[Kulturhistorische Betrachtungen aus Kalaschnikov, Sendung vom 7.8.1997]
Der 8. Mai ist das Datum der bedingungslosen Kapitulation der faschistischen - und das heißt ver-brecherischen - deutschen Wehrmacht, der Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Deutschland. Vor zwei Jahren, als dieser Tag sich zum 50. Mal jährte, gab es unsägliche Diskussionen darum, ob aus diesem Anlaß tatsächlich von Befreiung die Rede sein dürfe, schließlich habe hier auch die deutsche Teilung ihren Anfang genommen - nun, daß sich auch nach 50 Jahren viele Deutsche nicht recht befreit fühlen wollten, mag man verstehen: schließlich hatten die Alliierten nicht so sehr die Deutschen von ihrem Faschismus, als vielmehr den Rest der Welt von den Deutschen befreit. Eine Chance zur Befreiung aus eigener Kraft hatte keine der ohnehin vereinzelten Widerstandsgruppen im Land, weil die Mehrheit der Bevölkerung grundsätzlich nichts gegen das NS-Regime einzuwenden wußte. Diejenigen, die den 8. Mai vorbehaltlos als Befreiung begrüßten, sind wahrscheinlich immer eine Minderheit geblieben - und sie müssen jetzt feststellen: Dieses Datum hat sich erledigt. Es spielt keine Rolle mehr. Es ist bestenfalls noch Anlaß für das hohle Gedenkgeschwätz, das die politische Klasse dieses Landes sich üblicherweise abringt, weil sich das eben so gehört - irgendeine weitergehende Bedeutung hat der 8. Mai nicht mehr.
Vor zwei Jahren erschien in der "Zeit" ein Leitartikel von Theo Sommer, der die Frage stellte, ob der Zweite Weltkrieg nicht eigentlich erst mit der Revision seiner Folgen beendet wurde - soll heißen, der Krieg war erst 1989/90 wirklich aus; mit der Auflösung des Ostblocks, dem Zerfall der Sowjetunion, dem Ende des Staatssozialismus, der deutschen Wiedervereinigung. Wenn das so ist, dann wird man sich fragen müssen, wer diesen Krieg letztlich gewonnen hat, und die diplomatischste Antwort darauf lautet, daß Deutschland ihn dann zumindest nicht verloren hat. Die Teilung Deutschlands wurde rückgängig gemacht - mit den bekannten katastrophalen Folgen. Die letzten alliierten Vorbehaltsrechte fielen, und die staatliche Souveränität, über die beide deutsche Staaten 40 Jahre lang glücklicherweise nur eingeschränkt verfügt hatten, wurde dem vereinigten Deutschland vollständig zuerkannt. Die Folge war ein andauerndes Gerede und Gemache und Gewese um die sogenannte Normalisierung, die nun für den neuen deutschen Staat beginne.
Diese Normalisierung brächte es mit sich, daß Deutschland jetzt endlich wieder die "volle Verantwortung" in der Weltpolitik zu übernehmen habe, die ihm aufgrund seiner wirtschaftlichen und politischen Potenz nun einmal zufalle... Man konnte sich das sehr leicht in den entsprechenden Klartext übersetzen: der restaurierte deutsche Staat sollte auch militärisch wieder voll handlungsfähig werden. Das ist mittlerweile passiert; unter der Ägide des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr Naumann wurde das bis dato hochgelobte Primat des Politischen nachhaltig zurück-
gedrängt; das Militär wurde offen wieder als Mittel der Politik etabliert, mit Aufgaben, die über die verfassungsmäßige Beschränkung auf Landesverteidigung weit hinausgehen, und die von den Militärs selbst mitbestimmt werden. Den neuen Aufgaben entsprechend wurde umgerüstet: mit den "Krisenreaktionskräften" der Bundeswehr existiert eine Truppe, die überall in der Welt einsetzbar ist. Das Gerangel um parlamentarische Mitbestimmung bei solchen Einsätzen wirkt im Rückblick noch komischer, als es seinerzeit ohnehin schon war - notfalls wird, wie jüngst in Albanien, zuerst geschossen und dann der Bundestag gefragt. Eine noch stärkere Truppe ist das Kommando Spezialkräfte, vorgesehen, um deutsche Staatsbürger in aller Welt aus brenzligen Lagen zu befreien, und zur Terrorismusbekämpfung - nicht, daß man etwa im Falle des Falles Fujimoris bewährtes Killerkommando um Hilfe bitten müßte. Und schließlich braucht auch die Luftwaffe eines Landes, das nur von Freunden umgeben ist, Übungsplätze, um Tieffliegerangriffe und Bombardements zu trainieren. Die Voraussetzungen für auch militärische Machtausübung sind geschaffen.
