Nur, daß es, folgt man dieser Logik, ein Krieg eben gar nicht ist, sondern lediglich Terrorismusbekämpfung. Der republikanische Staat - der, zugegeben, behaftet ist mit einigen, wie das ja wohl heißt: Demokratiedefiziten -, verteidigt seine weltliche Ordnung gegen fundamentalistische Mörderbanden. Weil es sich zumindest bei einem Teil der algerischen Islamisten um genau das tatsächlich handelt, hat diese Rechtfertigung für den Staatsstreich der Armee vom Januar/Februar 1992 Anhänger auch dort gefunden, wo man sie zunächst nicht vermutet hätte. Sowohl Teile der säkularen Opposition in Algerien als auch Linksliberale in Europa vertreten diese Argumentation und verteidigen das Eingreifen der Armee gewissermaßen als das kleinere Übel. Khalida Messaoudi beispielsweise, Vorsitzende der "Unabhängigen Vereinigung für den Triumph der Frauenrechte", hält die Annullierung des Wahlprozesses für eine "patriotische Tat"; sie sagt in ihrem Buch "Worte sind meine einzige Waffe": "Ich will weder für mich noch für die Frauen noch für mein Land einen islamischen Staat." Sie hat lange in der Opposition gegen das diktatorische Einparteiensystem gearbeitet und entdeckt durch die Konfrontation mit den Islamisten eine "umständebedingte Übereinstimmung von Interessen mit einem Clan der Armee, der verwirklichte, was ich mir wünschte." Eine zunächst durchaus einleuchtend erscheinende Argumentation; die Anschläge und Morde der bewaffneten islamischen Gruppen und die bestialischen Massaker,von denen immer wieder berichtet wird, scheinen doch unwiderleglich zu bestätigen, daß dem Fundamentalismus Widerstand entgegengesetzt werden muß; notfalls auch mit militärischen Mitteln. Eine ähnliche Argumentation vertritt in Deutschland Sabine Kebir, nachzulesen etwa in den Blättern für deutsche und internationale Politik vom März 1998.
Eine sehr sorgfältige Darstellung der algerischen Regierungspolitik und der Forderungen und Aktionen der demokratischen wie der islamischen Opposition liefert Louisa Hanoune in ihrem Buch "Terroristen fallen nicht vom Himmel. Zur aktuellen Situation in Algerien". Das Buch, das aus einer Reihe von Interviews mit der Journalistin Ghania Mouffok besteht, analysiert die Ursachen des gegenwärtigen Blutvergießens und zeichnet die Geschichte der verschiedenen politischen Kräfte des Landes anschaulich nach. Der ursprüngliche französische Titel, "Une autre voix pour l´Algérie" - eine andere Stimme für Algerien - spielt an auf das erwähnte Buch von Khalida Messaoudi; Hanoune liefert aber nicht etwa bloß eine Ergänzung, sondern bezieht eine entschiedene Gegenposition gegen die Politik der "Erodicateurs" - der Ausrotter, denen zufolge die einzige Lösung des Konflikts in der Vernichtung des politischen Islam liegt. Louisa Hanoune ist Vorsitzende der trotzkistischen Arbeiterpartei, Menschenrechtsaktivistin und Frauenrechtlerin - und daß sie vor diesem Hintergrund für einen Dialog mit allen politischen Kräften des Landes einschließlich der Islamischen Heilsfront plädiert, macht das Buch so interessant.
Sie kann gute Gründe für ihre Position ins Feld führen. Gegen Messaoudis Argument, nur der Staatsstreich konnte die Rechte der Frauen gegen die islamistische Reaktion verteidigen, weist Hanoune darauf hin, daß es in dieser Beziehung in Algerien schon jetzt nichts zu verteidigen gebe:
"Das Drama der algerischen Frauen besteht darin, daß wir, selbst wenn die FIS die Macht übernommen hätte, nicht einmal nach dreißig Jahren Unabhängigkeit Rechte hätten verteidigen können, weil das Familienrecht schon weitgehend vom islamischen Recht inspiriert war. Wir algerischen Frauen hatten es vor dem Gesetz sowieso schon weitgehend mit einem islamischen Staat zu tun. (...) Auf der Basis dieses Gesetzes kann keine algerische Frau heiraten ohne die Einwilligung eines Vormunds, der von Gesetzes wegen männlich sein muß, also Vater, Bruder, Sohn, Onkel oder sogar ein Richter im Fall von Frauen ohne Familie. Wenn eine Frau sich scheiden lassen möchte, sind die vom Gesetz vorgeschriebenen Bedingungen dermaßen drakonisch (...), daß eine Annahme ihres Begehrens praktisch unmöglich ist. Schläge, Verprügelungen werden nicht als ausreichende Gründe betrachtet. (...) Aber wenn ein Mann sich scheiden lassen will, wird der Richter seinem Begehren sofort stattgeben. Das Gesetz geht noch weiter und erkennt ihm das Recht zu, die eheliche Wohnung zu behalten. Eine solche Klausel provoziert regelrechte Dramen: Algier ist voll von verstoßenen Frauen, die mit ihren Kindern auf vollkommen legale Weise auf die Straße geworfen wurden. (...) Und nun frage ich all jene, die sich auf die 'fundamentalistische Gefahr' berufen, um im Namen der Frauen den Krieg zu rechtfertigen: Was könnte ein theokratischer Staat in rechtlicher Hinsicht an unserer Situation noch verschlimmern?"
