Wohlfahrtsmafia will Arbeitsdienst für Arme


(Kalaschnikov vom 7. Juli 2004)


 

Der Schlamassel war abzusehen: Kaum hat der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat sich über die zukünftige Zuständigkeit bei der Erwerbslosenbetreuung geeinigt und damit eine letzte Hürde für die Arbeitsmarktreform Hartz IV beseitigt, schon machen sich die Sozialverbandarbeitgeber daran, die ersten Arbeitsdienstler/-innen für den karikativen Sektor abzugreifen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband bereite ein Modell vor, so sein Geschäftsführer Werner Hesse laut „Berliner Zeitung“ vom 6. Juli 2004, das

„...in einer ersten Phase die Einstellung von 500 ALG II-Empfängern vorsieht. Dabei würden die Einrichtungen nach und nach Unqualifizierte anstellen, die beispielsweise Essen auf Rädern ausfahren, Behinderte zu Veranstaltungen begleiten, mit ihnen Spazieren gehen oder Behördengänge und Einkäufe erledigen. Die zugewiesenen Arbeitslosen würden das tun, was jetzt eigentlich Zivildienstleistende machen.“

Und Georg Cremer, Generalsekretär der Caritas, macht im hauptstädtischen Blatt folgende Rechnung auf:

„Ein alleinstehender Langzeitarbeitsloser erhält ab Januar 2005 345 Euro plus Wohngeld- und Heizungskosten (...) Von der Arbeitsagentur würde der Arbeitslose, den wir im Pflegebereich beschäftigen würden, zusätzlich zu seinem ALG II 340 Euro bekommen."

Das wären umgerechnet pro Stunde etwa zwei Euro zusätzlich zum Arbeitslosengeld II als Entschädigung für den Mehraufwand. Die Kosten für den Wohlfahrtsverband blieben hingegen, so zitiert die Zeitung den Caritas-Funktionär, „überschaubar“: Erstattungen für Fahrtkosten und die Qualifizierung der Erwerbslosen müssten die Organisationen übernehmen.

Was die Wohlfahrtsverbände hier im Auge haben, ist die nach Hartz IV mögliche Verpflichtung von Erwerbslosen zu gemeinnütziger Arbeit. Insbesondere Jugendliche unter 25 Jahren sind ab Januar davon betroffen. Hier handelt es sich um nichts anderes als um einen neuen Arbeitsdienst, denn wer eine solche Arbeitsgelegenheit ablehnt, muss mit weitgehenden Kürzungen bei den Unterstützungszahlungen rechnen.

Ihre Überlegungen legitimieren die Sozialverbände mit dem Hinweis auf prinzipielle Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt. „Schon jetzt“,  so referiert die „Berliner Zeitung“ die wohlfahrtsverbandliche Position, „schon jetzt klagen die sozialen Träger über Arbeitskräftemangel.“

Wie bitte? Arbeitskräftekräftemangel bei rund 5,7 Millionen registrierten Arbeitssuchenden? Schauen wir uns die Statistik genauer an. In den Gesundheitsdienstberufen lag die Zahl der gemeldeten offenen Stellen im Juni bundesweit bei 11.993. Das sind rund 36% weniger als im Sommer 2003. Ähnlich sieht es bei den Sozial- und Erziehungsberufen aus: 13.452 offene Stellen im vergangenen Monat, 34% weniger als vor Jahresfrist. Dem stehen insgesamt in beiden Berufsbereichen über 280.000 Erwerbslose gegenüber! Eine merkwürdige Definition von Arbeitskräftemangel.

Nein, Caritas und Paritätischer Wohlfahrtsverband haben keinerlei Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Sondern es geht den Arbeitgebern im nicht gewerblichen Sozialdienstleistungsbereich um eine möglichst einfache Rekrutierung von billigen und Billigstarbeitskräften. Der Wohlfahrtsmafia geht es wieder einmal nur um das eine: den Zaster. Denn früher zahlte der Staat über den Umweg „Zivildienst“ den Wohlfahrtsverbänden jede Menge Subventionen. Grob geschätzt waren das noch 1999 gut 900 Mio. Euro; 2004 ist dieser Betrag schon um etwa 40% zusammengeschrumpft. Tendenz: weiter fallend – bis schließlich in einigen Jahren der Zivildienst gänzlich abgeschafft sein wird. Es gilt sich daher schadlos zu halten, auch angesichts des zunehmenden Drucks gewerblicher Anbieter auf dem Markt sozialer Dienstleistungen.