Kurz und gut: es ist alles wieder so, wie es in einem angeblich normalen Staat angeblich von jeher und auf immer zuzugehen hat. Den Unentwegten aber, die bezweifeln, daß solche Normalität ein wünschenswerter Zustand sei, und die darauf hinweisen, daß gerade der deutsche Staat angesichts seiner Vergangenheit sich zuallererst sehr zurückzuhalten habe, ihnen wird erwidert, daß die Bundesrepublik des Jahres 1997 doch nichts mehr mit dem dritten Reich zu tun hätte: wir lebten schließlich nicht nur in einer Demokratie, sondern sogar in einer geradezu mustergültigen Demokratie, die mit dem deutschen Faschismus zu vergleichen nicht statthaft wäre. Die Bundeswehr als Armee dieser Musterdemokratie darf mit ihrer Vorläuferorganisation nichts zu tun haben. Auch wenn sie ihre Kasernen nach Nazigenerälen benennt oder ihre Soldaten alte Nazilieder singen läßt: Wehrmacht und Bundeswehr in Zusammenhang zu bringen, gilt als unfein.
Auf diesen Konsens haben sich Linksliberale, Grüne, SPD und auch Teile der CDU geeinigt, er stiftet zum guten Teil die "Gemeinsamkeit der Demokraten", der staatlich approbierten Demokraten jedenfalls. Auch das Hamburger Institut für Sozialforschung, das die sehr verdienstvolle Ausstellung über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht erarbeitet hat, vermeidet in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Ausstellung peinlich jeden Bezug auf die aktuelle Politik - als wäre die Bundeswehr nicht aus der Wehrmacht entstanden, und als wäre diese Tatsache etwas, das mit einer lapidaren Erklärung des Verteidigungsministers über die Traditionsunwürdigkeit der Wehrmacht ungeschehen gemacht werden könnte.
Das Thema der Ausstellung ist klar eingegrenzt, und natürlich beschäftigt sie selber sich nicht mit der Bundeswehr. Jan Philipp Reemtsma machte deutlich, daß es ihm nicht darum gehe, eine unmittelbare politische Pointe zu setzen. (Allerdings sei angemerkt, daß seine Feststellung, Offiziere der Bundeswehr seien eine Gruppe, "für die diese Betrachtung der Vergangenheit für ihre eigene Berufspraxis noch eine spezielle Bedeutung hat", in diesem Fall recht kryptisch bleibt.) Es fällt jedoch schwer sich vorzustellen, daß die Ausstellungsmacher so gar keine Ahnung davon gehabt haben sollten, daß ihre Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit einen politischen Effekt haben würde. Die faschistischen Kläffereien in München kamen ja nicht aus heiterem Himmel; seit die Ausstellung gezeigt wird, haben Soldatenverbände in ihren Vereinsblättchen eine üble Hetze dagegen getrieben, nur ist davon bis zum Münchner Auflauf nichts in die Öffentlichkeit gelangt. Seitdem sich die alten Kämpfer aber aus ihren Löchern wagen und öffentlich stänkern, zeigt sich, daß sie auch 50 Jahre nach Kriegsende noch eine erschreckend große Resonanz für ihre Lügen vom "ehrenhaften Kampf" finden; daß sie in der Lage sind, die öffentliche Auseinandersetzung in gewissem Sinne zu prägen, auch wenn sie keine überwältigende Zustimmung mehr finden. Ein Beispiel aus der Provinz, aus Marburg: Während die Ausstellung den Nachweis für die Beteiligung der Wehrmachtssoldaten an scheußlichsten Verbrechen erbringt, kommentiert im Rahmen einer Artikelserie der "Oberhessischen Presse" zu dem Thema der Redakteur Frank Pergande am 30. April:
"Nein, die Generationen kommen nicht miteinander ins Gespräch. (...) Zu unterschiedlich sind die Generationserfahrungen. Gegen die Vorwürfe der Jüngeren, die nichts anderes kennen als das Glück der Freiheit, können sich die Kriegsteilnehmer schlecht wehren. Die Jüngeren sind so moralisch, so edel, so gut. Aber es sind eben die Erfahrungen einer freiheitlichen Ordnung, in der jeder seine Meinung sagen kann."
Das ist eine diplomatisch formulierte Generalabsolution, die im Zweifelsfall noch jedes Verbrechen der Wehrmacht abdeckt: die Zeiten waren eben andere... Hier werden elementare moralische Maßstäbe zum überheblichen Luxus einer leicht verweichlichten Generation erklärt. Das kann 1997 in einer durchschnittlich schlechten Provinzzeitung stehen, und neben den Meinungsäußerungen, die dort sonst noch Platz finden, ist es äußerst moderat im Ton.
