Mazedonien: Deserteure und Freiwillige

Von Zeljko Bajic, AIM. Quelle: Rundbrief "Kriegsdienstverweigerung im Krieg", Ausgabe 5, September 2001


Wie in den anderen Konflikten im ehemaligen Jugoslawien, erhöhte sich nach den Zusammenstößen der mazedonischen Sicherheitskräfte und den Aufständischen der Nationalen Befreiungsarmee (NLA) im Frühling diesen Jahres das Interesse an "Deserteuren" und "Freiwilligen". Das Thema selbst drückt alle Sorgen und Alpträume des Blutvergießens auf dem Balkan in den letzten zehn Jahren aus.

Anfang dieser Woche veröffentlichte die Skopje Dnevnik - eine Tageszeitung, die die höchste Autorität genießt und den Ruf, die objektivste und bestinformierteste Zeitung Mazedoniens zu sein - folgende Meldung als hochexklusiv ab: fünfzehn albanische Polizisten hätten ihre Posten in der Polizeistation im Dorf Matejce in der Krisenregion Kumanovo verlassen und die ihnen anvertrauten automatischen Waffen mitgenommen. Nach dieser Information bleibe kein Zweifel daran, dass die Polizisten die Waffen tatsächlich mitgenommen hätten. Weniger sicher sei die von inoffiziellen Geheimdienstquellen geäußerte Nachricht, so die Skopjer Zeitung, dass einige der Polizisten der aufständischen Nationalen Befreiungsarmee (NLA) beigetreten seien.

Zwei Tage später erreichte die Herausgeber der Dnevnik ein Fax, das von neun der genannten Polizisten unterzeichnet war. Darin bestritten sie schon allein den Gedanken an eine Desertion. Dem folgte ein scharfer Kommentar des Herausgebers in der nächsten Ausgabe der Dnevnik, in der er gegenüber den Autoren des Faxes den Standpunkt einnahm, dass sie nur dann glaubwürdig seien, wenn sie zur fraglichen Zeit an ihrem Arbeitsplatz anwesend gewesen seien. So ist die Erklärung des Sprechers des Innenministeriums, dass es keine Fälle von Desertion unter den Polizisten gäbe, als ein Schlusswort zu dieser ganzen Affäre anzusehen.

Wie auch immer, dies war das erste Beispiel, in dem die mazedonischen Medien der Öffentlichkeit die Schlussfolgerung nahe legten, dass ethnischen Albanern die Loyalität zu ihrem mazedonischen Heimatland fehlt. In seinem ersten öffentlichen Beitrag erklärte der kürzlich ernannte Verteidigungsminister Vlado Buckovski in einer Antwort zu Spekulationen über Beispiele von aus der Armee geflüchteten ethnischen Albanern, dass "das Phänomen trotz der Spekulationen nicht so weitverbreitet ist, wie die Anwälte der Kriegspropaganda es gerne hätten." In der Öffentlichkeit gibt es aber seit den Kämpfen zwischen den mazedonischen Streitkräften und der NLA an den Hängen bei Tetovo Anspielungen, die das Gegenteil besagen. Vertreter der Streitkräfte sind offensichtlich vorsichtig mit der Herausgabe von Daten, die Desertionen von Albanern aus der Armee und Polizei betreffen. In der Tat haben hochrangige Vertreter der Sicherheitskräfte bei verschiedenen Gelegenheiten herausgestellt, dass sie keine Probleme mit ethnischen Albanern hätten. Nichtsdestotrotz bleiben die Medien, die der seit kurzem regierenden Koalition feindlich gesinnt ist, bei der gegenteiligen Aussage: während der ganzen Tetovo-Operation wären bewaffnete Albaner "Maulwürfe" in den Sicherheitskräften. Man sei darüber informiert worden, dass sie eine Patrouille nahe dem Dorf Vejce überfallen und acht Soldaten und Polizisten getötet hätten. Es wurde auch gesagt, dass die NLA Informanten in der Armee und Polizei in der Krisenregion Kumanovo habe. In diesem Zusammenhang wurden Aktivisten der in der Koalition vertretenen Demokratischen Partei der Albaner genannt.

Ausländische Analysten, die einen behutsameren Ansatz zu dem Problem haben, bemerken, dass junge Albaner in den Sicherheitskräften, ähnlich wie ihresgleichen auf den vorhergehenden Schlachtfeldern im ganzen ehemaligen Jugoslawien, in einem schmerzhaften Dilemma stehen: gegen ihre Kameraden zu kämpfen oder nicht zu kämpfen. Um es pathetischer zu formulieren, gegen Blutsverwandte zu kämpfen oder nicht, die die Waffen erhoben haben, statt auf politische Möglichkeiten zurückzugreifen, um die politischen Ziele ihrer Leute zu erreichen.

Während sie Angehörige der Sicherheitskräfte sind, sind diese jungen Männer auch potentielle Wähler der Parteien des sogenannten "ethnischen Albanerblocks" und als solche haben sie nicht ein einziges Wort von irgendeinem ihrer politischen Führer gehört, in dem diese die von der Armee und der Polizei ausgeführte Kampagne unterstützen. Ganz im Gegenteil. Was sie hören konnten, waren Meinungen, dass z.B. mazedonische Sicherheitskräfte unangemessene Gewalt angewendet hätten, dass Zivilpersonen ungerechtfertigter Gewalt ausgesetzt wären und eine Zahl von konfusen Einschätzungen über die wahre Natur der NLA.

