Militär und Produktion von Gehorsam

Vortrag von Ulrich Bröckling bei der DFG/VK Marburg am 17.2.1998  (1) 

I.

Soldaten nehmen auf Befehl hin Handlungen vor, die allen übrigen Gesellschaftsmitgliedern schwerste Bestrafung einbringen würden. Ihre Tätigkeit bleibt, so sehr im Zeitalter technisierter Kriegführung die konkreten Verrichtungen auch industrieller Arbeit gleichen mögen, Kampf auf Leben und Tod oder Vorbereitung darauf. Hier liegt der Grund für die Rigidität militärischer Gehorsamsanforderungen: Um als effektives Instrument politischer Souveränität fungieren zu können, müssen Armeen jeden Soldaten dazu bringen, die Staatsräson höher zu stellen als die eigene und sein Leben zugunsten des militärischen Gesamtzwecks aufs Spiel zu setzen. Mehr noch als Kloster, Schule, Fabrik oder Gefängnis erweist sich das Militär daher als ein Labor sozialer Disziplinierung.

Abrichtung zum Soldaten bedeutet nicht nur Erzeugung von Todes- und Tötungsbereitschaft, sondern ebenso ihre Kontrolle. Nicht weniger schwierig, als das individuelle Gewaltpotential zu entfesseln, ist, es unter ein Kommando zu stellen. Auf den einzelnen Soldaten ist ein Höchstmaß an Reglementierungstechniken gerichtet, und Abweichungen werden härter geahndet als anderswo. Für die geforderten Unterwerfungsleistungen bietet das Militär einen Ausgleich. Dem Befehl "Du sollst!" ist eine Lizenz "Du darfst!" beigegeben. (2) Soldaten ist nicht nur viel mehr verboten als anderen Menschen, ihnen ist - zumindest im Krieg - auch viel mehr erlaubt. Die Armee ist nicht nur "Schule der Nation", die mit den gehorsamen Soldaten zugleich zuverlässige Arbeiter und loyale Bürger produziert, sie ist ebenso das "ganz Andere" von Familie, Werkstatt oder Büro und bezieht nicht zuletzt daraus ihre Anziehungskraft. Der Militärdienst beschneid