Ein Arbeitsdienst ist da eine lukrative Sache. Denn einerseits dürfte der Wert der erzwungen Arbeit deutlich über 4 Euro pro Stunde liegen, andererseits wird dieser Betrag auch noch vom Staat getragen.

Schöne Aussichten, angesichts derer die Verbandsfunktionäre nicht kleckern mögen, sondern an großangelegten Visionen basteln. „Längerfristig rechnen wir mit 100.000 bis 200.000 Stellen, die im Bereich der Pflegedienste besetzt werden könnten" Man fragt sich, ob der Werner Hesse, der das für den Paritätischen formuliert,  noch alle Tassen im Schrank hat. 100.000 bis 200.000 Arbeitsdienstler/-innen, die pro Monat 685 Euro bekommen, bedeutet nichts anderes, als dass die Wohlfahrtsorganisationen mit 0,8 bis 1,6 Mrd. Euro pro Jahr subventioniert werden. Auch wenn die Arbeitgeber im Sozialgewerbe es dementieren: Dass bei einem derartigen Umfang des Zwangsdienstsektors  die regulären Arbeitsverhältnisse hinsichtlich ihres Bestandes und ihres Lohnniveaus unberührt bleiben sollen, ist kaum vorstellbar.

Der Vorschlag zeigt darüber hinaus, dass das Gerede vom angeblich notwendigen Ersatz der Zivildienstleistenden nur vorgeschoben ist. Er geht weit darüber hinaus. Denn im Bereich der Pflegedienste und –einrichtungen arbeiteten im Jahr 1999 bundesweit nur etwa 19.000 Zivildienstleistende.

Das offensichtlich beabsichtigte Volumen dieser Bereicherungsaktion auf Kosten von jugendlichen Zwangsverpflichteten verblüfft in der Tat. Eine Sozialschmarotzerei größten Ausmaßes.

Da Caritas-Georg offenbar das Problem einer vielleicht schwächelnden Motivation bei den jugendlichen Arbeitsdienstler/n/-innen sieht, zieht er noch ein Schmankerl für die Betroffenen aus dem Hut. Er möchte den Jugendlichen eine „solide Qualifizierung im sozialen Bereich“ anbieten. Natürlich nicht allen, sondern nur den „besonders geeigneten Jugendlichen“.  Wie viele derartige Angebote die Caritas zu machen gedenkt, sagt er natürlich nicht – eine allzu offensichtliche Verarschung.

Da derart vage Aussichten für die Arbeitsdienstler/-innen vielleicht doch zu wenig motivierend sind, müssen auch autoritäre Optionen in Betracht gezogen werden: „Der Zivildienst ist die praktische Orientierung für den möglichen Einsatz der Arbeitslosen," steckte der Caritas-Funktionär der „Berliner Zeitung“. Was will uns der Mann damit sagen? Im Zivildienst gibt es Disziplinarstrafen; das Arbeitszeitgesetz gilt nicht; es gibt kein Recht darauf, sich eine bestimmte Tätigkeiten auszusuchen; es gibt zwangsweise ärztliche Untersuchungen; wer im Zivildienst Anweisungen nicht ausführt, macht sich strafbar; eine Mitwirkung in der Personalvertretung ist nicht möglich usw. usf. – das alles soll ein Maßstab für den neuen Arbeitsdienst sein?

Caritas ist lateinisch und bedeutet soviel wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Damit hat der Konzern Caritas-Verband Deutschland offensichtlich kaum noch etwa am Hut. Zum Glück für Caritas-Georg. Denn einen, der sich Nächstenliebe und Barmherzigkeit auf die Fahne schreibt, um dann Erwerbslose in einen repressiv strukturierten Arbeitsdienst zu pressen und damit gleichzeitig die eigene Organisation zu bereichern, den müssten wir schon ein Riesenarschloch nennen.