Währenddessen haben führende Regierungsmitglieder in den letzten beiden Monaten wiederholt abrupte Meinungsänderungen gezeigt, auf der einen Seite die Notwendigkeit betont, dass es ein gegenseitiges Verständnis zwischen den ethnischen Gruppen geben müsse, um im nächsten Moment anzumerken, dass ein schonungsloses Durchgreifen gegen die Extremisten notwendig sei. Mehr als einmal wurde zur Pflicht der Verteidigung der eigenen Heimat aufgerufen. Angesichts dessen erinnerte die Erklärung des Premierministers Ljubco Georgievski während des dramatischen Treffens der mazedonischen Regierung vor zwei Wochen an viele ähnliche Aufrufe zu Beginn der 90er Jahre zu Beginn der blutigen Balkankriege. Er erwarte von den Albanern, dass sie "ihre Loyalität zum Land, in dem sie leben, demonstrieren".

Glücklicherweise, teilweise ein Verdienst der Bemühungen von Javier Solana, scheinen die Ereignisse nun eine andere Richtung zu nehmen und die ominöse Anmerkung des Premierministers wird gegenwärtig von der albanischen Kommune mehr als ein weiteres Beispiel der allgemeinen Haltung der ethnischen Mazedonier interpretiert.

Was die Lösung der Krise betrifft, treibt vor allen Dingen die von Ljubco Georgievski geführte Partei VMRO-DPMNE, eingeschätzt aufgrund der öffentlichen Agitation der führenden Figuren, die Zweifel über den Kooperationswillen ethnischer Albaner im Zusammenhang mit den Sicherheitskräften voran. Ab und zu deuten unabhängige Zeitungen die Existenz von freiwilligen Einheiten an, zumeist rekrutiert aus Mazedoniern, die bereit und willens sind, den regulären Sicherheitskräften beizutreten. Wie kürzlich geschehen, wird die Schirmherrschaft über diese Einheiten von Freiwilligen oft der Partei von Georgievski und bestimmten Polizeizirkeln zugeschrieben.

Den aufrichtigen Rat von westlichen Diplomaten aufnehmend, halten sich die der Regierung nahestehenden Medien im Moment mit irgendwelchen Anmerkungen über albanische Deserteure oder mazedonische Freiwillige zurück, da sie realisieren, dass dies zu einer weiteren Vertiefung der ethnischen Polarisierung führen könne. Wenn das jemals passiert, könnte es sich herausstellen, dass der Bürgerkrieg gerade um die Ecke stattfindet. Überraschend oder nicht, die gegenteilige Geschichte, die von den von der Regierung kontrollierten Medien verbreitet wird, dass Albaner in großem Maße aus der NLA desertieren, werden - um es Milde zu sagen - von der Öffentlichkeit mit großer Skepsis aufgenommen.

Der Westen, in diesem Falle durch die OSZE und die EU repräsentiert, besteht auf der Einschätzung aller relevanten Aspekte der gegenwärtigen Situation. Nach Berichten, die in der hiesigen Presse veröffentlicht wurden, wenn die Schätzungen westlicher Analysten richtig ist, besteht die Bevölkerung zu 23% aus Albanern, stellt aber ein Viertel der achttausend Mann starken mazedonischen Polizei. Nach den gleichen Quellen stellt sich die Situation in der Armee etwas anders dar. Es wird gesagt, dass 40% der aktiven Soldaten Albaner sind.

Vorsichtige westliche Diplomaten bestehen auf einer Lösung, die den Willen aller Bürger, ihr Mutterland zu verteidigen, unabhängig von der ethnischen Herkunft, mit einbezieht. Bis jetzt gibt es Empfehlungen von der OSZE, dass es für eine vollständige Integration in die Euro-Atlantischen Strukturen für Mazedonien notwendig sei, mehr für eine bessere Vertretung ihrer ethnischen Minderheiten zu tun. Daraus kann gefolgert werden, dass die Regierung nachsichtiger werden wird, was eine größere Gleichheit in der Verwaltung, Ausbildung und den Medien betrifft. Die Armee und die Polizei müssen noch auf ihre Zeit warten.

In der Wochenendausgabe einer Skopjer Zeitung gab es die Information, dass die internationale Gemeinschaft für die Ausbildung von neuen albanischen Polizisten bezahlen will. Wie immer, wenn die Frage der (nicht-)eingestellten ethnischen Albaner hochkommt, argumentiert der selbe Artikel, dass es für Albaner keine Hindernisse gäbe, Arbeit zu finden, ihre behauptete Gleichgültigkeit sei Resultat ihrer "Feindseligkeit gegenüber den Behörden".

Die Verteidigung und Stabilität des Landes und gerade die gerechte Repräsentation der Bürger aller Nationalitäten wurde bei den Gesprächen, die der Präsident der Republik, mit unterschiedlichem Erfolg, mit den führenden Figuren der politischen Parteien von Mazedonien führt, herausgelassen. Es ist wahr, in einer seiner Reden an die Öffentlichkeit, während er die Tagesordnung des politischen Dialogs erläuterte, merkte Präsident Trajovski die Notwendigkeit an, "unter den Behörden und staatlichen Vertretern die zivile Loyalität zu stärken". Was er damit genau gemeint hat, sagte er nicht... Einige hiesige Intellektuelle glauben, dass man das schon viel früher hätte angehen sollen. An diesem Punkt sagen sie: es ist ziemlich spät für solche Erwägungen.

Zeljko Bajic, AIM, 20. Mai 2001,
Übersetzung: Connection e. V.