Im Gespräch mit Ghania Mouffok wird auch anhand der Entwicklung Louisa Hanounes vom Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, das sich mit Hungerstreiks und Mobilisierung der gesamten Verwandtschaft ihre Schul- und Universitätsbildung gegen den Vater erkämpft, zu einer analytisch brillanten Politikerin und offenbar nicht ganz unwichtigen Figur der demokratischen Opposition Algeriens die Geschichte des Landes aufgerollt, in der die Gründe für die Katastrophe liegen, die sich jetzt abspielt. Das algerische Regime hat nach der Unabhängigkeit ein Industrialisierungsprogramm ins Werk gesetzt, mit dem von 1967 bis 1987 die Zahl industrieller Arbeitsplätze verfünffacht wurde. Viele Industrieerzeugnisse für den Binnenmarkt konnten im Land hergestellt werden, die totale Importabhängigkeit der Kolonialzeit wurde gebrochen. Louisa Hanoune beschreibt die Aufbruchstimmung und die Ernüchterung:
"Der El-Hadjar-Komplex war, wie die damalige Propaganda verkündete, das größte Stahlwerk Afrikas. Es wurde 1974 eröffnet, und ich muß zugeben, daß wir alle sehr stolz darauf waren. Mit seinen Hochöfen hatte es die Physiognomie der Stadt vollständig verändert und gab uns das Gefühl, an der Entstehung einer Industriegesellschaft teilzunehmen. Algerien produzierte Stahl, würde Eisenbahnen herstellen. In Annaba vervielfachten sich die Transportmittel, Tausende von Arbeitern wurden angestellt. Sie hatten Anspruch auf die sozialen Errungenschaften, wie man sie nannte: eine Kantine, kostenlose Gesundheitszentren, Ferienlager für die Kinder etc. Das war die Schokoladenseite, aber die beiden Sozialarbeiterinnen zeigten uns auch die Hinterhofseite, und die war vom Typ Germinal. In den armen Quartieren um die Industrieanlage herum waren die Arbeiterfamilien zusammengepfercht, und eine riesige Barackensiedlung begann sich am Stadtrand zu bilden. Und während die Männer zu Tausenden den Monatslohn und die soziale Sicherheit entdeckten, waren die Frauen und Töchter der Arbeiter gezwungen, die prekäre Wohnsituation zu meistern: sie Wohnten in Baracken ohne Wasser und Elektrizität. Zwischen zwei Schwangerschaften mühten sie sich ab, die ungesunden Wohnungen sauber zu halten und Wasser zu holen. Ihr einziger Ausgang bestand darin, beim kostenlosen ärztlichen Dienst stundenlang in der Schlange zu stehen, um ihre Kinder, die wegen Hygienemangel die typischen Armenkrankheiten aufwiesen, medizinisch versorgen zu lassen..."
Mittlerweile ist der komplette Ruin des algerischen Modells deutlich geworden: das Land ist vollständig vom Export von Erdöl und Erdgas abhängig und deren Preisschwankungen abhängig. 60% der Lebensmittel müssen importiert werden; ebenso wie Rohstoffe und Halbfabrikate für die neuen Industrien. Zu allem Überfluß zappelt das Land in der Schuldenfalle, die Aufwendungen für den Schuldendienst übersteigen mittlerweile die Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Die Arbeitslosigkeit ist horrend angestiegen und die vom Internationalen Währungsfonds und der Weltbank diktierten Maßnahmen machen jede Sozialpolitik unmöglich. Das unabhängige Algerien hatte den Analphabetismus bis auf ein Minimum reduziert und der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung den Schulbesuch ermöglicht; aber die Schul-und Universtätsabgänger haben schon lange keine Perspektive mehr. Dies alles unter den Bedingungen ständiger politischer Repression:
"In einem legalen Rahmen war es unmöglich, sich außerhalb der Strukturen der Nationalen Befreiungsfroint und ihrer 'Massenorganisationen' zu organisieren. (...) Die Opposition war in den ersten Jahren der Unabhängigkeit eliminiert worden, und die Gesellschaft wurde durch ein omnipräsentes Polizeisystem kontrolliert. Die Leute hatten Angst, und niemand kritisierte das Regime oder die Einheitspartei öffentlich."