Nein, der Zusammenhang zwischen dem Gegenstand der Ausstellung und dem Zustand unserer Gesellschaft ergibt sich zwingend, und er ist enger, als einem lieb sein kann. Wenn Jan Philipp Reemtsma sagt: "Dann wäre das ein halbes Jahrhundert dauernde kollektive Schweigen über die Wirklichkeit des Zweiten Weltkrieges in der Sowjetunion und auf dem Balkan die Zeit, die die deutsche Gesellschaft gebraucht hat, den moralischen Raum wiederzugewinnen, in dem das Verbrechen des Vernichtungskrieges erst thematisiert werden konnte" - dann übersieht er, daß die eigene Ausstellung ihn dementiert. Die Dokumentation der Illustriertentitel aus den 50er Jahren, die am Anfang der Ausstellung zu sehen ist, zeigt deutlich, daß niemals geschwiegen wurde; die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft hat aus dem Krieg eine Heldensaga gemacht: der arme Landser im russischen Winter, verraten und verkauft, aber tapfer und ehrenvoll. Dieses Bild erweist sich noch heute als wirkungsvoll - und dies, obwohl auch lange vor der Ausstellung jeder, der es wollte, die Wahrheit über diesen Krieg wissen konnte. So dürfte kaum moralischer Raum wiedergewonnen worden sein...
Nicht geredet wurde über diejenigen, die sich dem Verbrechen widersetzten: über die Deserteure. 30.000 Todesurteile wurden zwischen 1939 und 1945 gegen Wehrmachtsangehörige gefällt, insbesondere aufgrund von Anklagen wegen Fahnenflucht, Wehrkraftzersetzung und Verweigerung. Mehr als zwei Drittel der Mordurteile wurden vollstreckt. Bis auf den heutigen Tag wird denjenigen, die sich der Teilnahme am Vernichtungskrieg entzogen haben, die vollständige Rehabilitation verwehrt, obwohl das Schicksal dieser Menschen seit einigen Jahren auch öffentlich thematisiert wird. Leider ist das bezeichnend für die Auseinandersetzung mit dem Krieg in Deutschland: sie kommt zu spät, und dann führt sie zu wenig oder gar nichts. Nur weil die Deutschen sich eben auf solche Art mit dem Krieg und ihren Verbrechen nicht auseinandergesetzt haben, weil sie sie verschwiegen, relati-viert, geleugnet haben, nur deshalb wurde die Entwicklung möglich, die uns heute als Normalisierung verkauft wird. 50 Jahre lang haben sich die Deutschen ihrer Verantwortung - denn darum geht es hier, nicht um Schuld oder Kollektivschuld - entzogen, und das hatte seine Wirkung. Unter anderem die, daß es jetzt zu spät ist. Was ein halbes Jahrhundert nicht geschehen ist, das wird auch nicht mehr geschehen; wäre es geschehen, dieses Deutschland hätte kein normaler Staat werden können, sondern - vielleicht - ein friedlicher. Daß die Bundesrepublik Deutschland friedlich eben nicht ist, zeigte sich insbesondere an dem Engagement, mit dem sie den Krieg im ehemaligen Jugoslawien geschürt hat. (So lieferte sie etwa von April 1992 bis April 1994 trotz dem Embargo Waffen im Wert von 320 Millionen Dollar an Kroatien.) Mit militaristischer Politik müssen gar keine traditionell imperialistischen Eroberungsabsichten mehr verbunden sein - es gibt nichts mehr zu erobern, und auch die bloße Verteidigung des Besitzstandes und die Abschottung gegen Flüchtlinge ist ein blutiges Geschäft. Solange das und die militärischen Mittel, die dazu erforderlich sind, nicht in Frage gestellt werden, ist heute der liberale mainstream zur realistischen Verurteilung der Wehrmacht bereit. (In gewisser Weise ist sie sogar die Voraussetzung der Handlungsfähigkeit der Bundeswehr.) Aber wenn die Heldensaga des Zweiten Weltkrieges nicht schon ihre Wirkung getan hätte, dann gäbe es wahrscheinlich keine Bundeswehr, keine Krisenreaktionskräfte, keine Militär- und Sicherheitspolitik; und vor allem keine Einstellung, die das alles für normal und unvermeidlich hält. Daß eine Ausstellung wie die des Hamburger Instituts für Sozialforschung heute möglich ist, mag auch daran liegen, daß sie zu spät kommt.