdeutschen Spitzensports kommt den Sportverbänden wegen der durchaus nachweisbaren Erfolge entgegen. Die Sportfunktionäre buhlen um die Plätze in den Fördergruppen, und der Boss des Deutschen Sportbundes nannte das ganze eine "Erfolgsgemeinschaft, die man nicht ohne Not gefährden darf". Allerdings wäre eine Kritik des obersten Sportfunktionärs an den Militarisierungstendenzen ernsthaft nicht zu erwarten gewesen, hört der Mann doch auf den Namen Manfred von Richthofen - ein Neffe des gleichnamigen "Roten Barons" und Weltkrieg-I-Helden. Trotzdem verblüfft die Geschwindigkeit mit der sich der Sport vom Militär vereinnahmen läßt. Häufig auch auf Initiative der Sportorganisationen. So bat das Nationale Olympische Komitee das Bonner Streitkräfteamt die Einkleidung der Olympioniken zu übernehmen. Deshalb mußten auch alle zivilen Mitglieder der deutschen Mannschaft Anfang des Jahres in die Münchner Bayern-Kaserne einrücken, um sich die Klamotten für Salt Lake City abzuholen.
Widerstand gegen die "Erfolgsgemeinschaft" dürfte vielleicht eher in den Reihen der Bundeswehr selbst entstehen. Denn die muß in bestimmten Bereichen sparen. Daher sehen einige mit Neid auf die Sportsoldaten, für die das Verteidigungsministerium 1999 45 Millionen DM springen ließ. Immerhin gab Generalmajor Wolf-Dieter Löser, unter dessen Kommando die Sportfördergruppe Oberhof steht, in einem Interview Anfang Februar zu, daß die Haltung der "normalen" Soldaten in den Kasernen zur Sportförderung "sehr unterschiedlich" sei. Offenbar gibt es also auch vehemente Kritik. Die dürfte allerdings nach den Erfolgen in den USA fürs erste verstummen.
Abzuwarten bleiben allerdings die nächsten olympischen Sommerspiele. Denn ähnlich wie die Schnellboote der Bundesmarine, die zwar in der kalten Nord- und Ostsee funktionieren, aber Probleme mit dem Kühlsystem in den warmen Gewässern vor Somalia bekommen, sehen die bundesdeutschen Armeesportler in den im Sommer zu betreibenden Sportarten nicht so gut aus. In Sydney 2000 schnitt das deutsche Team unter Mithilfe etlicher Sportsoldaten so schlecht ab wie seit über dreißig Jahren nicht mehr. Vor allem in den von Militärs bevorzugten Schieß- und Prügelsportarten ging es ziemlich schief. Die Gewehr- und Pistolenschützen fuhren zum ersten Mal seit 1964 ohne Medaille nach Hause, und der boxende Teil unter den Sportsoldaten bekam von Kubanern und Esten mächtig eins auf die Glocke. Daher können wir zurecht für die nächsten Sommerspiele gewisse Hoffnungen hegen, so daß es dann auch für Pazifisten wieder heißt: Athen 2004 - wir gucken zu.