Die unterschiedlichen Gruppen der demokratischen Opposition hatten keine Möglichkeit, Einfluß zu nehmen:
"Aber wie sollten wir uns an die Gesellschaft richten, wenn es doch gerade keine Versammlungsfreiheit gab und wir jederzeit riskierten, verhaftet und ins Gefängnis geworfen zu werden, ohne daß überhaupt jemand davon erfuhr, weil wir ja offiziell nicht existierten! (...) Die Islamisten hatten die Moscheen und profitierten von der Unantastbarkeit dieses heiligen Ortes, um Politik zu machen. Auch wenn die politisch aktiven Islamisten zum Schweigen gebracht wurden, gingen die Leute weiterhin in die Moschee, die sich langsam zu einem Ort politischer Diskussion entwickelte, weil ja eben kein anderer zur Verfügung stand."
Während des politischen Öffnungsprozesses, der 1988 nach einem von der Staatsmacht brutal niedergeschlagenen Volksaufstand begann, waren es Vertreter der FIS, die am ehesten zu Gesprächen mit der Regierung geladen wurden. Einerseits versuchte ein Flügel der damals herrschenden FLN, die Islamisten einzubinden - wenn schon Opposition, dann natürlich die am wenigsten demokratische. Andererseits sind die Islanmisten auch nützlich, um sich gegen sie als einzige Retter der Republik darstellen zu können:
"Wir wußten, daß der Demokratisierungsprozeß auf wackligen Füßen stand, daß das Regime daran arbeitete, zwei Pole, sich selbst und die FIS, entstehen zu lassen, um an den Urnen als einzige Lösung zu erscheinen."
Das ist ziemlich genau das Muster der üblichen bürgerlichen Katastrophenpolitik, die uns auch die liberalen Freunde der Ausrottungspolitik schmackhaft machen wollen, und die zielstrebig alle Bedingungen für ein Gemetzel zusammensammelt, sich dann sehr wundert, wenn es ausbricht und zu seiner Beendigung kein anderes Mittel weiß, als nach der Armee zu rufen. Die Demokratie wird so lange verteidigt, bis von allen demokratischen Institutionen nur noch Trümmer übrig sind; und von der Realität eines Staatsstreiches will man schon gar nichts mehr wissen. Sabine Kebir redet in dem erwähnten Beitrag in den Blättern für deutsche und internationale Politik davon, daß wohl auch Folterungen vorkommen. Es empfiehlt sich, die entsprechenden Passagen bei Louisa Hanoune nachzulesen (die eine Verhaftung möglicherweise nur deshalb lebend überstanden hat, weil es ihr gelang, rechtzeitig einigen Wirbel darum zu machen), wenn man wissen will, wie das aussieht, wenn zur Rettung von Freiheit und Demokratie auch mal andere Saiten aufgezogen werden.
Eine Perspektive haben die Erodicateurs nicht anzubieten, wie sollten sie auch. Daß der politische Islam existiert, so übel er ist, hat schließlich Gründe; und es käme darauf an, diese zu beseitigen, statt seinerseits möglichst viele Islamisten, Mörder und andere, zu ermorden. Aber die Zuflucht zu der These, nur die Armee könne die Demokratie retten - die Bankrotterklärung der algerischen wie der europäischen Liberalen - zeigt recht klar, wieviel demokratische Substanz in diesem Erodicateurspektrum noch übrig ist und welche Mittel man notfalls auch anderswo als in Algerien zu unterstützen bereit wäre. Denn zu dieser Armeedemokratie paßt es nur allzu gut, die europäischen Außengrenzen dichtzumachen und in Europa selber den Polizeistaat aufzurüsten.
In welche Richtung sich eine Politik zu bewegen hätte, die die Ursachen von Katastrophen wie der algerischen beseitigt, darüber liefert Louisa Hanounes Buch wertvolle Aufschlüsse, und deshalb sei es am Schluß noch einmal empfohlen:
Louisa Hanoune / Ghania Mouffok:
Terroristen fallen nicht vom Himmel.
Zur aktuellen Situation in Algerien
Herausgegeben von Annegret Mathari; aus dem Französischen übersetzt von Bettian Müller-Renzoni.
Erschienen im Züricher Rotpunktverlag; 320 Seiten, 36 DM.